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Der Israelit · 1926-06-17 · Heft 25 (17.6.1926) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 25 (17.6.1926)
Date
1926-06-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Iw. 25 i-r» SST Der Israelit Die Perle von Aegypten. Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). X. In einem kleinen sauberen Gasthofe in einer Gartenstraße unweit des Hafens fand Reifete gute Ruhestatt. Es ging ihr nichts ab, und das Leven hätte vktnave angenehm fein können, wenn sie sich nicht vom Personal auf Schritt und Tritt strengstens bewacht gefühlt hätte. Sie konnte über den Grund schon deswegen nichts erfahren, weil keiner im Hotel ihre Sprache verstand, oder verstehen wollte. Alles verhielt sich zu ihr höflich, aber schweigend, streng und unerbittlich. Sie hatte keine freie Bewegung. Und ein Gefühl starker Vereinsamung griff bei ihr je länger, um so mehr Platz. Schmerzlich war es ihr, daß sie feit der Einlogierung von ihren Freundinnen nichts mehr hörte, noch sah und jede Spur von ihnen verlor. So vergingen Wochen, ja Monate, ein Tag folgte dem andern und brachte keine Aenderung, keine Abwechslung, keine Gewißheit und keine Entscheidung für Reifete. Sie hatte ein gutes, einfaches Zimmer, konnte es aber nicht einmal unbewacht verlassen, um in den Garten zu gehen, oder vom platten Dache äus das bunte Leben in den sich kreuzenden Straßen unten zu beobachten. Sie verstand die Sprache des Hauspersonals nicht, bedeutet wurde ihr nur, daß der hohe Herr, der sie hier untergebracht hatte, nicht wünsche, daß sie das Haus verlasse. Dieser hohe Herr, es war der braune Mann in großer Uniform vom Schiffe, kam selbst von Zeit zu Zeit, brachte kleine Geschenke, sprach sehr siMiMich, aber nicht zudringlich, über allM, nur nicht über ben Zweck ihres Aufenthaltes. Unb wenn sie ihn voller Angst mit hilfeheischenden Augen ansah, sagte er, indem er ihre Hand ergriff: „Sie sind in der Hand und im Schutze eines Gentleman, der sein Leben für Sie einsetzt, aber wir müssen die Aemter aus dem Spiele halten, wenn mir das Werk gelingen soll. Diese sind hinter Einwanderern ohne Papiere scharf her." Seitdem sie das Schiff verlassen hatten, konnte er ganz gut in deutscher Sprache ohne Dolmetscher zu ihr sprechen. „Was soll ich hier, warum und wie lange soll ich hier festgehalten werden?" war ihre stete Frage. „Bis alle Papiere geordnet und alle Formalitäten erledigt sind für die Weiterreise." „Rach New - Yor k?" „Die Route wird noch festgelegt", sagte er unbestimmt ausweichend, was sie aber nicht s o verstand. „Und wo sind die anderen, meine Freundinnen?" „Ich hoffe, in guter Obhut, leider empfiehlt es sich UW, öatz auch sis m mmm Mutzs bleiben." Als sich herausstellte, daß Reisele außer Brot, Tee und Früchten alle Speisen unberührt ließ, hatte ihr Schutzherr angeordnet, daß ihr das tägliche Mittagsmahl von einem jüdischen Speisehause in der Innenstadt gebracht wurde. Eine Frau oder älteres Mädchen, von dessen Gesicht das Kopftuch nur Nase und Augen freigab, die aber nur unbestimmt Auskunft über Alter gaben, brachte das Essen. Und stets war jemand vom Personal mit dabei, offenbar um aufzupassen, daß kein Wort gewechselt wurde. Zuweilen kam ein rotwangiges Bübchen mit, das mit treuen blauen Augen Reisele anschaute und sich fast in der Sprache der litauischen Heimat bei der „Tante" für die ihm verabreichten süßen Gaben bedankte. Anknüpfungsversuche und Anreden Reiseles an die Frau selbst blieben unbeantwortet. So wenig anregend dieses Zusammentreffen war, so freute sich doch Reisele in der Oede ihres Lebens den ganzen Tag auf diese Stunde, da sie sich Menschen ihrer Art und Heimat nahe fühlte. Daß die Frau auf alle Anknüpfungsversuche Reiseles so schweigsam blieb, geschah, das wußte sie, auf höheren Befehl. Wenn aber die Frau zuweilen einen Seufzer aus tiefer Brust tat und Bob, der Kleine mit dem apfelrunden Gesichtchen. sich an sie schmiegte, spürte sie Heimatluft um sich rnehen, hörte sie Raters Nähmaschine, Mutters Beten aus dem dicken, alten Gebetbuche, das Singen der Nähmädchen Zippes. Und eine Ahnung stieg in ihr aus, daß es dort hinter den Häuserblöcken eine Gasse geben mochte, in der Menschen lebten, Menschen, die sie verstehen, sie lieben, die ihr helfen könnten. Wie gelangte man zu diesen Menschen? Die Frau ging und kam und sprach kein Wort. Sie hatte so sonderbare Augen, diese Frau, die täglich um die gleiche Stunde mit dem Korbe kam und schweigend die Teller auspackte, so mütterlich und ergeben. Ihrer Brust entrangen sich Seufzer, als ringe ein beklommenes Herz nach Luft. Zuweilen preßte sie ohne sichtlichen Grund Bob, ihren Jungen, an die Brust, als müßte sie ihr Kind vor drohenden Gefahren mit ihrem Leben schützen. XI. An einem schönen Morgen kam der braune Herr in Uniform in großer Erregung zu Reisele ins Hotel. Er sah sehr zerstreut und bestürzt aus. Ohne wie sonst viel Galanterie zu bekunden und Geschenke auszupacken, schon nach kurzem Gruß ohne jeden vermittelnden Uebergang, eröffnete er dem erstaunten Mädchen: „Es sind Ereignisse eingetreten, die eine Abssiss nötig mschsn, hsnts sbsnd «sch. Alls Papiere find in bester Ordnung." „Wohin?" „Wir werden eine weite Reise machen." „Nicht nach New-Pork?" „Vielleicht auch dahin, aber der Weg führt zunäckst nach dem Mittelmeere, nach der Küste Kleinasiens bis zum Suezkanal. Mit Anbruch der Nacht steht das Auto vor dem Portal, das uns an den Hafen bringt. Weitere Vorbereitungen erübrigen sich, da alles Nötige von mir bestens vorbereitet ist. Ich bin mit Nachtanbruch wieder hier." „Sie begleiten mich an das Schiff?" „Ja und noch weiter. Wir fahren zusammen und Sie bleiben nach wie vor in meinem Schutz. Ein Gentleman läßt nicht ein ihm anvertrautes Mädchen schutzlos in die Welt hinaus." „Sie fahren mit? Und ich mit Ihnen? Und nicht nach New-Pork? Wohin denn?!" Das kam alles so überraschend und überstürzend, rollte so brausend wie eine Sturzwelle in das glatte Einerlei ihres Lebens hinein, daß sie ganz benommen daftand, ohne zu missen, ob sie über diese Mtzlichz rllsjllkeltt, aöer anästvall ausschreien sollte. Vielleicht wäre es besser, laut um Hilfe zu schreien, da sich wieder ein Unbekanntes vorbereitete, um ihr Schicksal auf schaukelndem Schiffe in die unsicheren Wellen hinauszustoßen. Aber da sah sie das klare und energische Auge des braunen Mannes, der aufrecht und fest und unerschütterlich wie eine steinere Säule vor ihr stand. Eine Güte ging von diesem Gesichte aus, die jede Angst und jedes Mißtrauen verscheuchte, eine Kraft, die jede Unsicherheit und jedes Mißbehagen in Zuversicht verwandelte. Reisele hatte in den letzten Wochen gefühlt, daß sie immer mehr in den Bann dieses sonderbaren geheimnisvollen Mannes gerate, hatte aber gegen die stille Neigung, in die sich Verehrung und Dankbarkeit verwandeln wollten, mutig wie eine jüdische Tochter angekämpft. Sie hätte auch jetzt jeder Art von Liebeswerben tapfer Widerstand geleistet, auch auf die Gefahr hin, in die Hände der Landespolizei zu gelangen, vor der, man ihr von allen Seiten so grausige Angst machte. Da er aber dieses nicht tat, sondern als Schützer und Helfer ohne jede Geste kam, gab sie sich dieser angebotenen schönen Ritterlichkeit in einem Gefühle unerklärlichen Vertrauens gefangen. Seines sicheren Schutzes zu entraten, hatte sie nicht die Kraft, noch den Mut. Zudem mußte das Leben hier, das in seinem Einerlei immer sinn- und zweckloser wurde, ein Ellös nshMStt. HinsuZ, mm Zllch LllsZ itt andere Länder, vielleicht gab es dort Juden, Heimatgenossen, die ihr beistanden. —- Als gegen Mittag die Frau mit dem üblichen Mahl kam, schien es ihr, als wollten die Augen in dem vom Kopftuch eingerahmten eingefallenen Gesichte noch deutlicher reden als sonst, die Seufzer noch tiefer und sprechender dringen, als lauerten hinter den geschlossenen Lippen Worte, Worte, die, wenn sie einmal den Damm gebrochen, sich im Sturze ohne Ende und Ufer ergießen würden. Bob, der Junge, war an diesem Mittag unfreundlich, er taute nicht recht auf. Und all die guten Dinge, die Reisele noch auspackte, um bei dem Jungen in guter Erinnerung zu bleiben, verfehlten ihre Wirkung. Man hatte ihm gesagt, daß er heute zum letzten Male zu der Tante kommen dürfe, und das hatte ihn offenbar sehr verstimmt. Reisele packte nach Tisch ihre wenigen Habseligkeiten in den Koffer, den sie noch von der Heimat hatte. Schrieb zwei Briefe nach der Heimat und nach New-Uork und gab sie dem Zimmermädchen — das sie wie die anderen an einen Ort beförderte, von wo sie durch die Kanäle mit anderen Fetzen und Abfällen ins Meer hinunterschwammen, — und sah nun, ein wenig gesammelt, dem Abend entgegen. SBöljttt jtng ber neue 3öeg9 ÜSas berelleie sich wieder vor? Warum erhielt sie aus ihre Briefe kein Sterbenswörtchen, weder aus der Heimat, noch von New-Pork, von ihrem Bruder und von Benze? Hatte sie an letzteren überhaupt noch gedacht in den letzten Monaten der Fahrt und des Hierseins? Der Name klang ihr fast unheimlich fremd. Warum aber ließ keiner von sich hören, warum ließen sich auch die Freundinnen vom Schiffe nicht blicken? Auch Heymson nicht? Warum sperrte sich die ganze Welt gegen sie ab und überließ sie der fremden Stadt, dem Manne, der fremde Worte führte und den Wellen, die heute schon ihr Schicksal wieder in die Hand nehmen sollten? Sie bestieg noch einmal das flache Dach, auf dem ein Hängegarten blühte, sah über die Quadratblöcke der Häuser in das Getriebe der Straße, die flinke Autos und schwere elektrische Straßenwagen mit Getobe und Getöse durchquerten. Es fiel ihr ein, daß sie am ersten Tage ihres Hierseins aus der ersten Angst ihres Herzens, von hier ab einen an die (Elfern adressierten Zettel aus öas lüera^eurohl hlnabrnars; ein ein Hilferuf, wie Funksignale, die in Rot geratene Schisse aus hoher See, wovon sie aus der Reise erzählen hörte, unbestimmt hinaussenden. Ob dieser Zettel das Ziel erreichte? Sie konnte es heute nach ruhiger Ueberlegung nicht mehr wünschen. Was hatte sie davon, den armen Eltern solche Aengste einzujagen? Es war ja auch zwecklos, war ja nicht einmal darauf angegeben, wo sie zu finden sei. . . . Aber die anderen Briefe, die sie alle paar Tage absandte, schilderten in ruhiger Sachlichkeit ihren abenteuerlichen, aber wohl erträglichen Uebergangsaufenthalt. Sie trug sie nicht selbst

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