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Der Israelit · 1926-06-24 · Heft 26 (24.6.1926) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 26 (24.6.1926)
Date
1926-06-24
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Der Israelit ßr.26 1926 Die Perle von Aegypken. Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Izchaki. (Fortsetzung). Eine tiefe Sehnsucht nach der Schneiderstube mit ihrer Enge, der Wehmut und dem Dunkel der Umgebung kroch plötzlich aus irgend einer versteckten Ecke ihrer Seele hervor, Sehnsucht nach den schwülen Sommernächten mit dem Quaken der Frösche und den Flößerliedern, nach den kichernden und klatschenden Nähmädchen Zippes. Sie hätte jetzt dort sein mögen, all dieses übersehen und überhören und nur Benze, den Gesellen, der, alles wußte, fragen: , , , 1 „Wäs ist das mit dem Mittelmeere, der Küste, dem Suezkanal, mit Aegypten?" Ja richtig, Aegypten! Das Land der Perlen und der Tränen. Dahin sollte sie, und wußte nicht warum! Vor ihrer Seele lebte die schlanke Amerikanerin mit den ägyptischen Perlen an Brust und Ohren auf. Wo war sie eigentlich, sie hatte sie auch auf dem Schiffe nicht gesehen, sie war ihr ganz aus Augen und Sinn gekommen? Wie sie in ihr Zimmer hinunterkam, dunkelte es bereits. Der Koffer stand fertig gepackt da. Lucie, das Zimmermädchen, hatte einen großen Blumenstrauß zum Abschied auf den Tisch gestellt. In einem befreienden Gefühle des Losgelöstseins bah D«m Bszichungsn zu Dan Dingan Dior warf sich Reifete auf den Diwan, rang nach Sammlung, nach Ueberlegung, nach klarem Ueberfchauen der Lage. Da klopfte es hart und ungestüm. War es schon das Auto? Lucie verhandelte draußen, mit jemand, aufgeregte Stimmen überschrieen das Hausmädchen. Reisele öffnete die Türe, und schon lagen ihr Feige und Milka um den Hals. Lucie machte noch einen schwachen Versuch, trennend zwischen die Mädchen zu treten. Dann aber erinnerte sie sich, die Vergeblichkeit ihres Bemühens einsehend, daß sie eigentlich ihre Wachmission erfüllt und beendet, den Lohn von dem „Fürsten", wie sie den braunen Herrn nannte, erhalten hatte und nunmehr gar keinen Anlaß mehr hätte, weitere Wachdienste zu tun. Sie sah den Posten als aufgehoben an. Milka schloß die Türe hinter sich. Sie, wie Feige, sahen abgehärmt aus. Sie schauten Reisele an, wohl verwundert über ihr gutes, wohlgepflegtes Aussehen. „O, daß Ihr endlich gekommen seid!" stieß Reisele wie einen Vorwurf hervor. „Bald wäre es zu spät gewesen." Reisele öffnete noch einmal die Koffer, holte die schönsten eingepackten Früchte heraus und ließ Tee kommen. Die Mädchen ließen sich nicht lange bitten, aßen und tranken fast gierig, und langsam öffneten sich i h r e Herzen und sie fingen an zu reden. Die ganze erlittene Pein lebte und flammte in dstt Msdchsn auf, da sis von Dan Crlabniston der letzten Monate erzählten. Mllkcrs Augen loderten und ihre Hände ballten sich, da sie ihren Kampf schilderte. Mit dem Revolver gegen die Kosaken kämpfen, war ein Kinderspiel gegen den monatelangen Kampf gegen eine auf der Lauer liegende grinsende Bestie. Was bedeuteten die Stunden im Keller in jener ukrainischen Pogromnacht gegen die endlosen Tage und Nächte, da man im Ringen gegen Liebe und Haß sich seiner Ehre zu erwehren hatte? Auf geheimen Wegen, mit Hilfe gekaufter Matrosen waren sie, wie sie bei der Landung von Reisele getrennt wurden, in ein Haus geführt worden, in dem es bei schäbiger Eleganz nach Parfüm und Wein roch. Lady Heymson, die während der ganzen Fahrt nicht zu blicken war und nun wieder auftauchte, stellte sie in einem eleganien <Sctfon ctrtev torpufettictt ®ame ttt »Otnchmcm Schwarz vor, und wwvW!hn?n gesagt, daß sie hier eine angenehme Pension fänden, wie viele andere, die sich im Hause aushielten. Alles war sehr vertrauenerweckend und die ältere Hausdame von süßester Liebenswürdigkeit. Man schickte sie zur Ruhe und wies ihnen zwei verschiedene schöne, fast elegant ausgestattete Zimmer an. Aber sie blieben in schweren Ahnungen die Nacht beisammen, den Sinn und Zweck ihres Hierseins suchend. Die wüsten Geräusche, die von unten heraufkamen, Tanz, Gesang, Zank und grelles Lachen, ließen ohnehin nicht an Schlaf denken. Am Morgen saßen sie mit schwerem Kopfe und horchten auf die öde, dumpfe Stille, die unten wie nach geschlagener Schlacht herrschte. Als sie am Nachmittag in den Salon gerufen wurden, .stand ihre Ahnung,, die das Herz nicht an deck Muttd zu geben wagte, als erschütternde Tatsache da. Die Tragik begann und mit ihr der Kampf. Feige, das Mädchen aus der litauischen Provinz, hatte bei der Zumutung mit beiden Händen die Augen geschlossen und war in leises Zucken verfallen, ein Weinen nach innen,, das den ganzen Körper wie im Krampfe schüttelte. Milka aber gewann ihre Kraft, den Kampfwillen von dazumal und schrie auch so wie damals im Kampfe mit dem Kosaken, daß die Dame pustend in den Sessel niedersank. „Wenn Ihr schreit", hatte nachher die Dame gasagi, UND sie sah DaDei gar MHl mehr lieh UND mütterlich aus, „dann kommt die Polizei, und dis Opfer seid Ihr, werdet als vagabundierende Mädchen ohne Geld und Papiere festgenommen, durch Gefängnisse gezerrt und dann irgendwohin abgeschoben." „Die Polizei, immer die Polizei, hieß das Gespenst, mit dem man uns die Seele aus der Brust schreckte." Reisele schüttelte mit dem Kopfe. Sie kannte es. Dann erzählte Milka weiter, wie Madame Hempel eine große Rechnung präsentierte. Alles, die Reise, die Ausstaffierung sei auf ihre Kosten gegangen. Nicht einen Faden wollte sie herausgeben von ihren Sachen, wenn sie gingen. Zudem hätten sie Verpflichtungen unterschrieben und sie würde die Gerichte anrufen. Was hatten sie nicht alles unterschrieben bei Erledigung ihrer Grenz- und Schiffspapiere? Tatsächlich hielt ihnen Madame Hempel Scheine mit Unterschrift der Mädchen vor Augen. Sogar tätlich wurde sie gegen die Mädchen. Als aber dieses nicht fruchtete und Milka sich immer tapferer zur Wehr setzte, kamen sie doch wieder hinauf, wurden sogar in einen ruhigeren Nebenraum überführt, wo sie zunächst ungestört und unbelästigt blieben. Man versuchte es nun mit Abwarten und gütlichem Zureden. Madame Hempel hatte Erfahrung. Milka und Feige erzählten abwechselnd weiter, erstere lebhaft, heftig, unwirsch, als explodierte alles angesammelte Pulver auf einmal. Feige sprach ruhig, argaban uuD immer noch varschlM ieri, «ls könnte jeden Augenblick Di«* Türe oUsgehen und die Pein von neuem beginnen. Eine peinvolle Zeit ohne Ende hatte für sie begonnen, jeder Tag brachte neue Versuchungen, neue Einschüchterungen, neue Anstürme auf die Seele schutzloser Mädchen. Man versuchte es abwechselnd mit Güte und Strenge, mit Drohungen und Versprechungen, sogar mit Nahrungsentziehung. Jeder neue Ansturm Madame Hempels stieß auf eine neue Abwehrfront bei den Mädchen und jede ihrer Abwehrtaten führte zu neuen Repressalien. Milka wehrte sich mit den Fäusten, schlug um sich und wurde geschlagen. Feige blieb in der Defensive, aber beharrlich wie Granit, an dem alle Geschosse abprallten. So ging es Tag für Tag in unsäglicher steigender Not, im steten Ringen, mit der einzigen Waffe, die die Reinheit dsrn Msnschsn gibt gegen Gsroalt und Gernein- Schott rooille ÜUltiÜa, Da Dte fla<je itttststkAAlich wurde, ihre Not in die Gasten hinausschreien, daß sie es alle hörten, auch die Polizei. Mochte sie kommen und sie aus dieser Höllenpein befreien. Und ginge es auch in neues Elend. — Da kam die Entscheidung! Reisele horchte gespannt, ganz mit dem Schicksale der Freundinnen verwoben. „Heute morgen", erzählte Milka, „stürzte Heymson, den wir lange nicht mehr gesehen hatten, in unser Zimmer. Ich hatte darauf gebrannt, ihn mit den Fäusten zu empfangen, ihm mit spitzen Nägeln die Augen auszukratzen. Aber sein bestürztes Gesicht entwaffnete uns für eine Weile. So hatten wir ihn noch nie gesehen. Er sagte, ja schrie, wir möchten doch gleich von dannen gehen, g l e i ch, die Polizei sei uns auf der Spur, es gehe um uns, vielleicht auch ein wenig um ihn. Aber hauptsächlich sei er um uns besorgt. Kannst Du Dir Heymson ernst, bestürzt, ohne Lächeln denken? Fast hatten wir Mitleid mit ihm. Wir sollten gleich verschwinden. Wohin? Es sei ihm egal, wenn wir nur gleich aus dem Hause kommen, bevor noch Polizei da sei. Er bot uns auch Geld an, das wir ihm wieder vor die Füße warfen. Offen gesagt, regte sich bei mir der Wunsch, nun da zu bleiben, ihn festzuhalten und der Polizei zu sagen: „Hier der Räuber, der abgefeimte Menschendieb, der Händler mit Menschenehre!" Aber Feige weinte so sehr in der Arrest nor Polizei uttb Gefängnis, vor Abschub. Ich gab nach, sagte aber; „Wir gehen schon, aber nicht eher, als bis wir den Aufenthaltsort von Reisele erfahren haben, wir wollen zu ihr." Er verriet es uns und beschwor uns, auch Dich mit fortzunehmen, Dich auf alle Fälle um Schweigen zu bitten. Du hättest sehen sollen, wie dieser harte Mann mit dem Herzen aus Stein sich in Angst geradezu wand und um Schweigen winselte, immer dabei die Gefahr für uns schildernd. Es ging aber um ihn selbst. So sind wir bei Dir. — Dir Reisele war ein ein besseres Los beschieden, Dein Aussehen zeugt davon.-" „Was jetzt?" fragte Reisele erregt. „Die Geschichte ist noch nicht zu Ende", setzte nun Feige gelassen fort, da Milka müde des Erzählens war. „Wir gingen und hörten noch unten, wie Heymson und Frau Hempel in erregtem Tone abrechneten und heftig aneinander gerieten. Es war aber im Grunde schon zu spät. Vor dem Hause stand die Polizei, Riesen in Uniform und auch kräftige Männer in Zivil. Sie fragten uns etwas und ließen uns passieren. Ich wollte davon eilen, Milka aber zwang mich, mit ihr auf der anderen Straßenseite stehen zu bleiben und unauffällig das Kommende abzuwarten. Es war spannend wie ein Roman. Drinnen die Zänkereien und draußen schon die Polizei! Es dauerte eine geraume Weile. Dann traten die Männer der Polizei aus dem Hause, in ihrer Mitte gefesselt und bleich wie Kreide, Heymson. Auch seine Lady kam hintennach mit Madame Hempel und es war fast spaßig, wie sie höflich von Den Man- Htm m Zivil m mm Wagsn genötigt murDsn. Cs hatten sich viele Menschen vor dem Hause angesammelt. Unter ihnen eine kleine gedrungene Gestalt mit kurzer Pfeife im Munde, der den Leuten unter Lachen und Spucken etwas erzählte. Es war kein anderer als P i t t, der deutsche Matrose von unserem Schiffe. So viel verstanden wir von seiner Rede, daß er sich rühmte, diese ganze Geschichte eingebrockt zu haben, und die Leute schüttelten lachend den Kopf und nannten ihn einen Prahlhans. Daraus wäre schier eine Keilerei entstanden. Pitt sah sich nach Zeugen um, die seine Heldentat bekunden sollten.

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