Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 37 (7.9.1926)
- Date
- 1926-09-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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r* 37 1926 Der Israelit Die Perle von Aegypten. Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). XXII. Wochen und Monate vergingen; diese reihten sich zu einem Jahre, dem ein zweites und drittes folgte. Der Sturm in der Welt hob und senkte sich, setzte mit wildem Toben einmal da, einmal dort mehr ein,als, suchte er den Punkts von dem ßF öU EM alu MzM H-ckere Ur tv vuf)ts keinen Tag, keine SMnde. Seitdem Reisele ihr fürstliches Domizil bezogen hatE, waren mehr Blut und Tränen in der Welt geflossen als den Nil in diesem Zeitraum Wasser hinunterfloß, sie wußte es, trug, wie alle Menschen mit düsterer Kindheit und erfahrungsreicher Jugend, den Weltschmerz in sich, hörte in stillen Mächten —- wiewohl weit und breit fürandere Ohren kein Ton zu hören war — Aechzen und Röcheln und weinte mit tausend Vätern und Müttern, die sie nicht kannte, trauerte um verschollene Söhne, sie, die verschollene Tochter ... Fast hatte es etwas Heimeliges für sie, zu denken, daß nun eine Gemeinschaft bestehe zwischen der schönen Welt unter der goldenen Sonne am blauen Nil und den düsteren Gassen im Städtchen am Njemen —eine Gemeinschaft des Entsetzens. Wenn Ali Gamala, der alte Wasserträger mit seinem Esel daher kam, still und gebeugt und wie in Trauermelodie sein Wasser aussang, und die alte Hassana mitleidig sagte: „-Sperrt«, er fyat Jetwert Strtgtgen veviovenf IHN flftFQSU HT1 den Brunnen ging und die Esel trieb." so sah Reisele im Geiste alle Väter und Mütter ihres Städtchens, sah ihre eigenen Eltern um ihr Kind trauern. Ob sie noch am Leben waren? Sie hörte von Austreibungen, Metzeleien an der Grenze. Briefe kamen nach Jahresfrist unbestellt zurück. Und sie war FürstiA, bewundert, besungen ob ihrer -Schönheit, ihrer Güte. „Fürstin Rasa", Prinzessin von Marokko, die Perle von Aegypten. Es hafteten Tränen an dieser ägyptischen Perle, die sich aber wiederum in Gold wandelten. Große Hilfs- und Liebeswerke entstanden, wie Blumen aus Leichenfeldern, in Aegyptens Hauptstadt, Spitäler, Heime für Invaliden, Sanatorien für Beschädigte, Erziehungsanstalten für Kriegswaisen- Küchen für Hungernde. Und bei all dem fand man den Weg zum Palais, darin die bewunderte Frau mit offenem Herzen und offenen Händen allem Weltenleide nahestand. Auch der jüdischen Gemeinde waren gesteigerte Aufgaben entstanden durch den Strom der Flüchtlinge, durch Verarmung und Hunger in den jüdischen Gassen. Fürstin Rasas Nanrsn Q[QXl2tü Qllf ÄllfVllfKU iWÄ der Nerrerestrellrere^ere^ wenn sie sich auch selbst nie blicken ließ. Die Legenden, die man sich hier von der überirdischen Schönheit und engelhaften Erscheinung der jüdischen Fürstin, die wohl eine Königstochter von den „Zehn Stämmen" jenseits des Sambation sei, erzählte, drangen kaum an ihr Ohr. Aber der goldene Weg, der zu den Brüdern und Schwestern gebahnt war, tat ihrer einsamen Seele wohl. Ihr Abgeschiedensein glaubte sie dem Manne zu schulden, der.ihr den Namen und den Glanz und die Macht gegeben hatte, ohne für sich mehr zu verlangen, als Treue und Unerschütterlichkeit im Ausharren. Wenn -sie in stillen Stunden in sich sah und darüber nachdachte, wie sich wohl die Dinge gestaltet hätten, wenn er bei ihr geblieben wäre, kam sie nicht mit sich ins Klare. Aber s o war sie aller Wahl und aller Konflikte enthoben. Es gab für sie jetzt nur eines: den Namen, der ihr geworden, in Ehren zu tragen, seiner würdig. Seine Briefe kamen regelmäßig, mit jeder Post, die von Europa eintraf und verzeichneten immer anderen Standort. Sie waren gemessen im Tone, aber voll innerer Wärme und festen Vertrauens. Er berichtete von Siegen, ohne Ruhmrederei, auch von Niederlagen, von Gefahren, vom Tode treuer Kameraden, ohne Niedergeschlagenheit. Und über allem stand die Hoffnung auf Allah, daß er ihn bald heimbringe, zu seiner Prinzessin, zur Durchführung seiner Reformpläne. Einmal berichtete er über Auszeichnung und tzohos Mmnmmmi mv «itokei. Nachdem zwei Jahre vorüber waren, schrieb er von der Möglichkeit eines kurzen Heimaturlaubs, vorausgesetzt, daß eine gewisse geplante Unternehmung glückte. Sie möge für ihn beten, zu ihrem Gotte. Auch im nächsten Briefe war von gewissen Vorgängen und großen Unternehmungen die. Rede, die den Urlaub in weitere Ferne rückten, aber umso aussichtsreicher machten. Hatte Reisele die in Aussicht gestellte Heimkehr ein wenig erschauern lassen, so empfand sie dennoch die Verzögerung schmerzlich wie eine getäuschte Hoffnung. Dann kam ein kurzer Brief mit der Ueberschrift: „Im Unterstände am Vorabende der Schlacht bei . . ." Im Briefe selbst hieß es: „Nun sind wir vor der Entscheidung ..." Die nächste Post hatte keine Briefe für den marokkanischen Palast. „Die Schlacht ist gewonnen, das kann man in allen Zeitungen lesen, und Dein Fürst ist mit dem Siegerkranz auf dem Haupte auf dem Wege zu Dir," sagte Milka halb im Ernste, halb im Nkisklk MWlstitcrll. Es kvttttts stittttttetr. Zeitungen berichteten über große entscheidende Schlachten, über heldenhafte Auszeichnungen marokkanischer Truppen. Aber auch die nächste und übernächste Post brachten keinen Brief von Abdul el Becher. „Der Weg ist weit, und er kommt mit Dienern, Reittieren und vollbeladen mit Geschenken. Denkst Du noch an unsere Schiffahrt, Reisele? Die Reise wollte kein Ende nehmen." So redete Milka auf ihre Herrin und Freundin ein, selber im Zweifel, ob sie mit der Aussicht auf baldige Ankunft des Prinzen Reisele Freude oder Angst bereitete. Dieses hätte in Wahrheit Reisele selber nicht sagen können. Sie bangte um Abdul el Becher und schaute sich die Augen vor Erwartung aus, und erzitterte im Innersten bei dem Gedanken, die Türe könnte plötzlich aufgehen, und er, wie ein fernes Phantom verehrt und angebetet, stände leibhaftig da und mit ihm die Stunde der letzten Entscheidung. Aber Monate um Monate verstrichen, ohne daß ein Zeichen des Prinzen Ankunft meldete. Sie sollten an zuständiger Stelle Anfrage halten. riet Milka, Aber aas irgend enteret dunklere Gefühls heraus unUriUfj und hinderte auch Milka, etwas zu tun. „Nicht die Entscheidung vorzeitig und mit Gewalt herbeizwingen ..." Reisele lebte ihr bisheriges Leben weiter, schlich still mit gütigen Augen, voll Mitleid und Sehnsucht über die langen weißen Gartenwege, ließ, um nicht herrschen zu müssen, kaum andere Dienerinnen an sich heran, als die Freundinnen, die stets um sie herum waren. Nur die alte Hassana kam zuweilen, und sie tröstete: „Die Herrin darf nicht trauern. Trauer und, Furcht werden auf den Schwingen der Liebe getragen in das Herz des Helden im Felde und lähmen seine Kraft. Unser Prinz ist Held und Sieger, Allah steht ihm bei, führt ihm die Hand und bringt ihn heim . . ." Für alle Hilfesuchende war jetzt im Palaste mehr geneigtes Ohr denn je. Aber selten empfing Prinzessin Rasa selbst jemand. Es ergab sich von selbst, daß, wie ihr Milka das Herrschen und Befehlen abnahm, Feige mit ihrem weichen Herzen das Wohltun in ihrem Aufträge bestens besorgte. Wichtigere Fälle wurden von beiden behandelt und zur letzten Entscheidung Reisele vorgelegt. So hatte sich ihr Leben konsolidiert, das Verhältnis zwischen Fürstin und Hofdamen seine natürliche Regelung gefunden. (Fortsetzung folgt.) Von der Seele.'' 1. Wü vm® Dtonnts mm unö mir® Blaue Mshu- Dlumen schreitet meine Seele. Aus der Kettenknechtschaft Aegyptens war sie schon vorher gerettet und wunderbar geleitet und erleuchtet worden. Aber jetzt erst, nach der Geburtstagsfeier und dem Gnadengeschenk der Thauro, ward sie inne, daß sie aus himmlischem Holze geschnitzt sei und daß ihre Unrast im menschlichen Körper kronenwertes Ziel bedeute. Heimatssehnsucht nach dem Ursprung ihres Daseins, nach dem Orte, da ihr wohler war als hinieden, hatte sie bisher gefüllt. Wo sie friedlich und verklärt Gottes Glorie Hymnen fang. Und nun — Gottes Glorie auf Erden, und sie, die Seele, Herold und Vermittlerin, die im stände war, diese Glorie festzuhalten durch die Großtaten der von Gott geheischten Mizwaus. Sie, die Seele, der erkorene Triumphator, der niederzwingen sollte irdische Begier, eindämmen sollte irdische Leidenschaft, hochheben sollte zu sonnenhafter Freiheit. Der zu höchstem Adel emporführen sollte, was dürftig und verkommen war. Unendliches Glücksgefühl schwellt die Seele, sie breitet die Arme aus und ruft: „Du ha st uns aus er wählt von allen Völkern, uns geliebt und Wohlgefallen an uns gefunden und uns erhöht über alle Zungen und uns geheiligt durch Deine Gebote und uns, unser König, Deinem Dienste reahegebracht u n b 2) « i n e trgrojjen^ ^ei I s z z ll uter uns genannt!" 2. Aber nicht lange schwelgt die Seele im Hochgefühl dieses Glückes. Gier in allen Arten brandet an sie an. Der Ton, das Erdhafte, in das sie gebettet, an das sie gekettet ist, sagt ihr Kampf aufs Messer an. Zerrt sie heute hernieder zu seiner frevlen Sinenlust. Lullt sie morgen ein mit Wiegenliedern vom Wohlbehagen ungebundener Erdenfreuden. Magd wird sie, die Herrin sein sollte. Unreine Schlacke aus blankem, leuchtendem Edelstein. Wohl zuckt manchmal noch ein angstvolles, trübes Erinnern an früheres Glücksgefühl, an einstigen Tatendrang in ihr auf. Aber es ist nur schwellende Flamme, nicht reines Feuer. Da — ein Hornruf, ein Schmetter- und Weckruf! Die müde, verzagte, verunlauterte Seele horcht auf. Das war ein Hall aus den Höhen, denen sie entstammte. Erkennen steigt, dämmernd erst und dann glanzvoll, in ihr auf. Tränenslut spült die Erdkruste um sie weg. Reue schüttelt sie bis ins Innerste. Und sie richtet sich auf aus ihrer Versunkenheit, aus ihrer Gesunkenheit, und wandert zögernd und doch hoffend, bangend und doch verhalten jauchzend dem neuen Jahre, dem neuen Leben entgegen. 3. Seltsam beklommen und seltsam zwiespältig ist der Seele zu Mute. Sie weiß: noch ist sie erst auf halbem Wege, noch erst im Anklimmen zur Höhe. Sie weiß: noch harren ihrer zehn Tage herben Schuldbewuhtseins, *) In aparter Schönheit tritt das altbeliebte Heidenheim-Vambergersche Machsor mit den zierlich gebauten [sfnsF fetöig MM unö öd® starken Slättet mit Den großen, ernsten, öunilan Augen seiner Buchstaben, mit der goldstaubgepuderten Stirne seines Oberfchnittes, mit der kleidsamen, dauerhaften Tracht seines bieg- und schmiegsamen Leinenbandes neu auf den Plan. (Gebetbuch für die Festtage. Mit sorgfältigst revidiertem Texte. Herausgegeben von Wolf Heidenheim. Im Anschlüsse an dessen Kommentar neu übersetzt von Rabbiner Dr. Selig Bambergen 5 Bände in biegsamem Leinenband auf Dünndruckpapier mit Goldoberschnitt. Frankfurt a. M. (Rödelheim. D r u cf und Verlag von M. Lehrb erg er u. Co.) Das Machsor hat sich dank der Zuverlässigkeit seines von dem großen Wolf Heidenheim durchgesehenen Textes und der sich ihm ehrfürchtig anpasienden trefflichen Ueberfetzung von Bamberger bereits lange in allen Ländern deutscher Zunge Bürgerrecht, ja Herrenrecht erworben. Das Gebiet seiner Geltung wird befestigt und erweitert werden durch diese wundervolle Ausgabe.