Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1926)
- Date
- 1926-10-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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ftUMton- »ekage nr.« 1«6 M - sie seeie vs« AeMW. Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Izchaki. (Fortsetzung). Mechanisch leistete Reisele die Unterschriften; sachlich aber und geschäftig packte Milka mit Hilfe juristischer Beistände die Sache an und wußte in wenigen Tagen mit größtem Geschick alles bis ins kleinste zu ordnen. Sogar die Umwälzung in Rußland und die Vorgänge in der Ukraine, Karl Marx, Ferdinand Lassalle, Lenin und Trotzki, wie ihre eigenen Pläne, die Rotgardisten gegen Denikin und Petljura zu führen, vergaß sie in diesen Tagen der Arbeit und geschäftlichen Abwickelungen. Im Vollbesitze ihres Temperamentes m ffü ßff iM mmmrn in ersten Geschäfte, Reisele, Milka und Feige Rat abhielten über ihre nächsten Entschließungen. Reisele bestand darauf, nicht länger hier zu bleiben. Das Scheinleben verlor für sie den Wert, nachdem es nicht mehr in der Erwartung dessen, dem sie es dankte, vor sich ging. Das Schloß sollte in ein Krankenheim verwandelt und dem öffentlichen Wohle zugeführt werden. Mit dem Gelde aus dem Erlöse anderer Güter wollte sie die Frauen im Hause hinter dem Parke, die sie kaum von Ansehen kannte, den Unterhalt sichern, ebenso das große Hauspersonal versorgen. Es blieb nach Abzug ansehnlicher Summen für alle denkbaren gemeinnützigen Zwecke noch genug für sie zur Sicherung ihrer eigenen Zukunft übrig. Aber wie und wohin? Da warf Milka das Wort in die Aussprache, das schon von Kindheit an Reisele wie ferne Wae Musik umsmll, ein leuMußkL Ziel aller Not und Mühsal. Palästina!... Sie waren ja nur eine Tagesreise von diesem Lande entfernt. Und wie seltsam! Sie war in den letzten ägyptischen Jahren im Fürstenschloß viel weiter von diesem Ziele entfernt, als je in der litauischen Kindheit. Nun setzte sich das Wort fest in ihrer Seele, nahm ihre Sinne gefangen. Ein Glanz ging von diesem Worte aus und übertrug sich auf die ganze Umgebung Dann stellten sich Schatten ein, der Gedanke Sen Mnunökk Mg uns oermttert von Dam nen unD Den gleichen Weg gegangen mav, Mit ihm war ihrer Kindheit bester Teil dahingegangen und auch ihre Kindheitsträume von dem Lande der ewigen Sonne. Aber sie hatte sich, wie ihr Milka immer und immer wieder vor Augen führte, nichts vorzuwerfen. Es spielte sich alles zwangsläufig in ihrem Leben ab. Sie war dahin geschickt, dahin geführt und dahin gestellt worden, wohin sie gehen, wo sie stehen sollte nach dem Willen einer höheren Macht. Das Wunder ihrer bisherigen Geschichtsverkettung ließ sie sich von der nüchternen Milka nie nehmen. Jetzt glaubte auch Milka an Wunder. Fürstin Rasa, so verbreitete sich die Mär unter Juden und Arabern in Kairo, rüste sich zur Ausreise nach Palästina, um dort an heiligen Stätten für ihren gefallenen Prinzen zu beten. Mehr wußte keiner von dieser Reise und ihren Beweggründen. rrvin. Seit einigen Wochen schon war Reisele mit den beiden Freundinnen in Jerusaelm. Obwohl sie ein bescheidenes, gänzlich unauffälliges Leben in einem kleinen Gartenhause in der Neustadt führten, hatte es sich doch rasch herumgeredet, daß eine „Fürstin mit Hofstaat" ihre Residenz hier aufgeschlagen hatte, Fürstin Rasa aus Marokko, die „Perle von Aegypten", eine Fürstin jüdischen Blutes und mit jüdischem Herzen. Und hundert Hände öffneten sich ihr entgegen, hundert Augen waren auf sie flehend und heischend gerichtet, ruertrt fte ficfx braunen aexoie. Sierelne. Aeiftctert*' . I'. I * i O < i n »11J i 11 •)****»]»•* statten, Anstalten aller Konfessionen und aller Schattierungen suchten der Fürstin Interesse für ihre Sache zu wecken. Reisele gab und spendete im Kleinen und Großen, ohne viel zu fragen und zu prüfen,wies aber jede Art von Huldgiung weit von sich. Mit der Früstenkomödie sollte es einfür allemal aus sein. Wer unterwürfig wie vor eine Fürstin vor sie trat, konnte wenig auf Gnade und Rücksicht rechnen. Milka hielt es nicht im stillen Hause am Bergesrande, seitdem sie ihre Aufgabe als gelöst, ihre Rolle im Hause ihrer Freundin und Herrin als ausgespielt erachtete. Sie hatte bald den Anschluß an eine intellektuelle Arbeitergruppe gefunden, die, die Sprache der Heimat sprechend und in der Ideologie des neuen Moskau schwelgend, sich aus dieser Gedankenwelt auch die Mllllk sllk Das mm Mlisllllll küMMM — Eine schwüle Rocht tvar auf einen tropisch heißen Tag gefolgt. Es war, als stände die Luft stille und hielte im Aufhorchen den Atem an. Kleine, dünne Wolkenmassen schwammen auf dem mattblauen Himmelsgrunde und ertranken im All. Für Minuten erhoben sich leise Winde vom Boden, wirbelten etwas Staub auf und verstummten wieder in der schweigenden Luft. Wie Seufzer aus tiefer Brust, die nicht mehr die Kraft haben, laut aufzusteigen, wie Wimmern eines hilflosen Kindes, das im Schoße der Mutter jäh abbricht. . . Es war die Nacht zum neunten Aw in Jerusalem. Um das Gartenhäuschen oben in der neuen Stadt war es ruhig und dunkel. Einzelne Stimmen verhallten in der Luft, einzelne Schritte verloren sich in der nächtlichen Stille gen Osten, vor MskaDk ZU. DlMin Wz« sich rlUL Leben zu verziehen. Dahin brütete und gitterte die nachtschwere Luft. Es war, als stiegen am östlichen Horizonte über der alten Stadt von der Richtung der heiligen Mauer her rote Flammen auf. Weinte Jemand in der Nähe? ... Deutlich trat Reisele vor die Seele die Erinnerung an die weiche Traurigkeit des Städtchens in dieser Nacht des neunten Aw und wie die Schneider in der Klaus, die nur durch eine dünne, wurmstichige Holzwand von ihrer Schlafstätte getrennt war, beteten: „In dieser Nacht weinen MD jammern meine m\mo - . Und der Vater pflegte auch sonst im Jahre oft und mit gewisser Wollust beim Ausholen mit der Nadel ganz ohne sichtlichen Grund das Klagelied anzustimmen. „Damals, als JirmejohU wandelte zwischen den Gräbern der Väter ..." Trug die Luft all die trauerschweren Sänge und Klänge von dort und damals heute hierher? Alles zog sich gen Osten, auch die Nebelrisse am Nachthimmel, alles strömte dahin. Bald war kein Mensch und kein Laut mehr zu sehen und zu hören in dieser neuen Stadt mit den Gärten und weißen Mauern an den Hängen. Bald werden die Sterne ihr Licht hiev auslöschen . . . „Feige, wir gehen." Feige fragte nicht, wohin. Sie wußten es: in die alte Stadt, zur heiligen Mauer, wohin alle in dieser Nacht gingen. Je weiter sie in die Innen- und Altstadt hinunterstiegen, um so belebter wurden die Straßen. Dcx dnssxn mengten, stamm sich Die Menschen. Das Dunkel Der Nacht wurde von schimmernden Wanderlichiern aus allerlei bunten Laternen in den Händen der pilgernden Menschen durchbrochen. Alle hatten e i n Ziel, hinunter, ins Dunkel. Wönnor m Kaftan mit langen Bärten, orientalische Gestalten in buntem wallendem Gewände mit turbanartiger Kopfbedeckung, alte Frauen, die Tücher um den Kopf bis zu den Augen gezogen, Europäer zu Fuß und zu Wagen ballten sich an Kreuzwegen zu einem Knäuel. Droschkenkutscher hatten Mühe, ihre Vehikel durch die wogende Menge zu bringen, schimpften ctitf cttrctbtfch. and* befexrciifcf». Xa | I 51 l 5i 11 > ‘ 11 “3 >>>>"3 *3» » * *>M»*3‘ *»»•* der standen an von Oelfunzeln beleuchteten weißen Zelten und riefen näselnd Süßigkeit und Eis aus. Alte Juden sprachen Flüche aus gegen einige junge Touristen, die trotz des Fast- und Trauertages den dargebotenen Leckereien öffentlich zusprachen. Andere kamen hinzu, rissen den Jungen das Naschwerk aus der Hand und drohten dem lachenden Araber,ihn mitsamt seinem Kram über den Haufen zu werfen, worauf er mit einigen saftigen Koranflüchen erwiderte. Der Menschenstrom floß weiter, der Streit wurde bald vom Gewoge aufgesogen. Immer weiter und tiefer hinab ging es in die Finsternis. Keiner brauchte nach dem Wege zu fragen. Reisele und Feige wurden von der Menschenwelle fortgetragen, weiter gedrängt und mitgerissen. Bald waren sie auch schon im gepflasterten Hofe, wo Die WanDMr im MlWa MD OIUD MWlA bewegliche Mettschenfchicht vor der allen, grauen Mauer bildeten. Wie auf sturmgepeitschter See kochte und brodelte es hier. Menschenstimmen schwirrten durcheinander und fanden sich in einer eigenen Harmonie. Gebete füllten die Luft. Ein Schluchzen und Aechzen von einem Ende der Mauer bis zum anderen. Schreie erhoben sich wie zuckende Blitze. Tausend Laternen flimmerten und schimmerten. Wie ein Heer auferstandener Toten aus Massengräbern der Schlachtfelder lagen die Vorderen vor den Quadern, weinten und beteten, das Gesicht an die Steine gepreßt, daß ihnen der kalte Schweiß auf der Stirne saß. Und hinter ihnen in mehrfachen Rechen die Harrenden, die um jedes freigewordene Plätzchen an der Mauer wie um einen gehobenen Schatz kämpften. Ganz verloren standen die Mädchen in diesern Gemimmel. 8is hsttzn »sch »ü &U MnUer gesehen. Unb wie sie sie jetzt in der Nacht vom neunten Aw sahen, war es ihnen, als bestände die Mauer nicht aus alten, harten Steinen, sondern aus weichen Menschenleibern, aus Menschenherzen und Menschenseelen, als sei sie von oben bis unten mit schimmernden Perlen besäet, zu denen sich Tränen aus Menschenaugen in Jahrhunderten verdichteten. Alte, bärtige Patriarchengestalten kauerten vor den Quadern, rangen mit den Händen und weinten, als hätten sie eben erst ihren Einzigen über Me Zerstörung mji rööortEN ÖEF Propheten und der späteren Klagedichter. Einzeln und in Gruppen beteten sie, weinten sie, sprachen sie alte Trostworte vor sich hin, als wären es Zauberschlüssel zu verborgenem Paradiese. Frauen in Kopftüchern, alte und junge, weinten ihre eigenen Tränen, beteten ihre eigenen Gebete, die in keinem Buche stehen. Auch Kinder tummelten sich dazwischen. Neben den Alten sah man auch junge, modisch aufgeputzte Menschen, Touristen, bepackt und hutlos, Damen in Lodenzeug oder hellen Abendmänteln. Junge Araber zogen rauchend und lachend, wie neckische Nachtgespenster, durch die Reihen, mit grimmigen Blicken von den anderen verfolgt. Die Menschen kamen und gingen und stauten sich an manchen Stellen zu einem undurchdringlichen Damme. Jede freigewordene Ecke an der Mauer wurde sofort von Neuankommenden besetzt. Die Gebete zitterten wie aus den alten, grauen Steinen. unD Minen kam nom Himmsl. ffim in iü*isiE Tvöß still und interessiert guschaueuder junger Engländer warf die Zigarre aus dem Munde und setzte den Tropenhut wieder auf den Kops, wie von der Andacht erfaßt. Chaluzim in Windjacken rissen einen Araber, der sich durch die