Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 39 (21.9.1926)
- Date
- 1926-09-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 39 waus und Universitäten grade nicht schwer, einen jungen Freund ins Haus zu ziehen, der diese Aufgabe dem Vater abnimmt. Die Pausen in der Sabbathmahlzeit bleiben nach wie vor den Gemütswerten geweiht, wobei auch den Mädchen das Wort gehört. Sidra, Midrasch und Gebete weisen den Weg zu den Tiefen jüdischen Geistes und Gemütes. Es verlohnt sich für den SSaier^ berri um bert jübi^tfjen Gpfjayaf{^r Hauses und der Kinder ernstlich zu tun ist, sich in der Woche die Minuten abzuringen zur Vorbereitung für diese Weihestunde des Hauses im Lichterglanze des Sabbat.- Ein sinniges Midraschwort erzählt von Adam, dem ersten Menschen, dem nach Begehung der ersten schweren Sünde, der S a b - b a t h Verteidiger geworden war. Dankbaren Herzens Hub Adam an, den Sabbath in Liedern zu preisen: nmn Tty Tiara* Darauf der Sabbath: „Nicht mir gebührt Lob und Preis, wollen wir beide, ich und du, du und ich, du durch mich und ich durch dich, Ihn preisen, der dich und mich geschaffen: st'bv -iarf?i 'ib nmn^ nio"* Wer sich am Sabbath nur der nrma' der körperlichen Ruhe und dem leiblichen Wohlbehagen hingibt, hat nur Sabbaths einen, den kleineren Wesensteil erfaßt, hat den Sabbath iwsmMT Ohm seines, unssvzs zu bcnten. Pflegen wir aber neben der .Irma auch Die nemp durch die Höhenbestrahlung unseres Hauses, unseres Tisches mit dem Lichte der Thora, dann haben wir nicht den Sabbath geehrt, sondern mit dem Sabbath Gott gepriesen und Ihm gehuldigt. Die „Freude an der Thora", die sich dieses Jahr bei Festausgang an Sabbaths Lichterglanz heftet, sie wohne stets in diesem Lichterglanze, Sabbat für Sabbat, Freitagabend für Freitagabend, daß im harmonischen Zusammenklange bleiben: X'n rs rrnnn nm rc’iwi Vu n-iixi w* und •nnawi miK nr or 21. September l92b D er Zs r a e.. i tvochonrundfchau. Mendele, Achad Haam und Dubnow In einem lesenswerten Artikel des „Haolam" schildert ein Eingeweihter, I. Eh. R a b n i tz k i, das Verhältnis des Seniors der hebräischen und jüdischen Schriftsteller, Mendele Mocher Sforim, zu dem heute siebzigjährigen Achad Haam. Eine Episode aus dem Jahre 566.4 ist besonders lehrreich und zeigt Achad Haam und die Schule, aus der er hervorgegangen ist, in einem Lichte, das manches andere begreifen läßt. Es war in Odessa im genannten Jahre, als Achad Haam im dortigen Kaufmännischen Club einen Vortrag über Moses hielt. In diesem „vortrefflichen (MkMW Mö UNS MM kZ UM noch „vortrefflich") gab Achad Haam seiner Meinung Ausdruck, daß es keineswegs darauf ankomme, ob der Mensch Moses wirklich gelebt und im Sinne unserer Volkstradition gewirkt hat. Für uns komme lediglich der M o f e s u n s e r e r Vorstellung in Betracht. -Und sollte es all den nichtjüdischen Bibelkritikern gelingen, lückenlos nachzuweisen, daß der Mensch Moses nicht oder nicht s o existierte, so würde dieses der Jdealgestalt unseres Moses gar keinen Abtrag tun, des Moses, der uns nicht nur vierzig Jahre lang in der Sinaiwüste, sondern lange Jahrtausende durch alle Wüsten von Aegypten bis hierher vorangegangen ist.-:— Man könnte vielleicht auf die Meinung kommen, daß Achad Haam Unrecht geschieht, wenn man ihm Jugendsünden, möglicherweise Entgleisungen eines jungen Gottsuchers, die 22 Jahre gur-üctliegeu, ^euie no&j' ooinöir^t. 2>emgegenwb^y }t\ aber gleich erwähnst baß bas ganze Referat über Moses, zu dem die von Nabnitzki angeführten Stellen nur die Einleitung bilden, im dritten Teil des Achad Haam'schen Sammelwerkes V» v'2-n abgedruckt ist,also heute noch zur Ideologie des greisen Achad Haam gehört, von der er kein Jota zurückgenommen und zurückzunehmen hat. Aber nicht dieses ist das Wesentliche. Die Episode hat' ein.e interessante Fortsetzung. Unter den Zuhörern im Publikum, so berichtet Rabnitzki, befand sich auch „Mendele Mocher Sforim", der bekannte Schöpfer und Klassiker der neujüdischen Literatur: Dieser Mendele war grimmiger Feind aller Bibelkritiker, die „in das Heiligtum unserer Lehre mit Hammer und Feile eindringen und mit rauhen schmutzigen Händen an unser Höchstes Herangehen." Mendele brachten die Worte Achad Haams in höchste Erregung. Daß sich Nichtjuden bis dahin wagten, konnte man ertragen, nun aber, da ein Jude und noch dazu ein berühmter Schriftsteller aus seinem Kreise so in ällst* Gemütsruhe verbreitete und bie Möglichkeit zugab, baß es einen Moses gar nicht gab, das tat dem Alten in der Seele so weh, daß er seinem Schmerze und seinem Unmut Lust machen mußte. Während das Publikum noch stürmisch Beifall klatschte, sagte Mendele zu seinem neben ihm sitzenden Freunde, dem Historiker S. Dubnow, in größter Erregung: „Wehe den Ohren, die das hören müßten. In der Thora heißt es von Moses: „Und kein Mensch kannte seine Grabstätte bis auf den heutigen Tag." Heute habe ich zum ersten Mal das Grab des Moses gesehen. Hier in diesem Club ist es geschaufelt worden, und der Totengräber, der diese Arbeit mit so viel Liebe auf sich nahm, ist kein anderer m unser Meunv Mab Haam!" Es ist schade, daß Mendele nicht mehr lebt, und seinen Freund Dubnow nicht bei Seite nehmen kann, um ihn auf die vielen Gräber hinzuweisen, die er, Dubnow, erst in seinem letzten Geschichtsbande Menschen und Dingen unserer Geschichte und den heiligen Ueberlieferungen unseres Volkes gegraben hat. Er hätte seinen Blick auf ganze Totenfelder hinlenken können. Es ist schade, daß Dubnow so wenig vom alten Mendele gelernt hat, noch weit weniger als Achad Haam, der im Jsolierraum seiner hochphilosophischen Essays minder gefährlich ist als der letzte „jüdische Historiker", der in seinen populären 'Geschichtsbüchern das Gift in die weitesten Kreise hineinträgt. Dokumente der Unmenschlichkeit. Um Schw arz b a rt, den Attentäter gegen PttlMNi gellt eine große Mtßung, eine MiZ laflungskampagnö, an döt' Juden wie Nichtjuden beteiligt sind und die darauf abzielt, aus der Schuld Petljuras an den Pogromen in der Ukraine eine gewisse Gloriole für Schwarzbart als Rächer seines Volkes zu gewinnen. Wir können, wie wir schon seinerzeit ausführten, mit der Blutschuld Petljuras, an der wir nie gezweifelt, die Bluttat Schwarzbarts nicht rechtfertigen. Indes ist doch dasdabei zutage tretende Material über die Schreckenstage in der Ukraine zu wichtig, als daß es verschwiegen werden sollte. Die russische Gesandtschaft in Wien lud die Vertreter der jüdischen Presse zu einer Konferenz ein und legte ihnen Photographien und Dokumente vor, aus denen die Schuld Petljuras an den ukrainischen Pogromen hervorgeht. Der Referent faßte streng nach den vorliegenden Dokumenten die wesentlichsten Momente wie folgt zusammen: 1. &te.9ßoQvome touvben überaU'iri den utr«inischen Madien von ANeilungm Der Armee der Ukrainischen Nationalen Republik, der Armee Petljuras, gemacht. 2. Die Pogrome schonten weder Säuglinge noch Greise. Sie sind also keineswegs als ein Aüsrottungskrieg gegen „bolschewistische Elemente" zu begreifen. 3. Die Offiziere und lokalen Kommandos waren überall in Grundsätzliches über kohe/eth. Von S. Hecht in Mainz. I. Koheleth wird das „Hohelied der Skepsis" genannt. Wollte man diese Benennung stillschweigend hinnehmen, würde die Gefahr sehr möglich bleiben, den Zweck dieser didaktischen Poesie, dieser Dichtung des weisesten Königs der jüdischen Geschichte in das tatsächliche Gegenteil zu verkehren. Nachdem der Nachwelt aber diese von umfassender Erkenntnis getragene Verteidigungsrede Cnm) zur StreitstlW noä) Dom WMutsn anvskllMt ruMst sbluäi ihr ÜösÜlldöVL die Pflicht, ernst, unbeirrt, trotz ber scheinbaren Unebenheiten das Notwendig-Wertvolle (da göttliche Inspiration vorliegt) dieses Buches zu kennen und zu suchen. Ward es doch durch einen von göttlichem Geiste erfüllten Seher geschrieben. Und das ist es, was Gott diesen Seher künden ließ, dadurch, durch ihn der Menschheit lebendiges, wegzeigendes Wahre zu vermitteln: Jeder denkende Mensch erlebt in seinem Lebensdrange, von dem jede beseelte Kreatur erfüllt ist, eine Periode der Skepsis, in der er verzweifeln möchte wie in einem Labyrinth. Der Kosmos erscheint seiner suchenden tiefbewegten Brust wie ein Chaos, ohne Hoffnung auf Erlösung aus dieser Qual. Er fühlt sich beunruhigt von einem Lebensbankrott, er sucht einen ruhenden Pol, eine Licht-, Kraft- und Lebensquelle, die seinem Lebensdrange Maß, Gesetz und Rhythmus gibt, sein Dasein zum sinngetragenen und sinnvollen Sein macht. Diesem Drange von unten, von der Erdenschwere, begegnet helfend, heilend und heiligend die göttliche Liebe von oben, (Parallele zu Faust) indem sie einem geeigneten Menschen heiligen Geist schenkte, (s. Midrasch) damit eine Dichtung schaffen zu müssen, darin Erlösungsgedanken zu künden, die Loslösung von Cr.denschwere bereiten sollen und können. Die göttliche Liebe hat in der heiligen Literatur für alles Natürliche, für alles, was in der Welt sein kann, eine „lauschige Ecke" zum Erholen und zur vertraulichen Beratung und Besprechung geboten. Nun liegt das Bedeutende, das Psychologische, das Kunstvolle dieser Dichtung besonders darin, daß sie zunächst als eignes Erlebnis eines königlichen Menschen dargestellt ist. Sie ist das „Bruchstück einer großen Konfession." — Das Wort (ni>np) Sammlung, Pro - dukt, durch seine weibliche Form auf Seelen^) hinwkUllD: icort namliö) mit Dem Aston SSorio «m, Dag KvMeih eine lshrhasts Darstellung des Produktes aus seelisch-geistigen Kämpfen d e s s o g. K o h e l e t h i st. Es vermag gerade solche undogmatische Didaktik, durch diese psychologische Feinheit einem feelisch Kranken, einem Verächter der Welt, — des Lebens — und seiner selbst, eine wirksame Hilfe zu werden, weil der Blick in dasselbe gefahrvolle Kämpfen eines Größeren beruhigt und hier noch hoffnungsfroh macht, indem dieser Kämpfer aus dem Chaos heraus, siegreich eine Erlösung fand. Das Ergebnis der bisherigen Versenkung mag die Richtigstellung des zu Eingang angeführten Satzes, daß Koheleth „das Hohelied der Skepsis" fei, fein, indem der Kohelethleser von vornherein sich bewußt bleibt: K o - heleth ist das Hohelied der sich überwindenden Skepsis. II. Poesie darf nicht dogmatisch gepreßt werden. Es kann sich aber trotzdem das Subjektive, wie in Koheleth, doch objektivieren. Koheleth wird nämlich zu einer Predigt lvi-np-Prediger), derenThema die höchstbedeutende Frage: direkte oder indirekte Offenbarung, ist. Koheleth sucht in der indirekten Offenbarung, weil sie scheinbar näher liegt, das höchste, heiligste Wesen zu erkennen. Wohl leuchtet ihm aus allen Werken und Stoffen und Geschehnissen, seien sie noch so winzig, ein Geistiges, das von Großem Kunde bringt. Aber der Kosmos und das öarin pulsierende Leben bleiben doch nur ein „heiliges Rätsel", dessen Lösung von der menschlichen Beschränktheit nicht klar genug zu Ende gedacht werden kann. Vernunftgemäß und besonders durch eigne Erfahrung geläutert, wird es ihm zuletzt zur unbedingten- Klarheit, daß nur die direkte Offenbarung, jene am Berge Sinai' der jüdischen Menschheit gegebene Lehre über Welt und bif fingig? für Ben MeIIsHcn gute, erfaßbare Offenbarung fei. Und dann, aber erst, wenn diese anerkannt und als verpflichtendes Lebensgesetz ergriffen ist, wird das Dasein Maß, Gesetz und Rhythmus erhalten, wird die rein biologische Existenz zum Sein erhöht. Erst dann wird der jüdische Mensch die Kräfte haben können, sich gerne und auch in jener Welt zu erhalten, von der gesagt i ist, daß es besser wäre, wäre sie nicht geschaffen worden. Nur im Hinblick auf die Sicherheit, daß es einen güti-l gen, barmherzigen, allwissenden Gott gibt, die das historische Auge sich in Aegypten, am Schilfmeer, am Sinai in der Wüste, in der hl. Literatur holt, besitzt man die Gewißheit, daß. dieser barmherzige und gütige Gott uns gnädig, das Dunkel durch die Offenbarung erhellte. Indem diese Erkenntnis die Tatmenschen zu dem in der Offen-