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Der Israelit · 1926-05-28 · Heft 22 (28.5.1926) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 22 (28.5.1926)
Date
1926-05-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage Der Israelit ßr.22 192* Die Perle von Aegypten. Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). Der nächste Donnerstag hatte aber wieder nichts aus Amerika gebracht. Am übernächsten kam ein amerikanischer Brief. Mit zitternden Händen wurde er geöffnet. Es war die Handschrift des Sohnes. Wo war das Schreiben Reiseles? Vielleicht eingehüllt, vielleicht hinunter gefaum. KüjMl langte natt) mmtö in schlsg und suchts auf dsm EchnewerNWe herum, als müßte in einer entlegenen Ecke das Erwartete hervortreten. Seine Stimme versagte, als er des Sohnes Brief der in Erwartung zitternden Frau vorlas. '' ' > - „Liebe Eltern! Was ist mit Reifete? Das Schiff, mit dem sie nach Eurer Schilderung fahren mußte, ist angekommen, aber sie war nicht dabei. Im Passagierregister des Schiffes ist ihr Name nicht eingezeichnet. Auch von einem Heymson und Frau wissen die Papiere nichts zu melden. Wir waren nun acht Tage lang Tag für Tag im Hafen, um die anderen Schiffe abzuwarten. Reifete war nicht unter den Landenden. Wir erkundigten uns auch auf Ellis Island.. Aber keiner hat ihren Namen gehört. Habt Ihr vielleicht Euren Entschluß geändert und ist Reisele noch dort im Frieden des Elternhauses, während wir uns hier in Angst und Sorgen verzehren? Schreibt sofort!" Wie ein betäubender Schlag traf dieser Brief die Schneidersleute. Die Mutter sah hilfesuchend zu ihrem Manne. Er ist doch ein Mann, er mußte Mt Ullv MMlllifl wMll, WüS lvlllltk kill? ZU ttU Am ö«? Küche herausgekommen ist, wissen, wie es dort auf den großen Meeren und in den großen Schiffen, in den Häfen und rauschenden Städten zugeht. Man konnte sich natürlich auch verpassen, irrelaufen, übersehen, wo so viele Menschen sich in den Weg laufen. Es dauerte eine Weile, bis sie weinen konnte. Koppel ließ die Arbeit liegen und stolperte mit dem Brief ins Beshamedrasch, wo ihm Nochum Leser mit beiden Händen genau den Weg über das große Meer nach Amerika in der Luft beschrieb, mit der einen Hand zeigte, wo das Schiff in den Hafen einfuhr, mit der anderen ebenso genau die Stelle, wo sie der Bruder gesucht und nicht gefunden hatte. Sie werden sich noch treffen, haben sich wohl schon getroffen. „Berge und Berge kommen nicht zusammen, aber Menschen treffen sich", heißt es im Talmud. Und was der heilige Talmud sagt, ist wahr und zutreffend, und darum keine Angst und keine Sorge. Still und geknickt ging Koppel an seine Arbeit. Die Nadel, die er sonst, in so. kühnem Bogen durch die Lust zog, chatte, keinen Schwung,, das Lied dazu kam wehmütig aus dem Munde und die Augen sahen weniger nach den geraden Nähten am Aermelstück als zum Fenster hinaus, nach Maxim, dem Briefträger. Er kam nicht. Wschsw uns Msnatö mMingsn. Cs lamm inzwischen wettere Briefe aus Amerika, Me alle geographischen Theorien Nochum Lesers Lügen straften. Sie trafen sich dort nicht. Reisele war in Amerika nicht angelangt. Alle Nachforschungen von dort ergaben kerne Spur; der Sohn schrieb, es müßte eine Untersuchung vom Städtchen aus eingeleitet werden. Man solle nicht ruhen. Als . ob sie ruhte, die arme Dwoire! Sie rang.mit den Händen und durchwachte weinend die Nächte. Was konnte man mehr tun als weinen und beten? So war in banger Pein ein halbes Jahr verflossen, Koppel war grauer und Dwoire augenscheinlich kleiner geworden. Da kam eines Tages Maxim, der säumige Briefträger und brachte ein Zettelchen ins Haus mit der Handschrift Reiseles. Nur drei Zeilen: „Liebe Eltern, rettet Euer Kind! Tut, was Ihr könnt. Wir sind im Netz wie die Vögel, auf die es der Vogelsteller abgesehen. Mehr darf ich nicht schreiben, denn ich bin überwacht. Ich werfe den Brief nachts durch ein Fenster und vertraue auf gute Menschen, die ihn weiter befördern. Ich weiß nicht, ob er sein Ziel erreicht. Wenn ja, betet für Euer Kind, das sich noch nicht verloren gibt, solange es die Kraft hat zu hoffen. Tut, was Ihr tun könnt für Eure Reisele." Was sie tun konnten, war nicht viel. Dwoire gab ihren Tränen und Gebeten eine neue verstärkte Auflage und gute Nachbarinnen weinten mit ihr und hatten tausend gute Ratschläge. Kvppkl lM K?§hsllll?dras^ allerlei KornLinationm anhvrm, tue ihm aber nicht in den Kopf gingen. Nochum Leser verlegte seinen ganzen Scharfsinn auf die Eruierung des Ortes, wo der Brief aufgegeben war. Er fand es mit Hilfe anderer endlich heraus. Es war Buenos Aires in Argentinien) Der Sohn des Verwalters Quark, der in Erinnerung an die lieblichen Augen Reiseles der Sache einiges Interesse entgegen brachte, erklärte den Leuten, daß Argentinien wohl Amerika sei, aber ein ganz anderer Teil der neuen Welt, der von Nerv-Park so weit entfernt liege, wie vom litauischen Städtchen und noch weiter, daß Argentinien ein eigenes Land mit eigenen Gesetzen sei, wohin die Macht der Ortsbehörde, vertreten durch den Uradnik mit seinem schwarzen Pudel, gewiß nicht hinreiche. Umsomehr, als die Menschen dort Spanisch sprachen. w Der einzige, der die Situation ganz erfaßt und den richtigen Sinn für die nächste Aufgabe hatte, war Rabbi Mauschele, der alte, vollkommen weltabgewandte Rabbi des Städtchens. Er riet, re? ttllkm p?ll igkstkl Neiseles rtodj am gleite« Tage nach New-Dork an Derle zu schicken und ihm zu schreiben, daß er dort alle Aemter und Behörden in Bewegung setze. Denn, so meinte der alte Rabbi, wenn es auch ein anderes Land ist, so bleibt doch Amerika jenseits des großen Meeres Amerika und-dort im großen Nerv-Park werden sie schon mit Argentinien auch spanisch sprechen können. Außerdem, sagte der alte Rabbi, gibt es überall Juden. „Wie die Welt nicht ohne Winde fein kann, so kann sie nicht ohne Juden sein," heißt es im Talmud. Und wenn der Talmud etwas sagt, was anwendbar ist für einen Fall, dann ist der Weg schon von selbst gegeben. Wo Juden wohnen, gibt es auch Gemeinden. Und eine jüdische Gemeinde hat bekanntermaßen einen Rabbiner, der, wenn er auch in Argentinien ist, neben Spanisch die heilige Sprache versteht. Also ergibt sich aus all dem, daß man an den Rabbiner dorthin schreibe und ihm den Sachverhalt schildere. Und so geschah es auch noch am selbigen Tage. Einen vier Seiten langen Brief in hebräischer Sprache schrieb der alte Rabbiner an feine Kollegen in Buenos Aires, in dem fast sämtliche Talmudstellen angeführt waren, die vom Lohne derer prechen, die eine jüdische Seele retten. Er wußte nicht recht, von welchen Gefahren die Tochter Koppels, des ehrbaren Schneiders, gerettet werden MÜW.. Das sei kvea Sache Des MvvMkkZ ovn zu UHö alles zu tun, was einem Juden und einem Rabbiner in solchem Falle geziemt. Und dafür sei ihm und seiner Gemeinde der Segen Gottes gesichert, und fo fort. Und auf das Kuvert des Briefes schrieb der unge Quark, der Königsberger Student, mit chönen lateinischen Lettern: „An den Herrn Rabiiner der Jüdischen Gemeinde zu Buenos Aires in Argentinien, Südamerika". Koppel war es, da er den Brief auf die Post rüg, als hielte er mit diesem Papierfetzen krampfhaft an einem Seile fest, dessen anderes Ende jenseits des großen Wassers sein Reisele ergriffen hatte. Und er zog und zog mit aller Kratfanstrengung. Verzage nicht, Reisele, die Rettung kommt! VII. Zehn Tage schon fuhren sie auf dem Schiffe^ sahen sie tagein, tagaus nichts als Wasser und Wolken, die in einer grauen Masse ohne Anfang und ohne Ende zusammenflofsen. Reisele teilte ihre Kabine mit M i l k a und Feige, mit denen sie schon in der Hafenstadt enge Freundschaft geschlossen hatte. Als sie am zehnten Tage auf Deck bei stillem Winde einen Matrosen fragten, ob sie bald in New-Pork ankämen, zuckte er mit den breiten Achseln, ohne die Pfeife aus dem Munde zu tun. Ein untersetzter breitbeiniger Kohlenträger mit total verrußtem Gesichte, der, ein Deutscher, die Frage verstand, schüttelte sich vor ßaö)en. „Was wollt Ihr von Now-Yorr? Wir fahren doch mit Kurs nach Süden, direktomang nach Argentinien." „Wir fahren doch nach Amerika?" verwies sich Milka den dummen Spaß. „Amerika schon, aber nach einem anderen Amerika, nach Buenos Aires in Argentnien. Wir brauchen noch gut zwölf bis vierzehn Tage bis zur Ankunft." (Fortsetzung folgt.) Aus meinem Tel'Aviver Skizzenbuch. Don Schlornach den Ascher. V. Diese Skizzen haben zur Methode mancher Romane gegriffen. Solch ein Roman hat nämlich kaum zu erzählen begonnen, da schlägt er plötzlich Nebenwege ein und erzählt von hundertlei Dingen, und dann befindet er sich auf einmal wieder an seinem Ausgangspunkt. . Zu Beginn wurde die Frage gestellt, wie sich die Juden der ersten jüdischen Stadt einzurichten verstanden MMn, unö MlHö WMMlUligkli Dcräis m vkk Psylyk döt- Ernwühusk dieser Stadt vor stly gegangen MV. Tel- Awiw ist freilich noch zu jung, als daß Unfertiges, Unbefriedigendes in seinem Bilde ein fachgemäßes Urteil beeinflussen dürfte, und seine Menschen sind noch zu kurz dem Galuth entronnen, als daß sie sich in ihrer Erziehung von den Wirkungen des Galuth schon hätten befreien können. Konstatierungen dürfen daher nur mit Vorsicht gewagt werden, wenn sich ihnen eine Kritik anschließt. * Man könnte Tel-Awiw nach Berlin versetzen, und es würde sich nicht merklich von einem der bürgerlichen Vororte Berlins unterscheiden. Lange Straßenzüge, Villen, Mietshäuser mit Gärten, an lebhaften Straßenecken der Schutzmann, dem das Publikum willig gehorcht, ein paar Hauptstraßen mit Geschäftsläden bescheidenen Umafnges und in den Nebenstraßen mal ein Lebensmittelgeschäft, mal ein Friseurladen. Die Straßen sind gepflastert oder werden gepflastert werden, wenn der Stadtsäckel es erlaubt, und des Abends brennen die elektrischen Bogenlampen. Nur die Trambahn fehlt, denn sie ist überwunden. Ihre Stelle vertritt oer Auto- Omnibus. Vom Orient ist außer der Temperatur und dem klaren blauen Himmel nichts zu merken, während das benachbarte Jaffa mit seinen engen, winkligen Straßen und seinen typischen Einwohnern Orient ist. Die . europäischen Juden Tel-Awiws' haben europäisch gebaut. Nach zweitausendjährigem Exil läßt sich unmöglich sofort das Eigenartige Palästinas erfassen. Darum darf Tel-Awiw nicht getadelt werden, wenn man in ihm heute noch nicht Palästina empfindet. Andererseits steht bereits fest, daß Tel-Awiw die Fähigkeit der Juden zur Selbstregierung bewiesen hat. Sif Aksllüiik/ mp pon fcejei^te SSeamtenapparai imlttontert) und bis Änvrdmmgsn beT s*«««**« vom Publikum respektiert. Dir Polizei ist sogar so stramm, als ob sie in Preußen gedrillt worden wäre. Eine Abschweifung: An den Türen der städtischen Aemter sind Mefuffot angebracht. Wenn auf dem Gericht geschworen wird, dann wird die Hand auf das Chumesch gelegt, und alle Anwesenden setzen den Hut auf. Diese Kleinigkeiten zeigen schon, daß in Tel-Awiw gewisse Imponderabilien wirken, die der Jude sonst überall in der Welt entbehren muß. Imponderabilien gleichen den Wellen, die der Mensch einatmet, ob er will oder nicht. Im Galuth atmet lelbst der thoratreue Juden Bazillen nichtjüdischer Welt- und Lebensanschauung ein. In Palästina jedoch muß selbst der thorafremde Jude Bazillen in sich aufnehmen-, die ihm

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