Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1926)
- Date
- 1926-05-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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SS* Der Israelit Die Perle von Aegypten. Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). Am Sonntag vormittag fuhr aber der amerikanische Wagen vor das Schneiderhaus und ihm entstieg Mister Heymson in seiner weißgelben, gut gebügelten Hose mitsamt seiner Lady mit Flor und Lorgnette. Koppel fiel beinahe vor Schrecken vom Tische. Wie er aber glücklich auf den Beinen stand, wischte er mit dem ersten besten der herumliegenden Tuchstücke die zwei Holzstühle sauber für die Herrschaften. Dwoire, die SchneiderstmUj griff in panifdpr aSejtür^ung nach bem Dkfm und lehrte fast McrklvZ damit Nur Benze, der Geselle, blieb ruhig mit unterschlagenen Beinen auf seinem Schneidersitz bei der Arbeit. Es war schon geradezu herausfordernd, wie er da saß und gar kein Auge hatte für den feinsitzenden Anzug des Amerikaners und die ägyptischen Steine der hohen Dame. Die „hohe Dame" mußte, ob sie wollte oder nicht, auf dem mit einigen Tuchstücken gepolsterten Stuhl Platz nehmen, da sie stehend, lang und dürr, mit ihrem knappen Filzhütchen die niedere Decke berührte. Für Heymfons untersetzte Gestalt langte es zur Not, und so blieb er stehen, die Hände in die weiten Hosentaschen vergraben, und sah sich wie belustigt die etwas armselige Umgebung an. Was er wollte? Man würde es im Städtchen als Unhöflichkeit und gröbliche Beleidigung betrachten, einen Menschen, der ins Haus kam, nach seinem Wunsche zu fragen. Man kommt eben, weil man kommen will, weil man sich „durchreden" möchte. Muß denn jede Tat und jeder Schritt einen Grund haben? Hat unser Leben immer Grund? Hat unser Kommen auf die Welt und unser Scheiden aus derselben immer sichtlichen Grund? Daß Heymson als Kunde kam, dieses durfte Kostal bsi feinor MMenen ©ci&ftrtnf^äft««g sich nicht einbilden. Solche amerikanische Arbeii, mit den Schnallen und Knöpfen, alles auf Seide gearbeitet und mit den Bügefalten wie aus Stahl, war nicht seine Sache. Aber es schmeichelte ihm, daß sich mit dem Mann, der die Sensation des Städtchens war, soviel Sonne auf seine arme Schneiderhütte herabgelafsen hatte. „Es ist alles noch wie es war," fing Heymson an, als wäre diese Feststellung einzig der Zweck feines Besuches, „wie wenig Anspruch die Menschen hier auf Raum und Weite, auf Licht und Luft machen! Hier, wo doch so viel Platz den Menschen zu Gebote steht, wo doch schon gleich jenseits der Gasse Land und Feld in weiten Flächen liegen, hier sind die Häuschen eng aufeinander gebaut und die Gaffen so schmal angelegt, als wäre hier jede Spanne Boden eine Goldmiene. Und diese kleinen Häuschen, diese niederen Decken, wo doch das Bauholz so wohlfeil ist. Es ist noch alles wie es war, es ist noch kein Lichtstrahl in dieses kleine, finstere Leben gedrungen." Koppel seufzte wohlbehaglich, wie man zu seufzen pflegte, wenn man sich einer großen Dummheit überlegen fühlt. „Es ist Narrheit, nichts für ungut, Herr Heymson, Narrheit, all das mit der Sonne, mit dem Raum und mit der Luft. Man'lebt nicht von Sonne und Luft. Ein Jude muß Existenz haben, da sitzt man bei der Arbeit, die Gottlob nie ausgeht, hört von der Klaus her ab und zu ein jüdisches Wort, vertraut auf Gott und ist zufrieden. Was braucht ein Jude mehr? Es steht geschrieben: Wer ist reich? wer froh ist mit seinem Anteil." „Die Hallen und Räume müßt Ihr sehen, in denen dort, in Amerika, das Schneidergewerbe ausgeübt wird. Wie da das Licht durch Glasdächer und Glaswände von allen Seiten hereinflutet." Reifete kam still und dienstfertig, in der Vermutung, es seien Kunden da, die ihre Mithilfe erforderten, aus der Küche und da sie die letzten Worte des Amerikaners hörte, dachte sie: „Er lügt. Dort kommt ewiger, dicker Rauch aus hohen Mauern, und die Menschen verschmachten drinnen ohne Luft und ohne Sonne." Das hatte sie von Benze,.der das besser wußte. Als sie zu diesem hinauf sah, erschrak sie fast. Er saß mit finsterem Gesichte und bösen Augen da, fuhr wütend mit der Nadel aus, als wollte er Löcher in die Welt stechen. Solche Augen hatte sie bei ihm sonst nur wahrgenommen, wenn Valentin Quark, der Sohn des deutschen Gutsvertnalieve, ein schmucker luftiger und lustiger Stu- Kleider zum Ausbllgoln billigte und ihr, Neisele, scherzend sagte, sie sei schönste Judenmädel, das er je im Leben gesehen, eine Judith, eine Susanna, eine Sulamith, sie habe einen Rosenmund wie die heilige Jungfrau und Augen, die den Himmel in die Herzen der Männer tragen. Dieses konnte Benze, obwohl er dem lustigen Studenten im allgemeinen wohl geneigt war und seinen Späßen aus dem Königsberger Studentenleben gern zuhärte, nicht ertragen. Und Benze war es auch, der es durchgesetzt hatte, daß Neisele, wenn der junge Quark oder andere aufgeputzte Kavaliere ins Schneiderhaus kamen, aus der Werkstatt blieb. Auch jetzt hatte Benze Grimm, Verachtung und Bitterkeit im Gesicht. Reifete kannte diese Augen und hatte sich oft über sie belustigt. Heute erfüllten sie sie mit Unruhe. Jetzt aber hatte Mister Heymson mit geübtem Blicke das junge Mädchen erfaßt, tat die Hände aus den Hosentaschen und setzte sich behaglich auf den zweiten gepolsterten Sitz, als fei er erst jetzt zum eigentlichen Zwecke seines Besuches angelangt. Prüfend und bewundernd fuhren feine Augen über die liebliche Gestalt. Er lächelte wohlgefällig. Auch die Dame setzte ihr Glas auf und sagte etwas, was nur Heymson verstand, denn er nickte lachend. ssEs ist Tochter?" ging her Amerikaner aus den zweiten Teil über. „Meine Tochter, so ist es Cha-er verbesserte sich rasch — Herr Heymson. Man wird alt. Wir Ihr damals das Städtchen verlassen habt, war sie noch ganz klein, vielleicht noch gar nicht auf der Welt. Wie lang ist es wohl her?" „Ein schönes Kind", lenkte Mister Heymson ab, dem es nicht behaglich war, Berechnungen früherer Zeiten nachzugehen. „Wartet, ich hab's", ließ sich der Schneider nicht irre, machen. „Mein Berele kam gerade ins Cheder, war also fünf Jahre alt, ist mit achtzehn hinüber gefahren und ist jetzt sieben Jahre dort. Er zählt also fünfundzwanzig. So sind es denn gut zwanzig Jahre, daß Ihr hinüber seid. Kinder werden Leute, große Leute", verbesserte er sich, da ihm die Feststellung in der üblichen Form zu gewöhnlich für solche Größe schien. „Euer Sohn ist in Amerika?" fragte Heymson, nur um aus den alten Rechnungen herauszukommen. „In Amerika. Am Ende habt Ihr ihn gar schon irgendwo gesehen." „Sicher werde ich ihn irgendwo gesehen haben, wenn nicht in der Bank, so doch auf dem Sportplatz, beim Rennen oder sonstwo." „Mein Berele ist Schneider wie ich. Was sollte er auf der Bank tun oder gar über den Platz rennen?" „Schneider?" sagte Heymson etwas zerstreut, ohne ein Auge von dem Mädchen abzuwenden, „dann sah ich ihn in her Fabrik, vielleicht auf einer Ausstellung oder einem Meeting. Wo ich nicht überall hinkomme! Wer kann das alles so genau im Kops haben? Und was macht Eure Tochter?" „Sie macht, was alle jüdischen Töchter machen und wird, wenn es Gottes Wille ist, brave, fromme Frau eines frommen jüdischen Mannes sein." „Es wäre schade", warf Heymson leicht dahin. „Was sollte da schade sein?" „Ihr solltet sie nach Amerika schicken. Dort ist das rechte Land für solche gut geratenen Kinder." Amerika! Reisele überlief es kalt. Sie hatte genug vom Rauchqualm und den hohen, dumpfen Mauern, von denen ihr Benze so viel erzählt hatte. Unwillkürlich sah sie zu dem Gesellen hinauf. Dieser aber saß still da und starrte böse vor sich hin. „Amerika", setzte Mister Heymson fort, „ist das Land, wo der Mensch nach seinem wahren Werte zur Geltung kommt. Hier ist schlechte Erde, in der die schönsten Menschenpflanzen verderben. Tv Vrhön^eit urtb Qiefareta tragen dort reiche Zinsen. Hier ist cs tvtcs Knfsiat." Benzes Blicke wirkten jetzt beinahe so siechend wie seine Nadel, so daß Heymson eine Weile inne hielt. Dann aber redete er unbeirrt weiter: „Sie wird dort ihren Posten finden, wie eine Fürstin in Glanz und Pracht leben, es kann ihr und Euch allen geholfen fein. Was an mir liegt. ..." Koppel verstand zwar nicht im geringsten, wo der hohe Herr hinaus wollte, aber er hielt es doch für ein Gebot des Anstandes, mit einem höflichen Worte zu quittieren: „Euer seliger Vater stand gut zu unserem Hause, brachte mir auch manchen Kunden, und ich sagte ihm schon immer: Aus Eurem Chajimke wird noch etwas ganz rechtes. Wann gedenkt Ihr nach Amerika zurückzukehren." „Es kann wohl noch ein ganzes Jahr darauf gehen. Werden uns noch ein bißchen in Europa umfchauen. Habe noch Geschäfte in Paris, Berlin, Wien, Antwerpen und London und komme noch einmal in die Gegend." Den Schneidersleuten wurde es ganz schwindelig bei der Namensnennung dieser Märchenstädte, wo Mister Heymson Geschäfte hatte. „Dank für gute Worte", sagte Koppel. „Und von wegen Amerika, so hat mein Sohn Berele wohl am scholl oavoll grMM-ps Neisele gu ihm komme. Cs hat aber keine Eile." „Euer Sohn?" lachte Heymson sehr erfahren. „Höret, Mister Koppel, und laßt Euch belehren. In Amerika gibt es keine Brüder und keine Verwandte. Jeder ist auf sich selbst gestellt. Und wer nicht mitkommt, der kommt unter die Räder, und der Karren geht weiter." Es schauderte Koppel bei diesem knarrenden Bilde aus dem großen, weiten, reichen Amerika. „Eure Tochter", gab Heymson den Faden nicht aus der Hand, nachdem Reisele längst aus dem Zimmer gegangen war, „hat das beste und reichste Vermögen für Amerika. S i e kommt mit, sie kommt hoch. Sie bedarf nicht der Hilfe eines Bruders mit armseligem Schneiderlohn." Da Koppel immer noch keine Ahnung hatte, was Heymson mit all dem sagen wollte, bemerkte er bescheiden, um nur etwas zu sagen: „Wir sind arme Leute und strecken uns gerne nach der Decke. Man soll immer nach Maß arbeiten. . . ." „Von Geld ist hier nicht die Rede", wurde der Amerikaner deutlicher. „Wir sind in Amerika so überreich an Vereinen und Hilfskomitees, ich selbst stehe vielen vor. Für die Kosten kann schon gesorgt werden. Nichts leichter als das. Ueberlegt es Euch recht, Meister Koppel. . . ." Die schlanke Lady, die nur hie und da ein verständnisloses Wort wie ein Kieselstein von sich gab, sagte wieder etwas, was keiner verstand. Sie gingen, gefolgt von vielen Verbeugungen und