Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1927)
- Date
- 1927-03-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2446951-2450442-2450454--73923-2531362- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mir W27 Reb Zoel und seine Schüler. Dpn GY. Ion, -Lörvi. ' Es ist ein Städtchen von zehntausend Einwohnern, zum großen Teil jüdischer Bevölkerung. &m Hst mH rvinkM krumme, IMMMMM und auch stille, baumreiche Gassen mit zweistöckigen Häusern; holprige und verwachsene Gäßchen mit kleinen Giebelhäusern und zermürbten Fassaden, mit kleinen wackligen Häusern, die hin und her schwanken wie Betrunkene. Ein großer, viereckiger Markt bildet das Zentrum alles Lebens. In den Gaffen und im Markt haben Juden Krämerläden. Die Krämer sieht man oft mr um TMN MkNr Dm MMm ieber feiner Beschäftigung nach. Männsr und Frauen mit abgehärmten und abgesorgten Gesichtern schlendern auf dem Marktplatz hin und her. Wasserträger schleppen mühsam volle Kannen Wasser. Jüdische Lastträger tragen zentnerschwere Lasten auf ihren Rücken. Bettler segeln von Tür zu Tür, und Leierkasten pllgern und torkeln von M zu f)of: -Mutiwmn ttimM «nb geln sich aus den Cchürnststttön rvi>e weiße schlau« gen. Hinter dem Markt, in einer engen Gaffe, schaut ein zweistöckiges Haus hervor. Es steht schon seit vielen, vielen Jahren und erzählt jedem der vorbeikommt: Hier wird morgens und abends gebetet; hier wird Thora gelernt; hier verbringen Juden ihr Leben. In dissstn Hanfs, im Hofs, befindet sich die Radomstcr Alaus, sm Üf^i- ©eß}<£UIr SUL dem den ganzen Tag hindurch ein betäubender Lärm dringt und knattert. In diesem Lehrhaus „lernt" Reb Joel mit seinen Schülern. Das . Lehrhaus besteht aus einem großen Raum, der alljährlich neu geweißt wird. An den Wänden stehen Regale und Schränke, in denen gelbe und altverstaubte heilige Bücher und Folianten be- §Mßn sind, mnm längs TWk Men verum, Mnrikten des Lehrhauses steht ein viereckiger Tisch. "Einige Hängeleuchter an. der Decke. An der Ostwand hängt ein Misrach.. Daneben steht Mn Vörbeterpult, auf dem zuweilen ein Seelenlämpchen brennt. Ueber einem kleinen Bücher- . schrank thront die Thoralade. Tagsüber lernt hier Reb Joel mit den Schülern. Um zwei lange Tische herum, über dicke Folianten gebeugt, sitzen viele Jünglinge und lernen. Mit süßer Melodie und singender &immi imm sie Um sechs Uhr frühinürHöns kommen sie hierher. Auch im Winter, obgleich es noch starre Nacht istein kalter, scharfer Wind weht, die Luft eisig, klingend und schneidend ist und alles noch in Schlaf und Traum liegt, traben schon die Jünglinge intz Lehrhaus. Hier lernen sie etwa drei SillNdLn. Mm tzsMn sie irme, waschen sich Dil Hände, legen Gebetriemen an und öeien. Nach dem Beten gehen sie heim, um die erste Mahlzeit einzunehmen. Um zehn Uhr erscheinen sie wieder im Beth-Hamidrasch. Manche sammeln sich in einer Ecke und debattieren heiß und heftig. Manche raufen sich; zwei Jünglinge stehen an der Tür, horchend llluMlld, sP Pst Sfpm Kurg ööihslb Elf Skschsmt Res Joel. Wenn me Jüllgs linge feine Schritte vernehmen, stieben sie auseinander, setzen sich hastig um die Tische, bleiben still; verstummen. Eine tiefe, lautlose Stille herrscht im Lehrhause. Älsbald läßt sich Reb Joel nieder, die Jünglinge schlagen die Folianten auf und beginnen zu lernen. Lernen laut und singend. Dann werden einige blasse Jünglinge müde und möchten einschlummern. Ihr Lernen und Singen dämpft und wird immer schwächer. Schläfrig pendeln ihre Köpfe hin und her. Die singenden Stimmen der anderen Jünglinge klingen unö ist iiM DjjiaR mm WWMiMri schöne monotone Wiegenlieder, die Mütter ihren Kindern beim Einwiegen singen. Zuweilen dröhnen die klingenden Worte wie das Tönen eherner Glocken. Um sie herum hockt etwas, wie ein Grammophon ist es, das ihnen seine Musik unaufhörlich ins Ohr dröhnt. Virn, £>mt, Bant. 95im, bim, bam! Immerfort schließen und öffnen sie hie Äugen. Alsbald erwachen sie wie aus einem Traum und blicken entgeistert um sich her. Schütteln und bewegen sich eine geraume Weile wie die Räderchen aufgezogener, verdorbener Uhren und schlummern wieder ein. Manche lernen ununterbrochen, fleißig, inbrünstig. Die Worte Reb Joels saugen und schlürfen sie in sich sin rnis dürstende Kinder Milch aus Mutterbrust. 2S!e ein feine;? TystMk. Schlägt die Marktuhr halb zwei, schließen die Jünglinge die Folianten, küssen einmal deren Oberdecke! und gehen heim. Nach einer Stunde kehren sie zurück. Im Sommer lernen sie pausenlos bis neun Uhr abends. Im Winter verstummen die singenden Stimmen, wenn die letzten Sr^irnrner bes SEctcjes tm Verlöschen sind und Juden zum Beten erscheinen. Rasch unir UtJj verschlafen werden die Folianten zugemacht, Kerzen werden angezündet und alle waschen sich die Hände zum Mincha- und Maariwgebet. Nach dem Gottesdienst verlassen die fremden Beter das Bethaus und die Jünglinge setzen sich alsbald um die Tische, um bis in die neunte Stunde weiterzulernen. Also lernen sie alle Tage außer Sabbat. Nsb Josl behandelt feine Schüler gewissenhaft. Er gi&t sich 9ÖÜl}lr ihN5N flllflfi beizubringen. Geduckt und gebückt, den schweren Folianten in der Linken, sitzt er da und erklärt den Schülern jeden Satz und jedes Wort. Zuweilen, ist er an einer schweren Stelle angelangt, hält er inne. Er nimmt sein schwarzes, krauses Bärtchen, an dem er lange gekaut, in die Hand, runzelt die Stirne uüd wird nachdenklich. So vgMM sr ßtna MllUM MW MllM mP grübelnd. Reb Joel ist ein Mann von mittlerem Wuchs. Sem Gesicht ist blaß und nervös. Seine Augen blicken traurig, tieftraurig. Sie .haben den Ausdruck, als ob ihr Besitzer noch niemals gelacht hätte. In seinem schwarzen Bart, durch den er sich immerzu mit den Fingern streicht, schimmern bereits wenige Silberfäden. Während des Unterrichts blickt Reb Joel fast jsds Viertelstunde auf, zu sehen, ob die Schüler mitlemen. Bei tiefer äefegenfceii; wivfi?t istststchem Jüngling einen strafenden Blick zu. Manchem versetzt er auch indessen einen sanften Rippenstoß. Im Ganzen ist Reb Joel gut und sanft zu seinen Schülern. Dies geschieht zumeist an Tagen, an denen er den heiligen Sohar liest. Da ist sine Stelle, die ihn immer traurig stimmte ff in ^fTTTni ver&ufie j*ief dUi?chflöH 41* st 8. Diese lautet: „Jeder Menschensohn, der sich innen zerriß, weil er keinen Menschensohn auf dieser Welt zurückließ, wenn er von ihr weggeht, fügt sich dem heiligen Namen nicht ein. Und man läßt chn nicht eintreten in den Vorsaal, da er nackt, zerri\\m Md tticht «allkammen Ist". Las er diese Worte, wurde er ernst und eine bange Traurigkeit überfiel ihn. Reb Joel hatte fünf Töchter — aber keinen Sohn. Keinen Kadisch. ’ Aber dann las er mit tiefer Freudigkeit eine andere Stelle: , „Wer mit des Nächsten Sohn Thora lernt, dem wird es angesehen, als hätte er ihn, den Schüler, gezeugt..." An solchen Tagen durften manche Jünglinge später erscheinen, durften während des Lernens Mil WfSti AMli ffitf?fbanten ««*>«««** «.eilen. Reb Joel konnte ihnen nicht zürnen . . . Hausfrau und Dienstmädchen. In unserem sozialen Zeitalter, in welchem das Verhältnis zwischen Reich und Arm, zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer so viel erörtert und in den gesetzgebenden Körperschaften so oft und eingehend behandell dürfte es »or «ujjeror&ertittdjerre Sttier-effe fein, AU vernehmen, tote vas jüvislhev, h. das auf Ehov«, T«ckmud und Schulchan Aruch gegründete Zivilgesetz dieses Verhältnis ansieht und behandelt. Wir wollen aber nicht eine umfassende und eingehende Darstellung geben, das wäre der Gegenstand eines unendlich großen, viele Bände füllenden Werkes, das vielleicht ein einziger Mann, wenn auch noch so genial und gelehrt, nicht fertig bringen könnte, sondern an einem bestimmten Rechtsfall, der in den bekannten Rechtsgutachten des Rabbi Joir Chajim Bacharach, Rabbiners in SBorms, enthalten ist, zeigen, wie das jüdische Zivil- Zrfttz mit UNS MtWivöt. Wir mmn MklMkiimt dieses nicht nur den Rsschtsanschauungsn dse Beegangenheit, sondern auch der Gegenwart weit voraus ist an Milde und Rücksicht gegenüber den Dienenden und Schwachen und besonders an Achtung ihrer Menschenwürde. R. Chajim Joir Bacharach erhielt im Jahre 1674 aus Mannheim folgende Anfrage vorgelegt (Nr. 106 der Sammlung). Es lebte dort eine Frau, welche wegen ihres Jähzorns, ihrer ®en«utfl?eii uttlv ihres Geizes IN l»erüchü^l §)88h8lö Üß niemand bei ihr aushalten, und sie hatte nie eine Magd. Einmal, bei Beginn des Winters, als sie es satt hatte, selber ihre Arbeit zu tun, nahm sie sich ein jüdisches Mädchen. Weil sie diesem aber — nach dessen Aussage — „das Joch über GebühA schwer machte", und auch das Brot vor ihm einschloß, herrschte steter Zank zwischen Frau und Mädchen, bis dieses endlich davonlief und sich bei einer anderen Hausfrau verdingte und zwar nur gegen das Essen allein. Die bisherige Arbeitgeberin hatte aber die Schabboskleider des Mädchens einbehalten, und mietete für die drei von diesem noch atxssufyxli&ttb&n Monats eins neue Dienerin. aber MN ßö^n, AU Ml EtMWNS zu Bekommen gehabt hätte. Es wird gefragt, ob das entlaufene Mädchen den Lohnunterschied zu ersetzen hat, und zweitens, ob die Hausfrau für das von diesem während der Dienstzeit zerbrochene Geschirr durch Abzüge von dem noch zu bezahlenden Lohne sich schadlos halten dürfe. ' Auf diese Änsragen gibt der Rabbi ausführliche Antworten, nicht um endgültig zu entscheiden, sondern mehr all den zahlreichen vor seinen Richterstuhl kommenden Grundsätze darzulegen. Sr selber, betont er, habe bei iff M MWHen Bo? feinem MMM rommenip Rechtsstreltrgkerten zrutschen Herr und Kriecht, ÄkMlt-- geber und Arbeitnehmer nie ein förmliches Rechtsurteil gefällt, sondern immer sich Mühe gegeben, einen friedlichen Vergleich (Pschoro) zustande zu bringen Bezüglich der Schwierigkeit und Erschwerung des Dienstes, derentwegen das Mädchen weggelaufen zu sein vorgibt, komme es darauf an, ob der Dienst bei dieser Frau wirklich über das Maß und' die Schwierigkeit der Arbeitsleistungen, welche in jener Stadt den Dienstboten zuzumuten üblich sei, hmausgmge oder nicht. Denn ein Uebermaß kann die Dienstherrin der Magd nicht zumuten. Da habe diese den MW Bit Urareff? f: 3İie für 9JUP (Gott) sind die Kinder Israel Diener, Stfinp Diener sind sie (und nicht Diener von Dienern (Talmud)),, die Ich aus Aegypten herausgeführt habe." Was ferner das Verschließen des Brotes vor der Magd anlange, so komme es daryus an, ob diese aus der gleichen Stadt wie ihre Hausfrau stamme, und ob die Frau stadtbekannt sei, dann müsse sie von ihr und ihrer bösen Gepflagenheit gehört haben und sich mit Me Lei iWm Mnstllntlltt llWriuuükU BSBsm u känne daher das Cinschlistzsn^ des Arolss ttwön tt-chls lichen Grund für die vorzeitige Aufgabe des Dienstes. abgeben. Sei hingegen das Mädchen von auswärts, und sei das Broteinschliehen nicht allgemeiner Ortsbrauch, dann kann die Frau es nicht vor dem Mädchen tun, wenn sie es auch vor ihren eigenen Kindern einschließt. Wenn es die Kinder dulden müssen, so braucht es die Magd noch nicht zu dulden; denn wenn die Kinder Arm Böfign monen; fo M8M m m mcht g» uerlemgen, ms. &u<t Mi neu Magst mim stk! Fall iflr Was das Zerbrechen des Geschirrs betrifft, fo verlangt das strenge Recht, daß die Magd das Geschirr, das sie durch ihr Verschulden zerbrochen hat, ersetze, aber nicht dasjenige, das durch die Arbeit zugrunde geht. Jedoch fei es allgemeiner Brauch, daß die Hausfrauen mit Kleinigkeiten es nicht genau nehmen, und wenn auch die eine oder andere es tut, so sei dies nicht maßgebend.