Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1926)
- Date
- 1926-06-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 5«*i 23 Der 3 s rae lit 3 Juni 1926 P r: 3| r & E! j ii ohne weiteres. Werde aber dem Obersten der Polizei auf feinem Patrouillengange auflauern, ihm melden und ihn zu Euch schicken. Was wollt Ihr eigentlich von der Polizei?" „Hilfe, Schutz, aber schicken Sie sie nur her, werden ihr schon alles sagen." „Geschieht, geschieht, wie ich Pitt heiße und ein ehrlicher Kerl bin." Pitt steckte die schwülstigen Hände in die Hosentaschen, und, indem die Mädchen, leer der letzten Ersparnisse und beschwert mit neuer Angst gingen, rechnete er: „Was mir die drei gaben, macht zusammen zwei Dollars, der Lump von Gentleman, der mich vor die Türe der Kabine gestellt, daß ich für ihn ' lüge, gab mir einen Vorschuß von zehn Dollars und der Eunuch, oder Pascha, oder Emir, oder was er in Teufels Namen ist, den wir für die Komödie als Obersten der Polizei brauchen, soll blechen für sie alle zusammen. Lumpenpack, elendes!" spuckte Pitt in weitem Bogen. „Pitt", sprach er zu sich, „Du bist zwar ein Lump und Erzgauner, hast dem Karlsen in der Hafenschenke zu Hamburg ein Auge ausgeschlagen und dem Karl Hempes die Börse gestohlen, dem Schutzmann ins Bein geschossen, daß er nimmermehr Posten stehen wird. Aber solche Lumperei! Pfui Teufel!" „Pitt bist Dieb und Säufer und Totschläger, was wahr, ist wahr, und die Hamburger Polizei hängt Dein schönes Porträt an allen Straßenecken aus. Aber nun bist Du auch noch Kuppler und schauspielerst für die vornehmen Leute. Daß sie der Teufel hole!" Cr Datte so Dißl Mloron laüalgßjsjmad im OJltmÄe, ^crß er immer von neuem [pucfen mußte. „Und wenn iä) die Bande der wirklichen Polizei ausliefere? Gar kein übler Spaß, he!" „Aber erst muß noch Geld heran, damit ist's immer noch Zeit, wenn wir auf Land sind. Hier muß noch geschauspielert werden." Und die Melodie eines Berliner Gassenhauers, die zum Texte „Das, das ist ein Geschäft, das bringt was ein" gehörte, vor sich hinpfeifend, st'eg Pitt in den Kohlenraum hinab. (Fortsetzung folgt.) Wiener Impressionen. I. Morgenidyll. Im sauberen kleinen Hofe vor dem niederen grauen deltaartigen Häuschen stehen die vier Bäume vollbedeckt mit Kastanienblüten; sie reichen sich, wie Kinder im Spiele die Hände, dis Wipfel und täuschen so eine Laube im Parke vor. Und die Vögelchen vom nahen Augarten fallen darauf herein und sammeln sich hier zur Morgenandacht. Vielleicht ist es den Vögelchen im Augarten, wo die Bäume alle hübsch geschnittene Bubiköpfe tragen, zu laut, zu geräuschvoll, ein bißchen zu modern,. so schlagen sie hier beim frühen Erwachen der Maisonne ihre eigene Betstätte auf und zirpen und zwitschern, und singen und jubilieren, daß es eine Lust ist. Einer Wzt.. m im WMM. mit langM WM Ionen trällernd aus und die anderen fallen litt rveiüg geübten Chore ein. Cs »ist, als hätte jeder sein eigenes Singen. Und es ist doch eines, ein Chor in lieblichster Harmonie. Darauf erwacht mein kleiner Schlafkamerad in der Wiege am offenen Fenster und beginnt mit seinem Liede, geformt aus all den Worten, die ihm mit seinen anderthalben Jahren zu Gebote stehen. Pa—pa! Ma— ma! O—pa! At—ta! Pi—pi! Lu—lu! In allen Variationen und Tonarten, singend, lachend, bittend, heischend und wiederum singend. Dann ist es Zeit, daß ich mich erhebe zur Frühandacht in der Chafsidimklaus. Es ist das nächste Bethaus in der Stadt mit ihren Riefenentfernungen und ihren hundert Synagogen und Bethäusern. Ein langer kellerartiger Raum mit schlechter Luftzufuhr und dürftiger Einrichtung. Das frühe Morgenlicht sieht etwas schief und mißtrauisch von oben durch die dicken halbblinden Scheiben. Vorbeterpult und heilige Lade sind der Gesetzgebung zu Ehren mit einem nicht mehr ganz frischen Grün wie aus dem Altbestande des vorigen Sukkaus geschmückt. Altersgraue Gebetmäntel find tief über Charakterköpfe mit Schläfenlocken und Sorgenrunen gezogen. Wirr und formlos schwirren die Gebete durcheinander, auch ein wenig hastend und haspelnd. Es wird die Thora ausgehoben. Wie um den Hals eines Kindes, das man seit Jahren nicht gesehen/ fallen die Beter über die heilige Rolle, sie mit ihren Küssen bedeckend, her. Aus dem mit zwei „Bachweiden" geschmückten Pult liegt sie nun ausgerollt, und der Mann mit der heiseren Tiimm? stimmt i,Atdvmus" an. Er kamt kaum ein Wort hervorbringen, so wild, so stürmisch jagen die Anderen mit der Antwort im Nachsatze hinterher. Das heisere Wort des 'Vorbeters zerrinnt, ertrinkt, erstickt im Getöne und Getöse der mit Händen und Füßen arbeitenden, von Inbrunst durchbebten Beter. Das Ganze ist ein Schreien und Flehen und Lobsingen von hundert Stimmen, deren jede 'ihren eigenen Rhythmus hat. Wer die ergreifende Harmonie in dieser Stimmenvielfall nicht erfaßt, der versteht auch den Morgengesang der Vögel auf den Wipfeln der vier Kastanienbäume nicht, der begreift auch die Sprache des Kindes nicht, das aus dem halben Dutzend seines Wortschatzes sich sein Morgenlied für Ma—ma und Pa—pa komponiert . . . E r kann nicht Türkisch. In dem von Stimmung glanz- und leidvoller Jahrhunderte durchwobenen herrlichen Kuppelraum des Türke n t e m p e l s in der Zirkusgasse sitzen am Festeingange im spärlichen Lichte der elektrischen Leuchter und Kandelaber nicht allzuviele 'Beter in den bequemen Bänken. Hübsche Typen, zumeist glatte volle Gesichter mit schwarzen buschigen Schnurrbärten und dunklen Augen. Ein Mann mit herrlichem Charakterkopf und schönem grauem Vollbart, eine königliche Gestalt in blinkendem Zylinder (der einzige Zylindr im Raume), teilt von der ersten Beterreihe Befehle aus; mit den Augen nur, mit leichten Handbewegungen, denn alles in diesem Hause ist Ruhe und Vornehmheit, Ritus und Rhythmus; von dem in Gold und Seide glitzernden Gebetmantel, der milimeterscharf um den Kragen bis zur Rückenmitte des Rabbi auf seinem Ehrenplätze sich eng schmiegt bis zum roten Fez, der wie ein umgekehrter Blumentopf auf vem Kopf des würdigen mit gemessenen Schritten sich bewegenden Synagogendieners sitzt. Dieser rote Fez und dieser Schames, sie nehmen zunächst mein ganzes Interesse in Anspruch. In Konstantinopel und in Saloniki geht jetzt eine starke Bewegung gegen diese orientalische Kopfbedeckung, hie und da ist sie sogar bei schweren Strafen schon verboten. Was sind wir doch für ein konservatives Volk! Die im Mittelalter aus Deutschland nach den Ostländern ausgewanderten Juden haben Das M i 11 o 10 d ffj D eu 11 fl) lonlmncrl. Dik aus War iiion auggelrioMnen 3uDori ifjaDen tm Orient Dag Haiti* lisch von damals, das spaniolische Idiom, erhalten. Bald werden sie aus Konstantinopel, Smyrna, Angora und Saloniki nach Wien fahren, in den Türkentempel gehen müssen, um dort noch den roten Fez zu sehen . . .! Der Gottesdienst beginnt. Auf dem herrlichen Almemor, der in ungemein edlen Schwingungen sich fast von der Mitte des Raumes bis zur heiligen Lade hinzieht, sitzt der Vorbeter. Ja, er sitzt und singt etwas. Die Töne kommen aus dem Kehlkopf und passieren durch die Zollschranke der Nase, und ich v e r st e h e keine Silbe. Ist das Spaniolisch, ist das Türkisch? Nein, hie und da klingt ein hebräischer Laut an mein Ohr, ohne Anhaltspunkte für das Ganze zu ergeben. Ein mitleidiger Nachbar reicht mir mit levantinischer Höflichkeit sein Gebetbuch. „Minhag Sesard, orientalischer Ritus, gedruckt bei Schlesinger in Wien." Nun Hab ichs. Eine „ P e t i ch a ", Eröffnungsgebet, zusammengesetzt aus Bibel- und Soharstellen, in der sephardischen Aussprache durch den Raum genäselt, vollkommen unverständlich für den Uneingeweihten. Dann erhebt sich der Vorbeter und sagt, das Gesicht dem Publikum gugewandt, „Jitgadal wejitkadasch ..." und unmittelbar darauf laut das „Achtzehngebet". Man ist rasch damit fertig und vom Ehrenplatz links nähert sich gravitätisch der e r st e Chasan in riesigem Barett dem Omud. Wieder Absitzen, wieder eine unendliche P e t i ch a. Er näselt noch mehr und noch gründlicher, darum ist er Oberchasan. Dann wird gebetet, ohne Pijuteinlagen, aber traditionell. Von einer unsichtbaren Empore fällt ein «etwas dünner Knabenchor andauernd mit „Baruch hu ubaruch schmo" und mit kurzem „Amen" ein. Das Gebetbuch „Minhag Sephard. orienialilfljGi liiliß, Winfll M EMINM Ist 3DM“ mu hält «iw unwesentliche Abweichungen und an die srientalischo Aussprache hat man sich schon nach wenigen Sätzen gewöhnt. Der Gesang des Kiddusch ist nicht grade erschütternd, aber die Grandezza, mit der dieser Oberchasan den schönen Kops nach hinten wirst und den leuchtenden Kelch in der Lust schwingt, macht ihm keiner nach. Dann singt der unsichtbare Chor „Jigdal" und der Synagogendiener, der in seinem roten Fez mit Hilfe seiner kühn geschwungenen Wrückbogennase und seinen groben Zügen jetzt eine ganz frappante Aehnlichkeit mit Abdul Hamid, dem früheren Sultan der Türkei, hat, schreitet die Front ab, gemessen und wachsam, daß bis zum letzten Ausklang die Ruhe und die stilgerechte Geschlossenheit des Gottesdienstes nicht, gestört werde. Dann spreche ich Rabbenu Obadja, nicht aus Bartenora, sondern aus Smyrna oder Saloniki, der seit vielen Jahren hochangesehener Chacham dieser Gemeinde ist. Ein ungemein liebenswürdiger Herr, der mir mit lachenden Augen von seinen Bestrebungen, die levantinischen und orientalischen Juden in Europa zu sammeln in einem unbeholfenen Deutsch erzählt, das ihn und seine Rede noch sympathischer macht. Ueber seine eigene Gemeinde hat er wohl zu klagen. Der Besuch des Gottesdienstes sei nicht sehr stark» die Jugend an der Stange zu halten, sei schwer. Ob er etwas von den jüdischen Strömungen und orthodoxen Bestrebungen grade auf diesem Gebiete wisse, klopfe ich leise und vorsichtig an. Ja, er habe schon mancherlei darüber gehört und gelesen. Aber er verwechselt die „Jozroth" ,wie es das „Gebetbuch Minhag Sephgrd, orientalischer Ritus" tut. Von Rabbiner ZirfH weiß cu manches. Den „Israelit" vei-- wechsell er mit dem „Jeschurun" von damals, diesen verlegt er nach Mainz und Mainz nach Bayern. Sonst weiß er alles ganz genau ... Ich hätte mich noch stundenlang mit diesem lieben Menschen, der so lachende Augen und kosende Worte hat, unterhalten können, da wurden wir leider durch ven roten Fez gestört. Er kam mit einem gutangezogenen dunkeläugigen jungen Menschen heran und sagte: „Rabbenu, der Mann will was sich weiß nicht was. Er redet „Terkesch". Rabbenu wird ihn verstehen." Abdul Hamid im Wiener Türkentempel versteht nicht Türkisch. Denn er ist in Tarnow geboren, und wenn er nach dem Gottesdienste den roten Fez ablegt, dann hört er auf den ganz banalen Namen: Grünstein . . . So verfliegen Illusionen! In der polnischen Schul. Die polnische Schul ist gegen zehn Uhr so gepackt voll, daß kein Stehplätzchen in dem Riesenraum mehr zu haben ist. Eine Viertelstunde später müssen die Wachleute draußen den Andrang abwehren. Die wenigsten in den Bänken und in den Gängen beten mit.. Die meisten haben es längst in aller Frühe bei einem Privatminjan besorgt, alle sind sie gekommen, um den Chasan zu hören, der mit seinem Chore den Gipfel der kantoralen Kunst erreicht haben soll. „Ein Caruso am Omud", sagen die Leute, „schlägt Jossele Rosenblatt in hundert Punkten", drückt sich einer in der Terminologie des Fußballmatch aus. Ich habe weder den seligen Caruso, noch — lehawdil — Rosenblatt gehört und kann mein Urteil frei von dieser Relativitätstheorie fällen. Es wird Halle! gebetet. Nach jedem Abschnitt wird Halt gemacht, tritt Todesstille ein, spannende Erwartung. Das Phänomen bereitet sich vor durch ein leises Trällern. Knaben- und Männerstimmen bauen langsam einen dunklen Hintergrund, daraus erhebt sich nun der Tenor des Kantors/ schießt empor in elegantem Schwung wie ein Pilot in die Wolkenhöhe, flattert mit den Propellern, macht graziöse Biegungen und SchwingMZkn nn? t?I? im MIMm sanft Wü? Mf vis vom Thvis Mgehnltens Vnfis, um sich bsnn mir diesem zu einer rauschenden Symphonie zu vereinigen. Das ist. Kunstchafonus in höchster Potenz, und ich blieb kalt, bis an die Seele hinan. Die Fülle und Farbigkeit der Töne umschmeichelten mir Ohr und Sinne, und die Künsteleien und endlosen Wiederholungen taten der Seele wehe. Hier ist die Melodie, der Gesang das Primäre, das Wort hat sich dem Gesänge anzupassen, und ist es nicht willig, dann braucht man Gewalt, durch Kürzung, Halbbetonung oder halbdutzendfache Wiederholung. „Was ich auf Umwegen sagen kann, sage ich nicht glatt heraus", dies ins Synagogenmusikalische übertragen, das ist das polnische Chorchasonus auf seiner höchsten Kunsthöhe. Dann schwieg der Chor für eine Weile und der herrliche Tenor sang, nein, sprach, flehte, schilderte und beschrieb ganz allein, ohne Schnörkel und Künstelei: „Ono haschem ki ani Awdecho". „Ich flehe dich an, o Gott, denn ich bin Dein Diener sich, Dein Diener, Sohn Deiner Magd, Du lösest meine Fesseln!" ... Und es ist Todesstille im Riesenraum. Tausende halten den Atem ein, weinen, beten, lautlos, tränenlos mit: „Ich, ich, Dein Knecht, der Sohn Deiner Magd ..." Ein ganzes Volk, in einen einzigen, armen hilfeheischenden Menschen verwandelt, pocht an Vaters Türe: „O laß mich, öffne, bin gehetzt, gejagt, reiche die Vater- Hand, öffne die Türe! . . ." Das könnte das polnische Chasonus immer sein, wenn es bei aller Kunst auch noch die Kunst verstände, sich zu beherrschen, von Geschmacklosigkeiten und unerträglichen Unarten sich fern zu halten. Die sechzig Prozent. IN Dar ®fl)iniöjui. Dem NöiDMWiiM M övthöböLen Lebens in Wien, ist eine halbe Stunde später Predigt. Die Synagoge ist auffallend schwach besucht. Man staunt im ersten Augenblick, erinnert sich aber bald daran, daß es erster Tag Schwuaus ist und der größte Teil der Mitglieder nach durchwachter Nacht sich einen Frühgottesdienst geleistet hatte. Eine überwältigende Erscheinung, der Rabbiner aus der Kanzel, die breite Goldborte des Talis über den Kopf gezogen. Er spricht gewogen und wuchtig zugleich, mit starken Handbewegungen. Die Aufmerksamkeit ist geteilt und vielfach gestört durch Kommen und Gehen. Da geht eine Bewegung durch die Bänke. Die meisten stehen auf, um besser gu hören. Der Herr Rabbiner hat ein Wort fallen lassen, das alle aufhorchen läßt. Er spricht von „sechzig und vierzig Prozent" und man weiß, daß es eine Antwort ist auf die „Osterbotschaft" seines „Kollegen" von der Seitenstettengasse, in der behauptet wurde, sechzig Prozent des Schulchan Aruch seien längst abgeschasft. Die Auseinandersetzung über jüdische Fragen geht in Wien von Kanzel zu Kanzel. Draußen in und vor dem Hose der Schisfschul stehen die Menschen, rauchen behaglich ihre Jomtowzigarre und besprechen das Ereignis auf der Kanzel. Die Richtlinien-Reform bei uns in Deutschland hat sich offen und ehrlich bankerott erklärt. Die zionistische Mittelreform der Wiener Seitenstettengasse mag es nicht auf Bankerott ankommen lassen. Sie arbeitet auf einen friedlichen Vergleich hin, bietet vierzig Prozent . . . (Fortsetzung folgt.) ssmsä