Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1926)
- Date
- 1926-08-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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fenilleton vrilsgr nr.33 1926 Die Perle von Aegypten. Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). Aber schon nach kurzer Weile kam Lutke mt± der Holzfuhre von der gleichen Seite und brcrchle Ärengs sei unl>c|c^lr und ew acht, hüben wie drüben frank und frei, es könne jeder kommen und gehen und schmuggeln nach Herzenslust. In der Ferne ertönte irgendwo ein Schuß. Keiner wußte woher. Wie man aber am schwülen späten Sommerabend aus der dunklen Schul kam, trabte der Pristaw mit den drei Polizisten durch die .Straße und flötete: -„Mobil! . . . Alle Mann von. achtzehn bis fünfundvierzig Jahren haben sich bereit zu halten! Keiner verlasse die Stadt! Die Gedienten und die Landstürmer mit roten Billets treten morgen früh um sechse im Kasernenhofe der'„Objeszikes" an und werden gleich eingekleidet . . ." Die Kunde war so betäubend, daß keiner ein Wort fand. David Leb und noch einige „alte Nikolajewer" nahmen den Mund voll und wollten auf der Straße etwas von Krieg und Schlacht erzählen, die sie angeblich bei dem Krimfeldzuge miterlebt hätten. Keiner hörte ihnen zu, keiner beachtete sie. Die Wirklichkeit war so überwältigend, daß Märchen aus früheren Tagen verblaßten. mmu Der mmu mm m ecio uw Szores ein, um bei all dem Unfaßlichen im Glase Klärung zu finden. Und Leibe, der Schenker, der den „amerikanischen Kiddusch" noch in der Kreide hatte, gab in der ersten allgemeinen Erregung und Bestürzung neuen Kredit. Kein einziger im Städtchen ging in dieser Nacht des neunten Aw zu Bett. Sonntag in der Frühe gingen die Alten in die Schul zu den Kinaüs und die Jungen in den Kasernenhof der Objeszikes. Die Bestürzung war so betäubend und lähmend, daß sogar das sonst bei der Assentierung übliche laute Weheklagen der Mütter ausblieb. Als die Männer und Frauen, wie üblich an diesem Tage, um die Mittagsstunde nach beendigtem Gottesdienste zum Friedhofsberg hinaufwallten, um mit denen in den Gräbern die Zerstörung zu betrauern, standen im Kasernenhofe daneben hunderte von neueingekleideten Soldaten, unter ihnen auch die jüdischen Söhne der Gemeinde in viel zu weiten graubraunen groben Uniformen, kaum durften die Väter ein Wort mit ihren Söhnen wechseln. Am Nachmittag trabten Kosaken auf ihren katzenartig leichten Gäulen mit ihren dreimannshohen Picken durch die Gaffen. Von allen Seiten kamen sie und füllten das Städtchen wie ein Bienenschwarm an. Sie kamen mit Sang und Klang, mit MM imD safaraita, mären gm WMlM und guter Dinge und fingen gleich an, den jüdischen Passanten auf der Straße an den Bärten zu zupfen, als wären diese das einzige Ziel ihres Herkommens. Auf dem Markt, auf der Straße, auf dem Schutthügel vor dem Gemeindebad und sogar auf dem Friedhof ließen sie sich mit ihren Bagagewagen nieder und bauten ihre Riesenkessel in den weichen Boden ein. Man hatte aus Anlaß des „Neunten Aw" am Vormittag die Läden geschloffen gelassen und verspürte am Nachmittag, aus einem sicheren Gefühle heraus, nicht die Luft, sie zu öffnen. Da wurde aber unter Trompetengeschmetter ein Befehl verlesen: „Wer binnen einer Viertelstunde seinen Laden nicht öffnet, riskiert, daß dieser gewaltsam erbrochen und der ganze Warenbestand beschlagnahmt wird. Weiteres Einschreiten gegen den Eigentümer bleibt Vorbehalten!" Und es waren noch keine zehn Minuten vergangen, da standen die Krämer und Händler zitternd und zähneklappernd vor ihren geöffneten Ladentüren, als müßten sie mit ihrem Leibe ihr Gut, ihre noch lange nicht bezahlten Warenbestände schützen. „Am Ende sind wir Hasenfüße", tröstete sich Nechemje, der zur Hälfte Kinderlehrer war und zur anderen besseren Hälfte Krämer (der Kram wurde von der Frau besorgt). Was regen sich Juden auf? Es sind Soldaten in der Stadt, was macöt§? ©iß fflßrDßn raufen unn MaMn M Verdienst bringen. Ihr werdet sehen, in weüigätt Stunden sind alle Waren ausverkaust und wir schwimmen im Gelde." __ Aber er zog es für seine Person vor, diese freundliche Perspektive im Beshamedrasch zu eröffnen und im übrigen den Kramladen und die Geschäfte mit den Kosaken seinem tapferen Weibe zu überlassen. Die Kosaken schwärmten, nachdem sie sich aus den riesigen Kesseln satt gegessen hatten, in die Stadt aus, besuchten zunächst die Bäcker- und Lebensmittelläden, da die Schenken zum Glücke geschlossen bleiben durften oder mußten, und verschlangen alles, was sie an Eßbarem fanden, als Nachtisch. Zahlen wollten sie, wenn sie wiederkämen, mit dem preußischen Gelde. Dann gingen sie in Rudeln in die Wäsche- und Schnittwarengeschäfte, um sich ordentlich auszustaffieren. Auch bunte Tücher und Frauengarderoben wurden nicht verschmäht. „Kostet . . .", stellte Benzel, der Schnittwarenhändler, eine lange Rechnung auf. „Schön", sagte der Kosakenfeldwebel und händigte dem verdutzten Kaufmann eine Quitmng aus. Mit striauD/' maßte MMl irmas emzuwenden, „damit kann ich doch meine Lieferanten nicht bezahlen. Es ist mein Letztes ..." Aber er hatte den Satz noch nicht ausgesprochen, als er schon die Nagajka im Gesicht sitzen hatte, daß ihm das Blut in lustigem Strome aus Nase und Ohren floß. „Die Juden sitzen daheim und wir müssen hinaus, um sie und ihr ergaunertes Eigentum zu schützen. Und sie wollen uns noch etwas sagen ..." Unter dieser Losung waren bis zum Abend fast alle jüdischen Läden wie leergebrannt. Erst dann durfte man sie schließen. Ihre Taschen hatten die Händler voll von Quittungen und Requisitionsscheinen. Am Montag früh rückten die jüdischen Söhne, trotz der tropischen Hitze in Militärmäntel bis über die Füße gehüllt und schwer bepackt, aus; keiner wußte wohin. Nochum Leser, der in den zwei Tagen sich zum echten Strategen herausgebildet hatte, tröstete: „Sie ziehen nordöstlich. Dort kann nichts passieren, denn der Krieg kommt vom Westen, von der Grenze her." Um die Mittagszeit kam die Ueberaschung. Unter Trommelgewirbel und Trompetenschall wurde an allen Straßenecken verkündet: „Bis zur fünften Abendstunde müssen alle jüdischen Seelen die Stadt im Umkreis von 50 Werst verlassen VaböN. Dök Wög gcht Näch östliche && östlicher Richtung; nach der westlichen Grenzseite darf sich keiner bewegen. Wer von den Juden nach fünf Uhr vorgefunden wird, wird erbarmungslos erschossen. Ausnahmen werden nicht gemacht." Man verstand erst nicht, dann wieder ja. Man lief zum „Kasonen Rabbiner", dem Winkeladvokaten, der gute Beziehungen zu den hohen Behörden hatte. Dieser eilte mit den Gemeindeältesten zum Pristaw, dessen Kanzlei mit Kosaken besetzt war. Der Pristaw nahm das ihm zugesteckte Geld wie immer, sagte aber fast unter Tränen: „Ich bin seit gestern nichts, ein zerbrochener Scherben. Die Macht ist ans Militär übergegangen und was der Kosakenhauptmann sagt, geschieht. Mische ich mich ein, so werdet ihr dennoch ausgetrieben und ich obendrein aufgehängt." Nun war es ernst und unabwendbar. Es gab nicht einmal Weheklagen. Wenn eine Welt zusammenstürzt, weint man nicht, man ist in lähmendes Schweigen versetzt. Man ging nur in panischer Eile daran, seine Habseligkeiten in Tücher, Kisten und Koffer einzupacken. Man hatte nur wenige Stunden Zeit. Sämtliche Fuhrleute des Städtchens hatten ihre großen Planwagen angespannt, auch zwei Dampfer fauchten im Flachwasser des Njemen, bereit zur Abfahrt stromauf nach Kowno. Dann wurde bekannt gegeWTij {«jff IffUfU fjTYHU UTlV?? gfh? ®erütf)t and) Die Dortigen Juden würden um dem Festungsbezirke ausgetrieben. Nun rückte die Stunde näher, man schaffte die Tücher, Kisten und Koffer in die großen Wagen, verbarrikadierte notdürftig die Türen von außen, die Kaufleute brachten noch irgendwie die letzten Reste ihrer Warenbestände in Sicherheit und schlossen die Läden. Dann wurden die Menschen in den Wagen verstaut, Kinder schrieen, Greise ächzten. Sogar Kranke wurden aus ihren Betten geholt. Aengstliche eilten und drängten, die Fuhrleute feilschten um den Fahrpreis, Frauen rangen um Platz für sich und ihre Habseligkeiten. Schreiendes, keifendes Elend. Dann setzten sich eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit alle Fuhren zugleich in Bewegung, nach südöstlicher Richtung, nach der Kreisstadt Rosjeni. Keiner rief ihnen „Lebewohl" zu. Nur Kosaken saßen um den großen Kessel auf dem Hügel vor dem Friedhof und lachten höhnisch: „Die Zidi (Juden) ziehen aus!-" Koppel, der Schneider, hatte noch rasch vor dem Auszuge all die fremden bei ihm lagernden Stoffs und halbfsrtigsn Kleidungsstücks an dis Eigentümer gnrn^gestesert, kamt gufammen mü seiner Dwoire das armselige Päckchen in die Fuhre Ruwkes getragen, wo sie noch grade Platz fanden.. In einem kleinen Bündel hatte Koppel neben den Talis und den Tefillin seine Wertsachen zusammengetan: die Mesusot, ein Päckchen Zizit, einen Luach und diezweiBriefeReiseles. Er schloß nicht einmal die Schneiderstube von außen. Es blieb darin die Nähmaschine, seine Ernährerin, die Milchkuh, wie er oft sagte. Die Türe zur Schneiderklaus stand weit auf. Der Streit um den Urbesitz dieses Grundstückes zwischen Klaus und Werkstätte hatte sich nun von selbst erledigt. So hatte der Krieg im Städtchen begonnen. Kein:r der Ausziehenden hätte sagen können, wer gegen wen eigentlich Krieg führte. Es war die Welt, die den Krieg hatte — gegen jeden von, ihnen, die nun Haus und Hof verlassen mußten... _^(Fortsetzung folgt.) vom südlichen Schwarzwald. Bad Dürrheim, im Juli 1926. I. Wenn die Sommerferien nahen, dann meldet sich die Lust zum Wandern — bei der Jugend und zum Qüetfeit — bei beit ffllien. Uttb wenn matt «nrfj nu® fß Häufte i« Lsufz io ga&eo £eäü|«4 I«L- -Jtt diesem Jahre werden wir wohl hübsch zu Hause bleiben", so ändert sich doch der Sinn, je näher der Sommer rückt. Er bemalt die Erde auch gar zu schön mit feinen lockenden Farben und versteht es, daneben noch anreizend auf die übrigen Sinne zu wirken, bis man endlich seinen Widerstand aufgibt. Während ich den letzten Satz schreibe, überdenke ich, ob die Behauptung, daß den Sinnen beim Wandern und Reisen eine weitgehende Befriedigung geboten wird, so durchweg stimmt. Gesicht, Gehör, Geruch, Gefühl und — Geschmack. Da liegt der Hase im Pfeffer! Was kann es uns Juden berühren. ob er im Pfeffer liegt oder nicht, nachdem wir sein Fleisch doch nicht essen dürfen? And wie selten ist überhaupt für uns die Gelegenheit, streng rituelle Verköstigung zu erhalten! Du kommst aus deinen Wanderungen durch viele Orte, in denen keine Juden wohnen, und durch nicht weniger zahlreiche Gemeinden, in denen du nicht speisen kannst.