Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1926)
- Date
- 1926-08-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2450388-2450420--73361-2530766- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Beilage Der Israelit lir. 32 1926 Die Perle von Aegypten. Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. IzchaN. (Fortsetzung). . , . XVIII. Im Städtchen an der Grenze schlug das kleine Leben seine kleinen Wellen weiter. Wie der N j e in e n stromab, so flössen die Menschen und die Dinge dahin. Was den Einzelnen beschwerte und bedrückte, wurde von der nachstürzenden Strömung weggespült, weggetragen, der Spiegel an der Oberfläche blieb der gleiche. Wer dachte noch Reiseles im Städtchen? Es waren ja bald zwei Jahre in die Lande gegangen, die dem Städtchen so viel gaben, so viel nahmen, daß man Vergessenes vergessen sein ließ. Der alte Rabbi Mauschele mußte wegen schweren Leidens nach Königsberg, um sich bei Professoren zu befragen. Die Aufbringung der Kosten ging wohl nicht ohne Zank und Streit ab. Es gab welche, die sich vom Beitrag drücken wollten, mit Hinweis darauf, daß ein bißchen Aechzen und Krächzen eine gut jüdische Sache sei, daß auch sie selbst krank seien an Lunge, Herz und Magen, daß sie Knochenreißen hätten und sich auch sonst nicht wohl fühlten und sich dennoch den. „öuxus" bet Aömgsberger &ur nicht leisten könnten. Als aber zwei Wochen, nachdem Rabbi Mauschele nach Königsberg abgereist war, die Depesche von dort eintraf, er würde nicht wieder kommen, dieweil er in der Sabbatnacht in der Klinik verstorben sei, war Sonntag die Gemeinde ungeteilt in der großen Schul versammelt, und es flössen Tränen in reißenden Strömen, als Wulfe der Maggid mit den Worten der Schrift begann: „Denn siehe, Mosche, der Mann, wir wissen nicht, was ihm geschehen ist!" Aber schon zwei Wochen später ging die Trauer in Zank und Streit üher wegen der Neubesetzung. Wulfe machte Anspruch und dessen Anhang, Verwandte und Freunde, zu denen auch die Schneider (d. h. die Beter der Schneiderklaus) gehörten, unterstützten den Anspruch, was aber die Feinde und Konkurrenten dieser Anhänger zum starken Affront herausforderte, der gelegentlich auch zu Tätlichkeiten führte. Dann kamen Kandidaten, junge und alte, in Zylinderhüten und Zobelmützen, mit und ohne reiche Schwiegerväter, altmodische und moderne, die tiefe Weisheit von sich gaben oder philosophische Reden hielten. Al? M klMich sstiW?L MS Li? — gegen Wulfe — abgeschlossen war, brach GUM aus wegen des alten meckernden C h a s e n, Abe Peretz, der durch einen jungen, modernen, mit acht Meschorim — acht mußten es sein — ersetzt werden sollte. Dann streikten die Schächter, weil Hilel, der Choker (Pächter der Schächtgebühren) ihnen die Gehälter nicht auszahlte, heizte L u t k e aus ähnlichem Grunde nicht das Gemeindebad. Die Gemeinde kam nicht zur Ruhe, im Beshamedrafch war bei all diesen Kämpfen der Sitz des Generalstabes, die Luft blieb geladen. Wer dachte noch an die Geschichte der verlorenen Tochter? In der großen Schul auf dem Markte war der Ofen immer noch nicht errichtet — weil der „Amerikaner" abgefahren war und vergessen hatte, seine Hundertdollarspende zu bezahlen, was Kussel zu der witzigen Feststellung veranlaßte, die Amerikaner küssen mit den Händen — Heymson hatte die Thora statt zu küssen nur vornehm mit der Hand berührt — und spenden mit dem Munde nur, statt umgekehrt . . . Leib Tirze Schores, der Schenker, erhielt auch das „Kiddusch" in der Schneiderklaus nicht bezahlt, wofür er Pinne, den Mützenmacher, als Gabbe und Dowid Leb. den Schammes der SchneiderftliSsvisch mzchtz. Litt Dittchzvz vor dem Rabibner führte zu keinem Resultate — weil die von der Schneiöerklaus den neuen Rabbiner gar nicht anerkannten. Wer dachte dabei an Reisele, die verschollene Tochter? Die. Seufzer Koppels, Dwoires Tränen muteten schon sehr anachronistisch an. Wie Tränen über Zerstörungen, von denen alte Bücher melden . . . Es blühte eine Blume aus dunklem Grunde heraus und wurde irgendwo irgendwie zertreten. Was war da sonderbares dabei, daß man noch davon sprach? . Im Herbste nach den tränenreichen „heiligen Tagen" und den feuchtfrohen letzten Festen, da an den Grenze zwischen Sommer und Winter der Morast halbmeterhoch die Straße bedeckte, kam der „ P r i s i w " (Assentierung) und stellte das Städtchen für Wochen auf den Kopf. Bon den vierzig oder fünfzig Gestellungspflichtigen hatte sich gut die Hälfte nach Amerika oder sonstwohin geflüchtet, und der Rest, der nun für die Fehlenden herhalten mußte, terrorisierte das Städtchen. Die Väter schimpften, so gut sie es konnten, Mütter weinten und schrieen und schlugen dem >,Kasonen" (Kronrabbiner) die Fensterscheiben ein, weil er angeblich durch lässige Matrikelführung auch die in der Wiege Gestorbenen in der Liste stehen ließ, wodurch die Zahl der Angeforderten sich vermehrte und die Chancen aus Freikommen der „einzigen Söhne" sich stark »errtrtgeriert. Die emget»eribert Stet rutert jet£>|± zogen in langen neuen Wasserstiefeln in Nabeln durch den Kot der Gassen, beschimpften und bedrohten jeden, wie die losgelassenen Landsknechte, übten sich in russischen Kraftausdrücken, stellten weitgehende Forderungen an die Gemeinde, drangen am Sabbat in die Bethäuser ein und verhinderten das „Ausheben der Thora", so lange sie keine festen Versprechungen erhielten. Familien, deren militärpflichtige Söhne nicht zur Stelle waren, wurden mit Anzeige bedroht, wenn sie nicht den Assentierten mit Geldbeiträgen zur Hilfe kämen. Auch zu Koppel kamen sie, dieweil auch sein Sohn, B e r l e, heuer an der Reihe gewesen wäre. Koppel las ihnen in seiner abgeklärten Schneiderphilosophie, statt Geld zu geben, den Schicksalszettel aus „Unesiane tokef" vor: „Wer zum Leben, wer zum Tode, wer zum Schwerte, wer zum Frieden, wer zum Hunger und wer zur Sättigung! . . ." „Was heißt es, Ihr geht für die Anderen? Wer trägt was für einen Anderen? Und dieser Andere, für wen trägt er? Wenn ich all diese Päcke und Röcke, die mir die Leute zum Zusammenflicken gaben, in den Straßenkot hinauswerfe, und sage: »Komm Der- Leiste, wlstm MD!" bann lomrnt Mw uns holt sich sss Seins ...» Koppel trug sich längst mit dem Gedanken herum, sobald die Zeit günstiger würde und er das nötige Sümmchen beisammen hätte, mit seiner Dwoire zum Sohne nach Amerika auszuwandern. Vielleicht konnten sie zusammen Reisele suchen. Vater ist doch Vater und sucht anders als ein Bruder ... Er fühlte sich schon über die Dinge hier ein wenig erhaben. Als nun endlich abends sich die große Fuhre Ruwkes mit den Assentierten, begleitet vom Wehklagen der Mütter, in Bewegung setzte, nach Tawrik, der Bezirksstadt, wo die Prüfung des tauglichen Menschenmaterials vor sich ging, ging ein Seufzer der Befreiung durch die Stadt. Die wenigen, die nach ein paar Tagen wieder kamen, waren die glücklich mit Gebrechen oder großer Körperschwäche Gesegneten. Aber der Zündstoff in den Gemeinde ging nie zu Ende. Der Winter mit seinen kurzen Tagen, an denen die Sonne kaum aufging und wenn schon, am frühen Nachmittag unterging, der Njemen festgefroren und alle Wege verschneit waren, so daß auch der kleine Handel des Städtchens stockte, die Verdienste sich verringerten und die ohnehin kleinen Bedürfnisse bis auf knappes Schwarz- ÜLät ststS Grästsisiifstsisie hstiätzfästkerst Hieltest st^ die Männer den großen Teil des Tages bei der warmen Ofenwand im Beshamedrafch auf, lernten und beteten ein wenig und trieben viel Kehillahpolitik, und eine gütige Vorsehung sorgte stets für geeigneten Stoff. War kein großer Anlaß, tat es ein kleiner, die Erregung war die gleiche. Der vierbeinige Gemeindetyrann, der neben dem „Kasonen" eine unbeschränkte 'Herrschaft ausübte, der „erstgeborene Bock", der, weil dem Messer und der Schere nicht verfallen, in seiner Wildheit manchmal zur Geißel wurde, hatte sich auf dem Friedhofe, wo er angebunden war, losgerissen, setzte den in den Cheder ziehenden Schulkindern nach und hatte es besonders auf die Frauen und Mädchen abgesehen, die am Sabbat den „Tscholent" aus dem Bäckerhause heimtrugen. Hirsche P o t e s k e l, der „Stadtmeschuggene", lief frei in den Straßen herum, klopfte nächtlicher Weise an die Fenster und bedrohte in seinen Tobsuchtsanfällen die Passanten. Das Irrenhaus in Kowno hatte ihn ins Städtchen geschickt und dort einfach auf der Straße abgesetzt, weil die Genleinde die Gebühren nicht mehr zahlte. Für all diese Vorkommnisse machte die Partei Wulfes den neuen Rabbiner verantwortlich, der es nicht verstehe, seine Gemeinde zusammenzuhalten. Für Wochen und Monate war so die Gemeinde mit Gespräch- und Zankstoff versehen, bis zum nächsten Anlaß. Wer tjatte da fstf Sffüf ®ö)neiDßrslßiiiß, biß in grauen Tagen unv finster ren Nächten um ihr verlorenes Kind weinten? In Erwartung des Pesiachfestes führte die Besteuerung der Mitglieder für das „Armenmehl" und die Verteilung desselben zu neuen Streitigkeiten, zu neuen Tumulten und „Aufhaltungen des Thoravorlesens". Mit den ersten Frühlingstagen, da sich der Njemen öffnete, die Wege frei wurden, die ersten Dampfer wieder von Kowno stromab hinunterkamen und die ersten.Fuhren mit verzollten und eingeschmuggelten Waren von der Grenze herauffuhren, gab es mehr Beschäftigung und einigen Verdienst für die Leute, wobei die Gemeindepolitik ein wenig in den Hintergrund trat und denen überlassen blieb, die auch jetzt nichts besseres zu tun hatten. Koppel hatte seine Sachen und die nötige Summe immer noch nicht beisammen, um nach Amerika auszuwandern. Es traten noch einige Schwierigkeiten mit dem Stübchen ein. Keiner konnte es urkundlich erweisen, ob die Klaus zum Schneiderstübchen oder umgekehrt, das Stübchen zur Klaus gehörte. Es hatte sich auch in all den Jahrzehnten kein Mensch um diese Grundbesitzfrage gekümmert. Da m aöer mm nerknnsl moiDon fällig mm? Die Frage von einiger Wichtigkeit. Im Beshamedrafch und in Feinbergs Klaus saßen die Männer des Geistes, Nochum Leser der Maskil, Eisik der Melamed, Chajim Nossen der Forscher, Nechemje der Kleinkinderlehrer und lasen aus einer älteren „Hazefiroh", daß sich der politische Himmel mit schwarzen Wolken bedecke, daß der „Obstreicher" dem Russen nicht gewogen sei und der Deutsche es mit dem Oesterreicher halte, wozu noch komme, daß der Franzose Erbfeind des Deutschen sei und der Engländer sich mit dem Franzosen verbündet hätte. Eine ganz verwickelte Geschichte .... Die „Männer der Tat" lachten über die „Batlonim", die sich über solche weitliegenden Dinge unterhielten, zu einer Zeit, da es auf dem Dampfer, auf dem Markte und an der Grenze etwas zu verdienen gab. Und überhaupt, was lag an der großen Politik, wenn nur hier mit dem Row, dem Chafan, den Schächtern, dem Stadtmeschuggenen und dem „Gemeindebock" alles in Ordnung war? DieZeitungen schreiben von Krieg. Das haben sie schon immer