Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 21 (18.5.1926)
- Date
- 1926-05-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 21 Der Israelit k?' Im heutigen Saloniki. (Aus einem Privatbriese.) Die hier zu behandelnden Fragen gliedern sich in einen allgemeinen Teil, der die s p a n i o - lrsche Ziidenheil ÜKertzällpt Köt^ifft UttZ W einen speziellen, nämlich Saloniki. Im allgemeinen ist zunächst zu konstatieren, daß das ehemals so reiche spanisch-jüdische Geistesleben seit Jahrhunderten verblaßt ist, und dies zu einer Zeit, wo die Aschkenasim eine relative Blütezeit erlebt haben. Man kann dafür m. E. keine anderen Ursachen finden als wirtschaftliche. Denn die Gemeinsamkeit, das Zusammenleben, die Konzentration und die straffe Scheidung nach außen hin sind heute noch immer die gleichen, wie vor Jahrhunderten, die Bodenständigkeit ist damit mindestens so alt, wie die der meisten aschkenasischen Familien, und die Assimilation ist bisher in weit höherem Maße, wie bei uns, verhindert worden. Umgekehrt haben sich nur die wirtschaftlichen Voraussetzungen: aus einem reichen hochkultivierten Gemeinschaftsleben wurde eine Herde zusammengepferchter Flüchtlinge, arm, rechtlos, auf unterster Stufe stehend, und da sich die Lage der Wirtsvölker auf dem Balkan bis vor einigen Jahrzehnten in keiner Weise gehoben hat, ist auch der Druck, den Not und Ausgestoßensein auf die Gastvölker legte, nicht geringer geworden. In der Tat finden wir heute noch alle Sorten von Berufszweigen mit Juden besetzt, darunter Tätigkeiten, die uns Westjuden Staunen abringen müssen, Lastträger, ärmstes Seemanns- und Matrosenproletariat, Kofferträger, Karrenschieber, ungelernte Arbeiter aller Art, — und wer den Orient kennt, weiß, welches Elend und welche Primitivität dies einschließt, Handwerker usw. Diese Tatsache ist keineswegs erfreulich, denn es handelt sich da nicht um die Verwirklichung der bei uns erwünschten Berufsumschichtung, sondern um ein ^beinahe tierisches Vegetieren auf der Straße, mit einem bißchen Reis und Oliven, eine Aufgabe der Persönlichkeit, die wir oft in Gegenden treffen, wo die Natur von selbst fast ausreichende Mittel zum Leben herschenkt. Eine Tatsache, die man i m allgemeinen bereit ist hinzunehmen, deren spezielles Zutreffen auf Juden uns jedoch nicht gleichgültig lfffftn klmn? derftpcmit» liflhen Bevölkerung des Orlenls, lnsdesvndere dem Sitze der beiden größten Gemeinden Saloniki und Konstantinopel, gibt es dann die starke Schicht der Kaufleute, die es in den letzten Jahrzehnten zu gut bürgerlichem Dasein gebracht hat, und deren Stigma noch heute das Heraufkommen aus der untersten Schicht ist. Das beispiellose Fehlen aller Kultur, aller inneren Geistigkeit und Gewachsenheit läßt trotz äußeren Schliffs immer wieder diese Herkunft ahnen und es ist für das kulturelle Niveau dieser Schicht bezeichnend, daß das höchste Ideal darin erblickt wird, von der Heimat wegzuziehen, und sich in Paris oder London niederzulassen und unterzugehen. Das .mangelnde Kulturbedürfnis der großen Masse infolge der wirtschaftlichen Not und der dadurch bedingte Mangel an Befriedigungsmöglichkeiten hierfür machen dem in eine gewisse Sphäre Aufgestiegenen das Bleiben in einem Lande, in dem er nie Wurzel gefaßt hat, zur Sinnlosigkeit und seine bisherige Gemeinschaft im allgemeinen zum Gegenstand der Verachtung, so daß er in den Großstädten des Westens für das Judentum verloren geht. Es muß daher geistige Hilfe gebracht werden. Der zionistische Gedanke hat hier festen und starken Fuß gefaßt, in seinen verschiedenen Schattierungen, von allen anderen geistigen Bewegungen ist das Spaniolentum als Subjekt frei. Als Objekt hat es wohl der Alliance Jsraelite und, wenn man will, auch dem Baron Hirsch gedient. Der Kontakt zwischen Juden und Juden muß wieder hergestellt werden, der günstige Boden muß beackert werden. Pach dem heutigen Stande ist sicher, daß andernfalls mit der geistigen Entwicklung eine sichere Entfremdung von einem Judentum eintrete, das der fpaniolischen Judenheit nur mehr eine äußere Formgemeinschaft geworden ist, deren innere Glut die Jahrhunderte haben erkalten lassen. Die speziellen Verhältnisse in Saloniki haben diese Thesen zu beweisen. An erster Stelle möchte ick» da die Tatsache errvähnen, daß nun - nach kleinlichen Gehälisstreitigkeiten — als Nachfolger des nach Jerusalem gegangenen Rabb. Ouziel ein Aschkenasi an die Spitze der Gemeinde berufen wurde, der Gemeinde, in deren alten Tephilloth mit Stolz vermerkt war: „ki misalonik teze thoro" und die heute keinen einzigen mehr hat, der ihr Oberhaupt zu sein, würdig scheint. Natürlich hängt diese höchstbetrübliche Tatsache in Saloniki speziell mit dem großen Brande zusammen, der 1917 auf Befehl des in vielen Beziehungen abnormalen Generals Sarrail den alten Stadtteil, darunter natürlich das Judenviertel mit den meisten Synagogen und der berühmten Bibliothek, in Asche legte. Das lokale, wie auch das geistige Zentrum der Gemeinde Saloniki wurde damit vernichtet; seitdem hat das „Lernen" aufgehört, es existiert nicht mehr eine einzige alte Synagoge. Dagegen wurden zwei neue im Villenviertel erbaut, und einige kleinere Baracken und gemietete Wohnungen bieten heute den Betern der 80 000 Seelen zählenden Gemeinde Platz. Die Mauer zwischen Juden und den anderen Völkern ist vielleicht am besten dadurch charakterisiert, daß bei den griechischen Wahlen Juden getrennt wählten, und diese Ausnahmestellung ziemlich selbstverständlich hingenommen wurde, daß weiterhin in vielfacher Hinsicht (z. B. Besteuerung der Mitgift nach dem Ehevertrage) Sondergesetze für die Juden erlassen werden. Nebenbei bemerkt sei, daß übrigens ein großer Teil der Juden heute noch, seit 1942 panischer Nationalität ist, und nur der kleinere Teil auch wirklich Untertan des Staates ist, dem er seit Jahrhunderten politisch zugehört. Diese Sonderstellung wird ferner nach außen in der Namensnennung, in der sabbatlichen Geschäftsruhe und vor allem auch in der Sprache, judeopaniolisch (ein spanischer Dialekt, mit griechischen, ürkischen und hebräischen Vermischungen, sagen wir einmal, ein spaniolischer Jargon), in eigenen Zeitungen, ja sogar in der schlechten Beherrchung der Landessprache bewiesen. Folge dieser Abgeschlossenheit und der schon oben charakteri- ■ie-rien lIrtc*e?|’trcf£'eTi ij’t rturt^ das üä)c Gemeinschaftsleben der Juden aus hohlstem Formboden bewegt. Die Leute etwa, die am Sabbat ihr Geschäft schließen, sind in keiner Weise noch als orthodox in unserem Sinne zu bezeichnen. Sie schließen das Geschäft Freitag abend lang nach Nacht, sie rauchen, zahlen, fahren usw., machen in ihrem Privatleben was sie wollen, tun dies insbesondere auch auswärts, weniger, weil sie fromm oder nicht fromm sind, sondern weil sie gar keine Ahnung vom Gesetz haben. Alles, was sich in äußerlicher Form abspielt, hat )ier, wie überhaupt beim Orientalen, eine große Bedeutung, ohne daß man die dahinterstehenöe Idee erfaßt hat. Sowohl das Gebet, oder das Schließen der Geschäfte am Sabbat, als auch die onstige äußere Zugehörigkeit zum Judentum pielen sich in rein formalem Gebiete ab. An geistigen Bewegungen gibt es außer ziemlich vielen Wohltätigkeitsinstituten nur den Zionismus, der vor allem in den letzten Jahren durch tiefgehende und vorbildliche Propaganda all das hier geschaffen hat, was sonst an geistiger Bewegung vorhanden ist. Zweifellos macht er auch auf diesem noch recht unbeackerten Boden große Fortchritte und man darf sagen, daß der größte Teil 1er jüdischen Bevölkerung hier sich zu Zionisten rechnet, allerdings in verschiedenen Schattierungen. Das einzige, was hier unseren Verhältnissen gleich ist, sind die Nationalsondsbüchsen und die Hingabe und Opferwilligkeit mancher Kreise ist unbeschreiblich. _ 18 Mail926 , Somit kann man wohl sagen, daß, wenn überhaupt, die Unterhöhlung des Judentums hier von innen kommt, es stirbt an seiner Hohlheit, und das einzige Rettungsmittel scheint mir die geistige Hilfe zu sein. Inwieweit an diesem Zustande auch die rassenmäßige Degeneration durch Jneinanderheiraten immer derselben Familien, die hier in viel größerem Maße noch als bei uns stattfindet, schuld ist, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht wäre dies auch ein Gesichtspunkt. Maische Hlrakenkypen. Von Kans Amöor tn Kaifa. Der jüdische Schuhputzer: Jung ist die Gilde der jüdischen Schuhputzer in Haifa, kaum zwei Monate alt doch sie setzt sich durch: Trotz der höheren Preise gehen doch die meisten Juden nur zu den jüdischen Schuhputzern das Zusammengehörigkeitsgefühl hier im Lande ist doch ein größeres! — Ich erwähnte höhere Preise — es ist interessant, wie es dazu, d. h. zu einem Preisunterschied. kam: Seit jeher hatten die Stiefelputzer aus den Straßen 1 Piaster verlangt und auch bekommen, — einige Jungen ausgenommen, 10—13 jährige Kinder, — die nur auf diese Weise ihre erwachsenen Kollegen hatten schlagen können. — Mit dem Tage aber, da die jüdischen Schuhputzer austauchten — wurden die meisten der Araber billiger, waren genötigt, es jetzt genau so zu machen wie ftüher die Jungen, um nicht gänzlich .den Markt zu verlieren." Da aber im größten Teil Palästinas l und lj2 Piaster die kleinsten Münzen sind, so macht die Differenz 50 pCt. aus. Schon äußerlich unterscheiden sich die jüdischen Stiefelputzer von ihren arabischen Kollegen; während nämlich die Araber verschiedenfarbige, mehr oder minder mit Messing verzierte Putzkisten haben, haben alle jüdischen Putzer einheitliche blaue Kasten mit weißer Reklameausschrist, welche ihnen die Schuh, cremesabrik, die ihre Ware daraus anpreist, als Reklame zur Verfügnng gestellt hat. Einer unter diesen Schuhputzern, ist ein gelungener Junge; er wacht geradezu darüber, daß jüdische Passanten ja nur bei den Juden sich putzen lassen, — es mutz nicht gerade er selbst sein — und wenn er einen Juden bei einem Araber sieht, beginnt er laut zu protestieren; geht man das nächste Mal zu ihm, dann hält er einem die Unrichtigkeit seiner Handlung vor und will beweisen, daß nur er, der ..Jüdische Schuhputzer" fein Handwerk versteht. Cr wäscht die Schuhe erst ab, d. h. er seist sie mit einemRasterpinsel regelrecht ein, als ob er sie „rasieren wollte", wäfcht sie dann ab, putzt sie dann mit einer Pasta und dann mit einer zweiten und erzielt so nicht nur einen seltenen Hochglanz — sondern auch die Zufriedenheit des Clienten. Ja. auch beim Schuhputzen wird man hier erinnert, daß man in Erez Jisrae Der jüdische Chauffeur: Die Autounternehmungen sind im Lande zum großen Teil in üdischen Händen, speziell aber sämtliche Autobusinternehmungen. So in Jerusalem. Jaffa, Tel-Aviw selbstverständlich und auch Haifa. Nachdem es Straßenbahnen nicht gibt. wickelt sich der HauvtaßiM* uß? Autübus aß. Dis zwei ZMvlllnM in Haifa sind nach dem H-tdar Itttd Büth Galim. Der Verkehr ist kein gerade einwandsteier. peziell der nach letzterem Vorort Haifas nicht — aber man ist auf ihn angewiesen, — will man nicht einen Wagen nehmen oder eine halbe Stunde zu Fuß laufen. Bon den vielen Chauffeuren will ich einen herausqreifen, den beliebtesten. Er ist ein russischer Jude, seit mehreren Jahren im Lande — und spricht natürlich außer Hebräisch auch Jiddisch und Arabisch; er wohnt selbst mit seiner jungen Frau in Bath- Galim und dürfte eine ..bessere" Jugend gesehen haben. Warum er eigentlich beliebt ist, weiß ich nicht. Er ist wohl immer fteundlich — aber dies könnte man auch von anderen sagen — immer zuvorkommend, aber mit halbleerem Auto zu fahren, wie man's oft von ihm verlangt, das tut auch er nicht; und trotzdem: Gibt's am Abend irgend eine Feier, zu der außertourlich ein Auto beansprucht wird, dann geht man stets zu ihm und bestellt ihn mit seinem Autobus und Datkin kommt sicher und pünktlich! Er ist ein großer Kindersreund und oft nimmt er Kinder bis in die Stadt mit und läßt sie neben sich sitzen „chauffieren'! Wie lieb er dabei mit den Kleinen umgeht und es versteht, ihnen den Glauben, daß sie das Auto regieren, zu lassen! Aber nicht nur in seinem Auto, anch sonst, wenn er Kinder trifft, stellt er sich zu ihnen und spricht mit ihnen. Unlängst spielte der 2jährige Junge unseres Hauses vor demselben mit seinem Fußrad. da es ihm nicht gelang, vorwärts zu kommen, führte ihn Batkin zweimal, zur größten Freude des Jungen auf dem Trottoir auf und ab. Ja, es hat doch seinen Grund, daß er der beliebteste Chauffeur ist! ....