Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1927)
- Date
- 1927-04-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2446951-2450442-2450456--73959-2531400- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
AMVli-IMM Feuilleton Der Israelit ßr.M »27 ilapslesy ««s -es Pächters Töchterlein. <Aus Leo Gefchrchken, die rrmn sich im jüdischen Rußland von Rapoleou erzählt.) (Fortsetzung.) Nach dem ersten Schrecken kamen die Leute in der Kretschme langsam wieder zu sich. Mit 2>er 22crlr>£mrtg ractx es syoxex^t atüf>te- Dis Gäsie vom NuchüLidoM MrLn heim und nahmm den Sohn mit. Er chatte die ihm Zugedachte Vraut nicht einmol zu Gesicht Lekommen. Channa war die einzige die klaren Kopf behielt. Wie sie von der Gefangennahme des Vaters erfuhr, woran nur ihr Verhalten schuld fein konnte, beschloß sie ohne Langes Heb erlegen, sich auf Len Weg zu machen, um Len Vater zu MUmn Bl? MNW TDrc 0HM aut mamcnj und kostete es das Leben. Lange Wochen wanderte sie von Ort zu Ort, die Spuren des französischen Hauptqartiers verfolgend. So kam sie nach langer Wanderschaft müde und abgehärmt, in Smolensk an,, wo Napoleon, wie sie erfuhr,.Sitz genommen hatte. Hier machte sie Halt. Aber im Ouartier des Kaisers wurde sie nicht angehört. Man hatte Dort WWW 311 tun. ialß sich lim ein U1MMM8 Mädchen zu kümmern. In Wahrheit faß Selig Ar-endcrr im Gefängnisse zu Smolensk. Schon feit Wochen schmachtete er hier in den Kasematten,, abgeschlossen oon der Welt und dem Leben, abgezehrt durch Kälte und Hunger, ohne zu wissen, warum und wie lange. Seine Wächter blieben -auf all seine Bitten und Fragen taub und stumm. Man hatte ihnen gesagt, daß es sich um einen gefährlichen Arrestanten, einen Verräter, einen Staatsverbrecher handelte, einen Mann, an dessen Bestrafung der Kaiser selbst Interesse habe, und so wagte es keiner, ein Wort mit ihm zu wechseln. Aber eines Tages, es herrschte grimmige, brennende Kälte, öffneten sich ganz unvermittelt bU ei\mm *Lm bu CssrttZttiss^ Md bin mm Pächter wurde mit vielen anderen in die Freiheit Entlassen. Man sagte ihm über den Grund der Befreiung so wenig, wie damals, wessen man ihn beschuldigte. Erst in den Menschen ungefüllten Straßen der Stadt erfuhr Selig die Umwälzung, die inzwischen eingetreten war. Napoleon war ge- W!M?U, s?wk fjms in Flucht/ jnn? fcßfreit. Cs gab noch einen großen Gott, der die menschliche Macht bricht, wenn sie zur Unterdrückung der Schwachen mißbraucht wird! Das war der erste Gedanke Seligs, der zweite betraf das Schicksal der Seinen, besonders seiner geliebten Tochter, von der er wußte, daß sie ihn suchte. Er erfuhr es aus dem Munde der Leute, daß ein Mädchen nach ihm fragte, ihn suchte, und nach der Schilderung konnte es nur seine Channa gewesen sein. Ob sie noch in der Stadt roarP öi srs am bo&j irr bie £jartb bei? Franzosen gekommen mar? Keiner konnte es bei der Unruhe und allgemeinen Erregung sagen. Wo sollte er sie suchen? Vielleicht war sie wieder heimgekehrt. Auch, sein sehnlichster Wunsch war es, so rasch wie möglich zu Weib und Kind nach Hause zu kommen. Aber bei biefen grimmigen SrBffceh, mie sie Rußland seit MrnschrngTdrMrn Nicht Hrlrtzt sisÄtH fast alle? Verkehr. Die Maßen waren schlecht und unsicher. Und der Weg von Smolensk nach Wilna war weit. Man riet ihm, in Smolensk über Winter zu bleiben. Aber davon wollte Selig nichts wissen, und so machte er sich, allen Gefahren trotzend, 'auf den Weg nach Hause. Wo er keinen Wagen |anbj rootfire er lange Strecken gu ^u^ twanbern. Just zur Zeit, da sich der große Kaiser wie ein Bettler mit dem Wanderstabe in der Hand in sein Heimatland zurücktastete, war auch sein jüdischer Gefangene aus anderen Straßen, aber unter ähnlichen Verhältnissen unterwegs nach Hause. Freilich war letzterer vom Hochgefühl der Befreiung getragen, während Napoleon, aus allen Himmeln gefallen, von tausend Gefahren umringt, einer unbestimmten Zukunft entgegentuuuMlg. Sellg nahm alle Kräfte gafammen, marschierte mit gefrorenen, wunden Füßen aus vereisten Landwegen und durch Schneefelder und war froh, wenn er nachts in einer Bauernhütte für das müde Haupt Obdach fand. Lange aber reichten die Kräfte für diese ungewohnten Anstrengungen nicht aus. Eines Tages, er hatte noch nicht ein Drittel des Weges zurückgelegt klspstz iv Mi mm jüdischsn PäHisp in sinsm kleinen Dorfe an, bekam Einlaß und brach, kaum hatte er die warme Stube betreten, zusammen Die Kräfte hatten ihn verlassen und die Füße wollten ihn nicht weiter tragen. Nach über standener schwerer Krankheit mußte er in diesem gastlichen Hause noch eine Zeit lang bleiben, um neue Kräfte zu sammeln. Channa war beim Abzug der Franzosen in PßF llUgßMMM ffiFFßQUUQ UM Dߥ 8tlM Qßs drängt morden, und als die Lage etwas ruhiger wurde, machte sie sich ebenfalls auf den Weg Sie hatte bereits alle Hoffnungen aufgegeben, den Vater zu finden. In der Gegend von Smolensk war von den Franzosen nichts mehr zu sehen. Man sagte, sie hätten bei der Flucht die Gefangenen mit sich fortgeschleppt. Andere n?u^?n mtWrcr« 8trr wm feljfif Spur. In dieser Gegend war ihres Bleibens nicht. Die Gefahren der Wanderung um diese kritische Zeit der Kälte und Unsicherheit für ein junges unerfahrenes jüdisches Mädchen konnte sie wohl ahnen. Dessen ungeachtet trat sie den Heimweg an, in der Hoffnung, das Ziel zu erreichen und den Vater, vielleicht in Frieden und Freiheit zu •£part|e angutrefferi. Stngj’t - um 3Jiutter und GefHmisier plagte sie und beWwmUe ihre Schritte. So wanderte sie eine Zeitlang von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf. Bis eines Tages auch ihre Kraft zu Ende war und sie in einer Dorfhütte liegen blieb, ohne zu ahnen, daß der gesuchte Vater sich in ähnlicher Lage unweit von ihrem Aufenthaltsorte befand. Der Winter im Jahre 1812 war so schrecklich, wie ihu Meuscheu vomr unü uWkm raum n erlebt haben, .SfJ/on zu Anfang Oktober jetzte seine grimmige Herrschaft ein und noch im April hielt sie an. An einem dieser kritischen Tage, an denen alle Wege vereist und verstopft waren, trat ein Jude aus einem nahen Orte in die Kretschme ein, in der Selig seiner Wiedergenesung entgegensah. Der Mann schnaufte, rieb sich die Hände warm, schüttelte den Schnee oon Hut und Rock und setzte sich zu den um den langen Wirtstisch sitzenden Fuhrleuten und Händlern, die bei der 9}erfe^rs|ioJimg hier jieJen gellte h xetoerTx toaren. Beim dampfenden Samowar erzählten sich die Leute allerlei Schauergeschichten. Der Fremde aber erzählte von einem Mädchen, das auf der Suche nach dem von den Franzosen unter ganz traurigen Umständen verschleppten Vater im nahen Dorfe liegen geblieben sei. Selig erfcf/auerie, unb seine Ahnung, baß es seine Tochter siin könn«, vsrdichtLttz sich M Te«Weü, «ls dkl Fremde ihm Art und Aussehen des Mädchens genau ieftfjneL Nun taüc er feine [Rute mslM Kaum hatte das wilde Schneegestöber etwas nachgelassen, schnürte er sein Ränzchen und machte sich, ohne Rücksicht auf seinen schwachen Zustand, auf den Weg nach dem bezeichneten Dorfe. Inzwischen aber machte sich auch Channa. nachdem sie sich ein wenig erholt hatte, wieder ans die Wanderung. So kam es, daß mitten auf dem Wege Vater und Tochter sich trafen und sich in die Arme fielen. Dies Zusammentreffen war fast so wundersam wie die Wandlung der Dinge überhaupt. Ein großer Gott waltete im Großen wie im Kleinen. Viel hatten sie sich gegenseitig zu erzählen von den Erlebnissen, von den Leiden und Entbehrungen, die er im Gefängnis und sie auf vku MilkU UUsiDMU WkgkU krliltkU kisttk, Sie giliAeU jetzt Hättd itt Hättd, Vätsr Uttd Tochter, ruhten, wenn sie müde waren, in Herbergen und Vauernhütten aus und zogen weiter. Die Kälte ließ mählich nach, die Wege wurden gangbarer und die Menschen freier und zutraulicher. Die Flüsse warfen die harte Eisfläche ab, und man konnte hie und da schon mit Dampfer oder Bauernfuhren ein Wegestück fahren. Jüdiftfjß BrilDor tu WMßu unö Dörforn Dalfon mit etwas (&elb unb Reisegehrung aus. Immer näher wußten sie sich ihrem Ziele. Aber unweit von Wilna trat der Rückschlag in der Witterung ein, als wollte der Winter sich noch einmal vor dem Abschiede richtig austoben. Kalte Winde bliesen und heftige Schneestürme raubten den Ziehenden den Atem. Selig und seine Tochter mußten den Marsch unterbrechen uuu m SIMM Dorfe. MW (smnDßri non Mna eniferni, Schutz suchen unter dem Dache eines Bauernhauses. Im kleinen Dörfchen war kein einziger Jude ansässig. (Schluß folgt.) Karl Emil Franzos als Dsrlsumöer üs LhsssMiuus. 3n den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zog der aus Podolien stammende deutsche Schriftsteller Karl Emil Franzos aus, um „Halb-Asien", das war für ihn in erster Reihe der polnische Jude, der europäischen Kultur zu erobern. Er glaubte dies am ehesten zu erreichen, indem er die Kulturzustände Polens und Südrußlands recht grell beleuchtete und zersetzend kritisierte, um die Augen aller Welt auf die unhaltbaren Kulturzustände dieser Ländereien zu lenken. Wie alle, die keinen inneren Zusammenhang mit dem Judentum hatten, konnte of Füf öfls östlM ZMrtttlW uh* säe *4« (EMiAtjmuj fein Verständnis ansbringen. S>tes wäre aber für UNS, zumal diese sonderbaren Kulturschilderuingen vor 50 Jahren geschrieben wurden und der Verfasser seit zwei Jahrzehnten nicht mehr unter den Lebenden weilt, von nebenächiicher Bedeutung. Nun aber sind diese Kulturschilderungen soeben in einer der angesehensten deutschen Verlagsanstalten in neuer Auflage erschienen und werden einem Teil unserer Generation ein Bild vom östlichen Judentum vermitteln und da :st drsss nrcht mei>r fo fjarmlos, als einen mo Jple. Stertrt en oon merkwürdigen Hefchlchtsklktterungen, die Kurl <$mil Franzos hier zum besten gibt, geht der Verfasser so weit, den Chassidismus und seine Lehrer als eine Mörderhöhle und Geldfälscherwerkstätte im wahrsten Sinne des Wortes hmzustellen und bietet mit seinem Werk geradezu ein Arsenal vergifteter Pfeile, aus dem jeder Antisemit seine Waffe holen kann, um sie gegen das Judentum zu schleudern. Darum möchte ich an einem frappanten Beispiel die Verleumdungen Franzos' festhalten, um daran zu ermes- 'en, welchen Wert seine Schilderungen vom östlichen Judentum haben kann. Im „Ahnherr des Messias"*) erzählt Franzos die MWljUNMkMgM M MMNtkll NNM MM 0« mann in eatogora imü tajraM m n. a. Die MMM Frisdmann stammt aus Velz in Nusfisch-Polsn. Der Großvater des gegenwärtigen Hauptes, R>eb Srulze, wanderte nach Sadagora ein und begründete da sein Reich. Dieser Wechsel des Domizils war kein freiwilliger. Der Rabbi ein finsterer, fanatischer Schwärmer, hatte in Belz eine furchtbare Tat begangen. Auf sein Geheiß war *) H a l b - A s i e n. Kulturschilderungen aus Galil\m, Sufomina, Rumänin unD fsüDnißfanö. Don Karl Emil FvsnzsL. II. TM. CsttsschL MkissMuHtzLMunZ. StuUgart. 1927.