Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1926)
- Date
- 1926-07-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450388-2450416--73284-2530685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 2 Vit. 28 Wochenrundschau. Die amerikanische Unabhängigkeitsfeier. Das frohe und stolze Gedenken, in dem das Volk der Vereinigten Staaten von Nordamerika die Wiederkehr des 150Len Geburtstages seiner selbständigen Staatlichkeit am 4. Juli beging, hat in den Herzen der ganzen Judenheit auf dem weiten Erdenrunde ein warmes Echo gesunden. Sind es ja Millionen jüdischer Söhne und Töchter, die im letzten halben Jahrhundert, aus Heimat und Vaterland verjagt, drüben an den gastlichen Gestaden der neuen Welt ihre Heimstätte neu erbauen und nicht nur in individueller Freiheit, im sicheren Genüsse von Leben und Eigentum, ihre Hütte bauen und ihr Familienleben entfalten, sondern auch ein blühendes jüdisches Gemeinschaftsleben auferbauen durften, das seinen Segen in die jüdische Gesamtheit hineinstrahlt. Nur unter der Sonne der amerikanischen Freiheit konnte ein solches Gemeinschaftsleben von gewaltigem seelischem Reichtum erblühen. Freilich war diese Sonne, wie überall und immer in der jüdischen Geschichte, auch eine ernste Prüfung für die aus aller religiösen Bindung herausgerissenen und aus dem Erdreich langer Ghetto-Jahrhunderte plötzlich entwurzelten jüdischen Immigranten aus dem Osten, üiber ein verhältnismäßig großer Teil hat di? Prüfung b?st«nd?ni und mancher Sohn und mancher Enkel der vom ersten Lichte westlicher Zivilisation geblendeten Neu-Amerikaner wird den Weg zur Wahrheit zurückfinden, wenn die thoratreue Judenheit der Welt ihre Pflicht weiter tut. Die geistige Atmosphäre Amerikas ist dem religiösen Leben keineswegs ungünstig, es steckt im Kern des amerikanischen Volkes noch etwas vom Wesen des Puritanismus, und die Ehrfurcht vor dem biblischen Worte, wie es Israel durch die Zeiten getragen, lebt auch dem neuen Geschlechte Amerikas noch im Blute. Auch in diesem Sinne darf das jüdische Volk den Gedenktag der amerikanischen Staatsgründung frohen und dankbaren Herzens mitfeiern. Der Jüdische Reichsverband. Am 18. Juli soll in München die vom Bayrischen Verband ausgearbeitete Satzung für ZU »VVÜ1 fllö» Aus der dieswö chentli chen Hastara. Ein Gleichnis vom Dubner Maggid. Nacherzählt von Dr. Iekir Kanter, Arvittau (Mähren). Der Prophet fragt in der Haftara dieses Wochenabschnittes ganz erstaunt: »Hat denn jemals ein anderes Volk seinen Gott vertauscht?" Diese Frage, meint der Dubner Maggid frn xjana 3j?sp ist eigentlich schwer verständlich. Der Prophet Jeremias lebte doch in der Blütezeit des Heidentums und hatte doch offenbar die heidnischen Völker im Auge, bei denen das Vertauschen der Götter und Gottheiten, wie man weiß, nichts Seltenes war. Es gab Völker, die zuerst Tiere anbeteten und dann die Naturkräste als Gottheiten verehrten und auch umgekehrt. Selten ist ein heidnisches Volk bei einer Gottheit geblieben und selten war die Gottheit, die heidnische Völker ursprünglich verehrten, die ein« zige geblieben. Es haben demnach heidnische Völker tatsächlich ihre Götter häufig vertauscht und gewechselt. Warum also die erstaunte Frage des Propheten: „Hat denn jemals ein anderes Volk feinen Gott vertauscht?" DerZsraetrt Iden zu gründenden „Jüdischen Reichsverband" — das ist der neu gewählte korrektere Name — nochmals überprüft und alsdann die Anmeldung der einzelnen Landesverbände auf Grund dieser Satzung entgegengenornrnen inerten. Leider müssen wir seststellen, daß der veröffentlichte Satzungsentwurf. keiner einzigen der Bedingungen Erfüllung verheißt, unter denen wir im Januar und Mai an dieser Stelle eine Mitwirkung der selbständig organisierten gesetzestreuen Judenheit an dem Reichsverband in Aussicht stellen konnten. Der Verband soll der „Pflege des Gesamtbewußtseins", nicht bloß der gemeinsamen Interessen der deutschen Juden dienen; da er nach 8 7 eine Religionsgesellschaft im Sinne der deutschen Reichsverfassung zu werden den Ehrgeiz hat, so setzt er ein religiöses Gesamtbewußtsein der deutschen Juden voraus und will zu dessen Pflege die Landesverbände und Gemeinden, Reformgemeinde wie orthodoxe, zusammenschließen. Er will gemeinsame Einrichtungen — laut Anhang z. B. solche zur Heranbildung von RabbinernundLehrern — schaffen und fördern, geht also völlig bewußt über die. schweren Gewissensbedenken der Orthodoxie gegen eine solche Ignorierung der religiösen Gegensätze hinweg. Nicht einmal für rein äußerliche Wahrung des Religionsgesetzes bei solchen gemeinsamen Einrichtungen wird statutarische Gewähr geboten; ja, wir haben Grund zu der Annahme, daß die liberalen Mitwirkenden, soweit sie nicht bayrisch erzogen sind, eine solche Garantie ablehnen würden. Aus alle hm gcht fym&v, muh & gerne sehen würde, wenn der Halber st ädler Neichsverband sowohl wie der Halberstädter Preußische Landesverband sich in das Gefüge dieser quasi-religiösen Gesamtorganisation einordnete, daß man es aber verschmäht, diesem unbestimmten Sehnen irgendwelche praktische Zugeständnisse an die Weltanschauung der Orthodoxie abzuringen. Hiernach ist, was wir aufrichtig bedauern, auch in diesem Falle wiederum die Gelegenheit versäumt worden, irgend ein Instrument gemeinsamer Interessenvertretung nach außen, das bei größerer Toleranz und Selbstbescheidung denkbar gewesen wäre, herzlstellen. Uns bleibt nur die Chronistenpflicht, die Tatsache für den späteren Geschichtsschreiber des deutschen Judentums zu registrieren, und das größere Maß der Verantwortung denjenigen gesetzestreuen Kreisen zuzuschreiben, denen die stammestümliche Einheit zwischen Neologie und Orthodoxie mehr am Herzen liegt, als die überlieferte Einheit der In der Tat, meint der Dubner. 'ist diese Fraae nicht als Frage aufzufaffen. Was unter dem obigen Ausruf des Propheten zu verstehen ist. geht aus folgender Erzählung hervor. In einer kleinen, entlegenen Stadt in Polen lebte einst e n sebr frömmer und sebr reicher Mann, der in vielen großen Städten des Auslandes Niederlassungen besatz. die von langsährigen Angestellten «mstMch MM mnm. DWs mAMM HM eine einzige Tochter, die er an einen sehr frommen und talmudisch sehr gebildeten und hervorragenden jungen Mann verheiratete. Aber wie groß seine Kenntnisse aus talmudischem Gebiete waren, so gering und unbedeutend waren seine Kenntnisse in weltlichen Dingen namentlich aber aus kaufmännischem Gebiete. Der Schwiegervater wollte ihm trotzdem einige kaufmännische Kenntnisse beibringen und schickte ihn eines Tages zur Messe nach Leipzig, um dort für ihn Einkäufe zu besorgen. Er gab ihm einen großen Beutel neugeprägter Golddukaten mit auf die Reise und sprach zu ihm: »Kaufe für dieses Geld alles, was deinen Beifall findet. Du wirst zwar anfangs keinen finanziellen Erfolg erzielen und es ist sogar mit Bestimmtheit zu erwarten, daß du beim ersten Geschäft Verluste erleidest. Aber darüber mutz ich mich schon hinwegsetzen: jedenfalls mutz einmal der Anfang gemacht werden. Im Laufe der Zeit wirst du schon mehr Routine erlangen und bessere Erfolge erzielen." Aus der Fahrt nach Leipzig sah er, wie der Kutscher, der seinen Wagen lenkte, seine erloschene Pfeife mittelst eines Steines, auf den er mit einem Eisen schlug, wieder in Brand setzte. Dieser Stein, erklärte ihm aus Befragen der Kutscher, wird Feuerstein genannt, der die Eigenschaft besitze, aus leichte Art Funken zu erzeugen. Er erklärte ihm auch die 8. Iulr 192o durch die gemeinsame Anerkennüng und Erfüllung des Thoragesetzes zueinander Gehörigen. Waffidtschk ftoionifation. Seit etwa zwei Jahren konnte die Zionistische Organisation mit sichtlicher Genugtuung auf die Tatsache Hinweisen, daß mit Hilfe ihrer Fonds zwei echt chassidische Siedlungen im Emek Jesreel erstanden seien, die durch ihre bloße Existenz die Unparteilichkeit der Zionistischen Organisation gegenüber allen religiösen Schattierungen innerhalb der Judenheit erwiesen. Der Gründer der einen dieser beiden Siedlungen, der sogenannte „Jabloner Rebbe" — ein junger Mann, der zwar aus „rebbifchem" Hause stammte, aber niemals als Rebbe bekannt war — wurde sogar zum exotischen Schaustück des Zionistenkongresses erhöht; Persönlichkeiten seines Schlages konnten vorzüglich dazu benutzt werden, um die von „Agudas Jisroel" energisch bestrittene Legitimation der Zionisten zur Vertretung des thoratreuen jüdischen Volkes vor den Mächten und dem Völkerbund zu stützen. Wir haben diese chassidische Kolonisation unter zionistischer Oberleitung von Anfang an tief, beklagt; nicht wegen ihrer politischen Ausmünzung, sondern weil aus dieser gänzlich unchassidischen Unterordnung jüdischen Gemeinschaftslebens auf heiligem Boden unter die finanzielle und administrative Autorität des Zionismus, der doch für neunundneunzig Prozent aller Chaffidim ein «nein rw'nn war und ist, ein ungeheurer moralischer Schaden entstehen mußte. Jetzt scheint nun. nach Aeußerungen her HUMt^tr^^en s^lr'e^s ^elber^ %as (3sg-.per Imeni $>ev HasMsch-zwmstischen Kolonisation sich als wirtschaftlicher Fehlschlag erwiesen zu haben, wozu der finanzielle Zusammenbruch in Polen ebensosehr beigetragen zu haben scheint, wie die in der Sache und in den Menschen liegenden Schwierigkeiten. Das ist nun wiederum höchst bedauerlich,, nicht nur wegen des Verlustes an Kapital und Aufbauwillen, sondern auch aus religiösen Gründen. Denn die Folge wird sein, daß auch die bisherige formelle Autonomie der Siedlungen verloren geht, daß sie gänzlich in die Gewalt der zionistischen Organe geraten und damit vorläufig als Verlustposten für das gesetzestreue Judentum in Erez Jisroel zu buchen sind. Wir teilen in keiner Weise die Ansicht der AJPB.-Berichte, die anzunehmen scheinen, daß die zionistische Leitung die „Chassidim" schlechter behandeln wolle als die Chalüzim — im Gegenteil, dem Zionismus wären chassidische Schaustücke Mechanik seiner Pfeife, die er sich selbst konstruierte und wies mit Stolz auf jenen Bestandteil hin, den man Mundstück nennt und den er sico selbst aus den Knochen von Federvieh verfertigte. Nun dackte der weltfremde, unerfahrene angehende Jünger Merkurs, ausschließlich diese zwei Artikel aus der Leipziger Messe zu forcieren: Feuersteine und Geslüge1llno<E>on, Es gelang ihrn tetsöiHlieh sine gretzs Elleü^s dieser:, rvie er gangbaren 38crce gu erstehen und er trat mit dieser Beute den Rückweg zu seinem Schwiegervater an. Dieser war nicht wenig erstaunt und entsetzt über die sonderbaren Einkäufe. die sein Schwiegersohn um teueres Geld machte, und sparte auch nicht mit seinen Vorstellungen und Vorwürfen. Nun galt es, die Waren, für die fick naturgemäß kein Käufer fand, unter allen Umständen an den Mann zu bringen, sie um jeden Preis loszuwerden. Er schrieb an seinen langjährigen Vertreter, einen tüchtigen, erfahrenen Kaufmann in Berlin, die Feuersteine unter allen Umständen abzusetzen; dasselbeschrieb er auch an seinen Vertreter in Hamburg, er möge sich bemühen, die Hühnerknochen an den Mann zu bringen. Beide begaben sich, mit ihrer sonderbaren Ware nach Leipzig zur Messe und beide mutzten die traurige Erfahrung machen, trotz aller Mühe keinen Kauflustigen zu finden. Da entschloß sich der Berliner Vertreter, noch den letzten Versuch zu wagen. Er begab sich zu dem Vertreter aus Hamburg, den er nicht kannte und von dem er nicht wußte, in wessen Dienste er stand, und machte ihm den Vorschlag, ein Tauschgeschäft mit ihm einzügehen: Er werde das Quantum Knochen gegen ein entsprechendes Quantum Feuersteine in Tausch aufzunehmen. Knochen, so kalkulierte er, repräsentieren vielleicht einen höheren Wert als gewöhnliche Feuersteine; der Vertreter aus