Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1926)
- Date
- 1926-09-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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2. September 1926 Nr. 36 Frankfurt a. Al., den 23. Lllul öKSS Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement 'ab Januar 1924: Deutschland 1 Goldmark monatlich; Ausland: Bierteljahrpreife (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: Schilling 6.—; Amerika 1 Dollar; England'4 sh.; ab 1. Juli Srankreich und Belgien 28 Kr.; Holland 2 fl.; Italien 20 Lire; Jugoslawien 55 Din.; itauen 7.50 Lit.; Rumänien 200 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 5 Kr.; Tschecho-Slowaket 25 Kronen; Ungarn 80000 Kronen; Dänemark 6 Kronen; Norwegen 6 Kronen; Schweden 3.50 Kronen. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 40 Goldvf. für die stebengespaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 30 Pf. Die 75 nun breite Reklamezeile: letzte Textsette 1.60 Mk., vorletzte Textseite 2.— Mk.; Chiffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. 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Zahlungen direkt an den Verlas Warschau Nr. 190757. — Postscheckamt Der heutigen Nummer liegt Bogen 3 j (Schlußbogen) mit Titel der Buch- » i B e 11 a a i für unsere Befer: I S Kambam, ksttcholh Deoth : in der Uebersetzung | von Bernhard Jacobson » bei. - Aus der Welk des Muffar. ii. Der Weg zur sittlichen Wahrheit. Von Rabbi David Blücher in Meferih. Motto: „Deshalb sagen die kommet nach Cheschbon." das sind die, die ihre Triebe beherrschen lernten. Kommet nach Cheschbon, kommet, , und wir wollen die Rechnung der Welt ausmachen, den Schaden der Mizwa gegen ihren Lohn, den Lohn der Awera gegen ihren Schaden. (Baba Bathra 78.) Hierzu bemerkt Messilath Jes'chorim: „Das will sagen, daß den wahren Rat nur diejenigen erteilen und die Wahrheit d e r D i n g e nur diejenigen schauen können. die schon der Herrschaft ües mmm lmMü önlronnan find uns ihn hcherrschön. Denn mv nach gefangen ist in den Fesseln seines Triebes, dessen Augen sehen die Wahrheit nicht, und er vermag sie nicht zu erkennen. Denn der Trieb blendet buchstäblich die Augen . . . usw. (Siehe dortselbst.)" Sobald man nachdenkt, zeigt sich, daß hier -ein tiefer Gedanke niedergelegt ist. Es ist bekannt, daß jede menschliche Handlung.von drei 'Faktoren bestimmt ist: .Von der Ursache, die als Zweck vorschwebt, von dem Menschen, der sie vollbringt und von den Mitteln, die ihrer Verwirklichung dienen. Mit anderen Worten: von Stoff, Form und Zweck der' Handlung. Der Zweck ist es, der zur Ursache wird und den handelnden Menschen vermittelst der ihm zur Verfügung stehenden Hilfsmittel zur Ausführung einer Tat veranlaßt. Das ist der Fall bei jeder Handlung, zu der ein natürliches Wollen treibt, wie z. V. der Wille zum Geldverdienen. Die Sehnsucht nach dem Gelde weckt die Tat, die Mittel zur Ausführung fehlen nicht, und das Subjekt ist gewillt, die entsprechende Handlung zu vollbringen. Allein Handlungen, denen als Zweck nichts weiter vorschwebt als die sittliche Vollenb-.u it 0, tme fommett sie zustande? Keine wetffn Wn Mengen, Me [ülliche Vollendung anzustreben, so lange sie ihm fehlt. Wie sollte ein der sittlichen Eigenschaften noch entbehrender Mensch dazu kommen, nach dem Sittlichen zu streben, wie soll er seinen Verstand, der unvollkommen ist, in der Richtung auf Vollendung hin ausgestalten? Der Arzt, der an Melancholie leidet, kann sich selbst die Heilung seiner Krankheit nicht verschaffen. Diese Tatsache wird noch klarer, wenn man die ganze natürliche Entwicklung des menschlichen Individuums ins Auge faßt. Der Mensch kommt zur Welt in dem Zustande einer gewissen natürlichen Wildheit. Auch wenn ihm jemand mit einem Schlag die Erleuchtung zutrüge, müßte er einen schweren Kampf mit sich ausfechten, um feine Gewohnheiten und feine überkommenen Anlagen zu überwinden. Wie ein Fremdling weilt die Vernunft des Menschen in der Welt der groben Materie, wie es der Chowas halewoaus im zweiten Abschnitt der Abhandlungen über den Gottesdienst ausführt. Und da nun gar die sittliche Erleuchtung dem Menschen nicht plötzlich kommt, sondern die Vernunft ganz allmählich sich entwickelt,, so besteht dis Gefahr. baß bis einzelnen Strahlen Mefev Verrinnst sich macht der Materie. Es gleicht einem Krieg, in dem einer der Kriegführenden feine Soldaten einzeln dem Feinde entgegenschickt, während dieser in geballten Haufen ihm gegenübersteht. Nach dieser Methode kann das mächtigste Land von dem schwächsten besiegt werden. Es kommt hinzu, daß nun auch die Verstandeskraft des Menschen ein äußerst labiles, bewegliches Ding ist. Man kann sich des Verstandes zu Zwecken bedienen, die ihm durchaus widersprechen. Es ist gewiß der krasseste Widerspruch zu allem wirklichen Verstände, seinem Nächsten Geld zu stehlen. Trotzdem sehen wir, daß ein ungeheures Aufgebot von Intelligenz von Dieben aufgeboten wird, um ihre Zwecke zu verwirklichen und sich vor dem Ertapptwerden zu hüten. Hier ist der Verstand in den Dienst des Triebes getreten, und statt daß der Verstand darauf verwendet worden wäre, um zu erkennen, ob es verstandeswürdig ist, zu stehlen oder es zu unterlassen, hat der W i l l e sich für den Diebstahl entschieden und den Verstand restlos in seinen eigenen Dienst gestellt. Es kann jemand ein Weiser und ein Philosoph sein, und in sittlicher Hinsicht ist er so blind, als habe er sein Lebtag kein Licht erschaut. Dies ist der Fall, t»0nn ev nicht gelernt l^at, seinen natürlichen Trieben und Neigungen zu widerstehen, wenn er sich gewöhnt hat, seinen Verstand und seine Weisheit immer nur in den Dienst dieser natürlichen Willensbetätigung zu stellen, ohne daß er im Leben einen Augenblick hätte, in dem, von aller Sinnlichkeit losgelöst, sein Verstand dazu gedient hat, um den wahren Weg zu schauen, den zu gehen des Menschen würdig ist und sittliche Wahrheit und Gradheit zu erkennen und sittliche Lüge und Krümme. Der Verstand an sich gleicht dem äußeren Sehorgan, das überall hin sich wendet, wohin der Mensch will. Wenn das Antlitz aber nach Osten gerichtet ist, so sieht der Mensch nicht, was in seinem Rücken im Westen vorgeht. So schlagen auch die natürlichen Triebe und sittlich fragwürdigen Charakteranlagen die Augen so vollständig in unsprengbare Fesseln, so daß sie nur innerhalb der vom Wollen gezogenen Grenzen zu sehen vermögen. Nun erhebt sich die Frage: wie kann der Mensch mit einem solchergestalt sittlich unvollkommenen Verstände den Weg der Vollkommenheit suchen? Der Mensch kann bei dieser Schwiet-tcjfeHeinmal ^elbjt gwr 23eranlzuortung öictjen, Denn Die Schwierigkeit liegt in Der weiten Entfernung zwischen ihm selbst und der sittlichen Wahrheit. So lange er nun die Wahrheit und ihren Ort nicht kennt, wie vermag er die Entfernung zwischen sich, seinem wirklichen Leben und dem sittlich wahrhaftigen Leben abzumessen? Die Antwort auf diese Frage liegt in dem Gedanken und Begriff der „formalen Entschlußfähigkeit (ip'rmvfwi nöDon),/* Noch ehe . nämlich ein Mensch nachdenkt über den inhaltlichen Charakter der sittlichen Lebensführung, bevor er nochweiß, was er anzunehmen und was er von sich zu weisen, was zu ergreifen und was kritisch zu prüfen hat, muß er zunächst einmal sich selber dahin prüfen, ob er grundsätzlich imstande ist, das zu vollbringen, was er eines Tages als Wahrheit erkannt haben wird. Wenn ein sittlich hochstehender Mensch ihm die rechte Lebensführung klarmachen wird, ob dann seine Seele genügend losgelöst von der Sinnlichkeit ist, um die von ihm selbst anerkannte Wahrheit 3