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Der Israelit · 1926-09-16 · Heft 38 (16.9.1926) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 38 (16.9.1926)
Date
1926-09-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Der Israelit Setre 10 Nr. 38_' als erhielt der Hilflose Schwingen und wollte er sich aus dem Bette stürzen. Der Arzt mußte beruhigend eingreifen, aber der Kranke stieß die ihm gereichten Tropfen mit den Zähnen zurück und lallte etwas Unverständliches. „Kopf- und Armschuß. Wundsieber," sagte der Oberarzt gedämpft und deutete höflich an, daß es bester fei, weiter zu gehen. Nestele 1patte aber t^re Vlitke au| den Serververletzten geheftet und ste errötete und erblaßte abwechselnd, trat einen Schritt vor und zurück, daß sie Milka stützen mußte, sah sich noch einmal nach dem aufgeregt zitternden Kranken um und verließ rasch das Zimmer. Reifele mochte es für dieses Mal genug sein lasten an Besichtigungen. Stumm stieg sie in den Wagen und mit stummem Kopfnicken dankte sie für die feierlich an sie gerichteten Dank- und Abschiedsworte. Auf dem ganzen Wege sprach sie kein Wort. Sie grollte ihnen, so glaubten die Freundinnen, daß sie ihr den Anblick so großen Elends nicht erspart hatten. (Fortsetzung folgt.) Das Gebetbuch. Eine Lhasfidim-Gefchichte. Weit abgelegen hss Wklt kMkt dWkll Wäldern versteckt, lag das Rittergut des reichen Fürsten Udinski. Im bescheidenen Stübchen unweit des Schlosses wohnte der jüdische Pächter Tuwje, ein braver ordentlicher Mann, ausgezeichnet durch Gottesfurcht und ungeheure Gastfreuni Schaft. Der Schmerz des Ehepaares war, daß ihnen Kindersegen versagt blieb. Das ganze Sehnen und Beten Tuwjes ging dahin, daß ihn Gott mit einem Sohne beschenke, der später nach ihm Kadisch sagen würde. Sein Gebet wurde erhört. Wie aber das erwartete Knäblein geboren wurde, kam Verhängnis über die Welt. Alle Juden wurden auf höheren Befehl aus den Dörfern ausgetrieben. Tuwje, der Pächter, erfreute sich aber. des besonderen Schutzes des Grafen und konnte bleiben. Da aber Ausnahmerechte vom Himmel nicht umsonst gewährt werden, so starben bald Pächter und Frau, und der hilflose Knabe blieb allein, ein Waisenkind in fremder, unjüdischer Umgebung. Der Graf, dem eigene Kinder nicht beschieden waren, nahm den Judenknaben ins Haus und gab ihm eine angemessene Erziehung, in der Absicht. chm Namen und Stellung zu ^eben und rhn zum Qvben seines großen Hauses cmgusetzen. Wie der Knabe zwölf Jahre alt war und sich in seinem inner» wie äußeren Wesen von den Kindern der Edelleute in nichts auszeichnete, wurde er von einem merkwürdigen Traum erschreckt. Ein Mann mit langem ungepflegtem Barte und kohlschwarzem Gesichte, in beschmutzten weißen Gewändern erschien ihm und sprach: „Mein Kind, Du bist Waise und nun zwölf Jahre alt. Es ist nun.an der Zeit, daß Du Jude wirst. Siehst Du die Flecken auf meinen Gewändern? So lange Du unter den Nichtjuden lebst, können sie nicht ihre Reinheit erhalten." Der Knabe erzählte dieses dem Grafen, der ihm in väterlicher Liebe zugetan war. Dieser suchte es ihm auszureden mit den Worten: „Träume sind Schäume" und ähnlichem mehr. Die Träume wiederholten sich aber und die unheimliche Erscheinung kam immer und immer wieder, so daß das Kind erkrankte. Da konnte es der Graf nicht mehr über sich bringen, das Geheimnis weiter zu wahren. Er führte den Knaben durch seine Felder und Wälder, und zeigte ihm all seine unermeßlichen Schätze. Darauf aber führte er ihn in die Dachstube eines kleinen Hauses hinauf, zeigte ihm ein altes abgegriffenes Gebetbuch und eine dreiarmige verrostete und zerbrochene Lampe. Dann sagte er: r,^ier das Esyx, dns KkM Later Dir yiMörlllssM hat. Ich hob Dir aber sbsn g^igl, was rch Dir Hinterlasten kann und will. Nun wähle zwischen dem einen und anderen Erbe." Darauf erzählte der Graf dem Knaben von Juden, Händlern und Pächtern, die ein kleines, 15. September 1926' armseliges Leben führten und von seinem eigenen Pater, dem er viele Wohltaten erwiesen hatte. Er erzählte ihm auch, wie er, der Junge, nach dem Tods der Eltern nur ein Jahr alt und hilflos war und sicherlich zu Grunde gegangen wäre, wenn er, der Graf, ihn nicht ins Haus genommen hätte. Im übrigen ließ er ihm die Wahl. Der Knabe toarf sich 7Ä1Mlchkll schützer um. den Hals und bat ihn unter Tränen, ihn nicht ZU verstoßen. Und beglückt, schloß der Schutzherr seinen Schützling in die Arme. Dreißig Tage lang hatte der Junge Ruhe. Nach Ablauf dieser Zeit erschienen ihm aber beide, Vater und Mutter, in völlig zerrissenen Sterbekleidern im Traume. Und sie weinten: „Wehe uns, unser .Einziger hat uns in die tiefste Gruft hinabgestürzt." Seit dieser Nacht hatte er keine Ruhe mehr. Die Träume kamen ihm nicht mehr aus dem Sinne und die Worte der toten Eltern nicht aus dem Herzen. Er fing an, insgeheim in nächtlichen Stünden die Bibel zu studieren, in der Sprache der Nichtjuden natürlich. Am Abend zum Verföhnungstage wurde er volle dreizehn Jahre und in dieser Nacht erschienen ihm wieder die Eltern, zerrten ihn aus der Rul^e und „Heule bist Du dreizehn Jahre alt, und es ist für uns der heiligste aller Tage. Nun nimm Dir das Gebetbuch und flüchte von dannen, daß Du unter Juden Jude bist. Erbarme Dich Deiner und unser." Die ganze Nacht härmte sich der Junge tn schweren Seelenkämpfen ab. Er wollte schon flüchten,, aber Tür und Tor waren geschlossen und es gab keinen freien Ausgang. Von Sehnsucht überwältigt, ging er hinaus, bestieg die Dachstube, nahm das Gebetbuch und küßte es inbrünstig, dann öffnete er das Buch und weinte bitterlich, da ihn die Buchstaben fremd anstarrten und er kein Wort davon verstand. Daß er nicht imstande war, am heiligen Tage vor Gott in der Sprache der Väter zu beten, drückte ihm das Herz ab. Von dieser Dachkammer war aber eine Luke nach außen geöffnet. Er stieg mit dem Gebetbuch in der Hand hinab, kletterte über das Außentor und gelangte so ins Freie. Dann lief er, was er konnte, die Nacht hindurch und fast den ganzen Tag, bis er sich in einer größeren Stadt befand. Dort suchte er und fand das jüdische Gotteshaus, das vall^eftrllt mar oon betenden und weinenden Menschen. Es mar gerade um die Neiloh-Zeit. Auch er wollte beten, aber er verstand kein Wort. Da warf er das Gebetbuch in plötzlicher Aufwallung der Gefühle in die Höhe und rief: „Lieber Gott. Ich weiß nichts zu sagen. Hier hast Du das ganze Buch mitsamt allen Gebeten darin. Mögen sie aussteigen und zu Dir gelangen." * * * In der Schul des Baal Schem in Mizowicz herrschte an diesem Jomkippur große Bestürzung unter den Chassidim. Der Rabbi war nicht ln Stimmung. Es war etwas nicht in Ordnung im Weltall, man sah es deutlich an seiner gedrückten Haltung, an der gedeckten Stimme, die sich nicht emporzuringen vermochte. Cr arbeitete mit allen Gliedmaßen. Es war ein harter Kampf, aber kein Sieg . . . Um die Neiloh-Zeit trat er aber selbst ans Pult, und seine Stimme wurde immer sicherer. Plötzlich warf er das Gebetbuch in die Höhe und griff es wieder auf. Dann stimmte er mit klarer, fester, singender Stimme« mit einem Jubel, wie man es kaum gehört, das Neiloh - Gebet an. Nach Beendigung des Gebetes tanzte er im Kreise mit den Chassidim. Man wagte, leise nach dem. Grunde der Wandlung zu fragen. Der Vaal Schern sagte: „Die Pforten des Himmels wollten sich biefesmal unseren Gebeten nicht öffnen.. Da war es aber noch in letzter Stunde ein Dorfjunge, unter Nichtjuden großgezogen, der mit Vaters Gebetbuch die Pforten des Himmels aufriß ..." Es ist ausschließlich Sache der Leschr; die im Inseratenteil enthaltenen Empfehlungen ritueller Daren, oder sonstige Angaben religionsgesehlichey Charakters auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen. ' L. BARBARINO INHABER A. STERN öoS4~<U iM? 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M. — Druck Sermon Berlags- Aktiengesellfchaft, Frankfurt a. M.

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