Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1927)
- Date
- 1927-02-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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'rf>w Pidjon haben. Von 5. Brückheimer in Marktbreik. Wer erinnert sich nicht noch jener jüdischen Armen,- die man kurzweg, und sehr zu Unrecht, „Pollacken" nannte! Jener. hohen Gestalten, denen Mütterchen Rußland soviel Drangsal, Peinigung und Hungertücher auf Den Micken geladen, - fit nur üöH mit vörgebeugtem Kopfe ihres Weges gehen konnten! Sie durchwanderten Deutschland, sammelten Pfennig zu Pfennig, und sandten dann das Ersparte ihrer zahlreichen Kinderschar oder dem Schwiegersohn, dem sie als Mitgift die Beköstigung aus ein Jahr oder länger versprochen hatten. Sie hatten es immer eilig. Aber an den Freitag-Äb enden und am Schabbos waren sie der Ruhe voll wie ein grünes Bachtal mit Einsamkeit oder ein Wintermorgen voll heiliger .Stille. Fast war er sichtbar, der Strom der «ftufje, der von ihnen ausging. Vielleicht weil die swig rastlosen Füße heute vor dem Rathausbänkchen so ungestört vor sich hinträumten. Oder weil jetzt ben langen, mageren Händen der einfache Wanderstecken fehlte. Wahrscheinlich jedoch, weil sie mit ihrer heftigeren Sehnsucht und ihrem drängenderen Gefühle im Schabbos ein wenig von der glückhaften Stetigkeit des Gan-Eden vorausspürten. Wätttt sis »sll gsfundgn Zungörs del Tische saßen, den schwarzen Bart mit den Fingern streichend, dann erzählten sie dir Neuigkeiten, ryelche! sie aus den von ihnen durchstreiften Gemeinden, mitgebracht hatten. Wo sie Verständnis antrüfen, gaben sie,auch.gerne Auslegungen der Thora zum besten. Denn viele unter ihnen waren Meister im. vielbändigen Talmud. Mit ihren Schläfenlocken,, dem fremdländischen Schnitt der dunklen Kleider und dem schwer verständlichen Jargon erschienen sie den Kindern wie Gestalten aus arabischen und persischen Märchen. Daher war es den Kleinen leid, wenn sie fortgingen. Als zu Anfang dieses Jahrhunderts die Judenverfolgungen in Rußland erneut einsetzten, famen brex bieder SCrrrtert -— bteswaf mti tJjren Familien — mit der Absicht ins Schlesische, vorerst nicht mehr in die Ukraine zurückzukehren. Sie hatten eine junge Frau mit herüber gebracht, deren Mann erschlagen worden war. Und da sie gesegneten Leibes war, erging es ihr wie unsrer Stammutter Rahel. Mitten zwischen zwei Dörfern, in einem von Klatschrosen brennenden Getreidefeld genas sie eines Knaben. Während die Frauen, sich um sie mühten, holten dis Männer mb ^infefF «Uff k!nrm U"b?n«ckex7 exwert Leiterwagen, legten die Wöchnerin daraus und spannten sich selbst an Deichsel und Ortscheit. Die jüdische Frauenvereinigung iM nächsten Dorf nahm die Arme in ihre Obhut. Die andern Flüchtlinge aber zogen, nachdem sie dem Gemeindevorsteher Jakob Rothschild für die Zurückgebliebene eine kleine Geldsumme aus eignem geringem Bestände . ausgehändigt hatten, nach Süddeutschland weiter. Als man in später Nacht den Vorsteher zu der Fremden holte, hatte diese nur noch so viel Lebenszeit, daß sie ihn bitten konnte, für ihren Erstgeborenen zu sorgen, da weder von ihr noch > von ihrem Manne nähere Verwandte als An- NkhmFF M f?F«8? IStow» „Jehudoh ben Bezalel ist sein Schem ködesch!". waren ihre letzten Worte. Unter der umsichtigen Leitung Jakob Rothschilds wurde für den kräftigen Knaben alles Not- ' wendige beschafft. Er berief eine Kinderschwester aus der ,Stadt, übernahm die Gevatterschaft und übersiedelte das Kind aus der Dorfwirtschaft in sein eignes Haus. Auch die Herzen der Gemeindemitglieder wurden warm. Sie brachten Wäschestücks MidHz» und Alles, rvaüMn fm Äie'erste Zeit gebraucht wird. Und so Mg der kleine Bursche zwischen den spitzenebsetzten Wissen, wie -reichster Leute Kind. Bier Wochen später betrat der Parnos das größte Haus am unteren Marktplatze, in dem Josef Katz wohnte. Als er ihn im Zimmer nicht vorfand, durchschritt er den breiten Hof, um zu dem Getreidelager zu gelangen, wo Katz wohl beschäftigt sein mochte. Im fallenden Lichte des Abends wog er ba mit feinen Knechten die von einem BaUerN eben ubgrlaiicuen, praü m!i g^llWeü Säcke. „Josef!" rief der Vorsteher, „auf einen Augenblick!" . Katz erschien mit von der Arbeit gerötetem Gesicht unter dem Hallentore. „Der Knabe," fuhr Rothschild fort, „wird morgen einunddreißig Tage alt. Vollziehe Pidjon haben!" Da flatterten Katz' Aug enlid er; , und sein Blick glitt wie auf der Suche nach etwas über den strohüberstreuten Hof. Die eine Hand aber krallte er in ben rn««^tx^en Torflügel- - „Ja, ja, gewiß!" Cr sprach so stotzwecft, «!s dächte er dabei an Wichtigeres oder Gleichgültigeres. Dann schleuderte er mit seinem hohen Stiefel einen Stein gegen eine Wasserkufe, daß sie dumpf dröhnte. „Was hast du?" fragte Rothschild. „Paßt dir die Zeit nicht? Soll ichden Kohen aus B. kommen lassen?" „Die schweren Säcke machen mich müde. Dazu noch . . . ja, die Säcke . . Sonst ist nichts! Ich kSWMi" 1 . : Kaum aber war Rothschild hinter dem mächtigen Hoftor um das Haus gebogen, da eitte Katz in die Küche, warf seiner Fra'u ein paar Worte zu und stürzte auf die Dorfstraße. Mirjam trat unter die Flurtüre. Sie sah noch, den Vorsteher in die Hochgasse einbiegen und ihren wie besessen durch das Unterdorf rennenden Mann. Sie hob ihre Hände und zahlte etwas an den Fingern ab: „Morgen ist der einunddreißigste, morgen ist Pidjon haben." Da preßte sie die Fäuste in die Augen und lehnte sich, wie von einer Schwäche gepackt, an den Pfosten. Und in ihr verhaltenes Weinen hinein murrte der Donner des vom Gebirge her aufsteigenden Gewitters. D« yaud^ie.- cm dp je^>ow her. SktrmtMtnb burcf) die Häuserreihen. Ueöeröic Schornsteine hinaus wirbelte er Staub, Papier und abgerissene Vaumäste. Aushängeschilder und Fensterläden klirrten und klappten. In die Dachrinnen fuhr der Wind, stürzte durch die Rohre herab wie das Regenwasser, jaulte und strudelte dann unten wieder durch die Oeffnung heraus. Noch kurz vorher waren die Firste im Goldschein der schwindenden Sonne gelegen. Aber schwarze Wolkentücher breifJTT ^Z^plx^che Frnfterrxiste über Vßli ein scheues Tier zusammengebuckte Dorf. Der Sturm packte Josef Katz und warf ihn auf der außerhalb des Dorfes steil aufsteigenden Landstraße gegen einen mächtigen Pappelbaum. Dann stieß er vom Boden her in die Höhe, so daß Katz das Gleichgewicht verlor und fast den Hang hinuntergekollert wäre, wenn er sich nicht noch schnell an einem Haselbusch hätte anklammern können. Nun flammten Blitze über den finsteren Himmel, der Donner prasselte wie Hunderte schnellfeuernder Geschütze und wie aus Brunnenrohren schoß das Wasser aus aufgebrochenen Wolkenballen. v Ijüd mitten im ^eltren ün$ f^elÜe» &eJS. HBi»= des, des strömenden Regens, der ihm durch alle Kleider troff, des krachenden Donnerschlags, der sich im Echo vielfach verstärkte, inmitten dieses gewaltigen Aufruhrs der nachtschwarzen Natur fing Josef Katz an mit Gott zu rechten und zu hadern: „Für wen sorg' und plage ich mich? Wer wird die Mühen meiner nie müden Hände genießen? Was soll mir der Segen, der mir Dach und Schränke füllt? Mit Abraham will ich sprechen: und was gibst Dir UM da i© ös© tttflirt« Vr hergehe? Viele Male habe ich die heilige Pflicht der Lösung des erstgeborenen Sohnes aüsgeführt. Ebensoviele Male haben sich Stacheln des zehrenden Neides in mein Herz verfangen. Ich sah lachende Väter, freudeüberglänzte Gesichter von Müttern, Augen, aus denen weltenferne Glückseligkeit-leuchtend'brach. Bei üppigen Festmahlzeiten . — der Wein floß über silbernen Kelchen — löste ich Israels Erstgeborene aus und — über TOSWl $?FÖ ging mnerlt^er aller Liebe zu Deinem Gebote trug ich zugleich leidvollste.Sehnsucht.. Und morgen! Weshalb muß ein Kind so einsam stehen, die Sorge schon jetzt ihre grauen Flügel über es breiten? Wo doch Arme betender Frauen umsonst hoffend und wünschend zu Dir sich heben! Warum konnte der Knabe nicht mir . . . —" Als wäre einer von Gottes Sternen vor ihm in den Weg gefallen, so verwundert, bestürzt und verwirrt blieb Josef Katz mit einem Male stehen. Und jdpcmie ou|. Än ruhiger öeuc^tjaitte lag der Monv jetzt im mieöer uwlkenbesreiten Himmel inmitten der lichtglänzenden Sternenwelten. Nur der Wind hauste noch wie ein zorniger Riese im ächzenden Tannenwald am Steinhügel. Josef Katz drehte um und stieg zu Tal. Der Vorsteher Jakob Rothschild dachte: Soll der Akt der Auslösung sang- und klanglos vor sich gehen, weil es ein armes Waisenkind ist?! Da lud er die Nachbarn, den Gemeindelehrer, die SJiti^tteber ber Werrvalinng unb den Qrod) *), der am frühen Morgen schön um eine Vorgesprächen hatte. Er tat seine schönste Stube aus, die, mit den braun gebeizten Schränken, in deren eingelassenen Gläsern die Augustsonne sich vielfältig spiegelte. Letzte Rosen dufteten aus hohen Stengelgläsern, und Efeugerank umwand jedes Gedeck auf dem festlich hergerichteten Tisch. Als der Knabe, schon rundlich, ruhig schlafend hereingetragen worden war, nahm ihn Josef Katz auf seinen Arm, der ünmerklich zitterte. Und dreimal sprach er das „Ausgelöst". Immer stärker im Ton. Die Zuhörer wollten später den Jubel darin herausgehört haben. Da er nun anschließend den dreifachen Segen über das Kind herabwünschte, verlor seine Stimme wieder an Festigkeit. Däch sHz» Mt» ZSWligzMüMns Bürschlein mit einem kräftigen „Masol tow" feinem Freunde Rothschild über den Tisch hin. Bei der Festmahlzeit war die Rede aller der Sorge Um das Ergehen des Knaben zugewandt. Der .Vorsteher meinte, daß 'man ihn noch einige Zeit in der Gemeinde behalten wolle, bis er in einem Waisenhause Aufnahme fände. „Und wir wollen ihn nicht leer wegschicken", Mtftzrni» gMHf m. „Wenn man für ihn einen Ausruf in ben jüdischen Zeitungen erließe!" meinte der Viehhändler Grünbaum. „Vielleicht könnten wir . . ." Der Sprecher hörte auf, weil Josef Katz aufgestanden war. Rothschild fragte: „Mußt du schon gehen?" Josef Katz schüttelte den Kopf. Er legte seine Hand auf Rothschilds Schulter, so schwer, daß er ihn. zur Seite drückte und sagte rauh, tonlos aber stark: . „Ich will den Knaben an Kindesstatt annehmen." Unb sstzts sich nateber. , Die Gäste sprangen aus, stellten sich um Katz mit erwartungsvollen Gesichtern. Denn die Tränen, die Josef Katz in den schon etwas angegrauten Bart liefen, sagten zu deutlich, daß diese Tat *) Wanderarme.