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Der Israelit · 1926-07-15 · Heft 29 (15.7.1926) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 29 (15.7.1926)
Date
1926-07-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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feuilleton Beilage Der Israelit Die Perle von Aegypten. Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). XIII. Wochen und Monate. fuhren sie durch das endlose Wasser, von Meer zu Meer, die sich in nichts voneinander unterschieden. Ueberall das gleiche silbergraue Wasser, von Sonne vergoldet ober non (Stürmen gepeiijcä^t unb mild Bemeejtllnö die Himmelskuppel mar mie aus Wasser, je nachdem, grau oder goldfarben. Immer und immer liefen Himmel und Wasser in der Endlosigkeit zusammen, als wäre eine große Flut über die Welt gekommen, die weit und breit, oben und unten alles in Wasser verwandelte. Zuweilen hielten sie längere Zeit in einem Hafen und gingen für mehrere Tage, ja sogar für Wochen an Land. Dann riefen wieder Sirenen und sie waren wieder auf dem Schiff, das durch die Fluten dampfte. Sie hörten Namen von Meeren und Ländern, Häfen und Städten, Strömen und Inseln. Was lag daran? „Falklandstrom" oder „Brasilstrom", oder sonst ein fremdes Wort, es sah alles gleich aus. Dann sprachen die Matrosen von „Benguella" mit dem Ausblick auf die afrikanische Küste. Als die Mädchen einmal fragten, ob auch Nerv-Jork in der Nähe sei, lachten die Seeleute genau wie damals Pitt auf dem Wege nach Brasilien und fragten, ob sie nicht wüßten, daß New-Jork im nördlichsten Nordamerika liege, während sie jetzt mit dem Schiff sich bei Gibraltar befänden, nächst der Nordküste von Afrika? Die Entfernungen und fremden Namen hatten chre Schrecken, aber auch ihren Glanz für die Mädchen verloren. Ueberall war Erde, aus der jcljöne und i^ä^ftc^e Sp^Iangen^. ^"te unb gt^itge Früchte trieben, überall Wasser, aus dem schauere liche und friedliche Ungeheuer die Köpfe streckten, Menschen, die Gutes und Schlechtes im Sinne hatten, Menschen die Vertrauen einflößten und solche, die mit Abscheu erfüllten, überall gab es Sonne und Regen, blauen, heiteren oder bleitrüben Himmel, wie man es gerade antraf. Eine eigentümliche Wandlung ging im Herzen der Mädchen und insbesondere Reiseles während dieser langen Seefahrt vor sich. Der Herr und Beschützer hätte sich, je länger die Fahrt dauerte, immer mehr als solcher bewährt. Ohne etwas zu verlangen, mit echtem Takt und unendlicher Zuvorkommenheit war er für das Wohl der Mädchen besorgt und treu darauf bedacht, daß ihnen nichts mangele, aber daß auch kein unschönes Wort, kein unreiner Blick von seiten der Mannschaft sie verletze oder ängstige. Er nahm sein Wort ernst und stellte ihnen schon im ersten Hafen außerhalb Argentiniens anheim, ihn und das Schiff zu verlassen, und er wiederholte das Anerbieten an jedem neuen Ruhepunkte, ohne zu verheimlichen, mie sehr ihm am Herzen läge. Wfj flf \ l! f % f n 7 7 7 Mädchen und blieben. Cs hatte ja keine Eile. . . . Bei dieser Behandlung . . . Reisele ertappte sich im Stillen zu ihrem eigenen Entsetzen bei einem Gefühle, das mindestens aus tiefer Achtung — wenn nicht noch etwas anderem — vor dem Manne bestand, dessen Wort auf dem Schiffe Befehl war. Und eines Tages wurde auch der Schleier über dem Geheimnis feiner Persönlichkeit wie vom zarten Winde, der von der See über das Deck streichelte, gelüftet. Sie saßen oben, Reisele und e r, wie so oft, in ihren Korbsesseln und sprachen von vielen Dingen. Und wie immer, boten die vielen Dinge keinen Uebergang zu dem Eigentlichen und Letzten, das das Herz des Mädchens in unbestimmter Angst bewegte. Was war denn des langen Märchens Sinn? Was würde folgen, wenn dieses Traumleben zu Ende und das Erwachen kommt? Wie weit war doch der Weg von der einfachen Schneiderhütte im Städtchen, wo die Frösche quakten und die Flößer Harmonika spielten, bis zu dieser Fahrt auf fernen Meeren? All dieses schien in einem früheren Leben zu liegen. Was dazwischen lag, war so dunkel und unverständlich wie das endlose All aus Wasser und Himmel, das sich hier ohne Zweck und Ende ausdehnte. Warum fiel ihr gerade jetzt die Melodie ein, die der Vater beim Nähen immer so gerne sang, vie Melobie des neuen Chasan zum Empfang des Sabbat: „Erwache, erwache, denn es kam dein Licht, auf und leuchte. Erwache, erwache! ..." So sehr war sie in ihre eigenen Gedanken versunken, daß sie kaum Ohr hatte für seine Worte. Sie sprachen, da die Sonne rund und feuerrot vor dem Untergange in den Wellen badete, von alltäglichen Dingen. Er erzählte von Kämpfen, von Mannestaten, von Siegesruhm und dem Vaterlandsdienste. Sie wußte wenig gegenzubieten. Ihre Vergangenheit war klein und düster, und es war schon alles so weit her. Welten und Meere lagen dazwischen. Plötzlich sprudelte es aus ihr heraus, ganz ohne Uebergang: „Wohin führt eigentlich unser Weg?" „Nach Aegypten ruft mich die Pflicht", war seine Antwort. Aegypten! Was war das für ein Wort von eigentümlichem Klange. Groß und glitzernd wuchs aus der düsteren litauischen Kleinstadtvergangenheit' dieses Wort heraus. Aegypten! Wann hatte sie zuerst dieses Wort gehört, und was bedeutete es ihr damals? Das Städtchen in all seiner trauten Armseligkeit lebte vor ihrem Geiste auf. Dann kamen die „Amerikaner", mit denen ihre Geschichte, ihr Erlebnis. ihre Weltfahrt begann, deren Zweck und Ziel ihi"tzis heute USÄ nicht bekannt kMi«. Dsn „ägyptischen Perlen^ sprachen damals Me Menschen in glühender Bewunderung und sie träumte davon. Und einer sprach verächtlich von diesen Perlen, warnte davor, wie vor Steinen, an denen Menschentränen haften. Benze, der Geselle. Wie sie solange an diesen Jugendfreund gar nicht mehr gedacht hatte! Aber nun stand die ganze Geschichte ihrer Auswanderung lebendig vor ihren Augen, und sie mußte Klarheit haben Es ging wieder nicht nach New-Iork zu ihrem Bruder und dem Jugendfreunde. Soviel stand wieder fest. Also wohin denn? Wer war der Mann, der groß und mächtig wie eine Säule vor ihr saß, an die man sich lehnte, vor der man aber doch immer befürchten mußte, daß sie über einen Zusammenstürze? Was wollten die Menschen von ihr? Wohin führten sie sie? Als hätte er all ihre Gedanken durchschaut, ihnen gefolgt und sie in sich ausgenommen, sagte er ruhig mit seiner wohllautenden Stimme: „Habe ich Dein Vertrauen noch nicht genug gerechtfertigt, daß Du so traurig in den Abend vmr .3«. B&rfiaußrT, rang bas Mädchen nach Ausdruck für die auf sie einstürmenden Gedanken und Gefühle. „Es ist alles so dunkel, so unvertändlich, daß wenn ich zurück- und hinausschaue ünd in mich selbst sehe, alles nur grau ist, Wasser, Wolke. Wo ist das Ziel, wo ist das Ufer? Wo liegt der Sinn und der Zweck des Ganzen?" Wie ein guter besorgter Arzt griff der Mann nach des Mädchens Hand. „Wir sind aus der argentinischen Zone längst heraus, und so kann ich eigentlich ohne Bedenken sprechen, nachdem Dich das Geheimnis so quält. Es ist vielleicht nicht schön, daß ich mich noch nicht einmal richtig mit meinem Namen vorgestellt habe. Ich heiße Abdul el Becher, stamme aus fürstlichem Hause in Marokko und habe die Welt gesehen, war in Paris, wo ich mich für den Staatsdienst vorbereitete, war jetzt in Staatsgeschäften in Südamerika und habe mein Palais in Kairo, wo ich ständigen Sitz habe und als Prinz von Marokko gut eingeführt bin. Genügt das fürs erste?" Er sprach all das mit der schlichten Einfachheit eines Mannes, dem Ehren und Aemter nicht mehr bedeuten, als jedem Handwerker sein täglich auszuübendes Handwerk. In welcher Beziehung standen aber Rang und Stand und Reiseziel des Prinzen zu ihr, zu der Schneiderstochter Reisele? Was wollte er von iP, Um Prinzessin m&v imä VÜN Stäätsgeschüsten nichts wußte? Ihren stummen Fragen kam Abdul el Becher entgegen. „Ich gehöre zur alten Garde des alten Marokko, denen die mohammedanische Religion in ihren letzteren Bräuchen heilig ist. Diese gibt uns das Recht, zu unsren Frauen noch eine F r a u zu nehmen, auch zu erkaufen." Reisele fuhr zusammen, als wäre sie an den Punkt gelangt, wo sich der Knoten zu lösen begann, als wäre das straff gezogene Rad in wilden Rücklauf geraten. Sie bebte am ganzen Körper und fand kein Wort. In ihren Augen perlten Tränen. „Verkauft!" All ihre Sinne, Aengste, Sorgen, jagenden Gedanken, wechselnden Empfindungen, inneren Kämpfe und Erwartungsleiden von vielen Monaten preßten sich nun in das eine Wort. „Verkauft!" Es kam kein befreiender Schrei über ihre Lippen, es preßte ihr das Wort das Herz ab, würgte in ihrer Kehle. Sie erhob sich rasch, wollte zu den Freundinnen, ihnen mit diesem einen Worte den ganzen Abgrund zeigen, der sich ihr aufgetan. Der Prinz drückte sie sanft in ihren Sitz zul'ülk. Seine Augen sahen so gütig Wie Die Sterne, Me eben am Horizonte aufölitzten. Es konnte nichts Unreines, nichts Böses aus dieser Quelle kommen. „Verkauft!" wiederholte er, „das mag sein. Aber nicht gekauft. Mindestens nicht von einem, der auf seinem Herrenrechte und auf seinem Scheine besteht. Ich werbe um den Besitz des Kaufes und wird er mir nicht, dann mag der Kaufpreis umsonst geleistet sein." Klarheit, Klarheit um jeden Preis wollte nun das vielgeplagte Mädchen, und so stammelnd der Ruf aus ihrem Herzen drang, e r verstand ihn doch und er wollte ihm Nachkommen. Wie einfach war das alles, was er ihr nun zu erzählen hatte. Er hatte sie im Hafen von Marseille gesehen, mit denAugen desMannes, die nach dem Weibe sehen. Er war Marokkaner und Prinz und konnte es sich leisten. Auf dem Schiffe suchte er sie und sah nach ihr. Er trat mit dem Manne in Verbindung, der sich als ihr Begleiter, ihr Beschützer, ihr Onkel ausgab und das Geschäft war bald abgeschlossen, nach islamitischem Reli- Mr NEMMMlN Tk88tMsktz gulttg mb rechtskräftig. 5h bm amerikanischen Gewässern und im Bereiche der argentinischen Gesetze durfte er nicht davon sprechen. Er wurde ihr als Polizeioberst oder ähnliches ausgegeben. Er konnte sich Zeit lassen, um im Lande, wo ihm )ie Gesetze zur Seite standen, sein Kaufrecht geltend zu machen. Da kam die Sache in Buenos Aires mit der Verhaftung des sauberen Mister Heymson, und in dessen Sündenregister stand auch ein Fall. Er hatte nicht geahnt, daß er es mit einem Gauner und Mädchenhändler zu tun hatte, war vielmehr im Glauben, Heymson sei der Ver-

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