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Der Israelit · 1927-04-14 · Heft 15 (14.4.1927) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 15 (14.4.1927)
Date
1927-04-14
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Goldene Worte. Franz Rosenzweig hat seine Uebersetzung Jehuda Halevi'scher erjreulidper QBelje bereife in neuer Auslage herausgegeöen (Berlin, Lambert Schneider) und die ursprüngliche Zahl von sechszig auf zweiundneunzig Hymnen und Gedichte vermehrt. Nicht minder wertvoll als die Uebersetzungen — denen nun doch endlich bei einer dritten Auslage die llkllilttimn ONgllllllk lwre angeschicbt werden sollten - Mw die Anmerkungen, die Rosenzweig im Anhänge hinzugesügt hat und die nach Form und Inhalt von Geist und Lebenssrische sprühen. Wir glauben uns den Dank unserer Leser zu verdienen, wenn wir im folgenden einige Proben geben: Das All. MLsSV ÜPHU2 LMÜlft MM 8lltz Bes Dem teronomiums (10, 17) und nimmt ihn, wie er Äasteht, zum strophenschließenden Vierzeiler. Der Satz fremdet den Menschen von heute an und der Hymnus, der aus ihm entwickelt ist, auch. Der Satz setzt nämlich die Wirklichkeit der Götter voraus, und es gilt heut allgemein als eine „Errungenschaft der religiösen Entwicklung", daß die Menschheit gelernt hat, daß es die Götter nicht jebe. Selbst der Atheist ^>slegt den „Btonotheismus" als eine eMwMlüngsmüM. notwendige Stufe auf dem Wege von vielen Göttern zu keinem Gott mit einem gewissen Wohlwollen zu beurteilen. Dieses Wohlwollen würde sich also der Dichter dieses Hymnus verbitten müssen. Für ihn sind die Götter wirklich, und Gott „nur" wirklicher. Und daß dies die Wahrheit ist, wird I uns heute verhüllt durch den Wahn, der „Monotheismus" sei eine Selbstverständlichkeit. Der ,sMvnkih?!smus" Sf? . an Wt» Einen nicht. Diesem Glauben widersetzt sich vielmehr die Erfahrung des Lebens, die uns alle Zwingen möchte, an vielerlei Mächte zu glauben. Die Namen wechseln, das Vielerlei bleibt. Kultur und Zivilisation, Volk und Staat, Nation und Nasse, Kunst und Wissenschaft, Wirtschaft und sicher nicht vollständige, Uebersicht des Pantheons von heute. Wer wird die Wirklichkeit dieser Mächte leugnen? Aber nie hat ein „Heide" seinen Göttern anders und gläubiger und opferbereiter gedient als wir Menschen von heute jenen. Und begegnet uns der Eine, so ist auch heute der , Kampf mit den Vielen unvermeidlich und sein > Ausgang, freilich nur soweit es uns anbetrifft, , Mg&ffiißi 85Bfftfr ©Btt — fß Mist B Mll 8kl Tülmud — die Götter, wollte er die Mächte, die sich der Mensch zu vergötzen in Versuchung kommt, ein für allemal vernichten -- er müßte nicht weniger vernichten als seine'Welt. Und es ist doch Seine Welt, von ihm kommend, zu ihm kehrend. Es ist Sein All. Und. so singt der Hymnus, der um jenen Satz gewoben ist, das All, Gottes Welt. Aber hier fremdet das Kind der Gegenwart abermals, und je gegenwärtiger es ist, um so mehr: denn es ist m vöchÄtttiMähtz jlmgöä — lisch sticht hundertfünfzig Jahre altes — Grunddogma der modernen Bildung und infolgedessen auch der modernen Religiosität, man dürfe Gott nicht, in der Natur suchen. An der Quelle dieses Vorurteils sitzt Kant mit seiner Widerlegung des „phyfikoteleologischen Gottesbeweises", durck) die der vorher auch den Begründern der modernen Rntutwissenschaft selbstverständliche Schritt von der Schöpfung zum Schöpfer mit einem Male verboten schien. Wahrhaftig nur schien; niemand hat das bester gewußt als Kant selbst, der Kant, der die Erzählung, wie er in einem insektenarmen Sommer Schwalben beobachtet habe, die chre Jungen selbst aus dem Nest stießen, mit dem Ausruf schloß: Da stand mein Verstand stille, da mar rttdpis habet iutt als f,trt^it|al£ert unb anguDeten. M halle Den „Beweis" gertritiTieren wollen, nicht das „Anbeten". Aber freilich, die Menschheit hätte sich dies Anbeten nicht so leicht ausreden lasten, wäre nicht eben in diesem jetzt verflossenen Jahrhundert die Welt selber dem Auge immer unsichtbarer geworden. Das ist vornehmlich die Schuld der doch erst durch die allgemeine Volksschule des letzten Jahrhunderts geschehenen dogmatischen Popularisierung ber Eopernstanisch-nenstonschen Theorie. An dem Lichtdunst'der Großstädte kann es nicht liegen, denn der Bauer ist genau so stumpf geworden. In diesem Punkt besteht das ganze Volk aus „Gebildeten". Man findet heute unter zehn Menschen höchstens einen, der weiß, daß auch die Sterne auf- und untergehen. Die neun andern antworten, wenn man sie fragt: Nur die Planeten. Der eine wird dann gewöhnlich auch sHwriMüZ. Es war der ungeheure Vorzug des ptolemäischen Systems vor dem kopernikanischen — den wir heut, wo sie ja beide nicht mehr wahr sind, ruhig anerkennen dürften —, daß in ihm der Verstand der Verständigen wenigstens in seinen ersten Schritten mit der. Anschauung des stnblichen Jemals einträchtig gusammenging. So verschlug er diesem nicht den Mut, sich nun wirklich umzuschauen und das auch zu sehen, was man „wußte". Da sah man, glaubte man zu sehen die ineinander und gleichzeitig übereinander angeordneten Sphärenkreise, in denen sich die sieben Planeten, die Sonne und der Mond als der niederste, erdnachste mit eingerechnet, um die im tiefsten Punkte dieses Sphärentrichters MMllMBr MBr IMMUN, Bis Dinaus Zu Der äußersten Kugelschale des täglich einmal seine Drehung vollendenden Fixsternhimmels; was jenseits war, war Jenseits. Da folgte man noch mit den Augen der Bewegung der einzelnen Planeten durch die zwölf Häuser des Tierkreises. Da hatte man noch das gute Gewissen, daß Unten wirklich Unten war und Oben Oben, das, ebenfalls, wie wir heute wissen: zu Unrecht, Kopernikus — der „Narr" nach Luthers ahnungslosem und doch ahnungsvollem Ausspruch — der Menschheit ttähMj „Gö Mätt steht, ist immek Mtstt", beantwortete ein kleines Kind die Frage seiner Schwester, warum denn die Antipoden nicht herunterfielen. Und weil man es wußte, so konnte man in dsm, was immer unten, und in dem, was immer oben, und in dem, was immer zwischen unten und oben roar, die Elements aller Dinge — «n?der nicht bloß wissen, sondern sehen, Wo dann das sehende Wissen aufhörte, da schaltete man auch damals vor der letzten Ursache ein System von Zwischengewalten ein, genau wie jetzt an der Grenze unseres errechnten Wissens. Die Engel des mittelülterlichen Aristotelismus und die Grundbegriffe der modernen Physik entsprechen sich aufs genaueste, indem hier wie dort alle Welt daran glaubt und die Laien sich meist ntet^fe^ die Kenner rrtetj'i Unsinn darunter oorstellen. Denn Die geistige NeDliDMl, Die es üDer sich bringt, das wirklich Erfahrene rein auszusprechen und nicht mit jenen Erkenntnissen, die dem Erfahrenden unmittelbar in der Erfahrung aufgehen, mythologisch fortzuwuchern, ist immer gleich selten gewesen. In der Engellehre etwa des Talmud sind echte und große Erfahrungen über das Wirken Gottes niedergelegt, aber sie sind immer allzuleicht erstickt worden von den AussMeisnngen eines erfatjrunQßlDö siBantllslWM Verstandes, wie die echten und großen Erkenntnisse der Wissenschaft durch die Ausschweifungen einer erfahrungsfremden, verstandesbesessenen Phantasie. ■< Erne Gefahr liegt freilich in dem Lob Gottes aus der Natur, und diese Gefahr züngelt auch in diesen Hymnus herein, in die letzten Vierzeiler der dritten Strophe. Sie besteht in der Versulstnng, llrnMos von Ber Mn? — nilstt zmn Menschen, das wäre erlaubt, aber; — zu uns selbst überzugehn und den Ernst des eigenen Schicksals mit einem allzu billig, nämlich nicht mit dem eignen Leibe, erkauften Halleluja zu übertönen. Gegen diese Gefahr bleiben die Hiobs und die Iwan Karamasoffs, die an Gott glauben, aller seine Welt nicht nnerfennen, Bos ewig notwendige Gegengift. Aber Jehuda Halevk bedarf dieser Kur nicht. Er ist Jude und deshalb nicht in Gefahr, voreilig Halleluja zu singen. Die gewaltigen Mittel-Vierzeiler der Schlußstrophe, die auf den ersten Blick den Zusammenhang unterbrechen und den schon erreichten Engelschluß noch einmal hinausschieben, um ihn dann freilich in unerhörter Konzentration wiener nnfönneBim Ballen Bier ihren tiefsten Daseinsgrund. So kühn, so hart, so keidensstolz und so rechtsbewußt wie hier spricht det Dichter kaum sonst in den Gedichten, die eigens diesem Thema gewidmet sind. Es ist diese unübertönbare Leidensbewußtheit allein, die ihm das Recht gibt, Gottes Welt anzuerkennen. Dennoch.

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