Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1927)
- Date
- 1927-01-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr.r I«7 Aus der Leidensgeschichte des Rabbi Zomlow-Lipmann Heller. Wie man auch zur Golem-Legende des hohen YÄ stchÄ mrz — «cht »n an« Ion; klumpen, der mechanisches Leben atmet, wollen wir den Meister erkennen, sondern an seinen Werken und seinen Schülern, denen er den Geist eingehaucht hat, daß sie ihn weitertrugen. Einer seiner Schüler, Rabbi Jomtow Lipmann Heller, genannt „Tausfaus Jomtow", ist ganz Geist von seinem Geiste, er lehrt seine Lehre und folgt sogar in seinem äußeren Werdegang seinen Spuren. Auch sein Weg führt von Prag über Nikolsfeurg nctiSj?pra0, unb neben feinem fyaupixnevte zu Mifchna, bas ihm den Namen gibt'. „Tausfaus Jomtow", find andere seiner Schriften, wie die des Meisters, den Wissenschaften und der Morallehre gewidmet. Vom äußeren Lebensweg des Rabbi Jomtow Lipmann Heller ist uns, dank seinen eigenen Aufzeichnungen, und nicht zuletzt infolge seiner tragischen Geschichte, mehr bekannt, als vom Leben anümi gwm mrnier Der tmtun ZkiM- Cr ist 1879 -n Wallerstetn in Bayern geboren. Es wurden ihm keine fröhlichen Lieder in die Wiege gesungen, denn er kam schon vaterlos zur Welt, scheint auch in jungen Jahren die Mutter verloren zu haben. Der Großvater von der väterlichen Seite, Rabbi Mosche Wallerftein, der den Titel „Oberrabbiner von Deutschland" führte, nimmt sich des Enkels an, bringt ihm die ersten Kenntnisse bei und schickt ihn. als er seine roa hes erg in Hessen. Von dort kommt er in jungen Jahren zum hohen Rabbi Löw nach Prag, vervollkommnet sich in der Nähe dieses Größten der damaligen Großen und auch im Lehrhause des Rabbi Efraim Lentschitz. Schon mit achtzehn Jahren ist Jomtow Lipmann Dajan von Prag und wirkt als solcher im Rabbipate des hohen Rabbi Löw mit. Achtundzwanzig Jahre letzt und lehrt er so in Prag, und es waM, Me eren seiner Biographie sagt, die MckliHM mm seines Mm um fo mehr. als er auch mit irdischen Gütern gesegnet war. Um diese Zest erscheint auch ein Teil seiner Werke, auch sein, Hauptwerk „Tausfaus Jaumtauw", das die Welt auf den jungen Gelehrten aufmerksam macht. Er wirkt dann nacheinander kurze Zeit als Oberrabbiner in Nikolsburg und in Wien und wird im Jahre 5387 mit großem Jubel als Oüsxxabblnör von Prag in dsr lstM feiner ersten Jugend, in der Stadt des von ihm gefeierten Meisters, des hohen Rabbi Löw, empfangen. Prag, Nikolsburg und wieder Prag. Es ist somit ungefähr der Weg, den auch der hohe Rabbi Löw zurückgelegt hatte, aber stürmischer, wechselvoller, reicher an tragischen Momenten ist der Lebensweg des Schülers. Was bedeuten die fast gemütsvollen Erlebnisse des hohen Rabbi Qötn mit Nubslf n. unb beffen ^offiaai im Vergleich zu Der Lemmsgöschichlö Des „Tausfaus Jomtow" mitten in den Wirren des dreißigjährigen Krieges? Rabbi Löws Leben, sein Verhältnis zu . Kaiser und Welt sind durch hübsche Legenden verklärt, das Leben des Rabbi Jomtow Lipmann ist eine erschütternde Tragödie, die sich am erschütterndsten aus seiner eigenen Erzählung im „Megilath Ewah" (Rolle des Hasses) ergibt. Es gelingt'ihm in den ersten ruhigen Prager Jahren, noch zwei Bücher zu den ..vier Turirn" Ijoljert Säten erlannie fau| Qe|ctjix Rabbi Jakob Ginzbura nach TV r t e ö ö herausgugcben. ünb nun ba? schnell heran. Es ist Krieg im Lande, schon über zehn Jahre und sollte noch zwanzig Jahre dauern. Im Großen waren die Juden von diesem langwierigen Kriege nicht so unmittelbar in Mstleidenschaft gezogen worden, wie von früheren Weltkatastrophen. Kriegsdienste hatten sie nicht zu leisten, von Metzeleien und Plünderungen, wie wir es im und nach dem letzten Kriege etwa in der Ukraine erlebten, hört man nichts. Die Völker hatten genug rnit sich zu tun und ihr Blick war vom Stjetk) abgklenü. Sn kmem Pun!!? konnten sie der Juden nicht entbehren, richtiger, des jüdischen Geldes, zur Finanzierung des Krieges, zur Erhaltung der Truppen. In diesem Belange waren aber die den Juden auserlegten Opfer oft hart bis zur Unerträglichkeit, und es entwickelten sich daraus auch einzelne Grausamkeiten. In Wien, Prag, Frankfurt und Worms gab es damals ein jüdisches Finanzkonsortium zur gegenseitigen Hilfeleistung in Fällen der Not. So mürbe um bieje .Qeit ber jiibijd^en <3ememrw in Prag vorn Kaiser Ferdinand eine Kontribution von vierzigtausend Reichstalern auferlegt, und der Oberrabbiner hatte die undankbare Aufgabe, die Lasten auf die Gemeindemitglieder zu verteilen. Daß es bei allem gerechten, humanen Vorgehen Unzufriedenheit gab, ist wohl natürlich. Renitente Männer, die sich benachteiligt fühlten, schraken auch vor Verdächtigungm unü mrirnnwungün nitftf zurück MD griffen zuletzt zum verwerflichsten aller Mittel, zur Denunziation. Da man dem Rabbi nichts Unrechtes nachsagen konnte, so stellte man ihn als politischen Verbrecher, als Verräter,, hin, und zwar hätte er die verräterische Gesinnung in zwei seiner Bücher gezeigt. Das eine, „Maadane melech", enthalte schon im Titel eine Spitze gegen den Kaiser Ferdinand, bedeute die Huldigung eines a n b e v e v Königs, vielleicht gar eine nerstellte Anerkennung von Gustav Adolf. Der Kaiser wie der Hof dürften von der Unsinnigkeit dieser Anschuldigung genau so überzeugt gewesen sein, wie die Denunzianten selbst. Aber darauf kam es ja gar nicht an. Ein verehrter Rabbi war immer ein fetter Bissen. Man wußte ,daß man in der Gemeinde seinen Kopf um jeden Preis freikaufen würde. So verhaftete man ihn, verurteilte ihn zum Scheine zum Tode, worauf das Erpressungsgeschäft mit der Gemeinde beginnen konnte. Doch lassen wir, was nun folgte, ihn selbst in üßv berMs Mannten „MögilaH Evrah" a*.. zählen. Vorausbemerkt sei, daß Rabbi Jomtow Lipmann in diesem Büchlein, in der er sich den ganzen Schmerz und die ganze Bitterkeit vom Herzen redet, wohl in bitteren Worten von den Feinden und Verleumdern spricht, aber feinfühlig i h r e N a m e n v e r s ch w e i g t. Es soll die Bosheit treffen, aber die Bösen nicht auf ewige Zeiten an den Pranger stellen, auf daß ihnen der i.et Tesl^iibä iitcljl versperrt und i|ren unschuldigen Nachkommen kein Makel für alle Zeiten angehängt werde. „Möge ihnen der liebe Gott allen so verzeihen," schreibt er, „wie i ch ihnen verziehen habe." Nun einiges über seine Leidensgeschichte nach seinen eigenen Angaben in der genannten Rolle: Am Montag, den 5. Tamus 5389 um die Minchazeit war es, als man dem Rabbi mitteilte, der kaiserliche Richter habe nach ihm ge- Köllk g« lkjM köMMU- Nichts Gutes ahneid, nahm der Rabbi von der Synagoge die Vorsteher mit nach Hause. Nach einer Stunde fuhr der Beamte vor, begrüßte sehr freundlich und leutselig Rabbiner und Vorsteher und lud den Rabbi ein, ihm in ein besonderes Zimmer zu folgen, da er etwas mit ihm unter vier Augen zu besprechen hätte. Im Studierzimmer des Rabbi brachte nun der Richter unter vielen Entschuldigungen und Beteuerungen seines Bedauerns. hervor, daß er den Auftrag vom Kaiser AMuattö habe, ihn ZU akkötkökön unü nach Wien zu überbringen. Er lud dann den Rabbi ein, mit ihm in seinem Wagen aufs Amt zu fahren. Rabbi Jomtow Lipmann bat aber, Au Fuß gehen zu dürfen. Der hohe Beamte ging mit ihm zu seiner Linken und die Vorsteher folgten ihnen. Hier wurde das Dekret nochmals verlesen, wonach der Rabbi sofort nach Wien zu kommen habe, widrigenfalls er in Ketten dahin gebracht werde. Der Richter zeigte sich dem Rabbi äußerst gewogen, erklärte sich aber außer- \tmMr öh Döi Eachs atmas zu Morn. Zwei Vorsteher, Rabbi David Lurja und Heni M e i s e l s, begaben sich sofort zu dem Ober st- Burggrafen, der als Statthalter das letzte Wort in allen Verwaltungsdingen zu sprechen hatte. Es war bereits späte Nachtstunde, der Oberst-Burggraf schlief und das Haus war von allen Seiten gesperrt. Aber die Vorsteher ließen nicht locker, klopften solange, bis der Kammerdiener öffnete und ließen den hohen Herrn wecken, Zuerst erbost über diese Störung. ließ er fni) bocf) von ber SrmgJwfjfeii bes Falles überzeugen und die Vorsteher vortreten: es leuchtete ihm ein, daß auch ihm, dem Herrn der Stadt, keineswegs zur Ehre gereichen würde, wenn ein hochgeachteter Bürger, der Führer der Judenheit, wie ein Verbrecher gefesselt nach Wien geschoben mit Gut und Leben für den Rabbi verbürgt würde. So gelang es, nachdem sich die Vorsteher Wmn, nmwirfm M mm Sir wann sich freiwillig binnen sechs Tagen hm Kaiser in Wien stellen durfte. Am 10. Tamus langte der Rabbi in Begleitung eines Vorstehersdes R. Hein, in Wien an. Von Kanzler, bei dem ste sich gleich melden mußten, wurde er sehr hart angefahren, und hier erfuhr er auch sein schweres Verbrechen. Er hätte in seinen beiden Werken ..Maadene rnelech" und ..Lechen fWnnbvib" 9?9?n nnb EbiHsiftum geschrieben, zudem dem ersteren Buche einen verdächtigen Titel gegeben. Rabbi Jomtow Lipmann verteidigte sich mit einer Erklärung über das Wesen des Talmuds und der nachtalmudischen Literatur, die in dem schriftlichen Sinaigesetz wurzele. Alles, was darin von Fremdgläubigen gesagt ist, beziehe sich auf die alten Heiden. Der Rabbi erhielt den Befehl, sein Quartier nicht zu verlassen, bis die Gerichtskommission zusammengetreten sei. Sieben Tage später, am Fasttage des 17. Tamus. wurde der MM ins WslllMis gösotzk und kein Jude durste sich ihm nähern. Tags darauf aber wurde er schon, wohl auf Bemühungen von jüdischer Seite, in ein besseres Haftlokal überführt, wo er den Verkehr mit Freunden pflegen durfte. Am Donnerstag, den 20. Tamus trat endlich die Kommission, bestehend aus hochgelahrten Männern. Richtern und hohen Beamten. zu- [ammen, unb Wfj V? ihnen Rede und Antwort stehe. Warum er in der Vorrede zu seinem Werke den Talmud so rühmend hervorgehoben hätte, nachdem doch der Papst diesen in den Bann getan, wurde er gefrage. Der Rabbi antwortete: „Ich habe den Talmud gerühmt in hebräischer Sprache, in einem Buche, das nur für die Söhne meines Volkes bestimmt ist, und es war mir nicht bewußt, gegen den Willen von Papst und Kaiser damit ver- Mkn gu hüllkU: Nock! mmm MlMn mürben ihm vorgelegt, woraus er, ttüch Beantwortung derselben, wieder in die Haft gebracht wurde. Sechs Tage später, am 26. Tamus, wurde das Urteil gefällt und dem Rabbi zugestellt. Es lautete auf Todes st rafe, durch kaiserliche Gnade in eine Geldstrafe von 12 000 Thalern verwandelt, die sofort bar erlegt werden mußten. Die beanstandeten Bücher werden eingezogen. Rabbi Jomtow Lipmann verfaßte eine Bittschrift, m her er für bte ©nabe bankte unb um