Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1926)
- Date
- 1926-09-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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\ and JL rziepana afl°3is aqc zum,;osrae Organ des Sundes gesetzestreuer jüdischer Kehrer Deutjchtands. E.D-£. Lin «aufgeklärter" jüdischer Lehrer in Hessen im 19. Jahrhundert und sein «Wirken". Von 2. Lebermann in Darmstadt. In der Absicht, sowie von der Erkenntnis durchdrungen, die Juden Deutschlands auf eine höhere Kulturstufe zu bringen und um ihnen die Kenntnis der reinen deutschen Sprache beizubringen, hatte Moses Mendelsjof>n i>te Q3t£»ef ins rc*£>£>intjc^en ®röf}*n der d«m«ligen Heit s«r^en jedoch die Hvlgen voraus, welche das Studium des heiligen Buches als Mittel zur Erreichung profaner Ziele zeitigen mußte und welche der Baseler Historiker F. Heman in seiner „Geschichte des jüdischen Volkes" in folgenden Worten zeichnet: „Von der Mendelssohnschen Bibelübersetzung her datierte die Abwendung vom Talmud, die Verwerfung der Kabbala, die Lossagung des Judentums von allen seinen alten Traditionen, die Entleerung ihrer Religion, die Rationalisierung und Humanisierung des jüdischen Geistes". Deshalb wandten sie sich mit aller Schärfe gegen dl Benutzung der Bibelübersetzung, die nur eine oberflächliche Kenntnis der Sprache und übertünchte Bildung vermitteln konnte, die andererseits jedoch zum Abfall führen mußte. Die von Mendelsohns Bibelübersetzung herbeigeführte Bewegung führte in der Tat zur Gründung der sogenannten Aufklärungspartei, die besonders in Berlin in den Salons der Herz, Rahel, sowie in der „Gesellschaft der Freunde" ihren Mittelpunkt Hatte, und deren Angehörige sich größtenteils vom Judentum lossagten. Von Berlin aus verbreitete sich die Bewegung über ganz Deutschland, man wütete gegen den Rabbinismus, den Talmud und scheute sich nicht, sogar bei den Behörden über das Hassenswerte und die Rückständigkeit der talmudischen Denkweise zu klagen. Auch im Großherzogtum Hessen waren es einige jüdische Lehrer, welche, in nichtjüdischen Seminaren herangebildet. jedes tieferen jüdischen Wissens Mi in „auftlämüßr" Tlitigksit gmfim fflrofesfes leisteten. Einer von ihnen — der jüdische Lehrer Löw Rosenthal in Gießen — richtete im Jahre 1823 an den dortigen Schulrat das Ersuchen, nicht nur recht bald zweckmäßige Lehrbücher einzuführen, sondern auch die bisherigen hebräischen, sogenannten jüdisch-deutschen Lehrbücher zu verbieten und insbesondere, bis ein vollständiges Werk „frei von allem talmudischen Unsinn" erschienen sei, sein Lehrbüchlein. „Katechetische Unterhaltung über die verschiedenen Gegenstände der Religion" (Büdingen 1821) einzuführen, was jedoch vom Gießener Schulrat, Prof. Diefenbach, abgelehnt wurde, weil es sich „weder materiell noch formal zu eignen scheine." Ein anderer Jugendbildner dieser Art war Elias Birkenstein. Nach einer i. I. 1828 ausgenommenen Statistik über die jüdischen Elementarlehrer in Oberhessen wurde er, aus Rosenberg in Baden stammend, 42' Jahre alt, i. I. 1826 als Lehrer der Judenkinder in den Gemeinden Battenberg, Battenfeld, Berghofen, Allendorf und Rennertshausen mit dem Sitze in Battenberg mit einem Jahresgehalt von 150 Gulden angestellt. Die Vorgeschichte seiner Anstellung kennzeichnet seine Persönlichkeit zur Genüge. Am 15. Oktober 1823 meldete er sich als bisheriger Privatlehrer auf die erledigte lschuMöllö in Dm omanntm (SenninMn. Dort war im zwischen bekannt geworden, daß er am 26. Dezember 1821 in einer Eingabe an die höchste Staatsbehörde erklärt hatte, daß er, wenn ihm eine Unterstützung und Versorgung zuteil würde, entschlossen sei, zum Christentum überzutreten. Deshalb bekämpften die Vorsteher in Battenfeld seine Bewerbung aufs schärfste. Sie zeigten sich bereit, wohl einen geprüften Lehrer anzustellen, lehnten aber Elias Birkenstein wegen schwerer Bedenken ab, da sie „lieber ihre Kinder in etwas weniger Wissen unterrichtet haben wollen, als daß durch einen Menschen wie B. ihre Moralität verderben w i r d." Da — ein Zeichen der Einigkeit — die Gemeinden Battenberg und Berghofen für ihn eintraten (während sämtliche Juden in Battenfeld, Allendorf und Rennertshausen ihn ablehnten) und auch die Regierung ihn unterstützte, wurde er im Jahre 1826 endgültig angestellt. In welcher Art sich dieser Jugendbildner nach seinen Antezedenzien bewährte, ist leicht zu erraten. Bereits im folgenden Jahre richtete er eine Eingabe an Großh. Kirchen- und Schulrat in Gießen, um „eine Verbesserung der jüdischen Schulanstalten herbeizuführen." Als Anlage erscheint ein auf seine Kosten gedrucktes Schriftchen mit dem Titel: ..Eine gründliche Darstellung über das WWniWMsön Der 3uDon unö iijren INDMWM MliM punkt, gesprochen von einem Glaubensgenossen der Juden." Darin schlägt er vor: 1. die Willkür der Juden hinsichtlich des Schulwesens aufzuheben, 2. die jüdischen Volksschulen unter der unmittelbaren Leitung des Staates zu errichten. 3. Zentralschulen anzuordnen (?) und 4. eine jüdische Schulsteuer zur Unterhaltung ihrer Schulen unter den Juden selbst zu regulieren. In der Schrift wütet er geradezu gegen den Rabbinismus, dem er das Schlimmste unterstellt, fordert die Verbannung der hebräischen Sprache aus Gottesdienst und Schule, „der Geist des Talmud müßte vollständig ausgemerzt werden," ja sogar das westfälische Konsistorium geht ihm nicht scharf genug vor, da es den „Mißbrauch" der hebräischen Sprache nicht abstellen will." Eine treffende Selbstcharakteristik leistet er sich am Schlüsse seiner Eingabe: „So schwach ich mich im übrigen im Geiste fühle (!), so stark sind doch die Empfindungen des Glücks, unter der unmittelbaren Leitung eines erleuchteten, aufgeklärten, humanen, hochverehrlichen christlichen Konsistoriums zu stehen." In der Antwort auf die schwülstige Eingabe geht der Kirchen- und Schulrat nicht weiter darauf ein, nur in einem Punkt — Verminderung der Zahl der Rabbiner in Oberhessen — bemerkt er, „daß ein Rabbiner für die Geschäfte, die er als solcher hat, für unsere Provinz, er mag nun ein strenger Talmudist oder aufgeklärter Mnnp jetTT (5) Jjinveidjenb |ei. Sagegen Jei die ^ak»l her jüdischen Elementarlehrer nicht sehr p vermehren, sondern die Judenkinder sollen überall die christlichen Volksschulen besuchen. Deswegen konnten wir zur Errichtung von jüdischen Elementarschulen keineswegs der in der rubrizierten Vorstellung projektierten jüdischen Schulsteuer unsre Beistimmung geben." Bei der religiös-radikalen Einstellung eines solchen Jugendbildners inmitten einer andersdenkenden Gemeinde kann man sich das Verhältnis zwischen beiden vorstellen. In Wirklichkeit scheint Birkenstem dort keinen guten Tag verbracht zu haben, denn die Battenfelder, namentlich der Vorsteher Moses Bärle Reis, machten, ihm das Leben sauer und wollten ihm kein Gehalt zahlen, bezw. diesen auf die Eltern der schulpflichtigen Kinder abwälzen. So herrschte fortwährend Streit zwischen beiden Teilen, der sowohl den Kirchen- und Schulrat in Gießen als auch das Ministerium in Darmstadt beschäftigte. Endlich richtete Birkenstein im Jahre 1831 zwei Gesuche an denGroßherzog, worin er in beweglichen Worten um eine Gratifikation aus dem Fonds für gering dotierte Schullehrer bittet. Bezeichnend für seinen Charakter sind zwei Stellen aus den Gesuchen. In dem einen beginnt er: „Als Schulmann stecke ich mir das .giet^ meine Schüler gu einem gehörigen Grad in WV? moralischer Bildung gu erheben. Sie Erreichung dieses Ziels füllt mir aber desto schwerer, je mehr ich unter einer Nation wirken muß, die mir wegen ihrer schädlichen Grundsätze und ihrer verjährten Vorurteile alle möglichen Hindernisse in den Weg zu legen sucht." Das andere schließt er: „Gestützt auf die gerechte Hoffnung, bald mit einer gnädigsten Unterstützung begnadigt zu werden, erblicke ich im Dunkel leidensvoller Gegenwart das freundliche Licht der gnädigsten Hilfe. Mit Sehnsucht sehe ich dieser kraftvollen Erwartung entgegen und ersterbe in tiefster Ehrfurcht Cw. königl. Hoheit untertänigster Knecht E. B." Dann will er in die Witwenkasse ausgenommen werden und begründet es damit, daß da die jüdische Gemeinde, die einem „gellenden Vorsänger mit widrigem Gekrächze und schneidendem Geschrei" dasselbe Jahresgehalt von 150 fl. wie ihm gewähre, nun auch die Beiträge für die Witwenkasse entrichten könne. Am 28. September 1831 widerfährt den vereinigten Gemeinden Battenfeld usw. das Heil der Befreiung, indem Birkenstem nach Bürgel bei Offenbach versetzt wird. Auch von dort taucht sein Name in den Akten auf, als er im Jahre 1834 in Gemeinschaft mit Rabbiner Dr. Formstecher-Offenbach und dem Vorsänger in MIM. oirael MllMslM, m einer Mnglwc an Die Regierung dieselben Forderungen erhebt wie teilweise im Jahre 1827. (Schulsteuer, alleinige Staatsaufsicht). Birkensteins Verhältnis zu letztgenanntem Rabbiner scheint jedoch bald einen Riß bekommen zu haben, denn im Jahre 1840 begegnen wir einer von ihm allein ausgehenden Eingabe in gleicher Sache, worin er unter anderem bemerkt: „Die Erhebung von Schulsteuern würde auf die Juden umso weniger befremdend wirken, als ja die Rabbiner, die eine unnütze Last der Erde sind, ihren Gehalt von sämtlichen jüdischen Einwohnern ihres Rabbinats und zwar vom christlichen Gemeinderechner ausbezahlt erhalten." Leider waren solche Erscheinungen in der jüdischen Lehrerschaft der damaligen Zeit auch in dem kleinen Hessenländchen nicht selten, aber mit Genugtuung muß uns heute noch erfüllen, daß der gesunde altreligiöse Sinn einer schlichten „unaufgeklärten" Landbevölkerung die zerstörenden Absichten solcher Jugendbildner zunichte machte. Der Aufbau des jüdischen Unterrichts und das „Lernen" iu der Schule. Ein Vortrag von Lehrer Schuster in Großkrotzenburg. I Zwei Gewalten kämpfen in der Welt um die Welt» zwei Prinzipien ringen um die Vormachtstellung, zwei Größen liegen im Kampfe um die Weltenherrschaft. Seit die Menschen Staaten gegründet, seit es eine Geschichte gibt, hören wir von diesem Riesenkampfe, der heute noch nicht ausgekämpft ist. In diesem Auf und Ab, in diesem Geisterkampfe ist die Macht dem Rechte gegenüber Sieger geblieben. Noch immer war die Macht das Beherrschende, das Triumphierende und hat sich sogar selten mit dem Rechte und der Liebe umkleidet. Macht führte, auf sich selbst gestellt, zur Machtvergötterüng. Der blutige Lorbeer war sein höchster Schmuck, Welteroberungspläne bildeten die Träume der größten seiner weltgeschichtlichen Größen. In dem Dienste dieser Ideale stand und steht bei ihm die Pflege und Entwicklung aller körperlichen, geistigen und sittlichen Kräfte und Vermögen des Menschen. Wie kulturnackt und bildungsbar zeigen sich die Kämpfer für Macht und politische Größe. Alles Schlechte, Niedrige, Gemeine und Vergiftende weckt dieser Kampf. Das unbezähmte, blut- und mordgierige Tier im Menschen läßt das Gottebenbildliche nicht wirksam werden. Die Macht tötet nur, läßt Hoffnnngssaat oerborren, macht die Erde gur Oebe unh die Menschen gum Tiere. Dieses <£(au=^ringij? fielet im Gegensätze zu Der göttlichen Weltordnung» die die Herrschaft des Rechts und der Liebe als das höchste, als das einzige Ziel festgelegt hat. Wo ist das Recht, wo ist die . Liebe! Wo ist das Recht und die Liebe die Vermittlerin zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk!. Wo ist das Recht die Führerin im öffentlichen und staatlichen Leben! Macht ist Recht, Ohnmacht Unrecht! Wie sehr haben wir unter dieser Verkehrung aller Moral zu leiden, wie sehr drückt uns das Machtprinzip. Machtlos — rechtlos! Wir litten unter der Macht der Kirche, wir litten unter der Macht der Staaten, wir litten unter der Macht des Einzelnen, wir litten unter der Macht I i