Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1927)
- Date
- 1927-03-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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2HÜ Mapoteon und des Pächters Töchkerlew. (Aus den Geschichten, die man sich im jüdischen Rußland von Napoleon erzählt.) In einem Dörfchen unweit von Wilna lebte seit Generationen eine kleine Mische Familie, die auf Lern Besitze des Gutsherrn die Kretfchme (Gasthof und Ausschank) in Pacht hatte. Es war schM TraMlion. baß üaZ Väter-auf Sohn überging, ft lange Jayrzeyme. Der Jude zahlte pünktlich Las Pachtgelddie Familie hatte einen guten Broterwerb und erfreute sich großer Beliebtheit in -der ganzen Umgegend." Um die Zeit, da unsere Geschichte spielt, hieß WHttv ML Der WÜWfllMM ZkUD SifiS Arender, wie man ihn aügemein nannte) ÄN vierschrötiger, großgewachsener und breitschultriger Mann im Alter von einigen und vierzig Jahren. Acht Kinder, drei Söhne und fünf Töchter hatten in der Kretfchme das Licht der Welt erblickt. . Die älteren Kinder, zwei Sohne und eine Tochter, waren bereits verheiratet nnd hatten selber Familien. Die anderen halfen in ^aws utxb ^elb tbacfer mit. 55te kleinsten lernten noch Döi dem Melamed, den Ausbildung seiner Kinder ins Haus genommen. hatte. Channa, die zweitältefte Tochter, war ein ungewöhnlich schönes Mädchen von achtzehn Jahren, das bereits die Aufmerksamkeit mcuuher Äünolinge erweckt hatte. Heiratsvermittler non IreßM sich gft m Ml Mßtftfjm DMtJl MD gut bewirten. Aber Selig beeilte sich nicht. Warum auch die Eile? Beine Lhanna war gut geraten, Ichön und klug und wohlvertraut mit allen Hausarbeiten. .Etwas lag auch im Kasten an Bargeld für sie bereit, abgesehen von der Wolle und dem Leinenzeug im Schranke. Channa war sine gute Partie, und man konnte warten, bis der rrchtißs Just heute waren wieder. Gaste ba, die Mit klaren Absichten.herkamen, linder Joels, ein! Pachter aus dem Machbardorf, und feine Frau, die Pächterin, kamen, um sich bie Braut anzur sehen. Sender, der Väter, war zwar seiner Herkunft Nach Selig nicht ganz ebenbürtig. Dafür aber war der Sohn, der als Bräutigam in Betracht kM,; von bester Art, ein junger Mann, yi ber ^tteirte« Sck-rr^t" ,gar nicht übel bswanllm war. Emi Mensch und ein Swtaj t«f wollte Selig immer schon für seine Tochter. Wenn nur die jungen Leute Gefallen cm einander finden! Um diese Zeit horte man viel unter den Juden Rußlands von Napoleon Bonaparte, der bereits feit mehreren Jahren die Welt auf den Kopf .stellte. 3m Jahre 1812 fiel ihm ein, Rußlang mit &{sg gn 'EZ wsv Wghl nicht das-erste Mal, daß sich Napoleons Heere mit denen des Zaren im Felde mäßen. Aber bis dahin war der Schauplatz der Kraftproben anderswo außerhalb Rüßlands, in Oesterreich oder in Preußen. Nun war Napoleon mit seinem gewaltigen Heere in Rußland, mitten in dem von Juden bewohnten Westgebiete des Landes. Drv pslllischs AM ilfrlpö M WM« jubelte dem Kaiser von Frankreich, auf den ev seine nationalen Hoffnungen setzte, zu und bot ihm offen die Hand zum Bunde. Die Juden, im Innern von einem Hoffnungsschimmer erleuchtet, daß die Erlösung aus dem zaristischen Drucke mit Napoleon herannahe, verhielten sich nach außen rssM8«,.mL Angst vor Dem ÄiMMssfn gang der Sache zunächst, dann aber, wöll sie die Treue zum Landesfürsten als religiöses Gebot ansahen. Napoleon hielt sich abwechselnd in Wilna und den umliegenden Schlössern auf, von wo aus er oft auf die Jagd ging. An dem Tage, da in ber Kretschrns dis Gäste vom Nachbardorfe zur Brautschau erschienen kSMK ÜUch Diß hohen französischen Militärs ins Dorf. Alle Dorfbewohner standen auf der Straße und sahen den fremden Uniformen neugierig nach. Nur vor der Kretfchme ließ sich keiner blicken. Vor dem Hause stand der große Planwagen, und der Fuhrmannsknecht fütterte ohne aufzublicken die Pferde, als wäre nichts geschehen. Die Gleichgültigkeit in und' vor dem Haufe fiel Napoleon auf und kr seinen Adjutanten im Zeltwagen vachsehen. Drinnen faß der junge Mann vom Nachbardorfe, eines Zeichens harrend, daß nun die Aussprache unter den Vätern und Müttern im Haust soweit gediehen sei, daß er selbst ins Haus steigen und bie j^tr ihn Aussrrvähltö sehen durfte. Nun mußte er schon früher aöstk!gkU' jMußtl sich zuerst. Hatte doch die energische Mutter streng anbefohlen, daß er versteckt im Wagen bleibe, für den Fall, Laß sie umdrehten und unverrichteter Sache Kehrt machten. Aber nun machte der General ein grimmiges Gesicht und fein Wort, das der Jüngling nicht verstand, klang so streng, daß es keine Widerrede gab. Er stieg aus. Wty&Um Mst fraglö Mi eiJWiDtfmii Jüngling aus, was hier los sei und rvärUM Sv versteckt im Wagen liege. Zögernd und stotternd rückte er langsam mit der Sprache heraus und erzählte den ganzen Sachverhalt. Napoleon und fein Anhang brachen in helles Lachen aus. Es amüsierte sie, wie man in diesem Lande Ehen abjcf^tojg. Um nunaber den Spatz ganz auszukostsn, beschlossen sie, INS Aaus gu gefjtn nnö sich selber die keusche Braut anzusehen. In der guten Stube Kretschmers faßen im behaglichen Gespräch der Hausherr Selig mit seiner Rochel Lea, Sender Joels, der Nachbarpächter und feine wackere Pächterm, sodann Channa und ein älterer Jude aus der Stadt mst umjtmdn i&mpm MM/ w S-hadichett. Sie waren im schönsten Gespräche. Die Sache schien vorwärts zu rücken, zur größten Freude des Schadchen, der daraufhin bereits das vierte Gläschen hinuntergleiten ließ. Schon glaubte er die Zeit gekommen, mit Genehmigung der Pächterm, die hier das erste Wort führte, den Bräutigam aus dem Versteck im Planwagen zu holen. Da ging rasch die Türe auf. und herein traten M? s^ngLsisch^i. fmrmvi, UM? Mmn Die ßim fachen Leute ganz tnstinMv den Kaiser ber Franzosen sofort herausfanden. Alle standen sie starr vor Erstaunen auf. Aber auch Napoleon war nicht wenig überrascht, als er das Mädchen sah. Sie war schön, die Pächterstochter, von einer anderen Schönheit/ als er sie anderswo sah. Aber gerade die ßiflenan M30 m Wischen Münchens ftMttn ihn wie mst geheimem Zauber. Channa, die die Augen des großen Mannes auf sich gerichtet fühlte, stand erschrocken da und wandte das Gesicht ab. Dann lief sie aus dem Zimmer, als galt es, einer Gefahr zu entrinnen. Das brachte die Männer und Frauen im Zimmer in noch größere Verlegenheit, daß sie kein Wort MSM, Nspslssn schien die kopflose Erregung der Leute sehr zu amüsieren, zugleich aber ärgerte ihn das plötzliche Verschwinden des Mädchens. Eine Weile sah er sich die Situation in dem aufgescheuchten Judenneste an, dann, fragte er barsch: „Wer ist der Water der Braut?" „Ich, Herr un^ Rvn!g," ClÖ. Hauptes und bebend Antwort. „Gut", sagte Napoleon in seiner raschen und entschiedenen Art, „Du bleibst mein Gefangenör, bis ich nach Wilna zurückkehre. Dann wollen wir sehen, ob mir Deine Tochter noch wie einem wilden Tiere aus dem Wege läuft." ODfDtt IÜÖV[ÜU sich Ö”ci Soldaten. auf den erschrockenen Selig, fesselten ihn und zogen ihn mit sich fort. Seine Frau Rochel Lea und ihre Gäste standen wie versteinert da. Auch der Jüngling trat jetzt ins Haus, ohne zu wissen, was er sagen und anfangen sollte. Napoleon ritt mit seinem Anhang schon weiter. Auf einem der Pferde saß gefesselt der arme WEM, N töarum er oerhastet mvte und wohin fein Weg sllync. (Fortsetzung folgt.) Eindrücke uon einst liitmisch?« Reise. Von R. E. Bolschko m Montreux. Als ich nach 18stündiger Reise um die Mitternacht in Kowno anlangte, wurde mir von der Empfangsdelegation mitgeteilt, daß gegenwärtig über Litauen der Kriegszustand verhängt sei. Diese Mitteilung machte auf mich keinen behaglichen! Eindruck; besitzt ja der Begriff Kriegszustand etwas er-! schreckend Unheimliches für das Ohr des Schweizers, der! selber im Kriege keinen Kriegszustand kannte. Jedoch! es, Tiefe mit ber Tertsechs abauftnben. Die herrschende i grotzk KäUk (ktren 20 Eelslus) rorrkle . besonders angenehm, dafür aber tuerettetm die Juden Kownos den ausländischen Gästen einen umso wärmeren und freundlicheren Empfang. Die westliche Delegation bildete für Litauen eine Eeni saüon, und war Gegenstand des Tagesgesprächs. Das! die Gäste beherbergende Hotel Versailles, ein übrigens durchaus modernes Etablissement, war den ganzen Tag I van Neugierigen umstellt. Jeder Jude Kownos sah es rnmm aiü mm all. m mm lmlilMliZ killmsl m sehen oder spreche zu hören. Je beim Ckslyöis nen im Konferenzsaal war die Delegation Gegenstand stürmischer Ovation, als ob wir Heilsboten wären, die die nah bevorstehende Erlösung verkündeten. Und hätten die Herren Delegierten Millionen zum Verteilen unter die Bevölkerung mitgebracht, man hätte ihnen keine größere Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit erweisen können. Westeuropa gilt in fittauen als bas irdische Paradies Vnh die als ^o^epuUHl hiS IßiMiMflS. Was die neugierigen Fragesteüer besonders interessierte, war, als ob es in der Schweiz auch Juden gäbe, von welchen Staatsangehörigen diese sich rekrutierten, ob auch Litauer unter ihnen wären, wovon die Juden der Schweiz sich eigentlich ernährten, da ja das Schachten in diesem. Lande verboten ist. Vor allem lag ihnen die . Frage nach dem materiellen und geistigen Wohl ihrer Glaubensbrüder im Schweizerlande am Herzen. Und soerkundigten sie sich denn auch, ob es wahr sei, daß alle Juden der Schweiz wirklich „Millionäre" wären, ob sie I>äiiert, ob sie Nabbonirn ober nur flftofe- Üiim" tjüttm, und diese Hadert crach 3 ll d e n und ob sie bas Lernen pflegten. Alle diese bunten Fragen konnten mit Leichtigkeit und zur Zufriedenheit der Fragesteller beantwortet werden, bis auf die letzte, die Frage nach der Pflege des Lernens in der Schweiz. Ein falsches Zeugnis wollte ich nicht ausstellen und die Wahrheit erzählen, war in diesem Falle peinlich . . , Ich habe lediglich durch ein mehrdeutiges Kopfschütteln geantwortet/ äus dem man ebenso auf bos Ja tnte auf bas Nein schließen konnte. Ans MM ßilium mußt auf M MuslänM alnm sehr guten Eindruck. Die zahlreichen ShiiLgügött sind den ganzen Tag hindurch mit Juden gefüllt, die teils dem Lernen, teils dem Beten obliegen. 93 Prozent der jüdischen Geschäfte sind am Sabbat geschlossen. Die neue litauische Landessprache ist den Juden noch nicht geläufig (da vorher Russisch gesprochen wurde), dagegen versteht die mchtjüdische Bevölkerung größtenteils das Jid- / disch. Der mchtjüdische Portier des Hotels unterrichtet den jüdischen Gast über alle Synagogen, über die „streng roförar llllü nm Bm kMklM Unt*r dsm CindkuS des CHlMbislyen, bas einem in Liinu-cn auf Schritt und Tritt in so starkem Maße begegnet, äußerte Dr. Carliebach in einer seiner Reden, daß in Litauen der jüdisckfe Kutscher mehr Wissen und Geist besitze als^ ein Berliner Unioersitätsprosessor. . . Und Schreiber dieses wagte unter dem überwältigenden Eindruck der erhabenen Jeschiwos und der Jüdifchkeit, die ihm über-