Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 30 (22.7.1926)
- Date
- 1926-07-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 sRt. 30 Landschaft leuchteten. Manch trübgeregnetes Gemüt, das gestern noch mißvergnügt witzelte: „Mer —gcfjn Heim", sagte heute umgestimmt: „Mer — gehen — net — Heim." Man hört des öfteren sagen, Mergentheim sei das deutsche Karlsbad. Karlsbad liegt für mich — und auch für andere — hinter b ö h m ischen Bergen Aber wer Mergentheim im Sonnenscheine gesehen, wird mit mir versucht sein — falls eine Ähnlichkeit zwischen den beiden Bädern konstatierbar — Karlsbad das tschechische Mergentheim zu nennen. Der Tag beginnt hier, wie aus allen Kurplätzen marokkanische Fahne aufgezogen, zum Qeidje«. lKrfÖ daß der Herr des Territoriums, Abdul el Becher, und die Menschen?das Glas in de^r Rechtem sich der Prinz von Marokko, nun von seinen Reisen! einander eine zeitlang in den Weg laufen, bis sie, na, zurück sei und zu Hause weile. 'man weiß ja . . . Dann läuft alles programmäßig ab. Reifete lieh man nickt im Hause der trauen. Man frühstückt, badet, wird „gepackt", ruht, schwitzt ^eiseie uey man niajr im j;uuie uei uuiuen, unb ^at bei dann Gelegenheit, so zwischen Fleisch und Nachtisch, den Zuckergehalt, die Gallensteineanzahl seiner lieben Tischnachbarn zu erfahren, auch das Soll und Haben. Am Nachmittag ist in denen hinter Akazien, Palmen und Feigenbäumen Fontänen ihr Wasser hoch aufschießen und hinuntersprudeln ließen in weite Becken, die zu Bächen wurden. Ein Dickicht hinter dem Fischweiher schien in den Urwald überzugehen, so undurchsichtig düster hob er sich von dem Weiß der Fassaden und Bänkevom Gold der Zinne und dem Grün der gut gepflegten Rasenplätze, Beete und Fruchtbäume ab. Am Toreingange prangte ein marokkanisches Wappen und oben war die dem Harem hinter dem Fischteiche, absteigen, sondern man wies ihr den dem Nile zu gelegenen rechten Flügel im Hauptgebäude an, dessen mär- ... ckenbaite Ausitattuna * von den kostbaren bandentweder so tropisch heiß, baß man sich nicht aus cyenyafie uussrauuug, von oen rvjroaren r-unv wagt, oder es regnet so beharrlich, daß man gewirkten Teppichen bis zu dem roten Plüsch der Polster und den leuchtenden Goldarabesken an der Kuppeldecke, ihre Augen und Sinne blendeten, daß sie ganz benommen dastand. Dienerinnen nannten sie Herrin und harrten untertänig gesenkten Hauptes ihrer Befehle, die sie nicht zu geben wußte. Sie hatte das Herrschen nicht gelernt. Milka und Feige hatten sie nur bis zum Tore°as f sich ins Haus flüchtet. Die Abende sind schön, märchenhafter als alle Märchen, die ich kenne. Man verbringt sie entweder im Kurgarten bei Mozart und Beethoven oder in einem der vielen Biergärten, mit Gleich- oder Ungleichgesinnten in mehr oder weniger friedlicher Unterhaltung. So weit alles wie „in der Welt überall, wohin die Menschen kommen ohne ihre Qual." Aber es kommt hier noch ein Neuss hinzu, das auch für dis ,J)ßöunQ Dos SösuniHsitLststuL. m? ällss lebt. nirld! UitbKtvächllich iu^ Gerorcht fällt: bas j ä b! f ch e 9W o begleitet und waren gegangen, ohne auf ihre Rufe und Bitten zu achten. In der Erregung, da die Flut neuer Eindrücke auf sie einstürmte und umgeben von Dienern und Dienerinnen, die sich um sie bemühten, fehlte ihr die Kraft, sie zurückzuhalten oder gar ihnen zu folgen. Sie war in einen Märchentraum hineingezaubert und wußte kaum selber wie. In schwacher Erinnerung waren ihr nur Milkas Worte: „Nun trennen sich unsere Wege, Du gehest dahin, wo dir der Weg von Rosen bezeichnet ist und wir suchen den Dornenweg nach der Judengasse." Und auf ihre Bitte „Bleibet!" hörte sie nur die kalte Antwort: „Du bist auserwählt, nicht wir." Abdul el Becher hielt sich zunächst voller Takt und Schonung abseits. Sie sollte sich erst einrichten, einfühlen, er erkundigte sich nach ihrem Wohl und übersandte seine Grüße in Blumenarrangements, wie sie das Mädchen nie gesehen. Reisele war in ein Märchenland hineingebannt, das sich auszumalen ihre litauische Kindheit zu klein, zu eng, zu lichtarm war. Gab es solche lichte Welten? Und wie kam sie.zu all dem? Es fiel ein, dcrtz sff skit MkMS AUkS keine Silbe nach Hause geschrieben hatte, auf die Briefe von dort freilich auch keine Antwort erhielt. Sollte sie jetzt schreiben? Ihre Hand rührte sich nicht. Hier stand Marmorschreibzeug auf grün überzogenem Eichenschreibtische. Wie konnte man den Uebergang von dieser Welt des Lichtes nach jener der Enge und Finsternis finden? .Was konnte sie von sich schreiben, ohne sich selbst und die daheim zu erschrecken? (Fortsetzung folgt.) Vom deutschen Karlsbad. (Ein unpolitischer Ladebrief.) Bad Mehrregenheim, 4. Juli. Es ist kern Druckfehler. Es schien mir dies der richtige Name für das Bad zu fein, in dem bei meiner Ankunft der liebe Gott alle Schleusen des Himmels geöffnet hatte, fodaß die Arche des Kurhauses nicht ausreichte, um die fchuA senden Männlein und Weiblein aufzunehmen und bet Böden zwischen den Alleen aussah wie eine schlecht abgewaschene „Fangopackung" — Mergentheimer Kurspezialität —. Kaum hatte ich aber die provozierende Ueberschrift auf dem Papier, als die Sonne durch all die grauen bleibeschlagenen Wolkenvllllkc llillly. lllchenv, MllWnk Wilkölnd, glltzskttd, jü sengend, und alles hob mit ihr den Kopf, lachte und strahlte, vom Herrn Kurdirektor und dem betreßten Hotelportier bis zu den roten Rosen in der Schlohgartenallee und den Weißfischen, die im Flachwasser unter der Holzbrücke mit geöffnetem Munde der von den Kurgästen zugeworfenen Brocken harren. Dann tat ich, was alle taten. Legte Feder und Konzept beiseite und ging hinaus, der Sonne nach, den Vögeln nach, die herrlichen Alleen entlang unter dem Baldachin der Akazienblätter, im Dufte der Tannennadeln, längs der im Abendglanze kristallglitzernden Tauber, indes am Hange rechts die Lichter der Waldhäuser „Ferdinand" und >,Waldeck" wie die Riesenglühwürmer in die Mergentheim, als Stadt mit ihren Türmen, Schlössern, Brunnen und Brücken und allerlei monumentalen Zeugen historischen Geschehens, so ältfränkischinteressant wie als Bad neuzeitlich ausgebaut und liebevoll gepflegt, beherbergt bei feinen fünf- oder sechstausend Bürgern über s i e b e n z i g jüdische Familien, die fast alle noch, wie man hier so sagt, zum „guten alten Geschlechts" zählen. An alten und neuen Pfosten kleiner und großer Außentüren zeigt die Mesusah sichtbar das jüdische Heim und eine scheitelgekrönte Matrone schaut hie und da zum Fenster hinaus auf die sommerlich belebte Kleinstadtstraße. Wem es liegt, kann hier, statt um sieben beim Brunnen, schon um sechs morgeps mit dem gemeinsamen Gebete seine Kur beginnen, und wenn abends nach sieben-das Konzext im Kurgarten zu Ende ist, kann man, bevor man sich an die Abendtafel setzt, die schmale alte Easse hinaufwallen und durch den unscheinbaren Scheunen h o f in die mehr interessant, denn schön gebaute und bequem eingerichtete Synagoge eintreten, um das Tagesprogramm mit gemeinsamem Abendgebet und sogar einem labenden Trunk, gereicht vom Herrn Rabbiner aus dem Lebenssprudel alter Lernhäuser, abzuschließen. Wie vollgefüllt sind die Reihens in denen die Pulte zu hoch und die Sitze zu tief sind, am Freitagabend und Sabbat! Nichts von den Kriterien und jüdischen Lebensmöglichkeiten einer echten, rechten, alten Kehilloh fehlt. Ein zuverlässiger Eruw, eine jüdische Konditorei, eine zuverlässige Wurstlerei. Im Hotel Fechenbach, wo jüdische Gastfreundschaft die starre Hotelform sprengt, wird bei MlilllWi MuMr WmuigMl aus kMmöglichg Aökpflegung in schönster moderner Aufmachung gesehen. Ern jüdischer gesetzeskundiger Arzt von herrlichen menschlichen und jüdischen Qualitäten weiß bei der Kurverordnung auch auf die jüdische und religiöse Einstellung des Heilung- und erholungsuchenden. Kurgastes bestens einzugehen. So arbeiten Hotel und Arzt, Stadt und Bad, Kurverwaltung und Gemeinde zusammen, dem Kurbedürftigen angenehmen und nutzbringenden Aufenthalt zu sichern. Wer Mergentheim einmal entdeckt hat — es ist noch nicht genügend entdeckt — kommt wieder schon aus Dankbarkeit. Und noch eines. Man sieht hier keinen Aufwand, keine „Toiletten". Man sieht sie auch anderswo manchmal nicht. . . Aber dort liegt das Aergerliche in dem, was man nicht sieht. Hier ist das. Einfache, das Unauffällige wohltuend. Gutes Bürgertum dominiert, besserer Mittelstand, einige Lehrer von ernstem Streben, ein paar Akademiker ohne Gelehrtendünkel, Kaufleute, die mehr Prozente an Zucker als von ihren Friedenspapieren haben. Und kaum einer dabei, der es nicht nötig hätte. ' Alles ist auch hier auf diese Mittellinie der Börse eingestellt. Von der Kurtaxe und den Bäderpreisen, die stets mit irgend einem „Abzug" berechnet werden, bis zu den ganz unkurgemäß zivilen Preisen in den Hotels und Cafes. Und über allen ruht wie ein weicher Seidenschleier die gütschwäbische Gemütlichkeit. Der Polizeidiener sagt „Grüß Gott!" Der Herr Notar wüuWi »Mtt L«s Mälllhm m DMschlMr lacht und rennt jeden Kurgast beim Namen. Am „Brückenkopf" (am Kopfende der schmalen Holzbrücke) sitzt die Frau mit dem Strumpf in der Hand vor der großen Wage, davor mit großen Lettern geschrieben steht: „Hier kenne d' Leit gwoge wärre, 10 P f." Es ist eine gute Frau, die für ein kleines Trinkgeld ab und zu — je nachdem, ob Jemand ab- oder zu nehmen will -rgeben kann ... Nun leuchtet seit acht Tagen herrliche Sonne über die mattblauen Waldhöhen hinunter zur Talmulde, daß. sie', vom zackigen „Waldeck" gesehen, wie ein Kessel voll flüssigen Goldes ausschaut. Die Gewitterwolken, die sich jetzt erfrischend mit Licht und Lärm entladen, als wollten sie polternd den Goldkessel. wüschen, ^rhHen1nür die Lust. Sie jagen uns für einch Stünde unler Dach und drücken mir das angefangene Konzept, wieder , in die Hand. Jndeß, die Ueberschrift paßt nicht; denn schön heitert sich's im Westen auf und durch die reine Luft hallen und locken Töne und Klänge, wie sie zwischen den hohen, grauen Mauern der Großstadtstraßen nie gehört werden. Es ist nun'Zeit, daß ich die Feder aus der Hand lege . . Der nächste Brief beim nächsten Regen. Hoffentlich nicht sobald! . . . Ts ist ausschließlich Sache der Leser, die imInseralenteil enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstige Angaben religionsgefehlichen Charakters auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen. FÜR DIE REISE)* Prismenfeldstecher Photo-Apparate und Zubehör Kompasse. und Höhenmessbarometer . Reisethermo- und Barometer Auto-u. Schutzbrillen Schlesicky- Ströhlein ü. m. h. II .. Telefon H. 2205 Kai5Ä^,läti V) Besonders gute u. preiswerte Badeapparate bei: if .MACfEuCO Am Eschenheimer Tor 3 D. 6 Birobrat Birobrof D. 6 Birobrot unter Verwendung biochem. Aufbausalzen das Volksbrot der Zukunft Man beachte den vorzüglichen GescKmack.| ErMltlicti ln den mit den BiFOBlaliaten . auagestatieten Lebensmittel Geschäften BROTFABRIK FRIEDRICH GÜNTHER Hermesweg 8-12 - Hansa 3862 u. 795. L. BARBARINO Frankfurt a. M. INHABER A. STERN gegründet 1887 Cigaretten P.TCr A T? 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