Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1926)
- Date
- 1926-08-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Ttuilkton Beilage nr.34 1426 Die Perle von Aegypten. Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Izchaki. (Fortsetzung). XIX. Als die Menschen nach vollen zwei Jahren ins Städtchen zurückkehrten, waren die Deutschen Herren des Ortes und der Gegend und alles war wie umgewandelt. In der Kanzlei des Pristaw saß ein behäbiger Leutnant, der sich Stadtkommandant nannte und Befehle und Passierscheine ausgab. Die Kaserne neben dem Friedhofe war von bärtigen deutschen Etäppenfoldaten besetzt, die gemütlich rauchten, mit den Kindern spielten, sie mit Schokolade beschenkten und ganz anders waren als die Kosaken oder Objeszikes. In der Talmudthora war eine deutsche Schule, geleitet von einem Lehrer in grauer Uniform, in die alle Kinder des Städtchens für einige Stunden des Tages hineinmußten. Die Unrathügel vor dem Gemeindebade waren weggeschafft und im Bade selbst war eine Einrichtung, die die Vand^türrner lachend ^Qausoleum" nannten unD durch Deren Qualm jeDer der Rückwanderer erst gehen mußte, bevor er seine alte Behausung betreten durfte. Der Marktplatz, bis dahin eine Pfütze, war mit Holzlatten und spitzen Steinen gepflastert. Nach der Grenze zogen sich auf Holzschwellen blanke Schienen, Ansatz einer Kleinbahn. Sogar elektrische Birnen glühten in einigen Amtsräumen. Fast erkannten die Heimkehrer ihr Städtchen nicht wieder. Aber die Häuser waren ausgeplündert, die Läden wie leergebrannt, sogar der armselige Hausrat fortgetragen oder zerschlagen. Ob es Kosaken oder Bauern, Russen oder Deutsche ge- . schafft hatten, wer konnte es wissen? Koppel kam allein zurück. Seine Dwoire war, wie übrigens vieler andere, in Rosieni geblieben, auf dem Friedhofe. Ihr letzter Seufzer galt Reifete. Koppel keuchte in sein Häuschen. Er hätte sich setzen müssen, so müde war er, aber der letzte Stuhl war zu Kleinholz geschlagen, die Nähmaschine war fortgetragen mitsamt den beiden Bügeleisen. Er sah sich ganz fremd im rrtaumg um. Die Türe Quv Klaus stand noch auf, wie ste sie vor zwei Jahren gelassen hatten. Die alten Bücher lagen herum .Hier hatte sich nichts geändert. Die Leute fanden sich in ihre Häuschen, ui. ihre kleinen Geschäfte, in ihre kleinen Sorgen und Freuden erstaunlich rasch wieder. Die Kramläden füllten sich allmählich wieder mit Waren. Durchziehende deutsche Soldaten kauften und zähsten. Das Leben bekam fast sein altes Gesicht wieder.. Der Krieg war weit, weit weggezogen vom Städtchen, bis Wilna und noch weiter. Mit den Deutschen ließ sich leben, waren oft derb, ja grob, aber gerecht, und stahlen nicht. Nur hatten sie ausgefallene Wünsche, die man, so unerklärlich sie wären, beachten mußte, wollte man sich nicht schwere Strafen zuziehen. So mußte jeder einen Ausweis mit seinem Konterfei mit sich herumtragen, als wüßte nicht jeder, wer ex fei und wie er aussehe. Dann ordneten sie an, daß täglich der Markt und auch die Straßen gefegt werden. Der Schutthügel vor dem Gemeindebade, seit Menschengedenken traditionelle ehrwürdige Ablagerungsstätte für allen Unrat, war abgetragen UflÖ &S IBS? Bit ^pri sir»cr-°- legen. Die Frauengalerie der Schul aus dem Markte wurde wegen Baufälligkeit geschlossen.' Aus der „Sarde^ vor dem' Njemen, äus der von jeher alle Borstentiere der nichtjüdischen Vorstadt weideten, behütet von Bauernjungen, die llä<H den jil&tfcljen Kindern Sie me warfen wnb Hunde hetzten, hatten sie nun in einem weiten Gehege aus altem Drahtverhau Kartoffel und Kraut angepflanzt. Sogar das Njemenwasfer säuberten sie. Auf welche Ideen doch nur deutsche Narren kommen können! . . . Als wahres Verhängnis wurde aber die Anordnung des Stadtkommandanten empfunden, daß jeder Hausbewohner vor seinem Hause eine vielmetertiese Grube für den Abfall und Unrat zu graben und diese in gewissen Zeitabständen zu säubern hätte. Haus- und Hofbesichtigungen führten zu Strafverhängungen, so daß man die Ansetzung eines Fasttages wegen dieser unerhörten „Gseros" ernstlich in Erwägung zog. Indes war der erste Erfolg der „Grubenverordnung" . geradezu verblüffend gut. „Die Gruben feien sauber zu halten. Zuwiderhandlungen werden mit zehn Mark bestraft", lautete der erste Befehl. Und die Kontrollkommission war bei ihren Besichtigungen nicht wenig verwundert über die strikte Einhaltung der Verordnung. Es war alles picksauber. Der Stadtkommandant, ein gemütlicher Fleischermeister aus Sachsen, der auf den Namen P i p k e hörte, geruhte, öffentlich seine Anerkennung auszusprechen. Nach der fünften Revision aber wirkte die „Reinhaltung" schon beinahe provozierend^ Ta ergab eine näfjst? Untersuchung, baß Die Absallgruben wohl auf höheren Befehl gegraben, aber schön geschlossen blieben, indes aller Abfall und Unrat an den bisher beliebten Stellen abgelagert wurden. Diese überraschende Entdeckung zog Strafen nach sich und den Befehl des Herrn Stadtkommandanten: „Wo bei der nächsten Untersuchung die Grube sauber angetroffen wird, hat der Eigentümer eine Buße von zehn Mark zu erlegen ..." Truppen kamen und gingen, zogen weiter gen Osten, wo Haubitzen dröhnten und Menschenleben zerstörten. Hier am Rande des Krieges waltete gemächliches Etappenleben, und zwischen bärtigen Landstürmern und handelsbeflissenen Juden bahnten sich Beziehungen an, die Auskommen auf beiden Seiten ermöglichten. Das wilde Toben hatte sich weit verzogen, hier blieb die Komik., die dem Tragischen immer in gewissem Abstande folgt. Eines Tages ließ der Stadtkommandant dem Ortsrabbiner durch Ordonnanz sagen, er habe sich mit GsnnsnurttLvzsirZ mit ««gesehenen unb gelehrten Männern der Gemeinde in Feinbergs Hotel einzufinden und bei einem hohen Offizier zu melden, der, von Berlin kommend, dort abgestiegen war und ihnen im Sonderauftrag etwas zu eröffnen hätte. Man erschrak nicht wenig. Was konnte der hohe Herr von Berlin wollen? Am Ende neue Kontributionen, Austreibungen. Hatte man sich etwas zu schulden kommen lassen? Man hielt im Rabbinerhause eine Sitzung ab und beriet lange Stunden. Sollte man es mit Geschenken wie in der Russenzeit versuchen? Seitdem Beer, der Bäcker, für ähnlichen Versuch mit zehn Tagen .Gefängnis bestraft worden war, war man vorsichtig. Man schickte Bonnert, den Advokaten, zum Kommandanten, daß er dort seine Fühler ausstrecke. Pipke rauchte die kurze Pfeife und sagte auf gut Sächsisch: „Nu, ja geine Angst. Was gann da kassieren? Hechsdens dodgeschoffen!" — Das war wenig beruhigend. Die Auswahl der Zehn stieß auf große Schwierigkeiten. Die Herren, sonst Aemtern und Würden nicht gerade abgeneigt, kniffen aus. SKttit hatte schlie^lilt) 933et£> unb Kinb^ xoev stch opfern? Nöchum Leser unD ütetßemja. Die beide im Beshamedrasch erst entschieden die Meinung vertraten, daß der „General" '•—er war inzwischen in der Phantasie der Leute zum General avanciert — wolle nichts anderes als dis "Meinung der Rabbiner und der Talrnud- Üanbigen über bie neugepiante Sffenfive hvrkN, und dieses mit Alexander, dem Mazedonier, bewiesen, der sich ebenfalls bei den „Alten" befragte und Napoleon, der vor jedem Feldzuge sogar einen Schiur lernen ließ, lehnten es jetzt für ihre Person ab, als die weisen Strategen und Ratgeber vor dem General zu erscheinen. „Wenn nachher die Sache schief ausgeht . . ." sagten sie. „Wir wollen nicht schuld sein!" Chajim Nossen, Schwarzseher von Natur, war pessimistischer. Er hatte schon längst aus den Zwischenzeilen der „Tagesberichte" herausgelesen, daß das deutsche Heer einen Rückzugsplan vorbereite. Sicherlich würde es sich bald durch das Städtchen über die Grenze nach Deutschland zurückergießen. Und nun wolle man, nach bekannten Mustern, GW s e l n mitnehmen. Darum mußten es die Besten und Angesehensten sein. Uebrigens, der Befehl lautete: „Mit Sonnenuntergang!", ein böses, dunkles Wort. Man wird sie in die Nacht hinausführen. Der Himmel weiß wohin. Man kennt das. Da und dort... Das alles leuchtete ein. Kussel, dem pfiffigen Schames, erzählte der Rabbiner die Geschichte von Gabiha, dem Sohne P e s s i s a s, mit dem er, Kussel, sogar äußerlich eine auffallende et)«! t<f^£ert ijätte unb ber sich seinerzeit' glatt für sein Ball geopfert hatte. Aber wo nahm man in schwerer Zeit, da es zudem etwas zu verdienen gab, zehn Gabihas? Endlich hatte das L o s die Zehn bestimmt. Rabbiner, Wulfe der Dajan — sie söhnten sich aus —, Bonnert, der Winkeladvokat, und Hilel, der Choker, gehörten dazu. Man beschloß, für alle Fälle eine Geldsammlung zu veranstalten und ein Geschenk bei der Hand zu haben. Man konnte nicht wissen . .. Dann beteten die Männer eine Anzahl Psalmen, bestellten ihr Haus, sagten das Sündenbekenntnis, verabschiedeten sich unter Tränen von den Ihrigen und begaben sich kurz vor Nachtanbruch, begleitet von der ganzen Gemeinde, in langsamem Märtyrermarsche zum Feinberg-Hotel. Dort empfing sie ein Doppelposten, zwei grimmige Soldaten, mit aufgepflanztem Gewehr, deren einer mit dem Bajonette die ganze Begleitung in alle Winde jagte, indes der ändere die Opfer hineinließ und von außen die Türe in die Angel warf, daß es rundherum krachte. Eine SSM?? fffß?n bis Männer entblößten Hauptes, fröstelnd und zitternd im Vorzimmer, dann ging rasch die Türe vom Jnnenzimmer aus und auf der Schwelle erschien ein kräftiger Mann mit gutgepflegtem Backenbarte in schöner grauer Offiziersuniform. Die Männer erhoben sich und verbeugten sich zähneklappernd. Und Wulfe, der Dajan, stieß Hillel, den Choker, an. Sollte heißen: ob es nicht an der Zeit fei, mit dem Kuwert herauszurücken. Man müsse immer dem Unheil um eine Nasenlänge zuvorkommen, heiße es im Talmud. Dazu fand aber, Hillel kaum die Zeit. Der Offizier betrachtete eine Weile leutselig die Männer und es war zu merken, daß ihre sichtliche Angst ihm wehtat und ihn zugleich amüsierte. Dann sagte er freundlich: „Ich bitte, meine Herren, Platz zu behalten und sich zu b, e d ecken." Was? Wie? „Herren?" Hinsetzen und Hut aufsetzen? Hörten sie recht? v „Ich habe die Herren herbemüht", sagte der hohe Militär, „und möchte mit Ihnen beten. Ich habe nämlich Jahrzeit, heute abend, um mfinin sklMli Later/' „Cs war fein Unwürdiger," fügte er hlWu, als er die sprachlose Verwirrung der Leute merkte, „mein Vater war ein angesehener R a b biner in der Provinz Posen. Ich selbst bin