Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1926)
- Date
- 1926-12-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Teuilleton- Beilage Der Israelit mm Der Wächter am Aischlor. Bon Carl Kolkervaum. (Schluß.) Sebena, der bis dahin wortlos dem erregten Gespräch gefolgt war, trat einen Schritt vor und legte die Hand auf die Schulter des assyrischen Gycnipkmanrts. „Sage, wenn wir die Tore öffnen und uns unter den Schutz Assyriens stellen, was geschieht dann mit uns und der Stadt?" fragte er lauernd. Der Affyrer fuhr herum. „Ich will nicht verhandeln", schrie er wütend, „ich will stürmen!" „Soll ich nicht vorher die verschütteten Brunnen reinigen lassen, damit deine Krieger vor dem Sturm ihren Durst stillen können?", höhnte Eliakim. Der Assyrer zuckte zusammen und überflog mit forschendem Blick die judäischen Männer. „Ich hole mir Wasser aus eurer Stadt," knurrte er grimmig. fr93erfpridj ffitfftffTtifl, Wflf V« MHt gll hatten vermagst. Einer deiner Leute möchte es hören und die Einlösung deines Versprechens verlangen," meinte Joah, der Kanzler. Der Rabsake von Lachis wandte sich an Sebena und sprach flüsternd mit ihm. Dann zog er ihn beiseite. Eliakim und Joah wechselten einen kurzen, bedeutungsvollen Blick. Da unterbrach dumpfes Waffenklirren die Verhandlung. Benaja, der unter dem Eingang des Tores im Mittelpunkt des bewaffneten Halbkreises gestanden hatte, zog die starke Wache aus der Stadt heraus und stellte sie im Halbkreis zum Schutz des offenen Zuganges vor die Mauer. Er mvsl trat Den DogM in Der JjanD, einige Schritte vor die Kette der Krieger und befand sich nun in unmittelbarer Nahe der verhandelnden Gesandten. Thartan, der aufmerksam die Bewegungen der Wache verfolgt hatte, fragte spöttisch den Kanzler Hiskias: „Fürchtet der Torhüter einen unverhofften Ueberfall-oder will er uns feine Kampfbereitschaft zeigen? Er soll besser den Rest des Brotes herausbringen, damit ich sehe, wie lange ihr noch satt werdet." „Wir «erden |attf M» vjs Asgyxtxs hm sind und dich vertagen/' antwortete ihm Cliakim. „Arme Hoffnung!" Der Assyrer machte eine wegwerfende Handbewegung. „Die Aegypter sind so stark, wie die Meder, die sich gegen Assyrien auflehnen und bald gegen Ninive ziehen!" „Wer sagt dir das, du Lügner", entfuhr es Thartan. „Du lügst, Thartan, wenn du es leugnest. Aber ich weiß mehr noch: Es gärt im ganzen Lande, die Perser und Babylonier reichen sich über euch die Hand. Die Chaldäer sammeln Waffen." betne Krrsgsr |et>en ntd^i gejwnb au&j ThaNan," fuhr Dvay fort. Der Assyrer wandte sich seitwärts, wo in eifriger Unterhaltung der Erzschenk mit Sebena stand. Der Rabsake von Lachis fing den Blick des Hauptmanns auf und trat zurück in den Kreis. „Ich beriet mit Sebena," sagte er mit fester Stimme, „die Tore Jerusalems werden geöffnet, eine kleine Besatzung sorgt für Ruhe. Assyrien stellt zweitausend Pferde zur Ausbildung eines judäischen Heeres unter dem Oberbefehl Sebenas, des Schatzmeisters." Cliakim und Joah stottden wie versteinert Sebena kam mit schleichendem Schritt heran, sein Gesicht war eine starrgraue Maske. Aus dem Gürtel zog er ein Pergament, rollte es mit entschlossenem Griff auf. - „Ich fyabe besondere Vollmachten vom König!" Seine Stimme klang heiser, rauh. „Hier sind sie. Und im Namen des Königs bitte ich um Frieden für die Stadt!" Thartan der Assyrer atmete auf wie von schwerer Last befreit, der Rabsake von Lachis ließ triumphierend die Blicke über die Mauern Jerusalems gleiten und lächelte hämisch in den dunkelglänzenden Bart. Ds ZSkhsSks zj» ZsffMsL, Befehlswort die Luft. Raffelndes, stampfendes Dröhnen brauste heran.^ Aus dem trockenen, steinigen Boden quollen weißgraue Staubschwaden empor. Ehe einer der Männer begriff, was urplötzlich geschah, hatte sich der eiserne Kreis der Torwache um die Minister Hiskias geschloffen; die assyrischen Führer standen außerhalb des Ringes. Benaja, hochaufgerichtet inmitten seiner Getreuen, hob die Stimme zu donnerndem Ruf: „Schließt das Haupttor! Auf die Mauern die Bogenschützen! Wachet gut! Ihr, Assyrer geht zu eurem Heer, berennet die Stadt, nehmt sie und verbrennt sie. plündert, mordet, raubt! Aber nie ncn$) fiel Jerusalem durch schnöden Verrat. Eliakim und Joah, ihr seid frei, denn eure Herzen und Hände sind rein! Du aber, Sebena, und deine Vollmacht, ihr bleibt in meiner Hand und in der Hand der tapferen Männer von Juda, die über euch zu Gericht sitzen. Deine Vollmacht ist dem König erpreßt, ich kannte sie, ehe du aus meinem Tor gingest!" In das rollende Knirschen der Tore, die in die Riegel fielen, mischte sich tobendes Beifallrufen von den Mauern. Die Affyrer sprangen zu ihren Rossen, warfen sich in die Sättel und stoben norbmäris in ber S^tdpitmcj des lagers davon. Durch das schmale Seitentor trat als letzter Benaja in die Stadt. Er hieß Sebena ins Gefängnis legen und scharf bewachen. Dann übergab er Eliakim sein Schwert. „Bringe es dem König! Er und die Männer Judas sollen zu Gericht sitzen heute noch über Benaja, den Sohn Sallums, und sollen entscheiden, ob er Recht tat wie ein Mann oder ob er fehlte!" Im Lager der Affyrer schlich auf leisen Sohlen tückisch von Mann zu Mann die Pest,., Scheoffoh tttffitn. Von Dr. G. in S. Wir sprechen häufig von den Wundern der Vorzeit und danken Ihm, der einst „Wunder unseren Vätern erwies". Ereignen sich heute keine Wunder mehr? Bedürfen wir ihrer nicht mehr oder sind wir ihrer nicht mehr würdig? Und bedarf es ferner immer eines übernatürlichen Eingreifens und. einer Aenderung der natürlichen Konstellation oder ergibt sich das Wunder nicht vielmehr von selbst aus dem Kausalnexus der Ereignisse? '.012 1’3ö 138 0377 ^»3 1^’SX- „Selbst der, an dem sich das Wunder vollzieht, erkennt dieses Wunder nicht," sagen unsere Weisen. . Wenn wir erst gewohnt sind, unsere ganze Lebensgestaltung unter dem Spiegel derri'v»'-- nniun verlaufen zu sehen. mihi mernen mir am Die ffiunDor qöhmBmh. M iMv Üßößn unsichtbar' VSi'kSttM. DSl- Wällkrreg rn!i seiner Fülle von Ereignissen hatte manch Wunderbares für den einzelnen im Gefolge, daß aber auch abseits vom Donner der Geschütze sich Wunder vollzogen, soll folgende Erzählung lehren. Der Winter des Jahres 1917 war so strenge, wie kaum zuvor einer. Zu den mannigfachen Leiden und Entbehrungen des Krieges war die strenge Kälte getreten und wirkte lähmend auf die bereits geschwächte Widerstandskraft. Auch im Gefangenenlager zu G. hatte sich die eisige Kälte erstarrend auf.Gefangene wie auf Wachtposten gelegt. Man war sogar - dazu übergegangen, die Wachen einstündig aufziehen zu lassen. Aber auch diese Stunde konnte zur Ewigkeit werden, wenn der einsame Posten zum wiederholten Male die kurze Strecke seinesReviers abm<t^ und nur das Knistern des Schnees unter den schweren Schuhen die monotone Stille unterbrach. Hier war ulles menschliche Denken , fast völlig ausgeschaltet und die,Seele>in eine mit-aüto-i ' malischer Gleichmäßigkeit sich bewegende Maschine hin-! eingezwängt worden. V " . An der Nordostecke des Lagers, dessen Seitenfront' einem Nadelwald gegenüber lag, stand aus ziemlich vorgeschobenem Posten in mondheller Mitternachtsstunüe ein junger Landsturmmann. Eben hätte er den Blick zur ' strahlenden Mondessichel emporgerichtet, indem feinen Lippen geheimnisvolle Worte entfuhren und sein Kör-, per rhythmische Bewegungen oollführte, die wohl nicht in seiner Dienstordnung enthalten waren. . :n/13313 1VX Q'23131 NN' 1'/I»2XX rr?»a 1'VI» ,1X1X '3 „Sei)’ id) Deinen Himmel, Deiner Hände Werk, Mond Uttlv (Sterne, die Du geschussen": i3-rpsn a-?N jsn 13*137/1 ’S W3K nra- „Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkst, und der Erdensohn, daß Du seiner achtest?! . Und dann mit dem jüdischen Friedensgruß und einer Verbeugung nach oben"! ax ^XIE?’ i>3^1 1li> 'N' 21v i>7»1 21v Ein gutes Zeichen und ein günstiges Geschick sende UNS und uns ganz Israel, Amen! . . /' Und nun mit einem Gruß zum Waldesrand hinüber: -'17» X3’ i'xa nnnn 5X '3'» XL?« „Ich erhebe meine Augen zu den Bergen, von wannen wird meine Hilfe kommen. ' - -fixi B'»t? <1B7» 11 D»n '17» Meine Hilfe kommt vom Herrn, dem Schöpfer von Himmel und Erde ..." Mit einem „gut Chaudesch", „gut Jahr", schloß er hie N32^ vii'p in dem frohen Bewußtsein, wiederum eine neue ß^n^erfic^erung' pf MklM MSMvM zu haben. Nun aber verloren sich seine Augen in die Weite, starrten in das Dunkel des Tannenwaldes hinein, der sich gespenstig dort vor chm aufrichtete. Seine Gedanken, weilten fernab bei seinem asten Mütterlein, das in dieser Stunde wohl ebenso sehnsüchtig des einzigen Sohnes gedachte. Vor kurzem erst war der Vater gestorben, Geschwister besaß er nicht, noch sonst jemanden, der ihm beruhigende Nachricht über das Wohlergehen seines geliebten Mütterchens zukommen lassen konnte. Wie mochte es ihr ergehen? Was mußte sie, besonders bei der kargen, unzulänglichen Ernährung in der Großstadt alles erdulden, Diese und andere Gedanken zermarterten fein ' Hirn. Zudem stand Chanukka vor der Türe. Wiöv gerne hätte er nur einen einzigen Abend die Lichtlein zuhause entzündet, um beim Scheine derselben wie von altersher gMMllA mit feinem mtmram in MM. Emen Moment nur zauberte er sich das Bild dieses häuslichen Glückes vor Augen. Cr saß am behaglich geheizten Kamine, vor ihm die von liebevoller Hand gebratenen Aepfel. Im Lehnstuhl am Fenster neben den Lichtlein saß die Mutter mit einem Strickstrumpf in der Hand, den sie von Zeit zu Zeit hinlegte, um für das leibliche Wohl ihres Sohnes zu sorgen. Ein scharfer Windstoß ließ ihn zusammenfahren. Das schöne Bild war zerstoben und er, fast zu Eis erstarrt, in die schroffe Wirklichkeit zurückversetzt. Er stampfte heftig mit dem Fuße auf. Unmöglich, es konnte nicht fein. Zu allem Unglück war gerade eine Urlaubssperre eingetreten, bei der nur in dringenden Fällen Urlaub erteilt wurde. Auf reguläre Weise wäre ein solcher nicht zu erlangen gewesen. Da freriif?r±ö. ifyrt <*irt /Sebctnlf-e, berx er x?ergeb«n& |ucf)ie. - &m öviger tMfjitirmr «Titer &6TT LMWslUkMleiMll > Urlaubsscheine; für die man sich den Stempel irgendwie zu verschaffen gewußt hatte. Nur die Unterschrift brauchte darunter gesetzt zu werden, dann war der Schein in Ordnung. Auch ihm war ein solcher Schein angeboten worden, und er hatte ihn, ohne sich dabei etwas zu denken, eingesteckt. Jetzt konnte er Hilfe bringen. Auch die Umstände kamen ihm zugute. Kommenden Sonntag in acht Tagen war der erste Chanukkaabend und von Samstag mittag bis Montag hatte er dienstfrei. Er konnte also, wenn er die Nächte zu Hilfe nahm, den ganzen Sonntag zuhause weilen und pünktlich wieder zum Dienst zurück sein, ohne daß sein Fehlen auch nur aufgefallen wäre. „Begehe ich etwa ein Unrecht, wenn ich das, was viele andere tun, auch tue, indem ich, ohne meinen Dienst zu versäumen, zugleich eine große Mizwoh erfülle?" Der Drang, sein Mütterlein wieder mol ju M vM kW LWllM zu inßunDüiL MMM MbeMH alle MMMM und Einwänds Umz bessere» Triebes. Nachdem der Gedanke zur.Reife gediehen .war, stand sein Entschluß auch schon fest. Gleich nach der Wache besorgte er sich Kerzen, traf die nötigen Vorbereitungen, und bald befand er sich in voller Fahrt nach der Heimat. Alles ging, glatt vonstatten. Seine Gedanken eilten dem Zuge voraus. Wie atmete er auf,^ als er jenseits der Bahnsperre angelangt, den Fuß in die Stadt setzte und nun mit schnellen Schritten seinem Mütterlein zueilte. Die Wiedersehensfreude zwischen Mutter und Sohn läßt sich nicht beschreiben. Es waren Stunden reinsten, ungetrübten Glückes, inniger Herzensfreude, die die beiden mit einander verlebten, denen eine solche tiefster Weihe 'folgte, verklärt vom Scheine des ent-