Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1926)
- Date
- 1926-10-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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67. Jahrgang. 21. Oktober 1926 ^r(JTll|tUrt CX. *11»/ vClt 13. Ularcheschwan 5687 Nr. 43 Ein Centralorgan fir das orthodoxe Judentum Begründet von Dr. Lehmann tn Mainz. i/ L. Abonnement ab Januar 1924: Deutschland 1 Goldmark monatlich; Ausland: Vierteljahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Lsterreich: Schilling 8.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1. Juli § rankreich und Belgien 25 Fr.; Holland 2 fl.; Italien 20 Lire; Jugoslawien 55 Din.; ttauen 7.60 Lit.; Rumänien 200 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowaket 25 Kronen; Ungarn 50000 Kronen; Dänemark 6 Kronen; Norwegen 5 Kronen; Schweden 3.50 Kronen. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 40 Goldpf. für die stebengespaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 30 Pf. 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Ja, jugendlich waren sie beide, vielleicht hatten sie noch nicht einmal das zwanzigste Lebensjahr überschritten, sie, die erst vor einigen Monaten, vom Zauberklange des Namens S. R. Hirsch und der Devise: ös? rrn ns*» angezogen, die niö'V' in den heimatlichen Fluren in Ungarn verließen, um wie der Gläubige nach Mekka, nach der uralten Stadt am Main, wo noch ein Jahrzehnt früher der Verfasser der 19 Briefe lebte und wirkte, zu pilgern. Und mit vollen Zügen schlürften sie aus dem Brunnen, die der große Führer mit dem Gesetzesstabe gegraben. Außer den obligaten Talmud- und Vorbereitungsstudien für den Universitätsbesuch widmeten sie einen bedeutenden Leit ihrer Zell emgehen^r Und Der damalige Bibliothekar cm der herrlichen Stadtbibliothek hatte genug Aerger darüber, daß die zwei Jünger auch die verschollensten Einzelnummern der' letzten Jahrgänge' des Hirsch'- schett Jeschurun, von denen schon damals keine k o m p k e t t e'n. Bände vorhanden waren, aufzustöbern gewußt hätten. Auch der dem Chacham Bernays zugeschriebene Biblische Orient wurde in seinen losen Blättern aus seinem Versteck hervorgeholt, ÜM die Hirsch-Studien vertiefen zu helfen. Kurz und gut wie gegensätzlich auch unsere zwei Jünger im Aeüßerlichen waren, der eine hochaufgeschossen und von heller Gesichtsfarbe, auch in der Redeweise bedächtig und sich im Sprechen oft unterbrechend, während der andere von bedeutend kleinerer <5ta=‘ tur und von ftiMtdjem Typus, und in seinem sprechen kemen Äugtznöück NM ein geeignetes Wort, um einen paffenden Ausdruck verlegen, — also wie gegensätzlich sie -auch im Aeüßerlichen waren, so einig waren sie in ihrer Begeisterung für das Hirfch'sche SchriftiWÜ, Wh p«F g«h«rrse der ^Vudech da war es ganz gewiß, daß während der eine an einem schriftlichen Pensum arbeitete, der andere irgend einen flammenden Artikel des Jeschurun mit donnernder Stimme deklamierte, um dann, ermüdet, die Rollen zu tauschen. ' Aber es gab doch einen Punkt, worüber sie nicht einig werden konnten. Es war die sogenannte Austrittsfrage, die gerade dazumal, da die Frankfurter jüdischen Gemeindeverhältnisse aufs neue geregelt «vrden sinh, wifWr großen Staub aufwirbelte. Der eine hatte bereits vor Jahren jene gewaltigen Briefe Hirfchs gegen den seligen Bamberger gelesen und einen unverwischbaren Eindruck von der flammenden Beweisführung in denselben erhalten, auch hatte er Ahnen, die in vorderster Reihe für die Teilung der ungarischen Judenheit in zwei gänzlich getrennte Organisationen kämpften. Hingegen aber war der andere für das vom seligen Rabbiner Dr. M. Horowitz verkündete gemeindepolitische Programm begeistert. Und als Rabbiner Dr. Horowitz jene berühmte Rede zuibn^V^ ungehalten, wo er von dem orthodoxen „Schmollwinkel" und davon sprach, wie es die Pflicht der Gesetzestreuen sei, sich nicht zurückzuziehen, sondern eine Burg nach der anderen in den großen Reformgemeinden einzunehmen, da jubelte unser hochaufgeschossener Jünger mtt dem blonden, fast urgermanischen Aussehen laut auf: Ja, dies ist richtig! In dienern einen Punkte kann tcf) unserern Meister Hirsch Nicht Recht geben I Ja, man mutz in die ncologen Gemeinden hi n e in und sie von in n e n heraus für die Gesetzestreue gewinnen! Diesem Jubelausbruche konnte der Studiengenoffe nur die sarkastische Bemerkung entgegenhalten: Ja, wenn jene Reformburgen sich einnehmen ließen! Und auch an jenem winterlichen Nachmittage entspann sich der heftige Wortkampf über die Austrittssrage. Schon dauerte die Debatte stundenlang, und die zuhörenden Kommilitonen gaben bald dem einen und bald wieder dem anderen Rech.t Immer mehr und mehr erhitzten sich die jugendlichen Streiter, sie konnten einander nicht überzeugen, und die Debatte mußte unterbrochen werden. Von nun an mieden es beide Streiter, wie verabredet, sich über diesen Punkt gegenseitig anszufprechsn, Vielleicht fühlten sie ks msimisiv, tafj in tar prrlvnjjchrn Änsikünng zu der Austrittsfrage im letzten Grunde vielleicht familiäre Tradition und Temperament mit entscheidend sind, und daß wo Gefühlsmotive j neologen Gemeinden anschlossen. Also im ganzen mit im Spiele sind, alle logischen Begründungen pro oder kontra rvrrkungslos verhallen t Fast drei Jahrzehnte stnb seit jenem Wim ternachmittage vergangen. Der Schreiber dieser Zeilen war der eine jener zwei jugendlichen Streiter. Und der andere? Nun, der andere wurde vor einigen Wochen von einer der größten Gemeinden in der Welt, von der Budap e st e r Kongreßgemeinde, unter Entfaltung eines geradezu bischöflichen Prunkes als Oberrabbiner ihrer konservativen Synagoge in der Nombüchgüsse MslnMM, Der neugfioichste and bereits installierte Oberrabbiner Dr. Benno Fischer hat aber bereits vor Monaten, sofort nach seiner Wahl, in dem Budapester Wochenblatte „Egyenlöseg" sein Programm dahin entwickelt, daß er als ehemaliger Schüler des seliggen Rabbiners Dr. M. Horowitz sich zur Aufgabe setzt, ganz dem Beispiele seines Lehrers gemäß, das traditionelle gesetzestreue Judentum zur Geltung innerhalb einer großen, Gemeinschaft zu bringen. Hiermit ist allerdings das Programm zur Gründung einer „Gemeindeorthodoxie" in Ungarn gegeben.. Denn bisher gab es keine bewußte Gemeindeorthodoxie in Ungarn. Die bereits vor mehr denn einem halben Jahrhunderte staatlich genehmigte organisierte Zweiteilung der Gemeinden in orthodoxe und Kongreßgemeinden (neol.) vereitelte derartiges. Ueberall im Lande scharte sich alles, was llvch Time für trflVitimttr??, echtem hatte, unter Die Fahne Der orthodoxen Organisation. Nur ein kleiner Bruchteil konservativ gesinnter Gemeinden wollte sich weder der einen, noch der anderen Organisation anschließen. Jedoch ist die Zahl dieser Gemeinden immer mehr und mehr in Abnahme begriffen. Ein Teil von ihnen schloß sich allmählich der orthodoxen oder (neologen) Kongreßorganisation an, andere hingegen geraten unter dem Namen einer Statusquogemeinde immer mehr ins neologe Fahrwasser. Und in großen Städten wie z. B. Preßburg, Großwardein usw. konnte man die erhebende Wahrnehmung machen, wie nicht bloß die eigentlichen ö»kt sich den orthodox konstituierten Gemeinden angeschlossen haben, sondern auch Hunderte Familien, deren Lebensweise in religiöser Hinsicht vieles zu nrünschsn übrig ließ, dis aber pr!ng!p!rü vrttatax g^sinn^ tannvch tau echtjüdischen Charakter der Gemeinde gesichert sehen wollten, sich den orthodoxen und nicht den