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Der Israelit · 1926-08-26 · Heft 35 (26.8.1926) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 35 (26.8.1926)
Date
1926-08-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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192« Die Perle von Aegypten. B£&\\v Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Izchaki. l^orrntzung). XX. .Wie die Offensive weiter nach Osten vorrückte und der Bedarf des Heeres immer stärker wurde, wurden Bewegungsfreiheit und die Handelsmög-- lichkeit im Städtchen stärker eingeschränkt. Das von den Bauern auf den Markt gebrachte Korn, die Kartoffeln, das Geflügel und die Eier wurden von der Heeresverwaltung an sich gezogen und der Zwischenhandel war ausgeschaltet. Bald setzte die Rationierung ein, und die Juden, die alles eher gelernt hatten, als ihren Kohl selbst zu pflanzen, bekamen allerlei Marken in die Hand, statt Mehl und Brot. Wer bald zeigte sich, haß ohne die jüdische Vermittlung weder das eine noch das andere zu beschaffen war. Die litauischen Bauern der Umgebung wußten sich mit natürlicher Schlauheit dem Militärfiskus ZU znWM und hti LshWs MUW sich Mch wiederum des jüdischen Händlers bedienen, der wie mit einer Wünschelrute all die verborgenen Schätze an den Tag förderte. Für die Vrotversorgung und die vielen damit, verbundenen Schreibereien mußten wiederum jüdische Hände und jüdische Köpfe in Anspruch genommen werden. Es gab wieder Arbeit. Leben und — wenn auch begrenzten — Verdienst, trotz der Zentralisierung, Rationalisierung und Höchstpreise. Die männliche Jugend fehlte im Städtchen, fast ganz. Die an den ersten Kriegstagen mit den Russen ausgezogen waren, kamen nicht wieder und es fehlte von ihnen jede Spur. Wo die Deutschen ihr Banner ausgepflanzt hatten, nahm die Welt ein Ende. Ein Schritt weiter war unbekanntes Jenseits, dahin keine Brücke führte und von wo kein anderes Lebenszeichen drang als höchstens Geknatter der Geschütze. Wären nicht die vielen Mütter und auch junge Frauen gewesen, die die Bethäuser mit ihren Gebeten und die Gräberreihen auf dem Friedhof mit ihren Tränen um die verschollenen Söhne und Männer anfüllten, man hätte im Städtchen bei den gemütlichen Beziehungen, die sich zwischen Eroberern und Eroberten herausbildeten, wenig vom Kriege gemerkt. Die Schneiderklaus geriet einigermaßen in Verfall. Pinne, der Mützenmacher, war von Rossieny nicht wieder heimgekowmen. Dovid Gib, war ein stiller Mcrnn geworden. Der alte „Nikolajewer", der ganz russisch eingestellt war, eine Einstellung, die durch eine Märtyrerjugend vielleicht gewonnen war, konnte sich in die neuen Dinge nicht schicken. Schon, daß er in der Schneiderklaus das „Hanaufen Teschuoh", das Königsgebet unter Nennung aller Namen der Zarenfamilie in der scharfen russischen Betonung, wie er sie in der Kaserne gelernt hatte, nicht mehr sagen und hören durfte, brach ihm das Herz. Das militärische Leben im besetzten Städtchen und all diese zweifelhaften Soldatengestalten im grauen Rock waren eine Verhöhnung all seiner militärischen Traditionen und angeblichen Kriegserlebnisse. Er hatte seine Krieaserfahrungen im irimfßlDiUQ so oft Mlihtt. Mi fii längst für? r h tt vpste Wahrhssll,. höhere Wahrheit, seelischer Bestandteil waren Und die Wirklichkeit zeigte den Krieg mit ganz anderem Gesichte. Seine russischen „Mischeberachs" (ein beliebter russischre Fluch) verloren an Kraft. Er saß in der Schneiderklaus, oft ganz allein und betete seine Psalmen, die er nicht verstand. J§!o.p:peIr ber iü<ir dslli seiner Dwojre und in Abwesenheit beider Kinder ebenfalls ganz aus dem Gleichgewichte geworfen, aber er trug die neue Zeit mit auf dem Schneidertische in langen Jahren gewonnener philosophischer Ruhe. Zur richtigen Arbeit konnte er sich nicht mehr aufraffen, es fehlte ihm auch die Nähmaschine, die von unbekannter Hand fortgetragen worden war. Er beschränkte sich auf kleine gelegentliche Flickarbeiten und Aushilfe bei Kollegen, die Militärlieferungen hatten. Hatte er in den ersten zwei Tagen der Woche soviel beisammen, daß es für die Brotration der Woche und den Tee reichte, so zog er sich für den Rest der Woche ebenfalls in die Schneiderklaus zurück und griff nach dem T i l i m b u ch., in dem eigentlich alles zu finden war, was man für das Leben und den Tod, für diese und „jene Welt" brauchte. Berle und Reisele und sogar Dwoire standen darin geschrieben, der Krieg und der Frieden, und er selbst, alles, von hüben und drüben, einst und später. Wie gut, daß die Deutschen nicht auch die Kapitel des Tillim rationieren konnten! Eines Tages wurde Koppel ganz unvermittelt aufs Amt zitiert. Ein feldgrauer Soldat führte hin, m IMMNlM fffg, M WM fs etwas angefleflt. In der Amtsstube saß Piepke. der Stadtkommandant, und rauchte seine Pfeife. Er sah dem Schneider ins Auge und fragte, gar nicht im Tone eines Untersuchungsrichters: „Haben Sie einen Sohn in Amerika?" „Ja," sagte Koppel, „er ist schon lange vor dem Kriege ausgewandert". Als müßte er sich und ihn rechtfertigen. „Das will nichts heißen," lachte Piepke gemütlich. „Wir schaffen es auch ohne ihn. Aber ich ließ Sie kommen, weil ein Brief von Ihrem Sohne aus Amerika durch Vermittlung des roten Kreuzes für Sie angelangt ist. Wird eine schöne Reise gemacht haben, dieser Brief. Stempel trägt er von allen Ländern der Welt und Marke gar keine, hat die Weltreise umsonst gemacht. War wohl bald ein Jahr unterwegs. Wir werden ihn hier öffnen müssen." Der Stadtkommandant öffnete eigenhändig den Brief. Es fiel ein langer Streifen heraus. „Donnerwetter!", konnte sich Piepke nicht halten, „hundert Dollar, ein braver Kerl, Ihr Sohn, der in Amerika seines alten Vaters nicht vergißt. Aber den Brief, der in der Sprache der Araber oder der alten Phönizier geschrieben ist, müssen Sie mir hier vorlesen, auf daß ich sehe, daß keine Staats- und Militärgeheimnisse darin enthalten sind, Von rechtswegen müßte es durch vereidigten Dolmetscher geschehen. Aber wir wollen ein bMWn Wrlraum haben." Sechs Seiten mit hebräischen Lettern in jiddischer Mundart eng beschrieben hatte nun Koppel dem Inhaber der lokalen Macht vorzulesen, daß es Piepke ein bißchen brummig im Kopfe wurde. Schon nach den ersten zehn Sätzen stoppte er und entließ den etwas verwirrten Koppel mit seiner Hundertdollarnote und dem sechsseitigen Schriftsatz in Gnaden. „Grüßen Sie mir Ihren Sohn, bei Gott, ein brüver Kerl, der an den alten Vater denkt." Koppel machte sich nun jetzt in aller Ruhe an die Lektüre der sechs Seiten. Was er da vor den Deutschen gelesen hatte, hatte nicht den richtigen kindlichen Klang. Er mußte es noch einmal von vüvne lesen, und es hatte jsht ganz anderen Wohll^nk. 1 bJbr itc Sprache bes jungen, ijer vom tobe ber Mutier noch gar nichts wußte und immer noch von ihr schrieb und sich nach ihrem Wöhle erkundigte. Koppel befiel nach dem Lesen der ersten Seite plötzlich der Gedanke an Reisele, und er mußte die weiteren fünf Seiten rasch überfliegen, ob nicht darin Reiseles Namen vorkam. Ja, hie und da, aber nicht so, daß er sie gefunden Wtä_Alss »sch sittmsl »s» A»fs»Z. MmU schrieb, daß es itjm wie Benge gut gehe, daß die Umwälzung auch Amerika nicht verschont hätte, und es ihn sehr gedrückt hätte, daß er in all der Zeit nicht schreiben konnte. Nun fand er einen Weg über das „Rote Kreuz" und er wollte ihn benutzen. Er habe als Schneider alle Hände voll zu tun und verdiene auch gut. Ebenso Benze. Aber Venze sei trotzdem sehr unbefriedigt und trage sich mit dem Gedanken herum, mit dem bereits ersparten Gelde nach Palästina auszuwandern, sobald eine Ausreisemöglichkeit gegeben sei. Er und Benze, die die Dinge in der Welt als eifrige Zeitungsleser genau verfolgten, wüßten, daß vor den Toren Palästinas sich jetzt große Dinge vorbereiten, die das jüdische Schicksal vielleicht bedingen, aus alle Fälle aber den Weg von Amerika nach Palästina frei machen würden. Benze wolle diesen Weg sofort einschlagen. Er selbst? Vielleicht, wenn sich nach Kriegsbeendigung die Arbeit und der Verdienst verringern sollte. Hier in Amerika sei alles der Meinung, daß, wenn jetzt, wie es in alten Büchern geschrieben steht, sich „alle Völker um die heilige Stadt sammelten", die Sache zu Ende gehe.- Koppel ging es blitzartig durch den Sinn: r,3öie gut, ber Äommonbant nicf^t Kenntnis vom Inhalte dieser Stellen bekommen hatte. Es ist d o ch hohe Politik darin." Und unwillkürlich mußte er an seine gute fromme Dwojre denken, die ihm, als er vom Beshamedrasch mit der Kunde kam, Oesterreich habe Serbien den Krieg erklärt, ihm den guten Rat gegeben hatte: „Aber ich bitte dich, lieber Koppel, laffejte Krieg führen, aber mische D u dich nur um Gotteswillen nichi ein ..." Die Jungen konnten es nicht lassen. Das hätte ihn, den Vater, in der Kommandantur den Kopf kosten können! Man müßte den Brief vernichten und sich beim Rabbiner befragen, ob er nicht unauffällig Gomel benschen sollte. Aber er konnte es doch nicht über sich bringen, den Brief zu vernichten. Er las ihn vielmehr noch einmal und noch einmal und fand ihn jedesmal schöner und bedeutsamer. Palästina war ein so schönes Wort, als stände es im Tillim. Stand auch darin: „Stufengesang von David. Wie freue ich mich, wenn sie mir sagen, in das Haus Gottes wallen wir. Es stehen unsere Füße vor deinen Pforten, Jerusalem, Jerusalem, das erbaut ist wie eine Stadt, die in all ihren Teilen verbunden ist. Dahin wunderten die Stämme hinauf, die Stämme Gottes, Zeugnis abzulegen für Israel, zu lobdanken dem Namen Gottes. Denn dort waren die Sessel des Gerichtes aufgestellt, die Sitze für das Haus Davids. Fraget um das Wohl Jerusalems, Frieden all den Freunden der Stadt! Freden in Dem?» Mauern, Wkylfnyn m neu Palästen! Um meiner Drüber und Freunde wegen entbiete ich dir Friedensgruß, um des Hauses unseres Gottes wegen erstrebe ich Dein Bestes. Gott verleiht Macht seinem Volke, Gott segnet sein Volk mit Frieden!-" Und nun er schon bei diesem Stufengesange war, betete er sie gleich schon alle herunter und noch eine große Portion weiterer, weit über die übliche Tagesration hinaus. Dieses sein tägliches Brot konnte ihm auch Piepke, der Stadtkommandant, nicht rationieren. Aber nun konnte man schließlich auch die Sache in Ruhe überlegen. Benze wollte nach dem heiligen Lande, Verele vielleicht auch. Dwojre war tot und Reisele verschwunden, die Nähmaschine Lttai? fort, ^unbert ©oflar fjaike er, was ^inberi ihn nun, auch dahin gu gehenum an brr heiligen Mauer zu beten, was hielt ihn hier? Fragte sich nur, wie man da jetzt hinkommt. Mit dem Ausweis und dem schönen Bilde in der Tasche würde er wohl nicht sehr weit kommen. Man müßte sich befragen, bei Nochum Leser, bei

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