Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1926)
- Date
- 1926-08-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 32 getan, solange es Zeitungen gibt. Was sollten sie denn sonst schreiben? Man braucht sie nicht zu lesen, dann hat man keinen Krieg. Das sei eine Sache für Melamdim! . . . Aber Nochum Leser, der Maskil, las eines Tages von einem Schuß, der in einer Stadt, die man Sarajewo nannte, gefallen war und runzelte die Stirn. Die Sache war nicht so ohne. Man hatte den österreichischen Thronfolger erschossen. Serben waren es, die Todfeinde der Habsburger. Er machte sich keine richtige Vorstellung von Habsburg und Serbien. Aber es war etwas Ungeheuerliches. Davon zeugten schon die ungewöhnlich dicken Lettern in der Ueberschrift. Aber auch diese vermochten noch nicht, die braven Leute aus ihrer Ruhe und Arbeit zu reißen. Was hatte es viel zu sagen, daß die O bj e s z i k e s (die Grenzsoldaten), die auf dem Wege zur Grenze ihre kleinen Posten und am Kopfende des Städtchens gegenüber dem Friedhof ihre Sammelkaserne hatten, jetzt so oft in großen Formationen auf ihren massiven, breitschenkligen braunen Pferden durch die Straße ritten? Von nahen Garnisonsorten kamen zuweilen auch Kosaken mit ihren langen Lanzen durch die Stadt geritten, setzten am Hügel vor dem Gemeindebad ab und kochten dort in Riesenkessel ab, in den alle Hühner und Gänse, die sie auf der Straße aufspießten, fast lebend und dürftig gerupft, hineinkamen. Was wollte es auch heißen, wenn an einem Tage auf der gewaltigen Wiese hinter dem Hofgut des Knias ungeheure Soldatenmengen zusammengezogen wurden und vor einem General, einem richtigen General, der aus Wilna mm, Mllnövnettenr Dieses unv ähnliches pflegte sich schon früher rM Städtchen äYi der Grenze zu ereignen, und es war gewißlich nur die überhitzte Phantasie der Melamdim und Maskilim im Beshamedrafch und der Feinberg- Klaus, die diese Ereignisse mit der dicken Ueberschrift in der Zeitung in Verbindung brachte. Eines Tages wurde Herr B o n n e r t, der Kronrabbiner, im. Hauptberufe Winkeladvokat, aufs Amt des Pristaw bestellt. Dort war auch der Jnfpravnik (Kreischef) aus der Kreisstadt anwesend, der von ihm die Liste der jüdischen Gestellungspflichtigen für das laufende Jahr einforderte. Gestellung, jetzt im Sommer schon, wo doch seit Menschengedenken die Assentierung immer erst im Herbste vor sich ging? Sicher wieder mal eine Beamtenlaune. Es würde wieder Geld kosten!- Als man aber Sabbat vor Nacht sich rüstete, zur „Schul" zu gehen, wo die umgekehrten Bänke aus Anlaß des neunten Aw der trauernden Beter harrten, blieben die Menschen auf der Straße betroffen stehen. Ein schöner brauner Gaul, unverkennbar zu denen der Grenzsoldaten gehörend, sprengte von der Grenzseite her ohne Reiter in wildem Galopp durch die lange Gasse. Der Sattel hing schief nach unten. Aus dem Maule des Tieres floß Schaum und Blut. Das glänzende schöne Fell perlte in triefendem Naß. Was war das?Ein stummer Unglücksbote? (Fortsetzung folgt.) Vom deutschen Karlsbad. 11. Edelfing en. AULflüss aiM MsMttchM bMMtt such Llttä WkUl'sion ins Geistige und noch mehr ins Historische. Mergentheim ist von einem Kranz guter, alter Gemeinden umgeben, in Dörfern, die sich zu beiden Seiten der Tauber lang und sauber um Turm und Brunnen dehnen. Zu einer Zeit, da allenthalben so elegisch über den Niedergang der Landgemeinden geklagt wird, war es mir eine freudige Ueberraschung, so viel jüdisches Leben in diesen Dorfgemeinden zu finden. Was ich in E d elfin g e n, eine halbe Stunde von Mergentheim entfernt und durch einen Eruw auch am Sabbat mit ihm verbunden, sah und erlebte, ist typisch für ein Dutzend anderer Landgemeinden im Umkreise und im volkreichen württembergischen Unterfranken. Die Gemeinde Edelfingen zählt einige und dreißig Familien und wird geistig von einem Lehrer geführt, der der meistbeschäftigte Beamte im deutschen Reiche sein dürfte. Er betet in Edelfingen, predigt in Weikersheim, schachtet in Mergentheim, unterrichtet in Jgersheim, Markeltheim und drei weiteren Filialgemeinden. Der Israelit Ist ein Todesfall in einer der vielen Gemeinden seines Bereiches eingetreten, hält er vor dem Hause die „wohlgesetzte ergreifende Rede" und folgt dann in feierlichem Talare dem Leichenwagen über Städte und Dörfer, weite Stunden lang, nach Unter-Balbach, dem vierhundertjährigen, gut erhaltenen, festummauerten — im Badischen gelegenen — gemeinsamen Friedhofe für den ganzen Bezirk Mergentheim. In der Zwischenzeit sieht er in verschiedenen Metzgereien und Restaurationen, nach dem Rechten, entwirft Grabschriften, malt Wimpeln, übt mit Barmizwohjungen. Sonst hat. er nichts zu tun. Seine Tätigkeit reicht weit bis ins Bayrische, Badische und Preußische hinein; eine lebendige wandelnde, richtiger radelnde Vierländersynode. Und die Hauptsache: er sieht bei alldem so wohl aus, wie all die Äemter in den vielen Gemeinden bestens bestellt sind! Der Spaziergang in den ersten Morgenstunden des Sabbat zwischen den blühenden, weinbebauten Hängen auf der einen und der breiten Silberader der Tauber auf der anderen Seite, längs der taugewaschenen Pappeln und Apfelbäume, die das triefende Wiesenland einsäumen, ist erlebtes „Borachi naffchi" zur Einleitung des Sabbatgebetes. Wie wir die Dorfftrahe hinunterkommen, zwei Schwarzröcke in der ersten Sonnenfrühe des Samstagmorgens, schlägt im ersten Hofe ein Hund an und gibt das Zeichen zu einer kleinen Revolution. Andere Hunde stimmen kameradschaftlich ein, Hüh? ner scharren und gackern. Auf dem Dunghaufen der Hahn hebt ein hochgestimmtes Kikeriki! an, Käfer in der Luft summen, Kühe im Stalle brummen. Barfüßige Bauernjungen sehen uns, den Daumen im Munde, groß an. Zwei Kühe, an. einen leeren Leiterwagen gespannt, neigen störrig zur Seite und ziehen sich eine saftige handgreifliche Rüge ihres Lenkers zu. Hinter gardinenlosen, kleingeviertelten Fenstern auf Steingrund hochgestülpter Bauernhäuser wird es lebendig. Der des Weges kommende alte Bauer tut die Pfeife aus dem Munde und sagt ungefragt: „Gehen Sie rechts um d'Eck, am Brunnen vorbei und wieder die Gaffe hinunter, do is die Judekirch." Der Auskunft hätte es kaum bedurft. ' Von allen Seiten gehen jetzt Türen auf und die steilen Holzstufen hinunter trippeln ältere und jüngere Frauen, schwarz- MlöiM bis zum Halls und zu Den MgsMM. Männer, ältere und jüngere, kommen m fabbatlrcher Gemächlichkeit aus allen Ecken und holperig gepflasterten Gäßchen. Ihnen können wir nachgehen, sie haben alle einen Weg. Der Gottesdienst hatte bereits begonnen. Wie überall hierzulande sieht man dem Haufe von außen seinen Heiligkertscharakter nicht an. Die Gemeinden sind alt, die Synagogen so alt wie diese und für Baustil und äußeren Putz hatten die Alten keinen Sinn noch Geld. Es blieb außen und innen alles wie es war, bis auf die Tafel über der Türe, die kündet, daß die Synagoge 5631 gebaut ist — die ist neu . . . Einige und vierzig Männer füllen die gelbverblaßten Bänke vollkommen aus. Aeltere Dorftypen zumeist mit Stoppelbärten in Gebetmänteln, die fast so gelbgrau sind, wie die Bänke und ein paar Jüngere, glatt, gebügelt, mit neueren Talessim, die aber nur um den Hals hängen . . . Oben die Galerie bis zur Mannshöhe mit Brettern zugenagelt «und darüber noch ein dichtes Gitter bis zur Decke, so daß von den alten Damen nichts und von den jungen nur die Hutfederspitze zu sehen ist, wenn sie stehen. Im Pultbehälter liegt herrenlos eine alte „Rödelheimer", altergraut, verbogen und abgegriffen .und voller Runzeln wie die Altmänner hier. Auf dem Vorderblatte haben sich vier Generationen verewigt. Urgroßvater hat geschrieben: „Diese Tefilloh gehört . . ., gekauft bei . . ." Vater, Enkel und Urenkel schrieben: (Pietät oder Sparinn?) „Diese Tefilloh geerbt von . ." Und alle Vier chrieben Tefilloh mit „Tes" am Anfang und »Olef" zum Schluffe ... Auf den Vorderbänken, die für die Schuljugend reserviert sind ,sitzen aber nur vier Knaben. Es ist dies die Tragik auch dieser besseren Landgemeinde, es fehlt an Nachwuchs! Der Gottesdienst wird bei offenen Fenstern unter starker Beteiligung der Gemeinde abgehalten. Im kräftigen Chore wird Aus- und Einheben und Anderes gesungen. Oben im gleichen Hause ist die christliche Volksch u l e untergebracht und der Herr Lehrer geigt, ebenalls bei offenem Fenster, zu einem Volksliede aus dreißig gesunden Kinderkehlen. Bauern mit Sensen oder auf hochgestapeltem Heuwagen ziehen mit Ochsen öder Pferden vorbei, bleiben eine Weile stehen und horchen nach o-feert unb rt a cSy unten. (Eine SOitnuie (Sammlung miiliH i» Uv (Blut ml Mt WisA» NsM ml Regen liegenden sonnigen Crntetagen. Ein Gebetrvort aus der „Judenkirch" ist hier ein gutes Omen für die Feldarbeit. Die Bauern warten mit der Aussaat im Frühling nicht auf die „Eisheiligen", sondern bis daß die „Flüche aus dem Doppelabschnitt" in der Synagoge verlesen sind, da die Erde nicht eher ihrer kalten schädlichen Dünste los wird, und sie sagen im Sommer dem „Judenlehrer", wann es Zeit sei, daß man in der Synagoge die Psalmen bete für oder gegen den Regen . . . Für die Giftpflanze des Haffes, wie sie jenseits der bayerischen Grenzpfähle so üppig in die Halme schießt, sind die schönen Auen des Württemberger Taubertales kein ergiebiger Boden. Nach Schul lernt man einen Schiur und n o ch e i n e n, da es selbstverständlich zwei Chewraus gibt.. Für eine dritte reicht die Mitgliederzahl doch nicht aus . . . Sodann wird, so zwischen elf und zwölf, das „Gesetzte" aus dem Sabbatofen geholt, und ich sah Achtzig- und Neunzigjährige, die ein biblisches Menschenalter lang dem guten Edelfinger „Gesetzten" zusprachen, ohne je eine Mergentheimer Kur gebraucht zu haben ... Nach dem Schlafe sitzen die Alten auf der Bank vor der Türe mit der Tefilloh oder dem Kreisblatt in der Hand. Am Fenster sitzt die mehr oder weniger tief verhüllte Matrone vor ihrem „Zeno Ureno" mit den alten Holzstichen wie vor hundert Jahren. Männer kehren auf einen Sprung in das „Hotel "ein, >eine kleine graue eben zur Erde gelegene Bude, darüber mit verblaßter Schrift auf ebenso verblaßtem' gelben Grunde geschrieben steht: „Gasthaus zur Krone. Max Bamberger." Die Krönenwirtin, den schwarzen Scheitel bis zu den roten, kerngesunden Wangen gezogen, erzählt mit Stolz, welche illustren Gäste sie bereits unter ihrem niedrigen Dache beherbergt hatte, sogar einen richtigen fommen Professor aus Frankfurt. Ihre Küche, insbesondere ihr „Gesetztes" ist weit und breit bis in die Rhön und den Spessart bekannt, und heilbringender als alle Heilquellen von Mergentheim sind ihre selbstgemachten Obstsäfte und Schnäpse, die sie mir gleich anbietet. Die modernere Jugend geht aber etwas verächtlich an dem „Kronen- Hotel" vorbei, sie trifft man am Sabbat nachmittag vollzählgi im Kurgarten zu Mergentheim. Aber immerhin, in Edelsingen — und so auch in allen Gemeinden des Umkreises — gibt es keinen, der den Sabbat irgendwie entweihte, der in Mußestunden nach den Karten griffe, der in der Synagoge in seinem Stande neben seinem Gebetbuche nicht auch seinen Thillim liegen hätte ... Ls ist ausschließlich Sache der Leser, die im Inseraten, teil enthaltenen Empfehlungen ritueller Daren oder sonstige Angaben religionsgefetzlichen Charakters auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen. L. BARBARINO Frankfurt a. M. INHABER A. STERN gegründet 1887 Cigaretten CIGARREN Tat> ake fernste Hamburger und Bremer Fabrikate Import ron Havana-Cigarren und -Cigaretten Kaiserstraße 7 Kaiserstr 81 Hansa 3391 Zeil 88 Versand nach auswärts El Birobrot sH unter Verwendung biochem. Aufbausalzen das Volksbrot der Zukunft Man beachte den vorzüglichen Geschmack. Erhältlich in den mit den Biroplakaten ausgestatteten Lebensmittel - Geschäften BROTFABRIK FRIEDRICH GÜNTHER Hermesweg 8—12 - Hansa 3862 u. 795. Besonders gute u. preiswerte Badeapparate bei; i.HAOEu(0 Am Eschenheimer Tor 3 r T ¥'T T -r T TTTTTTIIIll Hansa Gross Wäscherei1 vorm. Gebr. Vogel Spessart 1382 u. 1383 Boyenstraße 8-14 JßausftakungS'lDäscfie nach Gewicht naß, getrocknet und gemangelt Damen» und Herren-Bügel wasche Abholung kostenlos -d Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schach nowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S Schach» nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L Kaufmann in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag „Israelit", G.m.b.tz., Franklurt t».W, — Druck Sermon Verlags- Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.