Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1926)
- Date
- 1926-08-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 32 Aus der Welk des Aluffar. ii. Eine Abhandlung zur Psychologie des religiösen Lebens. . Von Rabbi Simcho Siefsel ' (Schluß.) Und sieh, die merkwürdige Erscheinung! Die Erfahrung hat all diese Worte bestätigt. Wir sehen, daß manchmal jemand etwas in der heiligen Sprache sagt, ohne daß es einen Eindruck auf ihn ausübt, und wenn er es sich ins Deutsche übersetzt, macht es einen stärkeren Eindruck auf ihn. Anfänglich glaubte ich, der Grund liege darin, daß die heilige Sprache nicht unsere Muttersprache ist, jetzt aber scheint es mir daran zu liegen, daß das hebräische Wort uns von $»8«# m ln HM omeffeiMn ZusammMhaW zur Gewohnheit geworden ist unb seine Frische verloren hat. Auf manchen macht das Wort „Tauroh" keinen Eindruck, und wenn er in deutscher Sprache „Bildung" sagt, verbinden sich damit ganz andere Gefühle. Das Wort „Tauroh" erscheint uns als eine Art Befehl des Königs, und der Knabe hat dieses Wort in seine Seele ausgenommen, ohne daß sich damit etwas anderes verbindet als der Begriff des Zwanges. Wenn die Philosophen anfingen, mit ihren Schülern zu lernen, versuchten sie all ihre Bewußtseinsinhalte, die sie vorher in sich ausgenommen hatten, zu beseitigen. Aus dem gleichen Grunde, den wir hier entwickelt haben. Für uns liegt die Sache so. Uns ist gottlob ein reicher Besitz an Wahrheiten, die uns in unserer schriftlichen und mündlichen Lehre überkommen sind, in die Hand gegeben. Aber damit dieser Besitz lebendig werde und sich mit Gefühlsinhalten fülle, auf daß er nicht schwach und wirkungslos bleibt, wie eine von Jugend auf anerzogene Gewohnheit, müssen wir ihn immer als etwas neu vor uns Liegendes betrachten. Js mef>r jßllUlflÜ DöFftßin, ÄUZ it{>erl!oTnmenenf hangen Besitz immer neue Erkenntnis zu schöpfen, desto größer ist er, sowohl in wissenschaftlicher Hinsicht als auch auf dem Wege der sittlichen Vollendung. Unsere Weisen haben zu dem Wort »asm die Deutung gefügt: "Auf Grund des Altenwerdet Ihr immer Neues v e r st e h e n." Diese Erklärung kann man auf doppelte Weise auffassen. Erstens: Wenn Ihr den alten Stoff mit Verständnis erfaßt und nicht bloß als Jugendlehre nachplappert, einerlei, ob es sich um Glaubensprinzipien han- D e^r. Sß.ta t i i i 5. August 19$, . Abendtraum eines Juden in Ostdeutschland. „Wie schön sind Deine Zelte, Jaakob." (Bileam.) „Es find die Zelte der Thora, die uns immer blieben." (Talmud.) Die Sommertage sind lang. Doch einmal schmückt auch an ihnen sich die Sonne, wenn sie nämlit^ kkklößb im Westen meberfinlt, iW WkstM, W0 ÖCF ThlNll ütchi im Aufstrahlen begriffen ist. Werden wir hier ewig Sonnenuntergang erleben, Sonnenuntergang ist schön. Zur Neilohstunde spüren wir es alle. Viele sehen ihn oft und gerne, doch wissen sie nicht, daß danach die Nacht kommt, lieber mein Buch huschen seine schönsten und letzten Strahlen. Oft auch treffen sie uns nach Mincho im Gotteshause, verschönt durch dessen Buntscheiben. Viel Schönheit ist an unsere Betstätte verwendet worden, viel Mühe und viel Geld. Auch die Sonne kargt nicht mit Gold, wenn sie-bald schwinden will. Tagmüder Strahl über gottmüder Gemeinde, Gold in Gold, von Abendschauern umweht, von Nacht-Ahnung verdeutlicht, -wann kommt ihr wieder, um aufzuleben, Schäumer mah milloiloh? Wächter, ruft fieberdeli, oder um praktische Mizwoth-Erfüllung, dann werden Euch die Dinge immer geliebter werden, und Ihr sehnt Euchdyrnach, immer neue Wahrheiten zu hören von der Größe Gottes und von dem Inhalte seines Gesetzes, auch soweit Ihr nicht daran gewöhnt seid. Zweitens — und dies scheint mir der eigentliche Sinn des Ausspruches unserer Weisen zu sein —: Wenn Ihr das Alte gewissenhaft höret, das Alte, das Ihr schon als Kinder vernommen habt, als Eure Erkenntnis noch unentwickelt war, dann werdet Ihr es immer vernehmen, d. h. Ihr werdet bei genügender Konzentration neue Erkenntnis aus dem alten Stoff schöpfen und dann werdet Ihr erkennen, daß Ihr bisher das Alte immer noch nicht ganz verstanden habt, sondern nur scheinbar, und je mehr Ihr an Erkenntnis wachsen werdet, desto mehr wird sich Euch die Tiefe des «lten BkWkllMksitzeZ enlWMrn. Das ist der Srnn des Väterspruches: Mache Dein Gebet nicht zu etwas fest Best immtem, sondern es sei Dir Erbarmen und Flehen, d. h. der Hauptzweck des Gebetes ist, in uns die Wahrheit einzupflanzen, daß unser ganzes Leben, daß alle unsere Bedürfnisse von Ihm abhängen, der die Welt ins Dasein gerufen. Diesen Gedanken aber in seiner Tiefe zu fassen, ist einem Kinde, das ansängt zu beten, natürlich nicht möglich. Denn wie soll ihm der Begriff der Schöpfung aus Nichts in seiner Bedeutung faßlich werden? Erst wenn es an Erkenntnis wächst, wird es diesen Gedanken würdigen und daraus die Größe des Schöpfers schließen können. Erst dann aber ist es auch imstande zu begreifen, wie sein ganzes Leben und alles Sehnen seines Herzens an dem Willen dieses selben Schöpfers hängt und sein Herz wird sich diesem Willen unterordnen. Und noch etwas Wunderbares möchte ich Euch aufzeigen. Warum wird des Menschen Herz nicht mehr ergriffen von den Wundern des Schöpfers? Und doch hat der Prophet gerufen: „Erhebet zur Höhe Eure Äugen und schaut, wer all diese gesck)«ss^ , . UlW DDÖ) Ylll KöNlg SttüiD gesungen'. „Wenn ich Deinen Htttittiel sehe, das Werk Deiner Hände, den Mond und die Sterne, die Du gegründet, was ist dann der Mensch, daß Du seiner gedenkst, der Menschensohn, daß Du ihn in sein Amt einsetzest." Und warum werden wir von dem Anblick dieser Wunderwelt nicht mehr ergriffen? Lediglich deshalb, weil der Mensch die Natur an und für sich, jede Erscheinung als Zufall, nicht als Werk bewußter Schöpfung ansieht. Es bedarf erst der geistigen Durchdringung, um zu begreifen, daß notwendigerweise die ganze Schöpfung auf einen schwach Israels Seele solchen Strahlen nach, Wächter, — wie weit ist's in der Nacht? Auch Morgensonne ist ein Goldstrahl, überragend an Schönheit den ganzen Tagesglanz. Warum muß finstre Nacht sich dazwischendrängen! Muß es so sein? Im Leben der Sternenwelt wohl, im Leben Israels kann „welailo aur baadenu" die Nacht zum Lichte werden. Ich tadle nicht den Schönheitssinn hinsterbenden Synagogenlebens. Einen Morgenstrahl aus diesem flüchtigen Abendschatten umzugestalten, das sei die. Losung. Dem ästhetisch vervollkommnungswilligen Gemeindegesang und dem Wohlgefallen am erhabenen Betstättenbau wird gewiß einst auch hier ein freundlicher Morgen neues religiöses Leben einflößen. Allen werden wir es doch nie recht machen, und manchen Leuten überhaupt niemals. Als, entsprechend dem schönen Prinzip „wajischman Jeschurun", die wohlhabend gewordenen Abtrünnigen unjüdische Formen in unseren Gottesdienst trugen, und wir nichts davon wissen wollten, schalten Jene uns Schönheitsfeinbe. Seit untere CTfjorß einen Stuf ££tti«{Un, k«* 5ene a««^ Konzerte nicht schlagen, unb feit unsere Gotteshäuser Städte und Landschaften zieren, schelten sie uns äußerliche Beter. Als sie sich vom Gesetze mit allen seinen Lebensbeziehungen lossagten, galten wir ihnen als „Zeremonienverehrer": seitdem auch.in anderen Kreisen es „fein" geworden ist, eine religiöse Bindung zu suchen, die über die lediglich zwischen Menschen waltenden Beziehungen hinausgeht, muß unser weiser Hillel sich dafür, daß er einem Heiden die Nächstenliebe als Hauptinhalt der Religion angab, „platt" und „töricht" schelten lassen. Als Wissenschaft gleich Atheismus und die Stimmung unserer Weisen deshalb dem Profanstudium abhold war, mußten wir uns Finsterlinge schelten lassen. Als die Wissenschaft wirklich Wissenschaft wurde, ein gegen den Spott der Ungläubigen erstarktes Geschlecht erstanden und Schöpfer hinweist, der das All in Weisheit ünd in Willensbetätigung geschaffen; und weil er nun von Jugend auf das Wesen der Schöpfung nicht erkannt/ sondern nur Worte nächplapperte, die ihm sein Lehrer vorgesagt hat, darum bleibt er sein ganzes Leben lang mit einer gewissen geistigen Blindheit vor der Schöpfung stehen, die ihm als Werk des Zufalls erscheint, und sein Gefühl wird nicht erregt von dem Werk Gottes, von seinen unendlichen und furchtbaren Wundern. Und nun, geliebte Brüder, nachdem uns dieser Gedanke klar geworden ist, liegt uns die Pflicht ob, nun die Größe zu geben dem Schöpfer des Anfangs. In jedem Augenblick, da wir den Gottesnamen aussprechen und von seinen Wundern reden, soll es uns sein, als ob wir mit Äugen sähen, wie eins neue Schöpfung aixs berrt entstände. 3öte ahev N?ÜvdbN wir von einem folgen Anblick erschüttert werden! . . Nach und nach kann aber auch auf dem Wege des Denkens'die Kraft errungen werden, aus dem Alten das Neue zu schöpfen. So möge Gott uns helfen, zur Höhe fortzuschreiten.-- — , Das ist es auch, was unsere Weisen uns gelehrt haben. „Die Amei Haarez, je älter sie werden, desto törichter werden sie", d. h. da sie nicht versucht haben, ihren alten geistigen Besitz ständig zu erneuern, so wird dieser Besitz mit dem zunehmenden Alter immer trockener und dürrer, sowie auch eine alte Speise, je länger sie liegt, immer mehr eintrocknet. Die Talmidei Chachomim aber, mit dem wachsenden Alter erneuern sie sich adlergleich, sie verjüngen sich und ihr Weg führt weit nach oben: jaT rrn ■»jpr fiatp’n» onsn c’rpTaff. Ich freue mich, daß ich eine Stütze aller meiner Ausführungen in dem Werke unseres Meisters, im Chauwas Halwoaus im 23. Kapitel des Abschnittes über die Rechenschaft der Seele gefunden habe. Dort heißt es: „Laß Dich nicht von der Torheit dazu verführen, die Dinge, die Du einmal gesehen hast, nachher unbeachtet zu lassen, sobald Du Di^ hast, meljv Du Die Dinge so, als ob Du sie Dein Lebtag nicht gesehen habest. Das ist, als ob Deine Augen erst geöffnet worden wären zum Sehen." So ist der Gedanke, der nun Gegenstand meiner Betrachtungen bildete, auch von dieser Seite mir bestätigt, und er wird sicher reichen Nutzen bringen, denen, die ihn erkennen und praktisch betätigen. der jüdische Akademiker Stütze der orthodoxen Gemeinde geworden war, da bekämpften Jene unseren Wissens-, dürft durch den Schrei nach Berufsumschichtung. Und da sollten wir uns das verübeln lassen, was ausgerechnet von jener Seite als Paradegottesdienst verschrieen wird? Nein, auch wir sind in — „kelilas jaufi, meßauß kol hoorez" geboren; hatte das Goluselend uns diese Herkunft vielfach vergessen lassen und uns zu weinenden oder stummen Betern gemacht, — gern sollen vergoldende Strahlen mein Bethaus streifen. Es soll nur keine Abendsonne sein, die zur Wehmut rührt und im Gedenken des Dahingegangenen Genüge tut, keine Maskir-ade, kein toter Kultus, der nimmer zum Totenkultus wird. Auch soll es nicht ewig kühler Morgenstrahl bleiben, so schön er auch des Himmels Pforten öffnet. Doch erst müssen wir die Finsternis vor dem Lichte fortwälzen, so mühselig, wie Erzvater Jaakob den Stein von des Brunnens Rande wälzte. Da müssen wir. ..oiro schachar" den Morgen Zuerst Des Lebens Morgen. 3ugeni>; heiligste Werk unserer Jugsndbilduer \el, sie für den Dienst im Hause des Allgütigen zu gewinnen. Ist uns das gelungen, aus freiwilligen Betern die Schönheit des Dienstes Gottes auszubauen, dann geht vielleicht ein Morgen auf. Wer aber den Morgen wecken will, muß sich um Mitternacht erheben. Wer findet Gehör? Unsere Weisen antworten: Der, dessen Sinn von Gottesfurcht erfüllt ist. Nur ein solcher strahlt soviel Persönlichkeitsmacht aus, daß er schlafende Gemüter aufrüttelt. In Gottesfurcht muh ein jeder von uns sich vervollkommnen, in Gottesfurcht die ihm anvertrauten Seelen unterweisen. Nur auf solchem Wege kann der Wille entstehen, schön zu beten, um innig zu beten. Aus anderem, auf ausschließlich künstlerischem Wege würde die Parade bald überwiegen.