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Der Israelit · 1926-10-28 · Heft 44 (28.10.1926) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 44 (28.10.1926)
Date
1926-10-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Hr.44 yrö Die Perle von Aegypten. Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Jzchakl. (Fortsetzung). Je weiter die Nacht vorrückte, um so heißer und brünstiger wurden die Gebete. Die Alten saßen alle ^ix 23obert ttrtb roetrtiert ein^elrt ober tm Chore das Mitternachts>G ed et. „Eine Stimme ist in Rama zu hören. Nahet weint um ihre Kinder! . . ." An abgelegenen Stellen kauerten hingegeben Menschen, das ergatterte Plätzchen an der heiligen Stätte mit ihren Ellenbogen verteidigend, mit ihren eigenen Tränen und eigenen Gebeten. Der alte Jemenite gab die Mädchen nicht mehr los. Er betrachtete das empfangene Trinkgeld als wohl erklecklich, um ihnen, gewollt oder ungewollt, weitere Aufklärungsdienste zu leisten. - „Sehen Sie den Mann da," sagte er, „der schon fast alle Tränen ausgeweint hat und nur noch den Kopf auf die Steine legt, wie in den Schoß der Mutter. Er hat eine kranke Frau daheim. Und dieses Heim ist eine armselige Hütte, und fünf kleine Kinderchen, eines kleiner als das andere, nächtigen dort auf Stroh und schlafen Mit Hunger ein, weil der letzte Verdienst aus dem kleinen Handel für Doktor und Apotheke draufgeht. Stirbt ihm die Frau weg, dann, weiß der liebe Gott, was er mit seinen fünf Würmchen ansängt, das jüngste hätte noch an, ,eine Mutterbrust gehört ... „Und dort die Frau, die so mit den Händen ausfährt, als würde sie mit jemand rechten. Wer , , , iQw?i M M M WT teriß in ßinßr Woche gßstorbßn. Dag Drittß, Dag letzte, liegt krank. O, daß ihr beschieden sei, die richtige Minute der Mitternacht für ihre Gebete zu finden..." Er kannte sie alle, der alte Jemenite, und er hörte nicht auf zu erzählen. „Da wieder eine Frau. Sieht aus wie eine Greisin, aber ihr Gesicht müßten Sie sehen. Zählt kaum einige und zwanzig. Ihr Mann ist nach dem Kriege von dannen gegangen, man sagt, nach Amerika. Hat aber nichts mehr von sich hören lassen, und sie darbt mit ihrem Kinde, ist eine Agunoh. Daß der liebe Gott ihr das Herz des Mannes wieder zuwende und ihn bringe, betet sie, ich wette darauf ... „Sehen Sie da die Gruppe der Männer, die mit umvrWllgmm Deinen wie Die Hirten beim Kartenspiele im Kreise sitzen und Gebete singen. Es sind Landsleute von mir, Jemeniten. Schwer ist das Leben dort in Jemen. Man raubt' uns die Häuser aus und schändet unsere Frauen. Groß ist der Haß und hart die Geißel, die dort der liebe Gott infolge unserer Sünden über uns schwingen läßt. Moschiach muß kommen und sie und uns alle erlösen. Sie sitzen hier und warten auf die Minute — ich werde mich gleich zu ihnen setzen ..." Reisele fand jetzt beinahe Gefallen an dem Manne, in dem sie erst einen zudringlichen Bettler gesehn haste. Es eilte ihm noch nicht so sehr Mit dem Anschluß an seine Jemenitengemeinde. Die Minute war seines Erachtens noch nicht gekommen. und er erzählte weiter: „HllttdöAß BM Mißtm Uttd Müttern liegen hier und weinen um ihre'Söhne, die in den Krieg gezogen und nicht wieder gekommen sind und von denen sie nicht wissen,, ob sie noch leben oder starben, ob durch Schwert, durch Hunger, durch Seuche, durch Feuer oder Wasser und in welcher Erde sie begraben sind. Es ist so bitter, wenn man nicht weiß, ob man für das Leben und Wohlergehen oder die abgeschiedene Seele seines Kindes beten soll ..." Ein Schauer durchschüttelte Reisele, und wieder stellte sich bei ihr die unbezwingliche Lust ein, des Mannes los zu werden und sich selbst mit ihren Gebeten, die ihr das Herz abdrückten, vor die Steine zu werfen. „Ihr wolltet uns einen Platz an der Mauer frei machen, guter Mann," sagte sie und schob ihm ein zweites Geldstück in die Hand. Er nahm es und dankte, ohne die Unterwürfigkeit von früher zu zeigen. Er hatte im Reden urtb ÜDHHetlert seinen Stolz roteber gernonnen. „Dvrt an jener Nische sitzt ein Mann seit Nachmittag schon, er wird wohl bald ausgebetet und ausgeweint haben. Wir wollen uns gleich seinen Platz sichern." Sie standen hinter dem Betenden, es war ein. älterer Mann mit grauem Stoppelbart, eine dürre, ausgemergelte Gestalt in einem langen Gewände, das man im Dunkel der Nacht ebensogut für einen Kaftan wie für einen schlechtsitzenden Ueberrock halten konnte. Eine flache Mütze mit einem glänzenden Schirm, wie sie in Litauen als Kopfbedeckung üblich ist, bedeckten das Haupt, das in beide Hände gestützt und an die Mauer gelehnt war. Seine Stimme war tonlos, der Körper fast unbeweglich. Es schien, als würde er schlafen und die Laute nur im Schlafe von sich geben. An dieser Ecke war die Nachttrauer von keinem Kerzenlichte erhellt. Der Mann hatte sein zerknittertes Gebetbuch auf die Steine gelegt. Er hätte hier im Dunkel auch nichts sehen können. Sein Gesicht schien hart und knochig wie die Hände, in die er den Kopf gestützt hatte. In dem dunklen, verwitterten Rocke und der starren, hockenden Haltung sah er aus wie ein Stück von der Mauer, ein abgebröckelter, grauer Stein. Er saß gar nicht wie sin Bstsndsr da. sondern tnis sin Hsischsndsr, *me cmcr, ber nun alles gesagt und der Antwort, der letzten Erfüllung, harrte, in sicherer Erwartung eines erflehten Wunders . . . „Der Mann ist noch nicht lange hier," wußte der Jemenite zu melden, „man sieht ihn täglich hier an der Mauer. Ich fürchte, wir werden lange warten müssen, bis er den Platz räumt. Er scheint hier zu schlafen. He, Großvater!" wollte er den Sitzenden aufrütteln. Ohne den Ruf zu hören, streckte der Alte ein wenig die Arme empor und er betete leise weiter, ohne Ton und ohne Träne. Wie durch einen Zauber auf den Platz gebannt, stand Reisele da, duldete nicht, daß der Führer den Betenden störte und rührte sich nicht vom Flecke. Es war zunächst der Tonfall, der matte Klang der Sprache, die ihr in? HTMMU, Daun MM sic «uf Worte, Sie wie aus einer fernen verklungenen Welt und dennoch so nah, so nah klangen, so tief, so tief drangen. Es war ein Gemisch von eigenen Gebeten und solchen aus alten Techinausbüchern: „Ich danke Dir, o Gott!, habe nichts vorzuweisen und nichts zu verlangen. Hast meinen letzten Wunsch in Erfüllung gebracht, ich bin im heiligen Lande, darf auf heiligem Boden liegen und beten. Was darf ein Jude sich noch mehr wünschen, was kann ein kleiner, undankbarer Mensch noch mehr verlangen?-- „Du hast mir, Herr der Welt, vieles genommen, aber auch vieles gegeben. Sollte ich mit Dir rechten? Mein Sündenmaß würde mich in den Grund bohren, und ich bin zu gering, nur zürn tausendsten Teile Dir für all die rnir errviessnen Wohltaten gu llankev-- „Hunderte, Tausende, Millionen weinen in heutiger Nacht auf fremder Erde und ich bin hier, an der heiligen Mauer. O, welch unverdiente Gnade! — — — „Da kommen die Leute und wollen hier beten, für sich, für die, die ihrem Herzen nahe sind. Wollen Leben, Glück, Freude. Als ob das Hiersein nicht schon allein das größte Glück und die größte Freude wäre! Undankbar ist der Erdensohn, und Du bist groß und gerecht, o Herr der Welt, daß der Himmel und die Himmel der Himmel Deine Größe nicht fassen.- „Und dennoch habe ich, sündiger Mensch, einen Wunsch auf dem Grunde meines Herzens, als hätte ich um etwas zu bitten, etwas zu erheischen! — „Du hast mir, Herr der Welt, die Frau genommen. Sie ging den Weg alles Fleisches, und es ist aller Menschen Ziel. Was soll ich klagen? ..Du hast rnir Haus und Werkstatt genornrnsn. $4) ging m Me Verllnnnnng, foro wiebev wnb fand das Häuschen leer. So ging es aber allen. Und wie viele sind gar nicht wieder gekommen? Und ich kam heil und gesund und Du brachtest mich in die richtige, heilige Heimat. Darf ich da klagen, ich schwacher, sündiger Mensch?!- „Du schicktest mir den Sohn über das große Meer, daß ich, wie Vater Jakob, nicht mehr glaubte, sein Antlitz zu schauen und Du gabst mir ihn wieder, hier auf heiligem Boden. Wie soll ich Dir für diese Gnade danken?!- „Aber,--" Der Mann legte seinen Kopf auf die Steine und schien nach Ausdruck zu ringen. „Verzeihe, Herr der Welt, dem schwachen, sündigen, undankbaren Menschen aus Fleisch und Blut. Es ist das Herz eines Vaters, und es ist bedrückt, so sehr, so schwer bedrückt.- „Sie, das Mädel . . ." „Lu hättest sie uns genommen, wie sie noch klein, wie sie noch bei uns war, wir hätten sie beweint und betrauert und hätten uns getröstet und beruhigt, so schön und gut sie war, wie es ewiges Gesetz im Leben ist, daß das, was die Erde bedeckt, aus Herz und Sinn kommt und die Zeit die Wunden heilt. —- „Aber sie starb nicht, wir sahen sie nicht hin- MLtvsgm uhä llMttUll nicht nuf ihrem Dralle. Sie ging hinaus und wir begleiteten sie ein Stück des Weges über die Grenze. E i n Brief kam und wir freuten uns. Und viel später ein Zettel wie vom Sturm hergeweht. Unser Kind schrie um Hilfe, und wir konnten ihm nicht helfen in fremdem, fernem Lande. Und wir wissen nichts mehr von ihr. Ist sie tot und wo ist sie begraben? Du allein weiht es, Herr der Welt, wie mein Gebet für sie sein muß, nimm es als Segen des Vaters für die Lebende oder als Kadisch für ihre fromme Seele.-— „Es ist die Mitternacht des neunten Aw, großer Gott und Vater Israels! Man sagt, der Himmel öffne sich jetzt, wenn Rahel aus dem Grabe um ihre Kinder weint. Laß auch mich um mein Kind nreinen. Ich bin undankbar, all die Mir errviesenen Wohltaten gu vergessen, aller Nicht s o undankbar, um mich zu dem Wunsche zu versteigert, mir mein Kind wieder zu geben. Aber eines bewillige deinem Knechte, Koppel, dem Sohne Deiner Magd Channa: ein Zeichen von Himmel, eine Erleuchtung, eine Gewißheit, ob mein Kind noch lebt und wo und w i e, ob sie tot ist und wo sie begraben liegt, in dieser Nacht, da die Sterne weinen und die Engel schluchzen um die Zerstörung des heiligen Hauses und die Vertreibung der Kinder vom Tische des Vaters." Was jetzt geschehen war, ließ den alten Jemeniten laut aufschreien und Feige wie zu einer Salzsäule erstarren. Von allen Seiten der Mauer liefen Menschen, wie von einem blauen Wunder gelobt, an bte bunkle Qcefe^ bie x>ovfjev achtet hatte. Dort lag ein junges WM in Den Armen eines alten, abgehärmten Mannes. Reisele hielt den Vater umklammert, als könnte irgend ein Windstoß sie aus diesem Traume wieder reißen. Koppel sah mit nassen, warmen Augen schweigend zur Mauer und zu den Ster-

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