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Der Israelit · 1927-04-28 · Heft 17 (28.4.1927) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 17 (28.4.1927)
Date
1927-04-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Der Israelit kr. >7 1927 Pessach-Ermnerungen. Von Pros. Dr. Isaak Warkon in Merlin. Pessach zieht ins Land ... Das große Fest der Freiheit. Doch mit diesem großen Feste ver Dcftciung Israels von jahrhundertelanger Knechtschaft, mit dieser freudigsten, feierlichsten Stimmung verbinden sich zweitausendjährige Erinnerungen an Schrecken, Angst und Zittern, die so oft beim Herannahen dieser Freudentage unsere Väter ergriffen haben, nmin i»r- Wie ein drohendes jmmmiß MM" tlan§ mjorm Mtern müm diesem Jubelworte ein anderes Wort der Pestarh- Haggada: whib irVsr ono^ ivn in *?aa- Diese beiden Leitmotive zogen abwechselnd durch-ihr Gemüt, doch das Herz des Dulders Israel, *?NiEn aao fand Trost in der Verheißung 1112 wnpn, ÖTO xin- Lasset uns das düstere Mittelalter mit seinen Kreuzzügen, den Anklagen der Hexerei, Ärunnem Vergiftung und dergl. übergehen. Schon nahte eine neue Zeit für Europa: die Zeit der Renaissance. Schon wollte es scheinen, als käme das Ende der jüdischen Rot. Roch nein, sie mehrte sich. Lasset uns dessen nicht gedenken. Wir ver^' to eifert nicht gern fcexm UTrt&erilert cm Qeüeii llll^ Mißhandlungen — es gibt deren noch heute genug — wir suchen Stärke in den wenigen schönen Erinnerungen, die gleichsam als Oasen in der Wüste erscheinen, als Lichtpunkte im unendlichen Ozean. Nachdem die Juden aus Spanien und Portugal vertrieben worden waren, blieben dort "tronK" sogenannte Marranen. Das Wort „marrano" bedeutet auf spanisch „verflucht", „gottlos", „vertrieben", auch „Schwein". Wieviel die Marranen erdulden mußten, wieviel If^r im ßAüju üUUit Äahchll»dsi>tL im Kerker, bei der Tortur zugrunde gingen, ist zur Genüge . bekannt. Eine Tatsache ist dabei bemerkenswert. Bei der Einführung der Inquisition haben die heiligen Väter" Dna’o festgesetzt, nach denen ein "Rückfall eines Marranen ins Judentum erkennbar war. Diese ono'0 waren sehr viele, viel mehr, als die -mwn» her Juden, die nur 'tflvei zählen, Sm gangen werden bleft in;37 Artikeln festgesetzt. So werden die Marranen des Rückfalls in das Judentum verdächtigt, wenn sie den Sabbat halten, an diesem Tage ein reines Hemd und bessere Kleider anlegen, den Tisch mit einer reinen Decke bedecken, kein Feuer anzünden, am Freitag zubereitete Speise essen; mm Tie am tü bt snsttllj w?nn sis bie ^tt vsllzishsn; msnn sie das Fletsch salzen unv einweichen; wenn sie beim Brotbacken nbn nehmen; wenn sie beim Schlachten des Geflügels ein Gebet sprechen und auf das Blut Erde schütten; wenn sie zu Peßach .irr» und bittere Kräuter essen usw. Doch in Bezug auf die jüdischen tjaben die Inquisitoren Unwissenheit an den Tag gelegt, und ihre Anschläge wurden vereitelt. Mit dem gleichen blinden Eifer wie jener christliche Zensor, der beauftragt war, in allen jüdischen Handschriften die Worte naa »tu durch zu ersetzen, damit die Juden nicht auf den Gedanken kämen, diese Werte auf die Christen zu beziehen, und der infolgedessen die Bibelstelle cllkW vermerkten auch Die Inquisitoren das Datum der jüdischen Feste in dem Jahre, als die Inquisition eingeführt wurde; wenn Pessach beispielsweise auf den 30. März fiel, lauerten sie auch in den nachfolgenden Jahren darauf, ob die Marranen nicht am 29.. und 30. März o*>i*io richteten; sie pflegten mrmarm llMlM anprönoi moDti m W dann herausstellte, daß die Marranen ruhig fan und nicht nxo aßen. Den Inquisitoren fiel es dabei nicht ein, daß Peßach wie auch die anderen jüdischen Feste mit dem christlichen Kalender nicht übereinstimmen, und daßes bald auf den 30. 3Jlärg, bald aus Ansang, Mitte oder Ende April fallen rann. Doch dieses konnte selbstverständlich nicht allzulange dauern, die Inquisitoren kamen bald hinter dieses Rätsel und von dem Tage ab wüteten sie mit vermehrtem Eifer. Eine Episode aus dem 17. Jahrhundert . Zwischen 1675 u 1725 l^bte in Wilna dsr berannte Arzt Nb. Aaron Gorlion. Sa gu jener Zeit die Hochschulen Polens und Litauens ihre Tore den Juden verschlossen hielten, zog Gordon um die Hälfte des 17. Jahrhunderts nach Padua, um dort Medizin zu studieren; nach seiner Rückkehr wurde er zum Leibarzt des Königs von Polen. ernannt, der seinen Nachkommen Steuererlaß uud das Vorrec^t^ außerhalb des Judenoiertels zu wahnen, gewährte. Während der -Rückkehr Gordons aus Padua erlitt er Schiffbruch in der Nähe der spanischen Küste und betrat so völlig mittellos den spanischen Boden, was den Juden bei Todesstrafe verboten war. Da niemand um seinen Glauben wußte, konnte er in einer spanischen Stadt ruhig einige Tage verleben. Doch ingwischen nahte das Psfsachfest. Wo sollte er es verbringen'? In seiner Not siel ihm ein, daß es in Spanien mow Marranen gab. Doch wie waren sie zu finden? Mußten sie doch Peßach im Geheimen feiern, sonst drohte ihnen, der Scheiterhaufen. Gordon beschloß, auf <^^INÜ^rnarkt gu ^ehen und darauf gu ac^ten^ ob nicht jemand bittere Kräuter, wie ste beim no verwendet werden, kaufe. Da kam ein prunkvoller Wagen heran, eine Dame entstieg ihm und befahl ihrem Diener, Kräuter zu kaufen und fuhr bald darauf von dannen. Kurz entschlossen folgte Gordon dem Wagen, der vor 4 hUlt, Cr wllM »SN vielen Dienern empfangen und ließ sich beim Haushern anmelden. Als er vor diesem stand, sprach er: „Ich verrate dir mein Geheimnis und erwarte dasselbe von dir. Ich bin Jude und glaube, daß auch du einer bist. Heute ist der 1*70gestatte mir, an deiner Tafel zu speisen, um nicht Hungers sterben zu müssen." Der Hausherr fuhr Gordon hart an und versicherte, kein 3uDe ,m fein. Doch lLorllon schmor chm so mm sein Geheimnis niemandem gu verraten, bis der Hausherr gestand, daß er zu den Marranen gehöre und den Gast zum no bat. Nachts betraten sie einen unterirdischen Raum, in dem sich prunkvolle Gemächer befanden; dort wurde von Jahr zu Jahr das Peßachfest gefeiert; audj seht Ijavvie itjTer eine festlich gebetfie Tafel. Beim tto mar außer dem Hausherrn und seiner Gemahlin nur noch der älteste Sohn des Hauses zugegen, denn den jüngeren Kindern blieb das Geheimnis der Eltern noch verschlossen. Gordon verbrachte die ganze Pessachzeit und den darauffolgenden Monat in jenem Hause, worauf der Hausherr ihn rnit reichen Gaben versehen auf das Schiff brachte. Eine andere Episode, zweihundert Jahre später .. . Es war 1853 in Rußland, unter Nikolaus l. Drei Juden wurden in Saratow des Ritualmordes an zwei Kindern angeklagt. Falschzeugen meldeten sich. Endlos schleppte sich die Sache durch alle Instanzen bis zum Reichsrat. Jahre vergingen. Die Zeugen, des Meineids MrfMl, Tinö 0« Mttll Mllfkll worden. Doch die Juden blieben noch immer unter Verdacht. Schon war Nikolaus l. gestorben und Alexander 0. bestieg den Thron. Es wurde in Petersburg ein neuer Untersuchungsausschuß gebildet, der Belastungsstoff sammelte, oder vielmehr ISÄI Silllf istämi 3» tiRJfJ!; •i733’«7 m rr nrrvn npia" snnn M'2 Da dünkte es die Untersuchungsrichter, endlich etwas gefunden zu haben. Sie fanden nämlich in Saratow eine alte zerrissene nos hv man ohne Titelblatt, worin ein badender Mann abgebildet war, und urn ihn herum Diener, die Kinder mor= Vrten wnb b«f in Va§ Iie^eü. Unter dem Bilde stand eine Erklärung, die jedoch keiner der Juden zu entziffern vermochte, obwohl sie in hebräischen Lettern gedruckt war. ' Bedurfte man noch weiterer Beweise? Daß die Juden die Aussage darüber verweigerten, war doch ein pnai» p’o dafür, daß hier ein Geheimnis voriaai Man Durfte sicher llnnMlklii Döst bas hetreffende Bild einen Juden darstellte, dev zu nos in christlichem Blut badete. Das wichtige Beweisstück, die alte man wurde nach Petersburg geschafft. Glücklicherweise befand sich untek den Mitgliedern des Untersuchungsausschusses Prof. Daniel Chwolson, der die Deutung zu dem Bilde liofortß. M Mchß li,ch W ffliQgnDgrma&ßn m klären: Im norn heißt es nämlich anso *|Vo non brrivn na maxi; hierzu besteht ein Viidaß r,»n nicht „gestorben", sondern „aussätzig geworden" bedeutet, und daß die Aerzte dem Pharao dagegen verordneten, in Kinderblut zu baden, wozu man jüdisch Kinder tötete. Das sei die Erklärung, b|j llnt?r ^?!Ti stand. Daß aber die Juden van (saraiam Diß Aufschrift nicht lösen kannten, war verständlich, da sie weder hebräisch noch jiddisch, sondern spaniolisch sprachen und lasen; die sefardifchen Juden sprechen bekanntlich einen spanischen Dialekt, den sie mit hebräischen Buchstaben schreiben, ähnlich dem Jüdisch-deut- Wn, WDWWrsWen, MWllMrWen UND Jüdisch-arabischen. War das nicht genug, um die Juden von Saratow endgültig zu befreien? Doch nicht. Die Sache kam vor den Reichsrat. Der Justizminister Samjatin versuchte, die Haltlosigkeit der Anklage zu beweisen. Dessen ungeachtet pflichteten nur fl w % \ NrichsratsmttglWVrr jrmtr Ansicht Vdj VW übrigen zweiundzwanzig waren für die Beurteilung; so wurden die drei unschuldigen Juden zu Zwangsarbeit verurteilt. Als Alexander H. das Urteil vom 30. Mai 1860 vorgelegt wurde, schrieb er neben die Darlegung der Meinung der Mehrheit: „auch meine Ansicht". Und dieser Kaiser war der beste seiner Dynastie, sozusagen der beste, der „humane ^fte^«pV?r grösste!II Die verurteilten Juden mußten sich noch lange quälen, bis es dem Eintreten von Cremieux aus Paris gelang, sie befreien zu lassen. Der Weltkrieg war im Gange. 1915 gründeten vier Männer einen Ausschuß, um die jüdischen Soldaten der russischen Front und Eta^^ie mit rrsa gu oerforgen. Die ^a^l dieser Sotbaten betrug gegen >eine halbe Million. Der Ausschuß bestand aus dem Petersburger Rabbiner R. David Tewel Katzenellenbogen, dem Petersburger Kronrabbiner Dr. M. A. Eisenstadt, dem Schreiber dieser Zeilen und dem verstorbenen S. M. Tramin. Wir begaben uns in die großen Gemeinden Nußlands: Wilna, Moskau, Riga, Iva Ortsausschüsse gegründet wurden. Einen großen Anteil an dieser Arbeit nahmen der Wilnaer Rabbiner R. Chajim Oser, der Wilnaer Kronrabbiner Rubinstein, der Lubawitscher Rabbi, R. Schalom Bär V'X7 und dessen Sohn, der jetzige Rabbi. Mit Gottes Hilfe ist es uns gelungen, zu erreichen, daß die jüdischen Soldaten selbst in den Schützengräben zu Peßach .irr» und Wurst erhielten.

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