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Der Israelit · 1926-06-10 · Heft 24 (10.6.1926) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 24 (10.6.1926)
Date
1926-06-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ßr.24 1926 KT' Der Israelit Die Perle von Aegypken. Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Zzchaki. (Fortsetzung). IX. Am Nachmittag desselben Tages trat ein hoher Herr in großer Uniform zu den Mädchen in die Kabine, eine etwas seltsame Erscheinung, die zunächst das natürliche Interesse der Mädchen erweckte. Groß, stämmig, das runde fast kupferbraune bartlose Gesicht von energischen und zugleich freundlichen Augen belebt, so stand der Fremde, gerade und weltmännisch, da. Er hatte viele bunte Bänder und leuchtende Ordenssterne auf der Brust, und auf dem mächtigen kugelförmigen Kv^>se ein |ortberbarer &fnir iyatb Fez, halb Helm, schief nach dem rechten Ohre gu> was der Gestalt etwas Verwegenes gab. Er verbeugte sich höflich mit einem Grußworte in fremder Sprache und dann stand er gerade aufgerichtet, wie die Könige in den Märchenbüchern, die weißbehandschuhten Hände auf den Säbelknauf gestützt; sein Auge streifte prüfend die Mädchen, um dann auf Reisele hasten zu bleiben. Hinter ihm stand Pitt, der deutsche Matrose, in seinem lässigen, schäbigen Aufzug die Königsgestalt des Fremden vollends hervorstreichend. „Ihr habt nach der Polizei gerufen, was wünscht Ihr?" übersetzte Pitt die erste Frage des hohen Herrn. „Schutz und Hilfe, hoher Herr", schrie Milka lebhaft. „Man hat uns eingeschifft und wir wissen nicht, wohin man uns führt", ergänzte Feige. „Wir sollten nach Nerv-Port und nun fahren wir gar nach Argentinien, wir wissen nicht warum, wohin", sagte Reisele. „Wer ist Euer Führer?" fragte der Uniformierte, der kein Auge von Reisele abwandte, als spräche er nur mit ihr. „Jacki Heymson." Der fremde Mann notierte etwas in ein Büchlein. „Und wie heißt I h r?" Er notierte ihre Namen und forschte weiter: „llnD mie kommt 3ör zu Wymson?" Sme nad) ber anderen erzählten ste kurz ihre Geschichte. Pitt übersetzte und der Uniformierte notierte. Dann steckte er sich das Buch in die Aermeltasche, besah sich mit scharf durchdringendem Auge noch einmal die Mädchen, dabei fiel sein Blick auf Reisele, daß sie in unbestimmter Angst die Äugen niederschlug, und er sagte freundlich und sicher: „Ich weiß nun alles. Ihr steht unter meinem Schutze und ich werde mich täglich persönlich davon überzeugen, daß Euch kein Leids geschieht. Wenn wir an Land gegangen sind, findet sich das Weitere." Er verbeugte sich und reichte den Damen aus einem goldenen Etui Zigaretten. Nur Milka nahm an. Dann ging er mit einigen Artigkeiten, die sie nur aus dem Tone als solche erkannten. Reisele wandte die Augen ab, daß sie der Blick von früher, unter dem sie in einer eigenartigen Empfindung erzitterte, nicht wieder treffe. Eine Weile sahen sich die Mädchen schweigend an. Milka steckte sich, zum Entsetzen der beiden Freundinnen, die Zigarette an, die betäubenden Duft von sich gab, und sagte, den Rauch durch die Nase leitend, leichthin: „Also sind wir unter dem Schutze der Polizei. Eine gute Marke raucht sie hier, die Polizei, das muß man ihr lasten.", , „War das Polizei?" fragte Feige skeptisch. „Eine feine Polizei", lachte Milka, „die nicht schimpfte und schrie und keine Nagaika hatte, wie bei uns daheim, wie kann man zu solcher Polizei Vertrauen haben?" So war Milka. In ihren Wechselstimmungen war ihr stets das Lachen ebenso nahe wie das Weinen, das Spottwort ebenso zur Hand wie der Aufschrei. Der Sprache und der Sitten unkundig, waren die Mädchen nicht in der Lage, die Kompetenzen des Polizeiherrn nachzuprüfen, aber ein Gefühl der Beruhigung stellte sich bei ihnen ein, das erlösend wirkte. —-- Der hohe Herr kam nun täglich, fast immer zur gleichen Stunde, um so weniger ließ sich Heymson blicken. Es war, als wäre dieser völlig ausgeschaltet, als seien alle seine Vollmachten auf.den fremden Mann in Uniform übergegangen. Seine Blicke blieben energisch und freundlich, seine Rede bestimmt und höflich. Zuweilen schien es aber den QHläbcfyen, als gleits sein Auge non ihnen auf die eine abj auf Nestele. Das entging «m wenigsten ihr selbst, und es bangte ihr ein wenig um den Schutz. Milka aber blieb bei ihrer Meinung, daß man nun ausharren könne. Schiffe bauen ihre Existenz auf Wasser, sind heute da, morgen dort, schaukeln auf Wellen, die den Menschen das Gesetz der Schwere nehmen. Hier könne sogar die Polizei lachen und schöne Reden führen. Wenn sie erst festes Land unter den Füßen hätten, würde schon alles anders. Immerhin flöße dieser uniformierte Mann mehr Vertrauen ein als Mister Heymson, der bereits ihr Vertrauen gebrochen hatte. Und Milka packte aus der vollgefüllten Vorratskammer ihrer Erinnerugnen Erlebnisse aus: Auf der Straße der ukrainischen Stadt arbeiteten die Hooligans raubend, mordend und sengend. Unten im Hause waren bereits die Gesellen am Werke und oben auf dem Dachboden lagen die Frauen mit angehaltenem Atem, zitternd um Leben und Ehre. Ein Kosake kam die Stiege herauf, brach die Türe ein und warf das Beil hin, da er die Frauen und Mädchen oben erblickte. Seine Augen blitzten brünstig, wie die einer Bestie vor dem Ansprung. Aber zwei andere kamen ihm nachgefolgt. Und wie sie die Frauen und Mädchen sahen und den wilden Gesellen, dessen Augen suchend durch die Opfer gingen, packten sie ihn am Kragen und stießen ihn die Treppe hinunter. Es waren, wie man später erfuhr, Tararm. nWammevaMsOen Glaubens, Neuen nach Religion tmb Gesetz b!e Ehre einer Frau herlrg ist. So wunderbar und unerwartet kommt zuweilen die Hilfe. So vergingen wieder viele Tage. Am Tage vor der Landung kam unerwartet Heymson zu den Mädchen hinunter. Sie erschraken, erwarteten Vorwürfe, Abrechnung dafür, daß sie ihn an die Polizei verraten hätten. Aber er war ganz ruhig, fast freundlich. „Habt Ihr Euch nun die Sache überlegt?" Die Mädchen schwiegen. „Ihr wollt nicht in Argentinien sein? Nun gut, dann nicht! Wer zwingt Euch? Ich wollte und will Euer Bestes, wenn Ihr aber nicht wollt, was kann ich da machen? Aber eines erbitte ich mir. Macht Euch bei der Landung in keiner Weise auffällig. Wird die Hafenpolizei auf Euch aufmerksam, ist es um Euch getan, und ich möchte Euch doch nicht ins Verderben stürzen, habe doch Verantwortung für Euch übernommen. Mit Einreisenden ohne Erlaubnis, ohne Geld und Papiere kennen sie in. Argentinien kein Erbarmen. Gefängnis und Internierung auf einer entlegenen Insel, wo Euch die Tiger „gute Nacht" brüllen, wäre das wenigste. Der hohe Beamte auf dem Schiffe will Euch seinen Schutz angedeihen lassen, aber nur, wenn die Landpolizei außer Spiel bleibt. Also seid Ihr orientiert und gewarnt." Heymson ging, ohne Antwort abzuwarten. Die Mädchen sahen sich schweigend an und warteten auf ein Wort der erfahrenen Milka, und diese ließ nicht lange darauf warten. „Ich will nicht Milka heißen, wenn er nicht auf neue Pläne ausgeht. Er ist auf einmal gar zu sehr um unser Wohl besorgt. Aber das mit der Hafenpolizei kann schon seine Richtigkeit haben, und wir würden uns ins Unglück stürzen, wenn wir uns diese aus den Hals laden. Sie wird uns nicht, wie unser Oberst auf dem Schiff, mit Zuckerbrot und Zigaretten regalieren. Das ist gewiß. Uebrigens, die Polizei bleibt uns ja immer noch, es muß ja nicht schon gleich bei der Landung im Hafen sein." Es folgte nun ein stiller Tag langsamer Fahrt auf ruhiger See und bald darauf die Einfahrt in den Hafen mit all dem Toben und Treiben auf und an der Landungsbrücke. Noch einmal erschien der Fremde in voller Ausrüstung, groß und stattlich, stolz und gütig rvis irnrnsr, und er= «ff er bta Mahnung £}exjm]ons in schonenderer Form unterstreichen: „Es passiert nichts, wenn Ihr ruhig und ohne Aufsehen zu erregen an Land geht. Für Logis und erste Unterkunft ist gesorgt." „Wir drei bleiben doch zusammen", wagte Milka zu fragen. „Das ist leider nach Lage der Dinge ganz unmöglich", lehnte der hohe Beamte freundlich und entschieden ab. „Später vielleicht! Vorerst ist die Trennung unvermeidlich, wenn nicht anders die Amtsstellen aufmerksam werden sollen, um Euch und mir Unannehmlichketien zu bereiten." (Fortsetzung folgt.) ' Wiener Impressionen. II Der Weg nach Preßburg. Preßburg erreicht man von Wien aus mit Schnellzug (in anderthalb Stunden), per Schiff die Donau hinunter (in zwei Stunden) oder mit der Elektrischen (in zweieinhalb Stunden). Aber wie sagte doch der alte Stoltze? „Komm, wenn du kannst! ..." Zu den Errungenschaften und Neugestaltungen Europas nach dem Weltkriege gehört eine Grenzb a r r re r e zwischen Wien. und Preßburg und um die zu überschreiten, muß man Paß und Visum haben. Die Tschechen und Slooaken oder, wie man in der Kombination sagt, die Tschechoslovaken sind ganz prachtvolle Leute. Sie haben den gelehrtesten Präsidenten und den gescheitesten Außenminister und auch sonst viele gute Menschen und Dinge. Aber im Verwaltungswesen werden sie no&j ' manches lernen müssen. Die JNcrschine klappt nicht immer, VürekratiemnK ist lästig, Mangel an Bürokratismus, d. h. mangelhafte Veamtenschulung kann aber zur Plage werden. Der Verkehr zwischen Wien und Preßburg leidet darunter. Ich hatte es versäumt, mir in der Heimat das Sesam-öffne-dich für die Pforten der Tschechoslovakei zu besorgen, darum gibt mir in Wien eine Nebenstelle des tschechoslovakischen Konsulates den guten Rat, die Reise von Wien nach Preßburg (er sagt Bratislava) auf Grund meines Passes über die Schweiz oder über Stuttgart, wo der Sitz des Konsulates für Süddeutschland ist, zu versuchen. ... Da mir dieser Weg immerhin etwas umständlich erscheint, wage ich einen Versuch bei der Hauptstelle an der tschechoslovakischen Gesandtschaft und habe Glück. Der Weg zu diesem Glücke ist aber so verwickelt interessant, daß ich ihn den lieben Lesern nicht vorenthalten möchte. Zunächst fahre ich am frühen Morgen bei sintflutlichem Regen durch das ganze Hexeneinmaleins der Wiener Stadtbezirke, wo sich beispielsweise 20 an 2 anreiht, 1 an 9 und so fort, bis zu einer idyllischen Vorstadt hinaus, im ganzen ein Weg, der gut zweimal soweit ist als der nach Preßburg. Im Korridor des Konsulats drückt mir ein „Bruder Cech" mit schwarzer Binde um das linke Auge einen langen Fragebogen in die Hand. Damit werde ich an einen Tisch verwiesen, wo angeblich Tinte zum Ausfüllen und zur Beantwortung all der hochnotpeinlichen Fragen auf dem Bogen vorhanden ist. Die Tinte würde sich aber viel eher zur Anbringung der Wasserzeichen auf französischen Banknöten (in Budapest) eignen, als dazu, all die ominösen Fragen des Bogens annähernd merklich zu beantworten. Die Randstaaten haben es doch letzhin gelernt, viel Wasser — in ihre Tinte zu gießen. ...

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