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Der Israelit · 1927-01-13 · Heft 2 (13.1.1927) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 2 (13.1.1927)
Date
1927-01-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ßr.2 m Vor 25 Zähren. Eine ->wV nvvn-Erinnerung von A. ZSr. Von der Staatsstraße, welche die beiden Hauptstädte B. und W. verbindet, zweigt ein Weg ab, durch fruchtbare Felder und Wiesen führend. Obwohl nur 5—6 Minuten lang, hat er Krümmungen und Steigungen genug, so daß man erst am Schluffe das Bauerndörfchen Ferblickt, an dem nun auch eine Lokalbahn vorüberfährt./Friedlich liegt es da, umgeben von blühenden Gärten, Wiesen und Feldern. Wir schreiten darchbre Straßen irnh Gäßchen; manrfjes yüuslem. geigt noch die Spuren einer Mefufvh beim rechten Pfosten des Eingangs. Sogar vollständige Namen jüdischer Familien sieht man noch auf den steinernen Oberschwellen eingemeißelt. In der Tat zählte das Dorf unter nicht ganz 400 Einwohnern einst 130 jüdische Seelen, zumeist' Viehhändler; nur ein Kaufmann ünd zwei Handwerker darunter. Ein frommer und tüchtiger Lehrer amtierte als Führer Der SusenD uns — natürlich — zugleich älZ Chässn und Schvchst. Die Gemeinde teilte das Los so vieler andern: die Mitgliederzahl sank und sank; Wegzug und Todesfälle bald bei dieser, bald jener Familie besiegelten das Schicksal der einst blühenden jüdischen Gemeinde. Zuletzt verblieben noch ein alter Unterhändler, der in der Umgegend und auf dem Viehmarkt der Kreisstadt W. sein kärgliches Brot verdiente, und hie und da Kleinvieh und Gänse schlichtete, welche er in der Umgegend sksstzts, rvakei ihm farno Tächter behilflich war. Sodann ein Viehhändler mit mehreren ledigen Söhnen. Die Schechita versah der Lehrer des dreiviertel Stunden entfernten Landstädtchens D. Dorthin ging auch noch das einzige schülpflichtige jüdische Kind von B. Wenn die Herbstfeiertage nahten, so sorgten die beiden Familien für ein Minjan, wozu man sechs „Fremde" benötigte.. Am Purim jedoch besuchten sie zum Megillohören das nahe Städtchen D. Die Synagoge des Dorfes stand in einer Seitengasse und zeigte nach Ausmaß, Stil und EinliffjtimQ Die jinftw MlW. UND Den rgitßtöfcn Sinn der Gemeinde. Drei Fenster an jeder der beiden Längswände, im gotischen Spitzbogenstil gehalten; je eines an der Oftwand, rechts und links vom Oraun Hakodesch. Letzterer war ein Prachtstück; hübsche Säulen, massive Steinlöwen, welche die „Zehn Gebote" umklammerten, bildeten die äußere Fassung. Drei Stufen führten hinauf zum Allerheiligsten. Der Steinalmemor befand sich in der Mitte, die alten, grün angestrichenen Ständer zu beiden Längsseiten waren nach Osten gerichtet. Mm Eingangs fefjttü nicht der steinerne Opserstock, ihm gegenüber in Manneshöhe ein Wandschränkchen, das eine Haftorarolle barg, mach Art der Sefertora angefertigt. Ein besonderer. Aufgang führte zur. Frauensynagoge, rückwärts auf der Westseite gelegen, nach altjüdischem Zenius mit engem Holzgitter versehen. Einige lange Jahre stand die Synagoge still und leer, wenn nicht die paar jüdischen Baale- Battim hie und da am Sabbat ihr einen Besuch abstatteten. Moos überzog vielfach die Steine, durch locker gewordene Fensterscheiben heulte der WinD. ffltt Machsorim,, geborstene Tallesim lägen itt den TläNdei^n ]öbev äUs SerlenbänkeN. Dürre Bachweiden erinnern an die einstigen Umzüge am Hoschano-Rabbo. Im Heiligenschreine wurden die Seforim feucht, dumpfig und dadurch allmählich unbrauchbar. So faßte man den Entschluß, die Snnagoge. nach Rücksprache mit dem streng frommen Rabbiner zu veräußern, Thorarollen, Vorhänge usw. nach der nächstgelegenen jüdis-Hsrr Gemsivhe 31t bringen unb hie meiert, Viftm «wf W*”' g«r Be grabung auf dem Friedhöfe wegsahren zu lassen. Der 15. Schewat nahte heran. Noch wenige Wochen trennten von dem Termine, da man die Synagoge feierlich für immer schließen wollte. Am Chamischo Osor hatte aber der Unterhändler H. um seinen seligen Vater Jahrzeit und er dachte daran, ob es denn nicht sich vielleicht einrichten ließe, an diesem Tage Minjan in der Synagoge zusammen zu bringen, um in sinniger Art Abschied'zu nehmen von der lieben Synagoge. Allein, woher'Leute nehmen? Der alte Meh- DünDiir <marrpmr UND einer feiner Lohne oen reist. Die andern zwei gingen täglich früh <Ui£= wärts, dem Geschäfte nach. Aber wie so oft, so nahmen auch hier die Dinge eine eigenartige Wendung. : In F. wohnte ein Wirt, nennen wir ihn Schmitt, der-bei den Armen, die damals noch in ziemlich größer Zahl aus dem Osten kamen, einen guten Namen hatte. Bei ihm konnten sie für 16 Pfennige nur übernachten. Freilich war das Lager höchst primitiv. Neben dem warmen Kuhstall befand sich ein gut geschlossener Nebenraum. Dort bereitete der „gute Wirt" den polnischen Juden, Unter welchem Sammelbegriff mall alle Armen registrierte, einLager aus Stroh oder Heu und bot Decken in großer Auswahl und allen „Qualitäten" und Altersstufen. Item, die Armen konnten für 10 deutsche Reichspfennige dort logieren, ohne „meschane Uschpis" sein Zn nrnssen, b. l), oljne ^ehrs^oesen; last not least waren sie allen Schikanen und Delasiigun« gen Uebelwollender enthoben. Am 14. Schewat ungefähr, gegen '3 Uhr nachmittags, kamen 5 arme Leute nach B. zum „Nächtigen", vier Polen und ein Ungar. Ein Hoffnungsstrahl durchdrang die Brust des alten Unterhändlers H. Er nahm Rücksprache mit den Orchim und erfuhr, daß später noch zwei Wanderer kämen; sie seien schon unterwegs und müßten bis in einer güten Stunde eintreffen. Die Hoffnung H.'s wuchs zu gespannter Erwartung: denn es war nicht unmöglich, daß mit dem Abendzug ttäch diö böidett Sählls fl. heimkehrten. So wäre ein Minjan beisammen. Und wirklich teilte ihm der kranke alte L. mit, daß die Söhne Lax und Leo um 6 Uhr eintreffen. Inzwischen waren die Fremden in die Wirtschaft eingekehrt, ein jüngerer Mann und ein Greis und letzterer hatte, auch an diesem Tage Jahrzeit. Welch ein Zufall und welch ein willkommenes Zusammentreffen von Umständen! Das Minjan war für abends und morgens gesichert. Äbsr noch mehr Der Unterhänbler ließ bem Qehrer imi> Borsteher frt 9>. mefbert, oh man nikhi mU dem Mincho-Gottesdienste des Chamischo ossor zugleich die offizielle Abschiedsfeier von der altehrwürdigen Synagoge verbinden könnte. Bis 9 Uhr morgens solle die Antwort da sein; die Armen warten so lange in B. Da die Gemeinde D. testamentarisch Erbe des heiligen Inventars der Synagoge B.'s sein sollte, so war es auch moralische Pflicht der ersteren, feierlich den Abschiedsgottesdienst auszugestalten. Man ging um halb 7 Uhr zu Maariw. Nach langer Zeit erstrahlte die Synagoge wieder im Lichterglanze. Die „koschere Schül" entzückte die Ostjuden; alles ward genau betrachtet. Wehmut erfaßte aller Herzen. Der Unterhändler bat einen der (BäftQr normom; er selbst war Darin um geübt, Und inbrünstig stiegen bie heiligen Gebele zum Allvater Israels empor, der ein ivv brriV' ist für alle Zeiten und Verhältnisse, die er uns in der Zerstreuung schickt. In ungehemmten, oft ergreifenden Tönen' machten die Fremden ihren jüdischen Gefühlen Luft, in allerlei Gestikulationen, die den Golusschmerz an dieser, dem Ende nahen Betstätte verrieten. Aus einem in ber Ecks liegenbert alten MisiHnabanbs lernte ff9Lk Herfch"^ &et- Irr der Zugend die Zefchiwah in Wloscin besucht hatte, einen Perek vor, worauf ein Lernkaddisch folgte. Die Armen waren dann Gäste der beiden jüdischen Familien und fühlten sich bei ihrem Kaffee und Butterbrot nebst Eiern recht wohl. Die Zungen lösten sich zu manch zutraulichem Gespräche. Indes war es 8 Uhr geworden. Man benschte und nach herzlichem Danke an die Gastgeber suchten die Müden ihr einfaches Nachtlager auf.- Der Morgen brach an. Das Wetter war im ganzen milde, der Himmel bewölkt. Um halb 8 Uhr war vollständiges Minjan versammelt. Einige der Armen waren schon nach 7 Uhr erschienen UttD kMkn SKiM MM i880 88l8 Di KWMttkll wimmsi'ttd, bald m Jubölakkvrdött aufjauchzend, in Eilschritten die kalte Synagoge nach allen Richtungen durchmessend, heftig gestikulierend. Um halb 8 fing man zu „dawenen" an. Und wiederum schauten die vier Wände auf das seltsame Minjan herab, zu ungewohnter Stunde in diesen Räumen vereint. Immer und immer wieder fielen die Blicke der Fremden auf die AnZstättlmZ ii# JaLchM. Der Gedanke an den Abschied von bem geweihten Raume entlockte manchen Schmerzensruf. Hie und da vernahm man ein nach tiefem Atemzug ausgestohenes „och, och!" Der Vorbeter orte aber auch mit innigster Andacht und verfügte überdies über eine weiche, klangvolle Tenorstimme. Die Ortsansässigen wärenzu Tränen gerührt. Der Unterhändler brachte kaum seinen Kadisch heraus. Nach Schluß der „Schul" mußte er noch manches erzählen aus bem fgnagogalen fiebert Vsr früheren sichre, bas fatcfir Stätte einst ger schaut und deren stumme Zeugen die alten wertvollen Leuchter, die hübschen Porochaus, der „Jüdsch-Stuhl", die Thorarollen und die gestickten Mäntelchen sind. Indes — es war schon fast halb 9 Uhr— mahnte die Zeit zum Weggehen, d. h. zum Frühstück. Die Gastgeber bewirteten wieder die alten Gäste wie am Vorabend. Inzwischen durchbrachen die ersten Sonnenstrahlen die Morgennebel und versprachen einen hübschen Tag. Es soll ja Frühlingsanfang fein! Um 9 Uhr traf die Meldung von D. ein, daß der Vorsteher komme nebst einer Anzahl Gemeindemitglieder, auch Frauen und Mädchen. Der alte Lehrer könne leider nicht erscheinen; sein Asthmaleiden fessele ihn ans Bett. Schnell traf man nun die Vorbereitungen zu der ergreifenden Feier. Die beiden Töchter des Viehhändlers suchten im Vereine mit mehreren Scheuerfrauen dem Gotteshause noch einmal ein besseres Aeußere unb Innere zu verschaffen; man Zehrst im V?u«inn unb «uf ber Ttrusik) m«n putzte rasch, staubte Leuchter und Bänke ab und die Brüder aus dem Osten blieben nicht untätig dabei stehen. Den alten Viehhändler L. aber duldete es nicht länger mehr im Krankenbette; trotz des Widerspruchs seiner Angehörigen stand er auf und rüstete sich zur Teilnahme am Gottesdienste. Er müsse unbedingt das letzte Kaddisch haben; seine „Owaus-Awosenu" seien von B. gewesen, während der Unterhändler von I. . .- dort hereingezogen sei. Jedes Widerstreben half da nichts; die Sonne schien ja auch herrlich und selbst der Himmel war frühlingsartig geworden. Das Gewölk verzog sich mehr und mehr. 3n Beherrschte um Die Mittagsstunbe reges Leben. Die lange Anwesenheit der Orchim, die beiden Gottesdienste und die Säuberung des Gotteshauses waren im Dörfchen schnell bekannt geworden und eine nicht geringe Anzahl von christ-

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