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Der Israelit · 1926-11-25 · Heft 48 (25.11.1926) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 48 (25.11.1926)
Date
1926-11-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Der Wächter am Fischkor. Bon Gart KoKervaum. »A1K Als Benaja der Bogenschütze, der bestellt war zum Hüter des- Fischtores, auf die Zinnen des starken Seitenturmes hinaustrat, zuckte flimmernd der erste blutrote Sonnenstrahl des Mor- 8kllZ um uns Mvugk unv üSMMkrk ölk Lsudschüft mft stnsi? schimmsrndsn Woge gartgstöntm Goldglanzes, der sich über den dunkeln, dampfenden Wassern des oberen Teiches wie ein kostbar gewirktes Schleiertuch spannte und die Zelte der assyrischen Heerführer dem spähenden Blick entzog. Im ersten, schüchternem Windhauch, der, gesättigt mit würzigen, erdschweren Düften, vom Meer her; über die fruchtbare Ebene aufkam, wiegten sich, im Anfang ein wenig ängstlich, die überschlanken Pappeln, rauschten erwachend die breitausladenden, saftgrünen Palmen. Die wie von schwerer Arbeit gebückt dastehenden Oelbäume, die jenseits des Tales am Abhang des Bergzuges ihre tausendjährigen, knorrigen Stännne gegen das tocSeve (ErbrettJ) fiemmteri, lisstsn die spitzen, WkißbüuchWn Blättchen lustig wirbeln, damit das kraftspendende Leuchten aufgesaugt würde mit allen Poren. Mit sorgenvollem Blick streifte Benaja das Lager des assyrischen Heeres, das wie ein eherner Ring unzerreißbar um die Stadt gezogen war. Bis auf fünfzig Schritte waren die Vorposten gegen die Tore herangeschoben und lagen da, Mann an Mann, gedeckt vom erzbeschlagenen Rundschild, jede Bewegung auf den Mauergängen auszukundschaften. Hin und wieder schwirrte von dort ein zischender Pfeil mit schmetterndem Schlag gegen Stein und , Gebälk, weniger um Schaden anzurichten, als die Belagerten zu blindwütiger Gegentat zu reizen und so ihren Widerstand gleich kleinen Rinnsalen aus wasserreichem See abzulEen und zu schwächen. Die Führer der jüdischen Wachen jedoch waren alte, in immerwährenden Kämpfen erprobte und geübte Krieget?,. Me schön unter @omcj ülhcrs, als Me neue und feste Mauer zwischen Fischtor und Davidsturm noch nicht stand, die hellige Stadt verteidigt hatten gegen Rezin, den Syrer und seine sturmgewohnten Scharen. So lagen denn die Brustwehren still und wie im Frührot träumend. Hob aber einer der assyrischen Schützen um eine Handbreite den eisengeringten Helm über den Schildrand, dann fuhren sichere Geschosse blitzesgleich aus dem gezackten Mauerkranz. Allmählich schlug die rote Lohe des aufsteigenden Sonnenballs einen purpurfarbenen Mantel um Stadt und Feindeslager; die duftschwangeren Nebel hoben sich, von geheimnisvoller Kraft in den leeren Raum gestoßen, und zerflossen im Zenit, wo in zerrissenem, zerwühltem Farbenspiel das brandhelle Glühen des neuen Tages mit dem kühlgleißenden Blau der unendlichen Himmelsferne urgewaltig rang. Benaja wandte sich nach Osten und senkte das erzgeschirmte Haupt tief und demütig im Gebet, öösssN Flucht nurdönn lelrenM^ trs^igreife fresst ist, wenn sie mählich aus einer hilflosen, blatzverwehten Blüte ersteht: dem tiefen, zweifelsfreien Vertrauen. Der Aufschrei des Kriegers zu Gott ist hart und kurz wie Eisenschlag auf Eisen; zusammengeballt ist die zwingende Wucht der Gedankenkette in den starren Reif eines Wortes, das aus dem engen Spalt der zusammengebissenen Zähne flehend und fordernd zugleich zum Himmel stößt. Noch stand so-demütig ringend der greise Hüter des Nordtores, als das zerfetzte und doch sonderbar rythmische Dröhnen von vielen Hufen trabender Pferde auf dem steinigen Vorgelände die verlogene Morgenstille zersägte. Benaja, rasch den Standschild zur Deckung zwischen Knie und Maueransatz klemmend, sah einen Reitertrupp in der Richtung auf das Tor herjagen, der seltsam abstach von den Rotten, die sich bisher näher als in Bögenschußweite an die-Stadt herangewagt hatten. Zuerst erfaßte der Alte nicht, weshalb der Anblick der Ansprengenden so sonderlich wirkte, dann aber stahl sich ihm ein verächtliches Lächeln auf die schmalen Lippen: die Assyrer ritten ohne Angriffswaffen, ohne Panzer, ohne Syeittx- <3te irugen mir ben gebucfelien . Scfjilb. „Nkük Kriegslist!" murmelte der Wächter grimmig. Laut aber rief er den Männern auf der Mauer ein scharfes Befehlswort hin. Gleich erregten Nattern zirpten in hohen Tönen die gespannten Bogensehnen. Bis in die Linie der eigenen Vorposten kamen die Reiter heran. Dort sprangen sie aus den goldüberlädenen Sätteln und’ einer, von ihnen schritt, den Schild sorglos am Traggurt über die Schulter gehängt, weiter voran gegen die pfeilstarrende Mauerwehr. Benaja, in dem Staunen und Mißtrauen gleichzeitig wuchs, senkte den oberen Schildrand bis zum eisernen Halskragen, beugte , sich, ein rvsnig vor. und. rief gell mti roeithinflHallender SümmV Mn fomnieni>en cm: „Bleibe stehen, Assyrer, und sag dein ärmliches Sprüchlein her, so du eines weißt. Wir auf den Mauern haben gute Ohren." Der Assyrer hielt an, legte die hohlen Hände um den bärtigen Mund und schrie herüber: „Hüter des Tores, höre! Mein gewaltiger Herr, der große König der Assyrer, die Samaria demütigten, will den Verrat und Abfall Judas nicht bestrafen, wenn ihr die Tore der Stadt öffnet und euch unterwerft. Bedenket, daß Hemath fiel und Arphad und Sepharvaim, die starken Städte und gar Gilead. Mein mächtiger Herr aber bietet euch Frieden und seine Heerführer wollen verhandeln mit Hiskia, eurem König, so er vor die Mauern der Stadt kommt. Saget —--" „Genug! Spare dein unnützes Geplärre, du KnMl" Mtcmm ihn laut Menü Dmaja. „gehe hin und fags dsinsm protzigsn König und deinem großmäuligen Feldhauptmann, daß Hiskia, der König über ganz Juda, nur verhandelt mit Königen, nie aber berate mit den Knechten Sanheribs.. Sage auch und vergiß es nicht — es gilt für deine Haut besonders —, wenn wieder einer käme, zu reden statt zu fechten, ans Fischtor, er solle nicht zu uns sprechen wie zu entlaufenen Sklaven, sondern wie zu freiem Volk; es möchte ihm sonst vielleicht übel gedeutet werden von den zielsicheren Schützen auf den Mauern!" Noch einmal hob der Sendbote an: „Ich habe weitere Vollmacht. Wenn euer König nicht vor die schützende Mauer kommen mag, so mögen seine Kanzler und Kämmerer sich beraten mit Thartan, dem Feldhauptmann und dem Rabsake von Lachis, der des Königs Erzschenke ist." lim eines Herzschlags Länge überlegte Vs- Nöjö. Allgu (jrö|jer gen, die SiegesgewMeit der Worte war nicht Ueberzeugung, denn die Stadt war nicht zum Besten mit Nahrung versehen. In der dunkeln Rundung des Schildes grinste ein fahles Gespenstergesicht: Hunger. Er hob die Rechte: „Das ist ein ander Wort, Sklave. Stehe denn an deinem Platz, bis dir Weisung wird, ob es den Ratgebern des Königs gefällt, mit deinen Herren zu reden. Bis dahin aber wende deine falschen Augen dorthin, woher du kamst, denn hier ist nichts zu erspähen." r. 4$ Der Bote wandte sich, den Rücken zum Tor gekehrt. Benaja aber hieß einen der Obersten hinaufgehen in das Haus des Königs, den Wunsch der Assyrer zu künden. Als sich die ehernen Flügel des Fischtores. unwillig ächzend und knirschend öffneten, stand hoch im Mittag die Sonne und riß jetzt in den breitgelagerten Schatten, der die Stadtmauer im Vorgelände begleitete, ein scharfbegrenztes, längliches, helles Viereck von elfenbeinfarbenem Licht, das sich wie eine hochgeschwungene Brücke über einen Abgrund voll dumpfer Finsternis hinwarf. Am Ausgang schloß kampfbereit ein Halbkreis von Krisgsrm Schild neben Schild zu fast fugenloser Sßauer gestellt^ das 9micre der Stadt ab. Aus dem geöffneten Tor hinaus traten die Ratgeber des Königs Hiskia: Eliakim, der Hofmeister, Sebena, der Verwalter der königlichen Schatzkammer und mit ihnen der Kanzler Joah, Sohn des Asiaph. Sie schritten waffenlos bis zur Stelle, an der unbeweglich wie ein Steinbild der assyrische Bote vom frühen Morgen her wartete. Ihn hieß jetzt Sebena-. hinübergehen zu der Reiterschar, die in einiger Entfernung sich gelagert hatte, und die Gesandten Sanheribs zur Beratung zu bitten. Im freien Feld, zwischen der bewehrten Mauer der heiligen Stadt und dem drohenden Heeresring der Belagerer trafen sich mc Männer: Dsv Rsbssks von üschis, dsi» dss Königs vsn Asfur Vertrauter war, begann: „Männer von Juda! Wir kommen, um euch Frieden zu bieten im Namen unseres mächtigen Herrn. Eure Stadt ist eingeschlossen und jeder Widerstand nutzlos. Mein großer König will eure Mauern nicht berennen und euren Abfall nicht mit dem Schwert vergelten." „Er will nicht? Seit wann wurde aus dem reißenden Löwen ein artiges Lamm?" warf Eliakim ein. Der Assyrer hob beteuernd die Hand: „In Frieden sollen die Völker meines siegreichen Königs leben!" „Also doch: Völker deines Königs!" „Unter dem Schutz Assyriens!" „Wir bedürfen deines Schutzes nicht. Wir sind und bleiben frei!" »DH Witt MH MkWiM guflWiM „Du bist der Rabsake von Lachis! Ich frage Thartan, was er zusagt." Der Erzschenke biß sich auf die Lippen und warf einen schnellen Blick hinüber zu dem Feldhauptmann. Der alte Krieger blieb stumm und schaute gegen das Blau des Himmels, als langweile ihn die Beratung. „Sieh, Rabsake, ich bin erstaunt, daß es so ehrliche Assyrer gibt", fuhr Eliakim lächelnd fort, „sie mögen selten sein. Die aber, die als Philister geboren sind, sind es wohl nie." Dem Erzschenken Sanheribs stieg rote Glut in die hageren Wangen. In seinen Augen glommen böse Lichter auf. Ehe er antworten konnte, sprach Thartan scharf: „Wollt ihr die Mauern der Stadt preisgeben vor Untergang der Sonne? Ich gewähre euch freien Abzug mit Weib und Habe. Mehr nicht!" Eliakim beugte sich vor und sah dem Assyrer fkst m? AtM, „Deine Ehrlichkeit mmv nicht von langer Dauer, Thartan!" sagte er leichthin, „willst du uns nicht auch bestimmen, wohin wir abziehen sollen? Freiwillig nach Ninive, eurem König Paläste zu bauen? Ein schlechter Vorschlag, guter Feldherr!" Thartan wandte sich brüsk und rief laut über die Schulter: „Ihr wollt nicht? Rabsake, wir stürmen noch heute!" (Schluß folgt.)

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