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Der Israelit · 1927-02-10 · Heft 6 (10.2.1927) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 6 (10.2.1927)
Date
1927-02-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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» w. - mi Staatenlos. 33 on 5- Jfäiat. Ich \iiße im Zuße tittb sühne. Ich. weiß nicht, wann ich eigentlich eingestiegen bin. Ich sitze nun einmal darinnen. Durch mein Hirn traben Gedanken. Und bald ist es mir, als läge ich in einem Netz von Gedanken wie in einer Wiege. Gedanken auf Gedanken wiegen mich hin und her. Langsam rollt der Zug, stampft und rasselt über Weichen. Bald poltert er, hämmert und singt, Alls Nädsr singen.. Rauchwolken dampfen unb fr^tmgefa {it(j wie welfse 94 schaue zum Fenster hinaus. Dämmerung geht, stolpert und fällt, fällt, fällt. Der Abend löst sich, aus dem Horizont. Felder und Häuser schwimmen in Nebeln. Einsame Bogenlampen blitzen zuweilen auf. Ueber den Feldern und Häusern hängt ein Mond, ein silberner Mond. Langsam tastet er sich, klettert und segelt, geheimnisvoll und schelmisch. Träge humpelt er in der Sterneneinsamkeit. Und dennoch folgt er mir wie ein Schatten überall hin, umkreist und begleitet mich: Der Zug rollt, hüpft und rast bisweilen. Allein, wohin er we er «n(«ngi — fi«M er £en Möttö. Ich lasse meine Finger über die kühle Fensterscheibe gleiten. Dann und wann höre ich den Wind leise säuseln. Ich schlürfe den Abend. Die Stunden wandern, rollen, kollern und drehen sich wie die Räder des Zuges. Es wird Mitternacht und Meine Gedanken wiegen mich, wiegen mich und singen mir Lieder aus Sehnsuchtstönen. Ich denke an meine Heimat, der mich der Zug immer näher bringt. .Ich denke an Mirjam, an > dis jfJ)Sne, holds Braut, bis ich in rosnigsu Stunden sehen werden. Ö> meine Aeimat! 2» Mirjam, Mirjam, Himmel, wie schön ist sie. Ich trug ihren Namen immerzu in Meinem Herzen wie ein Talisman. 'm- -Meine Arme breiten sich schon jetzt wie ' Schwingen. Meine Ohren brausen mir vor Freudei Ich töne vollends von schrankenlosem Glück. "Bald, bald werde ich durch die engen, " krutnmetsi winkeligen, verschlafenen, stillen Gassen segeln, glückstrunken und erwartungsvoll. Mein Herz wird heben. Es wird pochen, pochen, mit ich durch den Markt schreiten. Mehrfach werde ich ihn umwandeln. Alsdann werde ich die Schulgasie streifen und sodann der Kentergasse zutraben. An einem Hause weiß und groß, werde ich stehen bleiben und mich umschauen. Dann werde ich hineingehen, pochenden Herzens, eine Stiege hmsufftLigs». t> ffim WkilchM idqföd ich an Dar Tür verharren und'Atem holen. Machte, fachte werde ich klinken. Eine Tür wird sich auftun. Jählings werden sich unsere Augen begegnen, starr, regungslos. Unsere Lippen werden nach Worten tasten. Ein gellender Aufschrei: „David!" „Mirjam!" Dann werde ich ihre Hände berühren, diese holden, mir so gut vertrauten Hände. Ich habe sie noch in Erinnerung: schmale, zarte, träumende Hände. Und nach eines' Weile werden mir. Braut und Bräutigam, beieinander sitzen und uns hek fen, den Ballast abwerfen, der sich im Laufe der Jahre auf unsere Seelen gesammelt. Und wir werden einander erzählen, sachte, ruhig. Dann wird sie mich gütig ansehen — in ihrem Blick wohnt die Güte — und mit ihrer süßbesaiteten Stimm« flüstern: «Su i«{i flfc'w veränöertz fe^r vee«n$?VÜ Dein Gesicht ist so hager. Deine Wangen so hohl. Deine. Augen, Gott, deine Augen, Gott, deine Augen blicken so traurig. Sie sitzen wie in tiefen Höhlen. David, David, was hast du mit dir gemacht?!"; > Gemeinsam werden wir in Erinnerungen hinabsteigen. Wie in einen tiefen, tiefen Brunnen. Verblaßte Bilder aus verschollenen Tagen werden vor uns aufsteigen. In grellen Farben werden sie auflodern, wie ein Mövenvolk. ..O. was waren das für herrliche Tage!" „Mirjam, wie glücklich bin ich, nun bei dir fein zu können! Draußen in der Fremde war ich einsam. Eine wunde, fiebernde Sehnsucht fraß an mir. Meine Augen waren immerzu entzündet — sie redeten von Heimweh. Tag um Tag, Nacht um Nacht rief ich nach dir. Manchmal rannte ich stundenlang sehnsuchtsschwer durch die Straßen. Ich sang Lieder, Lieder der Einsamkeit. Dein Bild und dein Name waren im Zirkel meins? imö himmliWr nMoDion MgöslWsskli. Allein Scham, Scham siedete in mir auf. Ich sang -sie nicht, wie ehedem, in deiner Sprache. Ich muß mich in Scham hüllen . . . Ich schäme mich . . . Ich war namenlos einsam. Ich litt. Ich weinte manchmal stundenlang vor Einsamkeit. Das zermürbte — ich gab pach. O, ich schäme mich! Aber weißt du, Mirjam, von jetzt ab bleib ich bei dir und singe nur in deiner, unserer Sprache. O, Mirjam, ich bin überglücklich!" Und wenn sie mich zärtlich fragt: „Wie waren die Menschen zu dir? Wie fandest du sie?" Will m A slllW llMwllMlll „Die Menschen sind weder gut noch schlecht. Sie sind fast alle gleich mit ihren Stärken und Schwächen. Was kümmern sie mich. Ich habe keinen Grund, sie zu hasten. Aber, weißt du, gegen manche, gegen manche muß ich doch Haß hegen. Nein! Nicht Haß! Ekel! Ekel! Ekel!" „Es sind Menschen," werde ich fortfahren, „die nicht die Kraft haben, die Stufen der Leiter empor zu klimmen. Untenstehend, bleiben und verharren sie. Versuchen mit Intrigen, mit abfcheuüctzcn, unmorailfdieTi SRilielti ben «ntmn fjer«kzuzerren. Menschen oder ängstliche Menschlein, mit einem minderwertigen Charakter behaftet, Menschen ohne geniale Funken, ja ohne einen Schimmer von Seelenadel." Jählings verlassen mich, meine Gedanken. Der Zug beginnt zu rasen. Er springt förmlich wie ein Grashupfer. Eine graue Dämmerung senkt sich allenthalben herab. Mich durchrieselt es. Bald — schon, bin. ich da. Noch einige Minuten. Ich nehme meinen Taschenspiegel heraus, sehe hinein. Wll DUVW8 MWMWM Ml MMMsM Mit einem Male wird ein metallenes Signal vernehmbar. O, die Lokomotive gellt die pfeifende Sehnsucht nach der Heimat. Sausen, Fliegen, Biegen. Der Zug läuft kreischend und keuchend ein. Er hält. Er spuckt, wirft alle Menschen aus. Türen krachen, spreizen sich. Stimmen schwirren. BMuöMüör Lärm mmm. DMiM llllä mm klappernd steige ich aasi Die Zollraurne brodeln. Koffer werden auf und zu gemacht. Taschen werden durchsucht. Ein Beamter, prüft die Pässe. Ich zeige meinen Paß; verlasse das Bahnhofsgebäude. Ich springe in ein Gefährt und laste mich nach der Stadt fahren. Die Pferde fliegen rasenden Galopp. Ein windstiller Morgen. Die Luft ist kristallklar. Ich schlürfe sie wie duftenden Wem. Meine Finger beben. Noch ein paar Schritte. Minuten sind mir wie eine schwere Fracht. Ich Boro DtiQ Mamuhr fdjiaö&n, leise unD salljle. ffls fürchte sie, die Schlafenden zu stören. Erfüllung will es in mir singen!; Plötzlich, urplötzlich, verliere ich die Gaste. Immer verschwommener wird sie. Sie entrinnt mir. Die Stimmen der Menschen scheinen mir wie verlöschenwollende Lichter. Alles zerschellt mir. In unbestimmten Fernen schimmerten Blllir — Ern _ st» Vorhang — fällt zwischen mir und meiner Heimat, zwischen mir und Mirjam. Was ist geschehen? Hat mir jemand um die Füße Fesseln gelegt? Die Stimmen der Menschen schwanken, zerfließen. -Verstummen, verlöschen. Alles zerfließt vor meinen Augen. Alles — verrinnender Sand. Die Gasten verschwinden. Das Gefährt verschwindet. Ich bin allein. Ich erwache — es war ein Traum. Traum, Traum spülte mich in die Heimat. Die Fenster liegen grau und trübe im Mor- {J8H. m ist Bin kWIMlWlWIM M0MN. Ult Tröpfen fallen und knistern unerbittlich an die Fensterscheiben. Unwillkürlich fallen meine Hände auf ein Schriftstück, das auf dem Schreibtisch liegt. Es ist ein kürzlich erhaltenes Schreiben der Behörde, in dem man mir eröffnet, daß ich meine Staatsangehörigkeit verloren habe und nunmehr staatenlos sei. Ich dürfe nie mehr in meine Heimat zurück. Gespenstisch Jtarven rrticJ^ die grauen, tropsenverhangenen Fensterscheiben an. Unü die Tropfen klopfen, trommeln und knistern hart, unerbittlich und mitleidslos. Als wollten sie sagen: „Hier bist du, hörst du nicht. Staatenloser? Hier, hier, hier in einem fremden Lande, nicht in deiner Heimat! Hörst du nicht, Staatenloser?!" Die heimatliche Synagoge. Nach langer Trennungszeit betret' ich wieder, O Heimatsynagoge, deinen Raum — Ein leiser Schauer geht durch meine Glieder. M Mi K8W EWU MMNÜ' W MNI. Zwar prangst du noch wie einst in Farbentönen, Die schon das Kinderauge oft erfreut. Und wieder hängt gerührt mein Blick am schönen Oraun hakaudesch wie in alter Zeit.^ Es schmücken noch die weißen Lichterständer (Der kleine Bub für Zuckerwerk sie hielt) Almemors säulgetrag'nes Holzgeländer, Das eben jetzt ein Sonnenstrahl umspielt: Denn durch die hohen Fenster strömt noch immer opr&em J^eit’re Sonnenjlut |erein, Streut über Den Kronleuchter Glanz and Schimmer UnD füllt Den ganzen Raum mit hellem Schein. Ähr Bäume drauß, mit grünbelaubten Zweigen, Nickt freundlich ihr herein wie einst dem Kind, Das gläubig staunte, daß auch sie sich neigen Bor Ihm, der schickt den Regen, Sonn' und Wind. So find' ich vieles wieder wie vor Jahren, Da meines Lebens Morgenzeit noch war- Wo aber sind sie hin, die einstens waren, Als Glieder einer frommen Beterschar, S3er«tnl um bes 9Ifm6tno(5 Bruchternpnru. Unö Tein Gesetz gehört, za Um Ach, längst durchschrittet ihr des Todes Tore — Die Synagoge nun meist öde steht. Einst werden wieder bessere Zeiten kommen (Schon künden sie sich laut und leise an). Dann Mt aufs neu sich auch dein Raum mit Frommen, Den ich — wills Gott — -ann froh betreten rt. _h g_ kleine Geschichtchen. Der Name. Ich telefoniere einem Bekannten. Sein Name lautet Jonas, — doch vom Telefon tönt es zurück: „Hier Janus". Was bedeutet das? Die Stimme ist die Stimme Jakobs, die Hände aber sind die Hände Esaus . . . So behauptet wenigstens die Stimme. Herr Janus alias Jonas vom anderen Ende des Telefons bemerkt meine Verwirrung. „Ich bin's! Immer noch derselbe! Geändert hat sich nur mein Name. Eine ffie^ierutt^oerfügung I>at lungern Bemühen endlich :mern Se|uJ| jiaiigeg^ten. Ss n>e|i heule loci; ein anderer Wind in Den oberen Regionen! Die Beweggründe zu Meinem Gesuch will ich Ihnen erklären, wenn wir uns das nächste Mal sehen." Am anderen Tage ist Janus alias Jonas bei mir. Ich sehe ihn gespannt an. Er beginnt. „Sie wissen, daß ich noch ein religiöser Jude bin und mich Meines Judentums nicht schäme. Namen können aber den Kampf um den Broterwerb erschweren! Einen Namen zu ändern, ist MW mmmtt - und Das Motiv deweriel eine Handlung. Man muß neue Kundschaft aussuchen. In großen Betrieben entscheidet aber die abzugedende Visitenkarte, ob man vorgelassen I f UM*

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