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Der Israelit · 1926-12-30 · Heft 53 (30.12.1926) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 53 (30.12.1926)
Date
1926-12-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Rr. 53 1926 Der hohe Rabbi Löw und sein Golem. 'x\m (Schluß.) Daß Rabbi Löw großer Kabbalist gewesen ist, geht aus seinen Werken, in denen nicht viel Kabbalistisches zu finden ist, nicht hervor. Viele behaupten und beweisen es, und die Volksüberlieferungs kennt ihn nur als Kabbalisten, als Schöpfer des Golem und als Mann> der Kaiser Rudolf Visionen aus dem Wolkenbsrsiche früherer Und späterer Welten sa deutlich vorgeiührt hatte, daEi biefec iWjc als genug hatte. -p-v.'r . _ Die Metaphysik lag ja damals in Prag sozusagen in der Lust. Es lebten dort Tycho Brahe, Keppler u. a. Der Hofstaat des Kaisers schwelgte geradezu in den metaphysischen Dingen. Man brauchte einen Rabbi als Kabbalistm. WU laicht machta es ihnan Dar j Utaüöi nicht immer, wenn man öer Sage glauben darf, und gerade in diesem Punkte darf man ihr glauben. In der Nähe von Prag wohnte, so erzählt man in Prag, ein Graf, der ganz besonders der Sternkunde hingegeben war. Er suchte die Freundschaft des Rabbi und trachtete Ähnlichst danach, von ihm in die Kabbala eingeführt zu werden. Als der Graf einmal seiner Verwunderung darüber Ausdruck gab, daß der Rabbi im seiner armseligen Behausung reichlich Platz für so viele Schüler hätte,, lud ihn der Rabbi mit seinem ganzen Gefolge ein, damit er sich überzeuge, tmemel Platz da noch vorhan--' den. sei. Wie verwundert standen die Edelleute, als sich in der aumseligen Behausung des Rabbi soviel Raum und soviel Pracht und Prunk auftaten, wie 'sie sie nur in den vornehmsten Fürstenhäusern gesehen. Um den Rabbi zu prüfen, ließ der Graf einen der Freunde einen goldenen Becher heimlich in seinen Mantel stecken. Tags darauf erfuhren sie, daß in ihrer Abwesenheit das gräfliche Schloß vom Erdboden verschwunden war. daun aber plötzlich wieder austauchte. Alles ‘ p?nr' ffiÄek auf feineiiv uiten Plaß/ bis «iif ‘einen goldenen Becher, der fehlte. Es war ihnen klar, daß der Rabbi kurzer Hand das gräfliche Schloß mit allem Komfort für einen Tag leihweise in sein Haus gezaubert hatte, so daß der Herr Graf sich selber bestohlen haste. Nun wünschte der Graf und der hohe Adel, ja, der Kaiser selbst kategorisch, sogar unter Androhung der Todesstrafe, vom Rabbi in die Kabbala eingeführt zu werden. Der Rabbi zögerte, erbat sich ‘ eine Frist und ließ sich den Kabbalisten Don Abraham aus Spanien kommen, d. h er wünschte es im Gedanken und Don Aüra- Ijam tn Spanten staunst? und In wenigen Alanden war er da. Don Abraham übernahm das schwere Amt. Zunächst klärte er die hohen Herrschaften über das Wesen der Kabbala auf: „Die Kabbala wurzelt tief im . Glauben an ein hohes einziges Wesen, sie kann nur von der Thora ausgehen und zur Thora zurückkehren, und darum können nur tiefste Gelehrsamkeit und innigste Gottesfurcht in ihre Hallen führen. Nur wer vollkommen rein und frei von Schuld und Makel ist, darf sich an sie heranwagen. Seid ihr es?" Der Graf bejahte es. Da führte Don Abraham den Grafen aus dem Dunkel ein Weib mit Msm Kinölsm im Arms vor. ihr Misses?" fragte er. Der Graf erstarrte in heillosem Schrecken, denn es waren Opfer seiner Liebe und seiner Nachsucht aus wildbewegter Jugend. „Ihr 'fetö schuldig," sagte Don Abraham, „und die Kabbala ist nur für die, die reinen Herzens und reinen Sinnes sind." Dem Grafen verging für die Zukunft die Lust an kabbalistischen. Anwandlungen. Es mag dies nur ein Märchen sein, aber es geht tief. Die Kabbala ist keine Metaphysik für Schwärmer, kein Tummelplatz für Zweifler un,d Neugierige, sie führt, ausgehend vom Worte der Schrift, 'ins Tiefste und offenbart sich nur demjenigen, dessen Seele unbeschwert von Schuld und Sünde den Schwung hinauf und hinab in die Höhen und.Tiefen unternehmen kann. Noch üppiger blühen die Legenden über die kabbalistischen Bande, die den Rabbi mit dem Kaiser Rudolf li. verbinden. In Mi c o v e c s Chronik wird mancherlei darüber erzählt, ebenso in den Ausgaben von Iirasek. Drv Mifta'tzÄU ttltü M bzsHzi-LlUtt WlmsH, daß ihm der Nabbi mittels der Kabbala bis Erz-. Väter Abraham; -Isaak ünd'Hakob, - ebenst»' dessen - zwölf Söhne vorführe und vorstelle. Nach langem Zögern willigte der Rabbi ein, unter der Bedingung, daß sich die Herrschaften anständig betragen und die heraufbeschworenen Gestalten mit feiner SSenterfimg ©erleiden.' Nun erschienen sie aus dem grauen Nebel, einer nach dem anderen, in faltenreichem Gewände, hochragend und Majestätisch jede Gestalt, bis sie sich in den Wolken verlor. Als Naphtali etwas rothaarig und eilig w i e ei ne Hündin über die Wolkenhöhe huschte, mußte der König laut auflachen. Sofort war die Vision verschwunden und die Zimmerdecke senkte sich, als wollte sie sie allesamt begraben. Die Höflinge, zu Tode erschrocken, eilten zur Türe, waren aber wie angenagelt und konnten nicht vom Fleck. Der Rabbi mußte mit seinen heißen Gebeten eingreifen, so daß die Decke stille hielt. Kaiser Rudolf war die Luft für kabbalistische Experimente für imsim krrsWSkll wft kk mmt MW mit Brr halb eittgeseMen Decke nie mehr im Leben. Die populärste aller Legenden um- Rabbi Löw ist freilich die Golem-Legende. Kurz gesagt, ohne das poetische Beiwerk der späteren Dichter, soll sich die' Sache so verhalten haben, daß der Rabbi einem von ihm angefertigten Tonklumpen mittels des heiligen Namens Leben eingehaucht hatte, so daß er ihm stummer, treuer Diener wurde. Große Vorsicht war ge- £>aienr da der Golem sich peinlich cm das 9Öori hielt, es ohne eigene Denkkrast zur Ausführung brachte, und jedes Mißverständnis Unheil bringen konnte. Je am Freitagabend kurz vor Sabbateingang wurde ihm der Schem und damit das Leben für 24 Stunden wieder genommen und er konnte sich in die tote Ruhe des Tonklumpens begeben. Einmal wurde dieses vergessen und die Folge.davon war, daß der Golem Sabbatlichter anzünöete, so gründlich, daß er die ganze Stadt Prag in Brand setzte. Der hohe Rabbi Löw mußte aus die Synagoge eilen, um den Geist, Den ßr hamusbaschworan'. Mßdar zu bannßn und es? gelang noch, dem Unglücke, nachdem es bereits viele Opfer gekostet hatte, Einhalt zu gebieten. Mit diesem Ereignis soll es Zusammenhängen, oaß in der Prager Altschul heute noch der Sabvatpsalm zweimal gesagt wird. Spätere Dichter suchten tiefe Symbolik in die Golemgeschichte hineinzulegen und sie nach ihrer Art in eigenes Gewand zu hüllen. Schon in älterer Zeit existierte in böhmischer Sprache ein Theaterspiel mit dem Golem des hohen Rabbi Löw als Motiv, Bekannt ist der Golem-Roman von Meyrink, der darin alle Mystik und Symbolik Altprags hineindichtet. Der tSslE isi htei» fc&ü BAH Zeit ' ' Zeit mit gezücktem Schwerte auftauchende Weltschicksal. Im Kino wird wiederum der Golem in eigener Bearbeitung anders an die Wand gemalt. Zuletzt erlebten wir im Frankfurter Opernhaus sogar einen singenden Golem, an der Seite einer Frau, der Pflegetochter des Rabbi, Lea, die die Legende im Ursprünge gar nicht kennt. Sie, Lea, weckt ihn sozusagen zu höherem Leben, zu einem Leben des Denkens, zu einem Leben der Liebe, und das Unheil, das er bringt, ist die Rache dafür, daß ihm die Lea genommen wird. Man sieht, jede Zeit hat ihren Golem, mehrt den Legendenkranz noch um einige Blüten und Ranken. Die Schuld des großen Lehrers und Führers Rabbi Löw ist es nicht. Er ist der. einzige, der eine Golemlegende Nicht gedichtet hat.. Es gibt auch eine rationalistische Deutung der GoleMlegende, die wir der historischen Wahrhaftigkeit wegen anführen, ohne sie für die richtige m WtM, Danach hatte der Rabbi eisten Qumv, vielleicht war er, gär kein Jude, der mit seinen gewaltigen Fäusten, die die Gehirnsubstänz ersetzten, mit seiner phänomenalen Körperkraft bewundert und gefürchtet wurde und mit diesen Gaben den Pöbel in respektvoller Entfernung vom Ghetto hielt. Worte lagen ihm nicht und Mi ßmim wm nicht srim Sachs, iv w»v s6m ein Golem, womit noch heute im Osten ein schwachsinniger Mensch bezeichnet wird. Aber er packte mit seinen gewaltigen Fäusten zu, sobald Not am Manne war, besonders wenn böswillige vorwitzige Elemente sich zu nahe ans Ghettotor herandrängten. Eine solche Gestalt wardamals für das gefahrumdräute Ghetto zum Schutze des Rabbihauses und der Judengemeinde ungemein wichtig. Der Aberglaube in der nfchtjüdischen Stadt kam ihnen zu Hilfe. Man erzählte sich Legenden von der Körperkraft des Golem und hielt ihn bald für eine mystische Gestalt. Den Hehörden, die unter Rudolf H. den Willen hatten, die Juden zu schützen, aber es tei Un (jpftjgeljenken fiufjwellen msf)t immer vermochten, konnte diese Legendenbildung nur recht sein. Die Golemlegende war die beste Schutzpolizei. Als einmal kürz vor Sabbatheingang ein Ueberfall auf das Ghetto geplant war, wollte sie der Golem „heimleuchten" und zündete kurz entschlossen Prag an. Das wäre dei einfachste Lösung — wenn sie historisch verbürgt wäre. In Wahrheit beruht auch hisse. Deutung nur aus Kombinationen. dis mit her Regierung Hs Wunders nicht wahrscheinlicher werden.-:- Auf dem alten Prager Friedhof, am Rande eines schattigen Weges, steht, wie ein Hirt unter seiner Herde, ein hoher Grabstein, von einer ganzen Schar kleinerer Steine umgeben. Hier ruht der hohe Rabbi Löw im Kreise von dreißig seiner Schüler, die neben ihrem Meister ihre' Ruhe fanden. Auf dem Grabstein ist -kein Wort vom Golem zu lesen, auch sonst nichts von Kabbala. U. a. lesen wir die Worte bvn hwi 2N232> 0353 o*ns Vd -nrchv ’m "'irr *0it» nasn baa’j irchrrrrw ns Reden Ihm der Eradfiein {eine? Fra« Pert, von der gesagt ist, nwn rWw. Und wir fügen hinzu: Nicht an seinem Golem erkennen wir den hohen Rabbi; er hat auch Menschen geschaffen und gebildet in anderem Sinne, wie es Abraham, Mosche und große Lehrer der späteren Zeiten getan haben, Menschen, die den Schem, die Lehre und die Ehre des göttlichen Namens in die späteren Generationen hinaustrugen. Nennen wir nur einen, Rabbi Jomtow Lippmann Heller, den „T a u s f a u s I 0 m t 0 w", der ganz Geist von seinem Geiste ist, und wir erkennen den Meister und sein Work. J

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