Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1926)
- Date
- 1926-10-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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SMWDMMWMWWWWWMM rc‘uFi5-CT'5"\ 28, Oktober 1926 überall da, wo nur ein Minimum von Vernunft und Rechtsgefühl vorauszusetzen ist, reinigend wirken. Er leuchtet tief in die dunklen Zusammenhänge der großantisemitischen Hetze hinein, die die Märchen von den „Weisen Zions", der „jüdischen Weltfinanz" und der „Internationalen jüdischen Obergewalt" geboren hat. Es ist ein feingesponnenes und gut angelegtes Lügenwerk, gegen welches, da es auf die Urteilslosigkeit der Masse spekuliert, die Presse bisher vergebens kämpft. Marburg hat mm. mit der Fackel der Wahrheit in dieses Lügenwerk hineingeleuchtet und die GMlW haüM NM gWrMil. Damit,m lM bas vernichtende Verdikt über dev Änttfemitismus schlechthin und seine gemeinen Beweggründe gefällt. Aus der Gedankenwelk Friedrich Gogarkens. Vor mir liegen zwei kleine Broschüren *) eines evangelischen Theologen von 80 bezw. 100 Seiten. Sie wollen nicht Darstellungen eines bestimmten „Bekenntnisses" sein. Sie wollen das WesenderReligionals solches packen, dem modernen Menschen einen Fingerzeig geben, wo, auf welchem Wege, in welcher Richtung er der Religion auf die Spur kommt, wo er sie finden kann, wenn er sie nicht besitzt. Sie wollen aus dem Chorus der Schlagwörter über Religion, der tausend irreführenden Prägungen die Stimmen isolieren, die echt und wahr sind, wollen die Kinber her Neuzeit mit ihren eigenen Waffen besiegen, ihnen zeigen, wieviel mU religiösen Phrasen getrieben wird, und sie erkennen lassen, inwiefern sie sich täuschen, wenn sie glauben, aus Religion gegen Religion zu sein. Die erste der beiden Schriften ist besonders dem Problem des Individuellen in der Religion gewidmet. Jedem gilt es ja heutzutage als eine Selbstverständlichkeit, daß er sich seine Religion selbst zurechtzimmern, sie, wie er glaubt, nach seiner Individualität schaffen könne. Aus Gehörtem und Gelesenem wählt er sich das, was ihm liegt, aus und hat seiner Seele damit Genüge getan. So holt er sich Religion oft von weither aus Heidentum und exotischen Literaturerzeugnissen, und vermeint umsomehr seiner rein individuellen Religion sicher, von allem Herdenmäßigen, Mechanischen entfernt zu sein, als seine Ueberzeugungen mit denen der „Anderen" nichts gemeinsam haben. *) Friedrich Gegarten, Religion weither. 1917. Die religiöse Entscheidung 1924. (Bei Eugen Diederichs in Jena.) Acker", der letzte: „An jenes Heim denke ich". Nach letzterem benennt der König seinen Bau. So sprach Abraham (Gen. 22, 14): „Aus einem Berge wird der Allaütige erscheinen', Jsak (24, 63) „flehte aus dem Acker" und Jakob sagte (29, 17): „Dies ist nichts, anderes als ein Haus Gottes^. Alle drei aber srieacherr dies aaf derrr gleiche« 6rts> tzBii TlüM f? tst?? »**? überliefert. Es erscheint nun auMNenv, vast, nachdem dem Prophetenbltcke des Abraham das Heiligtum als Berg erschienen war, dem des Jsak aber als Acker, der es auch *u Davids Zeiten war. als sich dort die Tenne des Arawna befand, ein Vorzug in der Benenung „Haus" durch Jakob erblickt wird. Trifft denn die vorherigen Erzväter ein Verschulden dafür, daß ihnen der Blick des Jakob nicht vergönnt war, für den der Allgütige ihn durch Benennung des Hauses nach ihm belohnt? Diese Schwierigkeit löst Abarbanel, indem er die Bezeichnungen der drei Erzväter für den Tempel als symbolische Vorbilder der Zeiten des ersten, des zweiten und des dereinstigen dritten Tempels begreift und erklärt. — Wie in Abraham Größe, Macht, Reichtum. Ehre und göttliche Heiligkeit vereinigt waren, so auch im Zeitalter des ersten Tempels. Wie ferner Nimrod, König von Babel. Abraham bedrängte, so bekämpfte Nebukadnezar, König von Babel, das Volk Israel durch die Zerstörung des ersten Tempels. Weil nun aus Abrahams Nachkommenschaft, nämlich den Keturakindern, die Assyrer bervorgegangen waren, die unter Nebukadnezar den Tempel zerstören halfen, so haben unsere Weisen gelehrt, daß der Prophetenblick Abrahams letzteren als einen Berg gesehen, d. h. bemerkt hatte, daß aus seinem eignen Stamme der hervorgehen wird, der den Tempel in einen Kahlen Berg ner«andeln roird. Hierüber hatAbrahanr Der Israelit Es liegt in diesem Gedanken eine völlige Verkennung und Verzerrung des Begriffes der Individualität und dieser „Wahrheit an der falschen Stelle", dieser Verwirrung entgegenzutreten, ist Gogartens gedankliches Ziel. Die Forderung nach Individualität ist richtig. „Es ist unerträglich, wenn es (das Religiöse) nicht als eigenste Sache behandelt wird, bei der alles auf persönliche Entscheidung, auf seelische Echtheit und Wahrhaftigkeit ankommt. Niemand soll, nach einem Wort Luthers, auf andrer göttlich Werk sich verlassen, sondern . . . Gottes wahrnehmen llichl dspv als wäre er unb Gatt allein im Himmel und auf Erden." Sv führt jeden sein Suchen nach der Religion zun ä ch st in die Einsamkeit. Da steht er ganz nackt vor der Ewigkeit. 'Aber führt ihn auch die Religion, als das Ahnen des Allerindividuellsten, in eine erschrekkende Einsamkeit, so taucht sie ihn eben dadurch in demselben Augenblick in eine tiefe Gemeinsamkeit mit allem Lebendigen. Wo er das Leben sich aus dem Ewigen aufsteigen fühlt, da fließt es über alles Einzeldasern hinweg. Da ist das Individuelle nicht mehr Sonderung und Grenze, sondern das Organ, der Durchgangspunkt, um sich allem Lebendigen tiefst verwandt zu fühlen, und die Ausgabe zu erkennen, welche die größte Gemeinsamkeit alles im Ewigen Vereinten stellt. So muß die Seele alle Kräfte spannen, um dem Ewigen zu begegnen und sich selbst und das Leben neu aus Seinen Händen zu empfangen. Von solcher „Individualität" wissen die flachen Massen der modernen „Gebildeten" nichts. So Wl ihma Sir WM sfhlt das „Erlsbnis", die Auseinandersetzung mit dem Schicksal. Dies kennen sie nur als ein Fatum. Sie sind ihm gegenüber passiv. Von einer Verantwortlichkeit oder Schuld gegenüber dem Schicksal wissen sie nichts. Die Urerlebniffe alles Religiösen aber, von denen die Religion immer ausgeben und gespeist werden muß, sind: Ehrfurcht, Demut, Dankbarkeit, Schuld und Vertrauen. Wo diese Urphänomene des Religiösen fehlen, ist das innere Auge blind, das seelische Erleben matt, ist „die individuelle Religion" unfruchtbar wie Palmen im Wintergarten. „Was voll sein sollte von der ernstesten Verantwortung, wird zum unterhaltenden Spiel gemacht. Man nennt es dann Diskussionsabende oder dergleichen. Es ist, als sprächen die vom Winde irgendwohin verstreuten Blätter darüber, daß sie gerade zu dem Baume gehörten, unter dem sie der Wind liegen ließ. Denn seit sie nicht mehr „in ihrem frommen Kinderglauben" an ihrem gebetet: . Möge aus einem solchen Berge Gott sichtbar werden! ', nämlich die Versprechungen hüten und erfüllen, deren Erfüllung Israel in den Leiden des Exil benötigt. — Jsak aber entspricht der Epoche des zweiten Tempels. Denn so wie Jsaks Augen (Gen. 27, 1) ..trübe wurden", so entbehrten die Juden Zeit des Serrtpels des QlcEjies, der Frsirde an eetumim und anderen Dingen,. die ihnen fehlten, lind weil aus Jfaks Nachkommenschaft, nämlich den Efavs-- kindern, die Römer entstanden sind, die den zweiten Tempel zerstört haben, so haben unsere Weisen gelehrt, daß Jsak den Tempel als einen Acker gesehen hat, wie ja auch geweissagt wurde: „Zum Acker wird Zion umgepslügt werden", und daß deswegen gesagt ist: „Jsak ging, um über den Acker zu beten«, nämlich über Israels Schicksal nach Verwüstung des zweiten Tempels zu beten. — Jakob endlich weist uns auf den zukünftigen dritten Tempel hin : Sein Lager war ja ein harmonisches, und kein Makel war an seiner Nachkommenschaft. So werden ja auch die Kinder jenes kommenden Geschlechtes sein, eine von Gott gesegnete Saat, ohne Abfall und bösen Trieb. Da kämpft Jakob mit dem Nachtgenius des Esaw und überwindet diesen Herrscher. Seine Gestalt weist uns auch darauf hin, daß zur Zeit jener Erlösung (Raschi zu Gen. 33, 14) Helfer den Berg Zion ersteigen werden (Obadia 1. 22) um dem Berge Esaw das Strafgericht zu bereiten, und Gottes Rache an Edom geschehen wird. Weil nun Jakob zwölf Stämme hatte, so werden bei Erbauung des zukünftigen Tempels auch alle zwölf Stämme dorthin versammelt werden. Weil endlich diese Begebenheit für unser Volk namengebend entsprechend unserer Bestimmung sein wird, so wird es rnedsr mit dem Namen des Abraham noch mit dem Nr. 44 Sette 8 Baume säßen, hätten sie ein individuelles Recht, sich ihren Baum auszuwählen." Nicht nur jeder soll nach seiner Fasson selig werden, sondern die eigene Fasson ist s ch o n d i e Seligkeit. „Bescheidene Leute", die nicht merken, wie furchtbar sie heruntergekommen sind, daher die Menschen entwurzelt, atomisiert sind, ohne Widerstand gegen die Gleichmacherei des mechanisierten Lebens. „Die Ueberzeugung hat heute alles Edle und Mühevolle verloren, auch alle Gefahr". Eine Ueberzeugung aber, die nur für mich gilt und die nicht den ganzen llüf stsf) g** ne^men eirt Geschwätz und eine Gewissenlosigkeit." Cs wird Zeit, daß wir ein Gefühl dafür bekommen, daß Individualismus nicht zuerst Freiheit in der Wahl der Anschauungen, sondern tiefe Gebundenheit an die innere Wesenheit und ihre Gesetze ist. Daher muß Individualität als Erlebnis, als ein Stillefein, als ein Horchen nach innen erst wieder in uns möglich werden. Unser Tun muß von den oben genannten „Urerlebnissen" des Religiösen wieder getragen sein. „Das aber ist unsere Rot, daß unser Tun so kläglich wenig mit uns selbst zu tun hat." „Es ist flach und mechanisch", es fehlt ihm das Symbolhafte, die unmittelbare Verbindung mit dem Ewigen. Wie dies Unmittelbare wieder wach werde, die „jenseitige" Individualität in dem Menschen ausgehe, das ist die eigentliche religiöse Frage der Gegenwart. Die größte Bedeutung, der Sinn und die Eigenartigkeit der Bibel und ihrer Gestalten ist, daß dort jedes Wort und jede Tat voll dieser Unblefev ifiifi es, was sie zeitlos und ewig gültig macht. „Ihr Klang weckt Welten, fast jeder Buchstabe redet vom Unsagbaren." Es ist nicht allgemein und nicht individuell. Es ist ein Drittes, für das wir keinen Namen haben. Es ist nicht umgrenzt wie das Individuelle, nicht verschwommen wie das Allgemeine,' es ist geformt und lauter Leben und reicht doch ins Unbegrenzte. Deshalb kann keine wissenschaftliche Forschung ihr gerecht werden, keine historische oder textliche und Literarkritik ihre Allgemeingültigkeit ihnen rauben. In dieser Welt der Bibel ist das erfüllte Wirklichkeit, was in uns als Sehnsucht lebt; in ihr sehen wir unser eigen Leben hell und klar, das in uns aus Dunkelheit nach Erlösüng ruft. Dieses Nacherleben und Miterleben des Lebens der BibelgestaltenwirdsoeigentlicheReligion, und zwar so sehr, daß Religion ohne Geschichtserlebnis — nicht Wissen von der Geschichte — nicht zu denken ist. Denn nur sie ist der „große Leib, den des Jsak, sondern ausschließlich mit den Namen „Jakob' und „Israel" bezeichnet, als hätte der Heilige, gelobt sei Cr, dem Abraham das Wesen des ersten, dereinst durch seine Nachkommenschaft zerstörten, dem Jsak das Wesen und Gleiche Schicksal des zweiten Tempels, dem Jakob aber den dritten Tsrnpsl ger»ffe«bc»rt, der durch feitte Kinder Bestand Ijaien uni laiunt .,^ous les a 1 o {> s1^ ijsißen wirb' Darum schriebt dir Pestkia ihren Ausspruch mit dem Prophetenworte: Ich will die Verschleppten der Zelte Jakobs heimführen'. In neuerer Zeit ist von dieser Abarbanelschen Auffassung der Pesikta oft abgewichen worden. So hat man, zum Beispiel, auch einen Berg. Acker und Heim sehen wollen. In der Wüstenwanderung leuchtete uns die Thora wie ein zielweisender Berg voran, in der friedlosen Richterzeit gleich dem friedlich bestellten Acker und in der ruhmgekrönten, doch rechtlosen Zeit der Könige gleich dem trauten Heim des bescheidenen Bürgers. Oder man hat sie aus das Leben des Einzelnen gedeutet, der seinen Weg zu Gott vollendet hat, — in kraftvoller Jugend als Ersteiger der Höhen des Daseins und sieghafter Ueberwinder alles Niedrigen. — im Mannesalter als emsiger Forscher im Worte und Arbeiter im Acker der Ausübung des Gottesgesetzes und am Lebensabend in seliger Forterbung des Guten und der Weishait auf sein ganzes Haus. Dieses aber gibt ihm Namen und Dauer So erhebt und belehrt uns ein altes Wort der Weisen in bösen und guten Zeiten über das Göttliche im Gottesvolke und in jedem seiner Kinder.