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Der Israelit · 1926-09-16 · Heft 38 (16.9.1926) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 38 (16.9.1926)
Date
1926-09-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Me Vevle von Aegypten. Bii matt litfäm Gsschichkö mw -ö-rschs» Tschk«. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung).. XXIII. > Jede Post brachte ganze Stöße von Bittgesuchen, Einladungen, Berichten über Institutionen, denen Fürstin Rasa Protektorin war, ohne, daß sie es selber recht wußte. Delegierte kamen, Abgesandte von charitativen und sozialen Unternehmungen, mit Plänen, Danksagungen und neuen Wünschen. Sie alle-wurden von Milka empfangen, und nach den Vorschlägen dieses „Vortragenden Rates" wurde bewilligt, was zu bewilligen man fürgut fand. Staatliche wiestädtische Behörden, Militär- und Zivilverwaltung, aber nicht minder die jüdische Gemeinde, und. ihre Einrichtungen fanden den Weg zum marokkanischen Schloß und stets ein geneigtes Ohr und eine offene Hand. Daß die Herrin und Wohltäterin selbst sich im Hintergrunds hielt, sich Huldigungen und Danksagungen srrtoogs evljoijle nur Ujr Ansehen, bevmeijvle &en Legendenkranz, Der unter Arabern und Inden, auch in der Lebewelt der Europäerkolonie um ihr Haupt gewunden wurde, von Tag zu Tag um neue phantastische Blumen. Ein jüdisches Krankenhaus, dem die Fürstin Rasa große Zuwendungen gemacht hatte, hegte den sehnlichen Wunsch, die Wohltäterin von Auge zu Auge zu sehen. Die Kranken und Kriegsverwundeten, die ihre Wohltaten genossen, hätten den heißen Wunsch, daß der Engel, der von unsichtbaren Höhen schützend die Hand über sie hält, sich zu ihnen herablasse und aus nächster Nähe einen Strahl in ihre siechen Herzen leite. So und ähnlich lautete die Einladung, der sich, wie Milka und Feige übereinstimmend glaubten, Reisele nicht entziehen durfte. Es war für sie ein schwerer Gang, den sie aus ihrem goldenen Gefängnis zu den Menschen hinab machen sollte. Jedes Zeichen der Berehrung machte sie tief verlegen, sie hatte das Herrschen nicht gelernt und die angeborene Scheu vor Dtr QMMllMil M allen CilemMM NM W gvlW.' „Ba| m mW schon machen!", skmutWö Milka und traf alle Vorbereitungen. In einfache schwarze Gewänder gehüllt, ohne Schmuck und tief verschleiert, begab sie sich am frühen Nachmittag, begleitet von den Freundinnen, in den Wagen, der vor dem Tore wartete. Im Hofe und im Garten verbeugte sich die Dienerschaft tief zu Boden. Jenseits des Fischweihers im Hause der Frauen würde es an allen Gitterfenstern-lebendig, und es schossen Blicke der Neugier, der Bewunderung, auch des Neides zu der Fürstin hinüber, die, wie eine Märchengestalt aus dem Lande der tausend Geheimnisse, in dieses Haus hineingezaubert wurde. Die alte Hassana hatte einen Teppich auf den weißen Kies bis zum Torausgange gelegt und trug,ein blumenbesticktes Kiffen voran, um es auf den Sitz ihrer Fürstin in den Wagen zu legen. Reisele hatte nicht einmal den Mut, herrisch abzuwinken. Sie schob nur mit freundlichen Blicken das Kiffen der Dienerin wieder in die Hand und nahm auf bem votfatnienen Polster Ztrrischen beit Freitit- Wntz. Zn Im Honten sich die Blumen und die kleinen Geschenke für die Kranken bis zum Dach. In geschloffenem Wagen bei geöffneten Fenstern fuhren sie die herrlichen weißen Wege entlang zwischen Akazien und Palmen. Eine leichte Brise kam von den grünen Nilgestaden und streichelte wohltuend den heißen Kopf Reiseles. Es war ihr zu Mute, als fuhr sie einer neuen Prüfung entgegen, als erhob sich aus irgend einem der Gebüsche am Wege von neuem des Schicksals drohende Hand. In der Gemächlichkeit ihrer fürstlichen Be- MsMH lsz in hm Hilft mm MläuMD. wirkte, die Sinne umschmeichelte, sie Vergangenem und Zukünftigem entrückte. Hier in der frischen, freien Lust, unter dem Glanze der freien Sonne, unter der Wölbung des weiten Horizontes, wo sich die Welt mit ihren Menschen und Dingen weit und breit auftat, jagten aus allen dunklen Ecken ihrer Seele-die Aengste und bangen Ahnungen in deü Mittelpunkt ihres Bewußtseins. Was war das Märchenschloß hinter ihr und was sollte es ihr in Zukunft sein? Wie kam sie dahin und wie sollte sie die Rolle, die ihr Gott und Menschen hier zuwiesen, weiter spielen? . Sie fürchtete und es befriedigte sie zugleich, daß beim ersten öffentlichen Auftreten, bei der ersten Berührung , mit den Menschen und den harten Dingen der Erde, die ihr heute bevorstanden, ihr Traumleben verfliegen, zerbrechen würde, zerplatzen wie eine Seifenblase, die zur Erde fällt. „Nicht alles so schwer und tragisch nehmen," tröstete und belehrte Milka. wie eine echte, rechte HHruu. „Du Wirrst irr te ii» ImhIii* kommen und dort von Aerzten und Verwaltern mit schmeichelhaften Worten begrüßt werden. Du wirst Dich bedanken, ein freundliches Kopfnicken genügt. Je stiller, je reservierter, um so besser. Dann wirst Du unter Führung der Oberin von Krankenzimmer zu Krankenzimmer gehen, wir in einigem Abstande hinterher. Du wirst überall lächeln. Die' traurigen Züge darfst Du ruhig dabei behalten, das Lächeln aus traurigen Augen wirkt um so bezaubernder. Dann wirst Du Blumen und Geschenke austeilen. Die Kranken werden gerührt unter Tränen danken und Du wirst ablehnend mit dem Kopf nicken und so unbefangen lachen, als verständest Du gar nicht, warum man solch Aufhebens mache von solchen Kleinigkeiten und Liebesdiensten, die doch geradezu selbverständlich seien. Dann schreitest Du hinaus, etwas grader, aufrechter als sonst, wendest Dich noch ein paarmal um und schickst ein Lächeln zum Abschied noch zurück. Darauf noch eine verbindliche chandbewegung gegen die Aerzte, Verwalter und Schwestern, gewissermaßen als MtlMn LSllk für 8kll fkkllllöliTkll gnmngj uhd mir Wm uns roioDor ln von WlWU. Mssss und nicht mehr. Alles andere, was in diesem Falle Anstand und Zeremonralgesetz noch erfordern, überlasse nur mir, ich werde es schon machen. Feige wird sich freilich auch ein wenig zusammennehmen müssen. Deine Gaben, liebe Feige, reichten wohl zur Not für eine Fürstin aus, aber keineswegs für eine Hofdame . . . Also acht geben, daß keiner aus der Rolle fällt . . Alle drei mußten lachen über die Belehrungen des frischen Mädchens, das sich mit vollendeter Kunst in jede Situation so rasch und spielend Hineinsand. Der Wagen rollte jetzt auf dem glatten Asphalt, dann durch eine Allee und kam unvermittelt in enge, dunkle Gassen über Holperpflaster zwischen alten Häusern. Durch die Vogentore sah man in lange schmutzige Höfe, in denen dürftig gekleidete Menschen gestikulierend aufeinander einredeten und sich barfüßige, halbnackte Kinder tummelten, wie Mückenschwärme um einen Dunghaufen. Man war in der Altfiöbi urtb «lief) f>etlb tm 3ub enet eri e f , *>o*t Um Ur eigene Typ Der Häuser unD Menschen zeugte. Reisele hatte dieses Viertel noch ni.e gesehen und jede Gasse, jedes altertümliche Haus, jede bärtige Gestalt und jedes blitzende Augenpaar aus dunklem Mädchengesichte nahm ihr Interesse gefangen. Es waren Juden, Brüf Nr.rr l i-rr der und Schwestern, anders geartet als diejenigen won der Heimat, aber in einem Glauben vereint. Ihr Herz schlug schneller, und wäre nicht die gestrenge Hofdame an ihrer Seite gewesen, die unerbittlich auf die Etikette hielt, sie hätte den Wagen anhalten lassen, und mit den Leuten geplaudert, ein paar Kinder herangerufen, sie MlMMll unD mtt Qüßiötettm DcfcDcntt: Ultttt suhfsn sie Über etrteh 1)^11 Platz mitten in der Judengasse und hielten vor einer großen weißen Säulenfassade. Die Steinstufen waren mit Teppichen belegt und der Platz davor mit frischem Grün und Blumen bestreut. Schon hals ein Diener den Damen aus dem Wagen, und Männer in Schwarz, den Zylinder in der Hand, und andere in festlichem.Turban, ebenso Frauen in blendend weißen Hauben zu tiefschwarzen Kleidern standen auf der Treppe und sprachen in tiefen Verbeugungen Worte der Begrüßung. Nicht ganz so, wie die Hofdame Milka es vorausgefchildert, aber im Ganzen ähnlich spielte sich der Empfang ab. Der Augenauf- und Niederschlag bei Reisele ging nicht ganz nach Programm, und zum Entsetzen Milkas schüttelte sie sogar dem Herrn in Schwarz und der Oberin mit den weißen Bändern, die eine kleine Ansprache hielten, die Hand, und sie zog die Hand rasch und erschrocken zurück, als sie der Herr zum Munde Wrin MM, m MM in m mut m Hofdame zu sekundieren hatte, hatte keinen leicht ten Stand und zog sich manchen sanften Rippenstoß zu. Ueber die blinkenden Fliesen des langen Korridors ging es in die Verwaltungsräume und in den in blendendem Weiß schimmernden Operationssaal, wo Aerzte und Assistenten in langen, weißen Kitteln versammelt waren. Im blumengeschmückten Speisesaal begrüßten und bewun-, derten Schwestern und Hauspersonal die aus Wolkenhöhen herabgestiegene Wohltäterin. Reisele nickte und lächelte und lobte, mit einem Auge stets nach Milka ausschielend, die mit stummen, strengen Blicken für Distanz sorgte. In einem kleinen, blanksauberen Betraume sah sie auf einer Marmortafel an der Wand in blitzender Goldschrift ihren Namen leuchten. „Stiftung der Fürstin Rasa, der Prinzessin von Marokko" und darunter einen Psalmsatz, der das Lob und den Lohn des Wohltuns kündete. Sie erinnerte sich dunkel, daß sie einmal um dieses Bethaus angegangen wurde und den kleinen Ank«8 MttsMtt Skt gSUgkU MlMlUllllg MZ MM Mimm auffuhrm null uuschllssM lW. Dann ging es in die Krankensäle, wo in weißen Eisenbetten Kranke und Verwundete sich ehrerbietig aufsetzten oder liegend mit stummen Blicken der Prinzessin, bisher ein unsichtbarer Engel mit dem Füllhorn in der Hand, huldigten. Reisele standen Tränen in den Augen beim Anblick soviel stummen Schmerzes. Und dieser Ausdruck verklärte ihr Gesicht in engelhafter Schönheit. Hinter ihr die Hofdamen trugen Blumen, Wein und andere kleine Gaben, die sie auf die Tischchen vor den Betten sanft und gleichmäßig stellten. Der Oberarzt lud ein,auch einige Einzelzimmer zu besuchen, wo Schwerkranke lagen. „Frisch von der Front bei Gaza," erklärte er, „an der Grenze Palästinas, wo es hart herging, haben wir sie bekommen. Sind auch welche von der „Jüdischen Legion" dabei." Im kleinen Zimmer waren die Fenster weit ins Grüne des Gartens geöffnet und frischer gme &uft. Im Veite lag ein Mann, Den Kops bis tief ins Gesicht in Gaze gehüllt. Man sah aus dem Verbände fast nur die in Fieber blitzenden Augen. Diese waren aber nun, stechend und mit verklärtem Glanze überzogen, gegen die Eintretende gerichtet und es gab einen Ruck im Bette,

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