Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1926-06-03 · Heft 23 (3.6.1926) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 23 (3.6.1926)
Date
1926-06-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450388-2450411--73202-2530598
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

SS0"' Der Israelit Die Perle von Aegypten. Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). Damit kam für Reisele und ihre Gefährtinnen die Stunde, da sie aus einem wochenlangen Schlafe erwachten, in den sie glatte Worte, heiße Abschiedsträume, Maschinengeratter, Sirenentuten, Hornklänge der Schiffskapelle, wie das ganze ungewohnte Treiben auf schwankendem Bretterboden eingesungen hatten. Sie erwachten mit einem Schrei, daß Schiffsjungen ihren Beschützer, Mister Jacki Heymson, aus der ersten Klasse, wo er seine Kabine mit seiner Dame inne hatte, herbeiholen mußten. Er stand da, der Mann mit dem Gesicht aus Stein, in den das kalte Lächeln eingemeißelt war, bert?panama^ui iiej1, bis zu bell Qfltgett gezogen, wie sonst, wenn, er ihnen scherzend Artigkeiten zu sagen hatte. „Was gibts?" „Wohin fahren wir?" schrieen ihm alle drei zugleich ins Gesicht. „Nicht schreien und kein Aufsehen machen", wehrte Heymson, ohne das charmante Lächeln zu verlieren, ab. „Geht hinunter bis Euer Seefieber ganz vorbei ist." Er wollte Reisele an der Hand hinuntergeleiten, sie riß sich aber los und ging den anderen zwei voran hinunter. Heymson kam zögernd und tänzelnd nach. „Also, was habt Ihr schon wieder, Kinder?" „Fahren wir nach Amerika oder nach Argentinien?" Heymson nahm mit zwei Fingern ruhig die Zigarette aus dem Munde. „Argentinien ist auch Amerika, Ihr Kleinstadtnärrinnen," „Aber wir sollten doch nach New-Bork!" Heymson blies ihnen den Rauch seiner Zigarette ins Gesicht, als fände er die ganze Sache sehr spaßig. „Ihr seid von Sinnen Mädels, Hunderte fahren auf dem Schiffe und Ihr benehmt Euch wie närrische Kinder, die die Schürze der Mama aus dem Auge verloren." „Was sollen wir in Argentinien?" riefen die drei Mädchen wie im eingeübten Chore. „Nicht? Dann eben nicht! Was ist da zu weinen und zu schreien? Sind wir erst in Buenos Aires, bann wird sich schon das Weitere finden. Män änch üsn UM tzsn Wsg ngH mwi Nork. Was lamentiert Ihr, närrische Kinder?" Er versuchte, mit der Hand der kleinen Milka begütigend die Wange zu streicheln. Sie schlug ihm heftig die Hand zurück und schrie: „Was wollen Sie von uns, wohin führen Sie uns?" „Man kann auch in Buenos Aires sein Glück machen. Die Reise ist von mir bezahlt. Ist das der Dank?" „Ich springe ins Wasser", schrie Milka, die leidenschaftliche. „Viel Vergnügen, liebes Kind", lachte Heymson gezwungen, „aber das Meerwasser ist kalt und salzig und Fische sind da unten, Haie, die mit einem Kuß so eine kleine, süße Milka mit Haut und Haaren verschlucken. — Und Du, liebes Kindchen, wohin?" schob er Feige sanft zurück, die über ihn hinweg, die Treppe hinausstürmen wollte. „Ich schreie oben nach dem Kapitän, rufe nach der Schiffspolizei." Heymson zuckte mit den Achseln und sein Lächeln erstarrte zu hartem Eise. „Also hört, Närrinnen, wenn Ihr es schon s o macht, muß ich anders reden. Der Steward und alle Mannen auf dieser Abteilung wissen Bescheid. Wenn Ihr Geschrei macht, dann weckt Ihr damit die Polizei, die zunächst Euch festnimmt. Ihr habt kein Geld und keine Papiere, seid Landstreicherinnen, blinde Passagiere, sobald ich meine Hand von Euch wegziehe. Ich will aber Euer Bestes, darum sagö ich Euch: Seid vernünftig. In Buenos Aires wollen wir das Weitere sehen. Ihr wollt nicht dort bleiben, dann nicht! Die Welt ist groß. Es gehen auch Wege von Buenos Aires nach New-Dork." Er ging und schlug die Türe fast unmerklich hinter sich zu. Als sie ihm aber nach wollten, ging die Türe von innen nicht auf. Sie waren eingesperrt. Das Schreien dreier Mädchen wurde verschlungen vom Brausen der Wellen, vom Rattern der Maschinen. Vielleicht glaubten hellhörige und tiefere Gemüter, die oben bei bunten Lampions die von lauem Winde bewegte würzige Abendluft einatmeten, den Gesang der Elfen und Nixen unten zu vernehmen. . . . VIII. In der geschlossenen Kabine saßen die drei Mädchen, nachdem sie herausgesunden hatten, daß mit Schreien und Tränen die Türe nicht zu sprengen sei und berieten über die Situation. Milka, die jüngste und lebhafteste, die die Gabe hatte, unter Tränen auch zu lachen und zu scherzen, fand sich zuerst in die Lage. Sie meinte: „Einmal wird doch die Türe wieder aufgehen, und dann werden wir schon unseren Mann stehen. Verlaßt Euch auf mich!" Die drei Mädchen hatten sich schon im Hafen gefunden und von vielen anderen, die mitfuhren, sich aus einem sicheren Gefühle heraus abgesondert. Feige war eine engere Heimat- und Schicksalsgenossin Reiseles. Sie stammte aus einem litauischen Nachbarstädtchen, hatte keine Eltern und wollte in Amerika einen reichen Onkel aufsuchen, der das Geld und die Pflicht hätte, für sie zu sorgen, aber nie etwas von sich hören ließ. Die Forschungsreise nach dem Onkel wollte ihr nun Heymson ermöglichen. Sie war weniger schön als Reisele und ihrem Wesen nach still und ernst und stets gefaßt, ohne Bindungen an Vater und Mutter, an Heimat und Vergangenheit. Milka war von ganz anderer Art, anderem Bau und anderer Vorgeschichte. Sie stammte aus der Ukraine, wo sie es von Kindheit auf gelernt hatte, mit wahrer Märtyrerenergie den Tücken der Dinge und der Menschen zu trotzen. In ihrer jungen Seele waren schauerliche Erinnerungen aufgespeichert, Erinnerungen an Blut und Elend, an srvige Stunden der Todssertvartung in fin- §te selbst hatte rnit in der Hand um ihr junges Leben und ihre Mädchenehre gekämpft. Nun hatte sie für ihr junges Dasein diese Hölle satt und sie strebte einer Welt zu, wo der Mensch seine Würde als selbstverständliches angeborenes Recht ungeschützt durchs Leben tragen kann. In der Grenzstadt traf sie Heymson, er nahm sich ihrer großmütig an und setzte sie über alle Schwierigkeiten der Grenzüberfahrt und der Reiseformalitäten spielend und lachend hinweg. Er hatte ihr imponiert und großes Vertrauen eingeflößt. Nach so vielen Jahren der Roheit und Brutalität, in denen die Menschenbestie herrschte, wieder esn Mensch, der Liebe und Selbstlosigkeit hatte! Wie tat dies wohl. Brach bei ihr jetzt diese letzte Hoffnung auf den Menschen zusammen, so hätte sie ihr letztes verloren. Was sollten sie tun? Darüber waren die drei sich nicht ganz einig. Reisele meinte, vielleicht sei die Angst übertrieben. Konnte es nicht wirklich so sein, daß das Schiff gerade auf dem Meerwege über Argentinien nach New-Pork fuhr und Heymson so wenig dafür konnte wie sie selbst? Feige war mißtrauisch und schwieg wie ein verschüchterter Vogel. Milka war kampfbereit, aber auch sie erwog und überlegte. „Die Umgebung", sagte sie „scheint nicht aus unserer Seite. Man versteht auch unsere Sprache nicht und wir sind ohne den Führer schutzlos, ohne Geld und ohne Papiere neuen Gefahren ausgesetzt. Vielleicht sollten wir noch zusehen und noch warten, vielleicht Menschen suchen, uns an den Kapitän wenden. Auf alle Fälle auf der Hut bleiben und uns in der Nähe der Polizei, die sicherlich auch auf dem Schiffe vertreten ist, halten." Ausharren und auf der Lauer bleiben wie die Katze, um im gegebenen Momente den Sprung zu machen. So hatte es die kleine Milka in der Ukraine gelernt. Sie hielt im ganzen nicht viel von den Menschen, die man um Hilfe anrief. . . . Milka hatte recht behalten. Am folgenden Morgen wurde die Türe geöffnet und der Gong gab wie immer die drei schrillen Klänge als Signal, den Morgenkaffe zu holen. Es war ein Schiffsmorgen wie jeder andere, aus Wasser und Nebel und verdrossenen Menschengesichtern zusammengesetzt. Aus Deck, fast vor der Treppe der S&ablrte, ctfjs ipcxiie er art^ sie getöoriei, fietnb ber kurzbeinige deutsche Matrose, einen Sack aus den Schultern, das Gesicht verrußt und die kurze Pfeife im Munde, der einzige Mensch vom Schifsspersonale, mit dem sich die Mädchen ein wenig verständigen konnten. Fast sahen sie in diesem ersten Begegnis nach der qualvollen Nacht erster dämmernder Erkenntnis ein Gotteszeichen, und Reisele, die als Grenzbewohnerin sich des Deutschen besser bedienen konnte als die anderen, stürzte aus den Mann zu: „Sie sind doch, lieber Herr, bekannt auf dem Schiff, gehören doch dazu." „Will ich meinen", würgte der Matrose zwischen den Zähnen hervor, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen. „Dann führen Sie uns zum Kapitän, gleich, es hat Eile." Sie steckte ihhi ein deutsches Geldstück in die Hand, das sie noch von der Einwechselung an der Grenze besaß. Pitt, der Matrose, besah das Geldstück zärtlich, als hingen seine schönsten Erinnerungen daran, steckte es gemächlich in die weite Joppentasche und nahm die Pfeife aus dem Munde, als würde es sich erst jetzt lohnen, zu reden. „Kapitän? Wer, wo, was, wie Kapitän? Der steht auf Kommandobrücke, sieht Wasser und' Hiim mel und kommandiert: rechts, links. Was kümmern ihn die Menschen?" „Sind Juden auf dem Schiffe?" „Juden? Nein. Ist kein Auswandererschifs, d i e fahren in Hamburg, Bremen, Antwerpen aus. Wir haben Franzosen. Spanier, auch Ochsen unb dMü sillnMWö DMno an Durst auch italienische Echroeine. Ich fahre lieber mit Juden — setzte Pitt gesprächiger hinzu —, d i e lassen einem was zukommen. Aber in Hamburg und Bremen, na ja, die verfluchte Polizei!" — Er spuckte verächtlich aus, da er an die deutsche Polizei, mit der er nicht auf gutem Fuße stand, dachte. „Polizei", griff Milka das Wort auf. „Gibt es hier keine Polizei? Wo ist die Schiffspolizei?" Sie schob ihm auch ihrerseits ein Silberstück in die schwarze schwielige Hand. „Polizei?" erwachte Pitt, als hätte er auf dieses Wort gewartet, „natürlich gibt es hier Polizei. Oder glaubt Ihr, wir seien eine Herde ohne Hirten, schwimmendes Strandgut und herrenlos? Freilich gibt es hier Polizei, die uns vor betrunkenen Jtalianos und Haifischen schützt." „Wo ist die Polizei? Führen Sie uns zu ihr!" Und auch Feige gab ihr letztes an Kleingeld her. „Polizei fährt erste Klaffe und hat eigenen Salon." . „Führen Sie uns dahin, lieber guter Mann!" „Geht nicht, geht ganz und gar nicht! Ihr dürft nicht auf die andere Seite, auch ich nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.