Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1926)
- Date
- 1926-05-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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BST Der Israelit mm Die Perle von Aegypten. Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Izchaki. (Fortsetzung). Leibe der Zirulnik lebte längst nicht mehr, dessen Frau auch nicht. Das Häuschen neben der Feinbergschen Klaus war abgebrannt. Kussel, der Chewra-Schames bahnte sich mit seinem großen Knotenstecken einen Weg durch die Gaffenden bis an den Wagen und fragte devot, indem er, »>xe oor bem Pristcxrv. ben Syut abnahm. dD er Den Herrn yi'n-rus «ujU rrg«ie Zum Grab des Vaters führen sollte. Heymson wehrte leicht ab und ging schweigend mit seiner Dame ins Feinbergsche Herrenzimmer, dessen Fußboden zu Ehren des hohen Besuchs frisch gescheuert worden war. Die Herrschaften blieben mehrere Tage ohne sichtbares Ziel im Städtchen. Das Auto stand aus Mangel an einer Garage auf offener Straße, einmal da, einmal dort, und der Schwarze hatte Mühe, die immer mutiger und vorwitziger werdende Jugend mit Zähnefletschen und Fingerdrohen, auch gelegentlichen Püffen sich und dem Gefährt vom Leibe zu halten. Der Amerikaner bewegte sich Arm in Arm mit seiner Lady durch die Straßen, vorsichtigen, behutsamen Schrittes, trippelnd, ausweichend, Pfützen umgehend, als führten sie einen exotischen Tanz aus. „Das ist amerikanischer Gang", entschied das Städtchen. Er hatte eine kurze, schwarze elegante Jacke zu gelbweißen, gutgebügelten Hosen an, einen breiten roten Gurt statt Weste um den üppigen Leib und weiche, feine Wäsche. Wenn er den Strohhut an den Brustknopf hängte, leuchtete ein fast kahler Kopf in der Sonne. Ein aalglattes Gesicht mit spitzem Kinn von etwas fahler Farbe war belebt von kleinen schwarzen spähenden Augen, und in den Mundwinkeln saß ein Lächeln, das wie ein an- ZsstköNgtgg Auworlyen- Lkökrn M-f-ch' diesen Augen und diesem lauernden Zuge um den Mund erkannten die Aelteren den Chajimke von einst wieder. Die Lady hatte eigenartige, halb männliche Gewandung an, reich und dürftig, einfach und üppig, fein und derb zugleich. Alles an ihr war bei großer körperlicher Länge knapp bemessen, die Haare, der Rock. Auch die Nase war zu kurz für die große, schwarzumränderte Hornbrille. Die wehenden Bänder wiederum waren zu lang und zu lustig für das harte Gesicht aus Stein und Eis. „Eine amerikanische Eruwstange", rächte sich Kussel, der Chewraschames, mit einem boshaften Witz für den Ausfall des Trinkgeldes am verschmähten Grabe, der gleich Gemeingut der Gasse wurde. Die Bezeichnung lag Kussel sehr nahe, dieweil es zu den unzähligen Obliegenheiten dieses im Passe als „berufslos" bezeichneten Mannes gehörte, jeden Freitag die Stangen und Drähte des Eruw auf ihre Intaktheit nachzuprüfen. Diese „amerikanische Eruwstange" war aber nach oben reichlich mit Gold und Brillanten verziert, die Kussel, dessen kurzsichtiger Blick aufs Ganze ging und für den im allgemeinen der Mensch das war, was er ihm einbrachte, nicht zu sehen brauchte. Besonders waren es die hängenden Ohrringe und eine Nadel, die die Mantille der Lady am Halse zusammenhielt und die am Abend leuchteten und blitzten wie die Glühwürmer in der Nacht, welche alle weiblichen Augen im Städtchen blendeten, alle weiblichen Seelen im Banne hielten. Bald standen diese Steine mehr im Mittelpunkte des Interesses als ihre Trägerin und deren Begleiter. „Aegyptifche Perlen", raunte man sich fast andächtig zu, als gäbe man sich ein süßes Geheimnis von Mund zu Mund. Wie das klang! Was waren alle Reichtümer von „Mates dem Gewir", ja alle Mühlen und Wälder von Rabinowitz, dem reichen Holzhändler, gegen eine solche ägyptische Perle? Irgend jemand hatte es herausgefunden, vielleicht von den Herrschaften selbst gehört, und nun lag das Wort von fernem, bestrickenden Klange in aller Mund, ohne daß es einer genauer hätte beschreiben können; die Perlen von Aegypten!- Auch mit Reisele ging das Wort herum. Durch ihre Träume reihten sich leuchtende Perlen und zogen sich in weite, weite Länder. Nicht etwa, daß sie so sehr begehrlich gewesen wäre nach Slsnz und Tand. Wer kms Ferne, liche urtb Geheimnisvolle dH dtzM SBDItß llllhlll auch ihre Sinne gefangen, wie ein Wunder aus fernen, fremden Welten. Das Schmuckgehänge der Amerikanerin blendete weniger ihre Augen, leuchtete mehr in ihr Inneres, wo Perlen von seltsamem Glanze aufblitzten. Sie dachte ja nicht viel daran, aber sie saßen in ihrer Seele, diese Perlen von Aegypten. Und einstens, als der Mond auf ihr Bett schien, träumte sie, sie sei selber so eine Perle, eine echte aegyptifche Perle, von vielen bestaunt und begehrt. Viele Hände streckten sich nach ihr, rangen und rauften um sie, warfen sich zur Erde, wälzten sich im Kote, beteten sie an, griffen nach ihr mit gierigen, glühenden Augen und rohen Hände, daß es sie schmerzte. „Wo ist Aegypten?", fragte sie Benze, den Gesellen, der ja alles wußte. „Aegypten liegt weit, sehr weit", sagte er etwas abwesend und unbestimmt. „Weiter als Amerika?" „Es ist eine andere Weite, andere Wege und andere Meere führen dorthin." „Und es gibt dort so viele kostbare Perlen? Du weißt ja alles." Benze erwachte wie aus einem Traume und er sprach so, als lese er etwas aus einem Buche: „Es ist ein fernes, sehr fernes Land und perlenbe^ät kremt* bet? Smtb in der heißen SoNNe. Schon unweit Des Ufers erheben sich Ml ggfflflls tigen Steinhaufen, kunstvoll auf-- und über-, einandergebaut, Schicht auf Schicht, wie gewaltige Berge, die zum Himmel ragen. Sie nennen sie die Pyramiden. Und auch diese Quadersteine leuchten von oben bis unten in blendendem Perlenbefatze. Die Perlen sind aber versteinerte Tränen, die viele Menschen viele Jahrhunderte hier geweint hatten, weil sie erbarmungslos in der Glut des Tages und der starren Kälte der Nacht hier unter dem Sklavenjoche der Arbeit gehalten wurden, weil sie die Steine herbeischaffen und die Ziegel selbst Herstellen und sogar das Stroh dafür sich zusammenlesen mußten, beständig unter der Peitsche der Treiber. Die schönsten und glühendsten Perlen und Edelsteine sind aber aus Tränen entstanden, die' Väter und Mütter geweint haben, da sie mit eigenen Augen sehen mußten, wie ihre Kinder zwischen die von ihnen selbst errichteten Mauern eingebaut wurden. Aus Tränen entstehen die Perlen als Augenweide der Menschen, die „aegyptischen Perlen". Reisele schwieg nachdenklich. Sie dachte an ihren sonderbaren Traum. „Und diese Sklaven, die Perlen geweint haben, waren Juden, unsere Väter in Mizrajim." „Du weißt allem einen anderen Sinn zu geben", sagte Reisele mit leisem Groll und nicht ohne Bewunderung. „Dieser andere Sinn ist aber bisweilen der einzig richtige. Denn wo ist Sinn darin, wenn die Leute mit weitgeöffnetem Munde ein glitzerndes Gehänge an fremden Ohren angaffen und bestaunen? Ich sage Dir, Reisele, es ist kein Glück daran. Es könnten falsche Steine sein, für billiges Geld auf dem Jahrmarkt gekauft. Sie sind aber doppelt falsch, wenn sie echt sind. An Perlen und Diamanten haften Tränen." „Du bist ein Philosoph und ein Moralist", sagte Reisele und hob die Augen zu ihm, daß er glaubte, die scheidende Sonne sich darin spiegeln zu sehen. Er wandte das Gesicht ab. „Verzeihe, Reisele, wenn ich so anmaßend spreche und Dir die Illusion, die Freude am Glanze, auf die Du Anrecht hast wie alle anderen, nehme. Ich bin ein wenig anders wie die anderen. Es macht dies mein etwas abseitiger Lebensweg. In Cheder und Schule habe ich manches in mich ausgenommen, das erst auf der Schneiderbank, wo die Stunden so nachdenklich und beschaulich sind, nach ganz eigener Fasson in llür fommt. Bist Dll mtr böse," „Jll.-Well Hu fo viel gescheiter? bist als ich und alle anderen." Sie lachte. Er schämte sich ein wenig. Sie lechzt nach Wärme, nach Schönheit, nach einem lieben Worte, dachte er und ich gebe ihr wie ein echter Schulmeister weise Lehren. Ich müßte mehr wie ein Mann zu ihr sprechen, nahm er sich zum so und sovielten Male vor. III. Als der Sabbat kam, setzte es einen Kompetenzstreit ab zwischen verschiedenen Bethäusern, die auf den goldenen Fang Anspruch erhoben. Die „Schul" auf dem Markte konnte nach langer Zeit wieder einen kleinen Geldregen brauchen. Der Ofen war defekt, die Galerie beschädigt, der Verputz an der heiligen Lade mit den vielen holzgeschnitzten Löwen und Adlern verblaßt, Chajim, der Schames, schrie, so gut er schreien konnte, nach rückständigem Gehalte von vielen Monaten und drohte mit Schließung, das heißt mit N i ch t - öffnung des heiligen Raumes, denn keiner würde sich morgens in die Schul hineingewagt haben, bevor Chajim mit den drei Hammerschlägen an die Außentüre die abgeschiedenen Seelen gemahnt hatte, nun den Lebenden den Platz zu räumen. . . . Dowid Leb, der Schames der Schneiderklaus, hatte aber mit seinem Gabbe, Pinne dem Mützknmllchereine hnnpMifstch* atuSeinonb«= setzuug über die gang untaugliche Form, Die letzterer für die Einladung an den „Amerikaner" zu wählen beliebte. In gehobener Stimmung, nach Einnahme eines beträchtlichen Quantums vom „Preußischen", hatte er nämlich den Amerikaner auf offener Straße am Rocke gepackt und ihm in sehr wackeligen, nicht gerade wohldurchdachten Sätzen zu verstehen gegeben, er möge wissen, daß sein Vater Haarschneider und noch anderes war, eine scharfe Scheere und Zunge hatte und, wenn er überhaupt betete, all seine Sünden — die Luft sei noch voll davon — in der Schneiderklaus ablud. Also wäre es nur recht und schicklich, daß auch er, der Sohn, die Betstätte des Vaters aufsuche, die Beter mit einer Riesenspende verblüffe und zudem noch alle Schneider und Schuster und Fuhrleute und Schindelmacher und selbstverständlich Haarschneider mit einem „Kiddusch" reguliere, daß die Welt von Haudu bis Kusch bis ans Ende der Zeiten davon spricht. Er, Pinne, habe schon jetzt, am Donnerstag, gleichsam als Auftakt, bei Leibe Tirze Sores, dem Schenker, der natürlich nichts schenkt, ein tüchtiges vorweggenommen — auf Konto des amerikanischen „Kiddusch". Diese Form hielt Dowid Leb, der „Nikolaiewer", für ganz und gar verfehlt. Nur er, Dowid Leb, wisse, wie man mit Obrigkeit verkehrt, und er sparte nicht mit' saftigen Redeblüten, die die Gasse „russische Mischeberachs" nannte. Als sich zum Schluß gar der eine am Barteigentum des anderen vergriff, wirkte dieses