Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 30 (22.7.1926)
- Date
- 1926-07-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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«eilagr Dr.?« 1426 Sie Psrlk »«« AkMxtkN, Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Izchaki. (Fortsetzung). Mt es Mitleid, ist es Bewunderung, ist es das Geheimnis Deinre Vergangenheit, Deiner Herkunft, Deines Wesens, das sich mir nie erschließen wird?." „Es ist schon so von jeher", fuhr er im Tone eines Selbstbekenntnisses fort, als rede er mit sich selbst, „daß zwei Seelen in meiner Brust leben, eine angeborene und eine anerzogene, angebildete. Ich bin Marokkaner vom heißesten Berberblut des altmarokkanischen Adels. Dieses treibt zum herrischen Wollen, zur mutigen Tat, jagt über Schränken und Hemmungen und auch über Leichen und Trümmer zerbrochenen Menschenglückes, wenn kein anderer Weg zum Ziele führt. Ich habe aber in jungen Jahren in Paris und London die Welt gesehen und Kultur,, durch Sitte gereinigtes Menschentum mir anzueignen gesucht. Es war schwer, die Synthese zwischen dem wilden Blute und dem Kulturdrange in mir ZU fiiwM. mmm Mioion, Ui Offam, QWi üm Ausgleich: Unerbittlich und hemmungslos SUfS Ganze hinaus. Der Einzelne, der Mensch, und doppelt das Weib, ist heilig. Niemals war mir diese Synthese so gegenwärtig wie in "Deiner Nähe. Ich hätte zu jeder Stunde des Tages mein Herzblut für Dich eingesetzt und hätte dabei ganze Welten in Asche und Trümmer schlagen können, nur der Einzelnen wegen, der mein liebend Herz gehörte. — — —" „Und nun?" fragte er sinnend. „Und nun?" wiederholte das Mädchen, das der Worte nicht alle verstand, aber den Sinn des Ganzen doch ahnend erfaßte und zitterte, ohne selber zu wissen, ob in Angst, oder in wonniger Erregung. „Nun", sagte der Marokkaner, „sind wir in der Heimatzone, und ich kann den Herrn spielen. Die Papiere weisen mein Recht lückenlosaus. Aber nun, da ich die Gewalt in Händen habe, fordere ich nicht, sondern trete werbend und bittend vor Dich: Willst Du meine Frau werden, nicht eine der vielen, sondern die Frau, die Herrin meines Hauses und meines Lebens, die Fürstin und Beherrscherin des Palais?" „Ich bin eine einfache jüdische Tochter", brachte Regele narfj einigem Schr» eigen fei je. f>eroor. „lltDer Die Vorurteile gegen Den alten Stamm, wie sie leider auch noch bei uns herrschen, bin ich erhaben. Und die religiösen Grenzen zwischen Islam und Judentum sind wohl nicht so unüberwindbar wie zwischen anderen Religionen. Wir werden uns in Kairo bei Geistlichen, mohammedanischen und jüdischen, befragen." Reisele schwieg. Es war schwer zu ergründen, was auf dem tiefen Grund ihrer Seele vorging. Vielleicht wußte sie es selber nicht. „Wohnen Juden in Aegypten?" fragte sie dann ganz leise, krampfhaft nach einem Worte suchend. Er deutete ihre Frage im-bestimmten Sinne und sagte: „In Kairo wie in Alexandrien gibt es große jüdische Gemeinden, und es steht Dir frei, gleich nach der Landung den Weg zu ihnen zu finden. Juden verlassen die ihrigen nicht.. Sie werden Dich aus der Gefangenschaft befreien und in Liebe aufnehmen. Und da ich es nicht versuchen werde,' mit Gewalt mein Recht zu begründen, so werden sie es nicht schwer haben. Willst Du, so werde ich selbst alle Vorbereitungen für Deine Rückkehr zu den Deinen in die Wege leiten. Es wäre dann der letzte Händedruck zum Abschied. Wir landen morgen früh in Alexandria." Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie schlug nicht ein. Sie war verwirrt. Ein Märchentraum, der, statt abzubrechen, immer weiter wob und immer verwickelter wurde. Mit der Hand, die sie ihm ZUM ewigen Abschied gereicht hätte, Ääre Zgr TvZUW W ztzgMssöN. M es graute ihr vor dem Erwachen. Noch eine Weile weiter träumen. ... Er ging mit einer leichten Verbeugung und lächelte fast sieghaft. Also kein Abschied. . . - Und sie ging taumelnd vor Erregung hinunter zu den Freundinnen. XIV. Es war in letzterer Zeit nicht leicht für Reisele, Mit ihren Freundinnen von dem Manne zu sprechen, der ihr Führer und Schutzherr war. Reiseles Bericht über seinen hohen Stand überraschte sie kaum, sie hatten Aehnliches erwartet. Von seinen Absichten und Wünschen erzählte sie in gedämpftem Tone, schamhaft, nur so von ungefähr, ohne ihre Ächtung vor so viel Größe und Hochherzigkeit unterdrücken zu können. „Du bist I ü d i n", warf Feige scharf ein, „hast Du es ihm nicht offen heraus gesagt?" „Und er ist nicht Christ, wenn auch nicht Jude wie wir. Er ißt kein Schweinefleisch, überhaupt nichts Ungeschächtetes und hat auch sonst uns gemein. <£r glaubt^ jo jagte er^ an einen einzigen Gatt, an Den Gatt Abrahams wie wir." „Mohammedaner," sagte Milka erfahrener, „keine Christen, freilich auch keine Juden. Es ist ihnen vieles heilig, was auch uns heilig ist, Juden, sind sie aber so wenig wie die anderen." „Dann werden wir uns, sobald wir in Aegypten sind, zu Juden schlagen", sagte Reisele zaghaft, unsicher. „Und finden vielleicht als Dienstmägde oder Aufwascherinnen irgendwo Unterkunft, wenn wir nicht als Obdachlose wieder in unsaubere Hände geraten", bemerkte Milka bitter. „Gibt es einen anderen Weg?" „Für Dich j a, die angebotene Fürstenkrone annehmen, das Palais beziehen statt des Waschraumes", sagte Milka leichthin, fast scherzend. „Milka!" riefen beide Mädchen erschrocken. Milka setzte unbeirrt fort: „Auch uns könnte es dabei nicht schlecht gehen, bei einer so hohen Gönnerin, die sicherlich auch fernerhin ihre Huld uns nicht entzieht. Es ist nicht jede zur Prinzessin geboren. Aber für ber Prinzessin Hofstaat sind mir vielleicht doch nicht gu mißgestaltet. Milka besah sich im Spiegel, hielt den Taschenspiegel auch Feige vor und lachte. „Es ist nicht recht," grollte Reisele, „daß Du über diese bitter ernsten Dinge, die ins tiefste unseres Schicksals greifen, scherzest." „Ich scherze durchaus nicht, wenigstens soweit die Sache Dich angeht, ist es mein völliger Ernst, daß Du in die Hand einschlägst." „So sprichst Du, die Du mit dem Revolver in der Hand Deine Ehre und Deinen Glauben verteidigt hast? Oder ist Dir m e i n e. . . ." Reisele brach unter Tränen den Satz ab. Milka drehte sich ruhig eine Zigarette. „Mit dem Revolver werde ich auch heute noch mein heilig Gut verteidigen — gegen Jeden, der es mit Gewalt rauben wollte. Aber wer s o kommt, wie Dein Prinz, um mit allen Waffen der Liebe und Menschlichkeit das Herz zu erobern, findet bei mir andere Aufnahme." Die Mädchen waren so überrascht, da sich ihnen das wahre Wesen ihrer ukrainischen Freundin offenbarte, daß sie ihren eigentlichen Fall für eine Weile vergaßen^ „Bist Du nicht eine jüdische Tochter wie wir?". fragte Feige verwirrt. „Eine jüdische Tochter gewiß, aber anders wie Ihr. Ihr seid Pflanzen des litauischen Städtchens, wo man nur e i n e Seite des Judentums kennt, die Religion. Ich habe das Gymnasium besucht und weiter und tiefer ins Leben geschaut." „HriD mm Mt Dll Dir krMllll" „Zunächst, daß es wichtigere Fragen gibt als die des Glaubens und der Religion. Nicht hier lag für mich die Grenze und die Kluft, sondern da, wo der Weg von Kapital zu Proletariat führte. Dem Schwachen, dem Geknechteten, dem ausgebeuteten Arbeitervolke helfen, und kostete es das Leben — es hätte dies oft genug beinahe gekostet — war unser Ideal." „Wie kann das Religion sein?" fragte Feige, die sich auf große Worte nicht verstand. „Es kann Religion sein", kam Milka mehr ins Feuer, „für den, der daran glaubt. Aber der Glaube wurde uns genommen, von den Arbeitern selbst. Es wurde uns von ihnen in der Zeit der Pogrome schlechter Dank. Da sah ich, daß die Grenzscheide die Nation ist. Für unser armes Volk arbeiten und kämpfen und kein Fußbreit weichen, wenn es um seine Ehre und seine Interessen geht. Ich hätte in Kiew auf die Universität kommen können. Sie verlangten nach dem Taufscheine. Und Freunde sagten: „Du hältst ja doch nichts, was liegt daran?" Ich rMf fsskki «LMMkin? gegen Die nationale Cyre. llnD wer mich als Irwin bedroht, erhält die Antwort mit der Faust oder mit dem Revolver. Aber im Einzelnen spielt bei mir Religion keine Rolle. Das versteht Ihr nicht. . Nein, das verstanden die litauischen Mädchen in ihrer schlichten Denkart wirklich nicht, und sie fühlten, sie würden es nie verstehen. Ob man die Taufe in Kiew nahm oder die Hand einem nichtjüdischen Mann zum Ehebunde reicht, wo lag da der Unterschied? Milka machte noch einen vergeblichen. Versuch, es zu erklären:' „Taufe ist Verrat an der Nation. Als Weib eines Mannes in hoher Stellung, der dieses Opfer nicht verlangt, kann man eine gute Nationaljüdin sein und bleiben." Weder Reisele noch Feige waren genug geschult und erfahren, um Antwort zu geben. Indes, wenn auch Reisele all dies kaum verstand und ihr die Worte noch weniger zu Herzen sprachen, so verfehlten sie doch ihre Wirkung auf sie nicht, sie kamen einem Gefühle in einer Geheimecke ihres Herzens sehr entgegen. Zwischen Klaus und Werkstätte großgezogen, ohne tiefere Kenntnis der Lehren der Religion und ohne Kenntnis von den großen Fragen der Zeit ins f? Hineingesioßen, rvar sie in ihrer unklaren Lage, Da alles wie aus fernen Welten auf sie einstürzte, nicht unempfänglich für solche neue Offenbarungen. Sie kam, da sie in einer schlaflosen Nacht darüber nachdachte, mit sich nicht ins Reine. Ihr Entschluß wurde dadurch nicht leichter. Und am Morgen fuhr das Schiff in den Hafen von Alexandrien ein. Avdul el Becher geleitete die Mädchen, als hätte er die Antwort auf seine Werbung schon erhalten, still und galant die Hafentreppe hinunter, wo ein guter Wagen mit Dienern ihrer harrte. Der Weg ging gleich weiter nach Kairo. XV. Auf dem Hügel dicht an der Außenmauer der arabischen Altstadt erhob sich der moscheeartige weiße Kuppelbau mit den vielen Balkonen und Estraden, die von der einen Seite Ausblick auf den Nil und seine grünen Ufer boten, von der anderen Seite den Blick nach dem belebten Rumele-Platz, führten, wo sich die Karawanen zur Mekkafahrt sammelten. Umgeben war das schöne Haus rundherum von weiten Gärten,