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Der Israelit · 1926-06-17 · Heft 25 (17.6.1926) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 25 (17.6.1926)
Date
1926-06-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 25 D e r Israelit 17. Iunk1926 zur Post, weil man ihre Ausgänge zu verhindern wußte und ihr sagte, die Post arbeite Hand in Hand mit der Polizei. Reisele hatte bis jetzt zu wenig von der Bosheit der Welt gesehen, um den Mädchen im Hotel, die wohl scharfen Auges, doch allezeit recht nett zu ihr waren und wie alles andere auch ihre Post besorgten, zu mißtrauen. Es war alles dumpf und dunkel und kalt um sie herum und das Getriebe unten so fremd und grell, daß sie fast froh war auf den Abend, der sie aus dieser Stadt des bangen zwecklosen Wartens hinausführte. Aber je mehr sie sich innerlich mit dem Abschied abgesunden, um so deutlicher trat aus der Verborgenheit des Herzens wie ein Gespenst das bange „Wohin" hervor. Mittelmeer, Kleinasien, Suez. Hatte er nicht auch etwas von Aegypten gesagt? _(Fortsetzung folgt.) Preßburger Impressionen. III. Die Preßburger Jeschiwoh. Auf dem Wege von „Preßburg" nach B r a t i s l a w a über „Pvßzony" hat sich in der Geistesstruktur der Stadt wenig geändert. Wenn man die Grenze hinter sich hat, so ist man im alten lieben Preß bürg mit Betonung der Endsilbe — wieder. Es weht jüdische Luft durch die Gassen, nicht allein durch die Juden g a s s e. Ob Preßburg, Poßzony oder Bratislawa, es ist und bleibt die Stadt des „Chafam Sofer", die Stadt der großen „Preßburger Jeschiwoh". Diese ist heute, in der Zeit der Geldknappheit und der wirtschaftlichen Weltkrisis, das Sorgenkind der tschechoslovakischen Judenheit, aus die nach Neuordnung der Dinge all die jüdischen Aufgaben des früheren U n - g a r n gefallen sind. Der Leiter der Jeschiwoh, in vierter Generation auf diesem Thoraposten und den günzen Adel der Ahnenreihe in seinem Gesichte widerspiegelnd, weiß mir in seinem Lernzimmer, wo der Seforimschrank des „Chasam Sofer" mit Inhalt den höchsten Schmuck bildet ein elegisches Lied von den Sorgen und Nöten dieser bedeutendsten aller Jeschiwaus im Südosten Europa zu singen. Litauen und Polen waren von jeher auf das Geldsammeln eingestellt, schickten Sendboten aus, erhielten sich in ihrer Anspruchslosigkeit durch den eigenen und der thoratreuen Massen Idealismus. Preßburg hat Traditionen, aristokratische Bindungen, die Hemmungen angeborener und anerzogener Vornehmheit. „Chasam Sofers" Urenkel kann nicht in die Welt hinaus, um für „Chasam Sofers" Werk Geld zu sammeln. Deutschland, vorab Frankfurt, hatte bis dahin seine Pflicht dem Werke gegenüber, das Frankfurts größter jüdischer Sohn im achtzehnten Jahrhundert in Preßburg errichtet, getan Warum versagt und versiegt jetzt diese Quelle?- Und ich hatte doch eine wohlgesetzte Rede auf den Lippen, lim die Juden in der Tschechoslovakei und den ersten geistigen Führer ihrer bedeutendsten Gemeinde für gewisse brirtgertbe iBebürfttiffe im vörarmtsn 53ßUtfcf)= l«nd 3W mteref Die ksnttts ungshaltsn bleiben. In Preßburg lernen rund zweihundert Bachurim, die zum größten Teile ganz erhalten werden müssen. Die Lehrmethode an dieser Hochschule bringt es mit sich, daß für sie nur ältere reifere Jahrgänge in Betracht kommen, für die. die Bedürfnisse naturgemäß sich steigern. Jüngere Schüler finden ihre geistige Nährstätte in anderen kleineren Städten und Dörfern der Tschechoslovakei, wie in Galanta, Nitra, Hunsdorf u. v. m. Es sind im ganzen gut 800 Jünger, die die kleine Tschechoslovakei, in erster Reihe Preßburg, zu erhalten haben. Der Andrang zu den Jeschiwaus ist heute größer denn je. Der Geldregen sickert spärlich, tropfweise. Was soll geschehen? Hunderte und Tausende sind in den vielen Jahrzehnten aus dieser Pflanzstätte der Thora hervorgegangen, haben an dieser Alma water ihre geistige Nahrung erhalten, sind mit ihrem „Gemorokopf" und ihren hier geweckten Fähigkeiten hinausgegangen und haben auf allen Gebieten des' Lebens sich feste Positionen errichtet. In Amerika und Europa, in allen Weltstädten, auf Lehrstühlen der Akademien und in Häusern, die den Welthandel beherrschen, wirken alte Preßburger. Wo sind sie? Warum kommen sie der alten Mutter, der sie das geistige Leben wie den materiellen Aufstieg verdandanken, in ihrer Not nicht zu Hilfe? Vielleicht bedarf es nur dieser Mahnung, vielleicht bedarf es nur des Hinweises, daß die Preßburger Jeschiwoh, heute noch wie dermaleinst Nervenzentrum des jüdischen Geisteslebens, in tiefer Sorge um ihre Existenz bangt und vorerst es nur dem unsagbaren Idealismus der Jünger und der Leiter dankt, daß sie in ihrer Arbeit nicht gehemmt ist. Wie lange noch? „Wo kein Mehl, da ist keine Thora." Leben erblüht aus Ruinen, geht die Schloßberg st raße hinauf und Man fiet/t bis Spuren des letzten ppp tspm SÜßetten&rartk Ghsttbbrandss. toar es, urt$> auch ljter im Ein Jahr MillSll des!:) Siehe „W jener Impressionen" in Nr. 22 und 23 „Israelit". sind die Wunden noch nicht gänzlich geheilt. Zwischen neu errichteten Häusern zeugen hohe Schutthaufen, zu Bergen gestampft und mit Grün überzogen, von der Feuerkata strophe. Eine schwarze verräucherte Brandmauer und dicht daneben das a l t e H a u s, das die Flammen, wie die Löwen in der Grube Daniel, nur beleckten, aber nicht fraßen, das alte Lehrhaus des Rabbi Meschulem Tusmenitz und seines Nachfolgers Rabbi Mosche Sofer. Keine eingedrückte Mauer, kein Stuhl aus hartem, kaltem Stein, kein fader Kastellan, der, etwa wie in der Raschikapelle zu Worms, gegen ein Trinkgeld Geschichten von großen Männern monoton dahinnäselt, die er nicht kennt. Das Denkmal, das ich in diesem geweihten Raume in der Abendstunde für Rabbi Meschulem und Rabbi Mosche Sofer fand, bestand aus einer großen Anzahl von Menschen, die da saßen und lernten, lernten im Chore. Fast sah ich die Großen leibhaft dabeistehen. Und geht man die alte schmale Steinstiege hinunter, so ist man unten im etwas neueren, hergerichteten Beshamedrasch des K s a w S o f e r. Im Nebenraume sitzt ein Jünglingsverein um den Dozenten geschart und im großen Lehrhause ist der S ch a ß - V e r e i n vollzählig bei ausgeschlagenen Folianten vereinigt, und eine herrliche Gestalt, wie aus der Zeit jener Großen erwacht, sitzt am Tifchknsic imv „lern -M klar «n& tief wie die Donau von den Bergen ins dunkle Meer hinnbflieht, so greifen die Ausführungen zurück zur Ausgangsquelle und leiten sanft hinab bis zur Einmündung in das stille Meer der Halacha. Rabbi David Weseli, das Oberhaupt des Beth Din, nennt man mir mit ungemeiner Ehrfurcht den Namen des greisen Lehrers. Und einige Schritte weiter an der Straßenfront ist die S ch i u r st u b e, ein runder Raum, der viele Hunderte umfaßt, mit einer Tribüne aus geschwungenem Eisengitter in der Mitte. Darauf steht, wenn Schiur oder Verhör" ist, der Rabbi und um ihn herum die zweihun dert Jünger, wohlgerüstet und gewappnet für die Geistes schlacht. Es wird nicht eigentlich gelernt auf der Preßburger Jeschiwoh, sondern auf Grund des Gelernten weiter gebaut. Den Untergrund hat jeder auf eigene Faust oder mit Hilfe eines Reiferen sich zu erbauen. Der Schiur selbst ist eine Erweiterung, eine Vertiefung, eine Bereicherung der Materie, ein Rundbild, innerhalb dessen der Stoff sich in all seinen weiten Ausmaßen bewegt. So wird in Preßburg gelernt, heute noch. Wie ich abends in der Schiurstube bin, wird gebetet Mincho und Maariw begegnen sich an der scharfen Grenzcheide zwischen Tag und Nacht. Die Schiurstube ist gepackt voll, ohne Gedränge, ohne Stauung, es ist Leben und Bewegung in den Massen, ohne Unruhe. Man betet innig bewegt und nicht übertrieben. Auf seinem eingehegten Ehrenplatz steht der Rabbi und die große gelbe Zobelmütze auf dem herrlichen Kopf macht den wallenden Schwarzbart noch dunkler, noch voller, die ganze Gestalt noch ragender und kraftvoller. Diese Schiurtube gibt Preßburg, bei Alt- und Neuschul und der Fülle von Schulen und Schiurvereinen, seine Physiognomie An den Grundmauern. Der Pyramidenbau der Preßburger Jeschiwoh setzt 'ich zusammen aus „Jessode Thauro", Jeschiwoh ktano" und I e s ch i rj o h. Die Jessode Thauro-Schulen in Preßburg gehören mit zum herrlichsten, das ich in den letzten drei Jahrzehnten erlebt habe. Klaffe reiht sich an Klasse, Abteilung crri Stbteitung, irr betten Iringen oom jüngsten Alter bis gur H?schirvvhreife nicht ^Neligion" lernen und auch nicht Gemoro, wohl dosiert in so und soviel Stunden in der Woche eingelöffelt bekommen, sondern hier ist die Thora, die Gemoro, das jüdische Lernen Hauptfach, das den ganzen Tag und den ganzen Sinn des Kindes aussüllt. Profane Disziplinen werden, wie bei uns die jüdischen, nebenher in den Abendstunden gelernt. Und die Erfahrung zeigt, daß die Kinder dabei nicht schlecht fahren. Der Bildungsbeflissenen harrt der schöne saubere Bau der vortrefflich geleiteten orthodoxen Bürgerschule. Andere, die sich ausschließlich dem Talmudstudium widmen wollen, kommen auf die „Jeschiwoh ktanoh", die, eine Präparandie für die große Jeschiwoh, tapfer auf ihr Ziel losarbeitet. Ich habe bis jetzt in Ost und West noch kein jüdisches Schulwesen kennengelernt, das, wie in Preßburg, das Thorastudium, von feinen Urgründen bis zu den höheren Lagen, als das Primäre nimmt und dabei in gegebenem Maße das Auge auch der Welt und dem Wissen zugewendet hält. Ich fand hier Probleme gelöst, die bei uns die besseren Geister und Herzen wohl beschäftigen, aber sich noch nicht an die Oberfläche wagen dürfen, ohne diejenigen zu verletzen, die den Neuesitz an Kulturgütern mit ihrem Leib — und auch mit ihrer Seele — vor Schaden schützen zu müssen glauben. Im Vortragssaale. In Preßburg werden große Vorträge auf eine Zeit gelegt, in der man anderswo, zumal am bürgerlichen Feiertag, sein Mittagsschläfchen hält. Die „Kombination" ist gar nicht schlecht gedacht. . . . Immerhin: um diese Stunde einen Saal von tausend Plätzen zu Men, das mache jemand Preßburg nach! Vor dem Eingang in den Saal zeigt ein wandgroßes, grellfarbiges und schauererregendes Bild einen Mann, der mit zerzausten Haaren und wildblitzenden Augen einen anderen ebenso aufgelösten Menschen mit der Nichts« sn dök Eumel vlllkt und ihm mit der Linien einen Revolver vor Me Nase halt. Wenn das gut ausgoht! Dieses Bild steht aber in keinerlei Beziehung zum Vortrag, sondern wirbt für eine Kinovorstellung, die im Saale zwei Stunden später dem Vortrage folgen soll. Immerhin ein Menetekel, daß man hier über alles sprechen darf, nur nicht über eine Stunde. „Damen haben auf der Galerie Zutritt"! .Aber man sieht sie nicht. Sie sind in ferne Wolkenhöhe entrückt. An zuständiger Stelle wurde verlangt, daß die Galerien verhängt werden. Und die Jugend hatte Humor genug, die Galerien rundherum schwarz zu drapieren, und mit so dicken Stoffen, daß kein Blick, aber auch kein Laut, durchdrang. Zur Nachahmung bestens empfohlen. Unten in der Nähe der Türe wacht das Auge des Gesetzes. Ein Wachmann in schmucker Sonntagsuniform. Wenn ein hebräisches Zitat kommt, wacht erwirkl i ch auf. Und unweit der Polizei ist der Pressetisch, an dem Berichetrstatter mit gespitzten Ohren und Bleistiften arbeiten. Wer von der Sache mehr verstanden hat, die Polizei oder die Berichterstattung? Der Polizeibericht ist mir nicht zu Gesicht gekommen. Aber den Bericht im lokalen „Grenzboten" habe ich gelesen, woraus zu schließen ist, daß die Aufnahmefähigkeit der Polizei in diesem Falle besser funktioniert hat. Einen Satz har der Berichterstatter verstanden — den von der „Einigkeit" — und den hat er mißverstanden. Es ist leider das einzige, was Referent mit Kant gemein hat. . . . „I e an r Abends ferne ich die Agudajugend kennen. E!fer> Feuer, Leben und frische Beweglichkeit, daß alternde Herzen in frischer Kraft zu schlagen beginnen. Wie sie reden, wie sie hören, wie sie singen! Blutjunge Menschen prechen abgewogen wie abgeklärte Greise, und der dabeiitzende auswärtige Oberrabbiner mit dem durchgeistigten Denkergesichte, der jetzt im Präsidium der orthodoxen Landeskanzlei die zweite Stelle einnimmt, hält eine Jugendrede, daß Raketen durch den Saal funken, leuchtend, zündend. Alles ist ein Arbeitswille. Und mein Freund I. I. B., der ' Leiter der Aguda-Landesorganifation, der mich inständigst eingeladen hatte, um sich, während ich in. der Quarantäne des Zollschuppens des Einlasses wartete, in den Schnellzug nach Berlin zu flüchten!, ist nicht dabei. Ihn rief der Zentralrat, der in dieser Stunde in Berlin tagte. Und in Hersfeld war zur gleichen Zeit die deutsche Agudajugend um ihre Führer versam-. melt. Es war mir, als drängen die Jechi-Rufe hörbar von Preßburg nach Berlin und von Berlin — über Frankfurt und Hersfeld — nach Preßburg. — — — (Schluß folgt.) Es ist ausschließlich Sache der Leser, die im Inseratenleil enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstige Angaben religionsgesehlichen Charakters auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen. L. BARBARINO Frankfurt a. M. INHABER A, STERN gegründet 1887 Cigaretten CIGARRKN?abake feinste Hamburger und Bremer Fabrikate Import von Havana»Cigarren und -Cigaretten Kaiserstraße 7 Kaiserstr 81 Telefon Hansa 3391 Zeit 88 Versand nach auswärts 1 Hansa Grosswäscherei vorm. Gebr. Vogel Spessart 1382 u. 1383 Boyenstraße 8-14 Hauskaltungs-Wöseke nach Gewicht naß, getrocknet und gemangelt Damen» und Herren-Bügelwäsche Abholung kostenlos Mechanische und DRUCKLUFT Teppich-Reinigungs-Gesellschaft m. b. 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