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Der Israelit · 1926-04-29 · Heft 18 (29.4.1926) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 18 (29.4.1926)
Date
1926-04-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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KT' Der Israelit Die Perle von Ägypten. '»7*5*’ Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Izchaki. (Fortsetzung). Zuweilen, wenn der Abend heranblaute, wagte Reisele sich mit ihren Freundinnen hinaus. Diese hatten aber ihre eigenen Geheimnisse. Wenn gerade kein Feiertag in Sicht war, so daß die Werkstatt Koppels zeitig ruhte, stand auch Benze, der ss schreit, tsts lgzlllöll Äiö üsjtzökl absichtlich über einander hinwegsehen, aus daß sich irgendwo ganz weit ihre Blicke zusammen träfen. „Äst Amerika sehr weit?" fragte Reisele versonnen. „Weit, sehr weit." „Geht es d a hinaus?" wies das Mädchen mit der Hand nach der Straße am Waldrande, über der die Sonne rund und feuerrot am Horizonte stand. „D a hinaus mit Wagen oder zu Fuß bis zur Station, von wo eiserne schmale Schienen nach Tilsit führen. Von dort führen große Wagen auf breiten Geleisen über Deutschland oder Holland oder Frankreich zum Meereshafen. Ein riesiges Schiff nimmt die Reisenden auf und bringt sie durch die kochenden Wellen in zehn oder zwölf ,en nach New-Pork, wo Amerika anfängt. „Und dort?" ^„Dort sind hohe Häuser, viel höher wie die üme da, die die Sonne verdunkeln. Aus den ^,§en Schornsteinen kommt ewiger Rauch. Man hört nicht den Bach rauschen und sieht nicht die Sonne rund und rot untergehen. In riesigen Sälen rattern viele Maschinen und schwitzen viele Menschen. Keiner sieht den blauen Himmel, die rote Sonnenkugel. Alles hat nur e i n Ziel: verdienen, Geld, Geld! . . ." „Wie schön du das schildern kannst." „Ich habe es oft in Büchern und Zeitungen gelesen, und dein Bruder Verle schickt mir auch große Zeitungen, „Letters" nennt er sie. Sie sehen so aus, als wären sie aus dem Rauch und Staube der Wolkenkratzer geboren. Das Ganze ein Jahrmarkt des wilden Geldverdienens, auf Am such einiQQ MW Spielereien gn find." „Und nach diesem ekelhaften Lande willst du hin?" „Ich muß. . . . Aber ich bleibe eben dort nicht länger als ich muß." „Willst dort Geld verdienen und wieder he im kommen?" „Und heimkehren, nach unserer alten Heimat Erez Äisroel." Die süße Innigkeit, mit der die letzten Worte herauskamen, ließ Reisele eine Weile in nachdenklichem Schweigen verharren. Dann fragte sie: „Äst es dort anders?" „Dort in Palästina leuchtet ewige warme Sonne vom blauen Himmel herab. Die Berge prangen in ewigem Grün und die Herzen sind der Schechina weit und froh geöffnet. „Seelenbelebend ist die Luft des Landes", heißt es im Liede von Jehuda Halevi."- Und sie gingen auf verschiedenen Wegen ins Schneiderhaus zurück. Äm Städtchen hätten die Nähmädchen Zippes darüber getuschelt, wenn Benze und Reisele zusammen in der Dämmerstunde die Gasse hinaufgekommen wären. In der Schneiderklaus schlug Dowid Leb dröhnend aufs Pult und Pinne stimmte weinerlich Wehu rachum an. Vom Njemen her kam der Heimwehgesang der Flößer herüber. II. Wie nach einem langen Winter der Frühling wieder erblühte, der Njemen seine Eisdecke sprengte, der hartgefrorene glitschige Sumpfboden im Städtchen wieder weich und nachgiebig wurde, die Mühle hinter der Klosterkirche wieder mahlte und die Wiese davor sich mit frischem Grün bedeckte, kam hoher Besuch ins Städtchen, dem gewisse Erinnerungen, die er bei der älteren Generation weckte, nichts von seinem Nimbus nehmen konnten. Er kam ja aus Amerika, aus dem Lande, wo „das Geld auch die Bastarde reinigt", wie sich Eisik der Melamed mit einem Talmudzitate ausdrückte. In aller Erinnerung stand noch „Leibe der Zirulnik", der im Häuschen vor Feinbergs Klaus die Bauern einseifte und rasierte. Leibe besaß noch u&m Wigksitm. or fpratf) will schrieb Russisch und kannte sich in ben Gesetzen aus wtö ein gerissener Advokat, war auch persona grata beim Urandnik und Pristaw, die er eigenhändig rasieren dürfte. Und da es seit undenklichen Zeiten allenthalben so ist, daß man dieses nützliche Geschäft nicht schweigend ausübt, so bezog Leibe von manchem Geschäftsmann, dessen Gewissen hinsichtlich Patentes und verwandter Dinge nicht ganz rein war, von manchem Vater, der einen Sohn mit etwas unklarem Militärverhältnis hatte und auch sonst von vielen, die aus gewissen Gründen keinen Wert darauf legten, bei der hohen Obrigkeit genannt zu werden, hübsche Bezüge, daß er beim Rasieren der hohen Herren nicht von gewissen Menschen und Dingen spreche. Da er zuweilen dennoch sprach, nannte man ihn gelegentlich auch „L e i b k e der M o s s e r". Chajimke, Leibes Erstgeborener, schlug so ziemlich dem Vater nach. Schon als Kind war er der Schrecken seiner Kameraden und später der Schrecken des ganzen Städtchens. Er stahl auf dem Markte — weil es nicht lohnte, in die leeren Taschen der jüdischen Mitmenschen zu greifen und wurde gelegentlich von Bauern verprügelt. Er trieb sich zwischen den Fuhrleuten und vor den Dampfern herum, bändelte mit jedem an, daß ihm Jedermann, der auf seine Ehre — und seine Nase — etwas hielt, in weitem Bogen aus dem Wege ging. Nach dem Tode seines Vaters lebte er in Ausnützung der ererbten Beziehungen ganz von Erpressungen und Angebereien. Als er kurz vor der Assentierung den Wunsch aussprach, nach Amerika auszuwandern, ging ein Aufatmen der Befreiung durch das ganze Städtchen. Man itjm Geld für die Uedsrfahrt und Ausstaffierung unv entließ ihn mit dem ehrlichen, stillen Wunsch, ihn nie wieder zu sehen. Viele Jahre hörte und sah man nichts von ihm. Dann fing man an, sich Märchen von ihm zu erzählen. Der und jener aus der Gegend habe ihn in Amerika angetroffen. Chajimke sei ein steinreicher Mann geworden. Er sei Direktor einer großen Bank und verkehre mit Königen und Fürsten, deren es in Amerika viele gibt. Er besitze eine große Fabrik, in der viele Tausende arbeiten. Nein, er besitze ganze Goldfelder in Südafrika. Nochum Leser, der belesene Maskil, wußte auch ganz genau, wie aus solchen Feldern das Gold geholt werde. Splitternackt gruben die Arbeiter, damit nichts vom kostbaren Metall in die Tasche wandert und durch ein einfaches Verfahren, das er im einzelnen nicht schildern konnte, da das Gespräch an heiliger Stätte im Beshamedrasch geführt wurde, sei dafür gesorgt, daß sie auch nichts davon verschlucken und im Magen mitnehmen könnten. Einigermaßen verwunderlich war nur, daß die einen ihn in New-Pork, die anderen in Buenos Aires, viele in Kanada oder Australien und einige gar in Johannesburg in Afrika in goldenem Wagen durch die Straßen fahren sahen. Im Städtchen verschlug dies wenig. Alles, was über dem Meere lag, war für die Leute Amerika. Was kam es da noch auf die „Gegend" an? War man einmal drüben, so wollte es wirklich nicht mehr viel heißen, ob New-Zork, Buenos Aires oder Johannesburg. Letztere Stadt schien sogar wegen ihres freundlichen Namens am nächsten. Nun war Chajimke, oder JackiHeymson, nach etlichen und zwanzig Jahren wieder in die Heimat gekommen. Er kam nicht, wie. man so zu kommen pflegte, mit der Fuhre Ruwkes von Tilsit über die Grenze herauf, oder mit dem Dampfer „Frumkin" von Kowno den Strom hinunter. Er kam wie ein Wunder aus den Märchen, die sich die Schulkinder im Dämmer des Sabbatausganges in der dunkelsten Ecke des Beshamedrasch mit leisem Gruseln erzählten: wie die Königin von Saba durch die Lüfte zu Salomo sauste, wie Alexander Mukdan auf den Flügeln eines Riesenadlers über den Sambation »NS W fiNst^en Berge setzte, wie AschyyißDai mit Hölleulürm durch den Wcltenraum raste, bevor er von Salomos Mannen mit Hilfe des „heiligen Namens" in Ketten gelegt wurde. So kam Chajimke-Heymson eines Morgens von der Weststraße über die Grenze ins Städtchen gerattert in einem kleinen eigenen Auto, das aussah wie eine große Muschel, an der Seite einer Dame, die in ihrer großen Länge und. Unbeweglichkeit wie ein zum Vehikel gehörender Mastbaum aussah, an dem mit dem lustig über dos ovale Gesicht wehenden Flore selbst die Fahne nicht fehlte. Das eigentliche Wunder ragte erst aus dem Hintersitze des Wagens hervor. Dort hockte ein pechschwarzer Geselle in schneeweißem Kittel mit krausem Haare wie aus schwarzgefärbter Wolle und dicken aufgeworfenen Lippen. Im toten Gesichte wie aus schwarzem Marmor leuchteten und lebten nur die blitzenden Schlitzaugen und die porzellanweißen Zähne, wenn sich die starken Mundwinkel zu einem Grinsen verzogen. Die Buben liefen mitten im Unterrichte aus dem Cheder, um in scheuer, respektvoller Entfernung den Wilden zu bestaunen, von dem Eisik, der Melamed gleich herausgefunden hatte, daß er zum Stamme der Menschenfresser gehörte, die Kolumbus in Amerika vorgefunden hatte. All dieses war so fremd, so wunderlich, daß man darüber im Städtchen im ersten Staunen das verwunderlichste an der Sache vergaß: den zum Magnaten gewordenen Chajimke. Dann aber machte man sich doch, ein wenig beruhigt, daran, den hohen Besuch zu begrüßen. Nur zögernd wagten sie sich heran, da der Wagen vor dem „Hotel" Feinberg hielt, wo Zimmer eigens für dis ..Amerikaner" hergerichtet wurden, grü- ^n$>f nacfj BsrÄäMstt in AlNMka fragM. staunend, bewundernd. Viele streckten die Hand aus. Die Kinder schoben sich, einer hinter dem anderen gedeckt, immer mehr an den Schwarzen heran, berührten ihn vorsichtig mit der Hand und besahen sie, ob sie nicht schwarz wurde. Heymson, sichtlich befriedigt von dem Erfolge, lachte und sprach in unverständlicher Sprache etwas zu seiner Begleiterin, wobei sogar dieses steinerne Gesicht mit mäßigem Erfolge zu lächeln suchte. Der Schwarze grinste, daß es gerade so gut Weinen wie Lachen sein konnte. (Fortsetzung folgt.) Ettjahu berichtet .... Von A. Mannheimer in Dettelbach. Wir stehen mitten auf der Querbrücke, welche vom nos hinüberführt zum m?2v-Feste und damit ist die nötige zeitliche Distanz gewonnen, um alle die Eindrücke zu mustern und zu werten, welche ich in der weiten jüdischen Diaspora, in der -nv-Nacht gewonnen. Der Abend hat für mich stets etwas Eigenes, Pikantes. Zwar kennt man mich seit grauer Vorzeit, seit Achabs Tagen, wo man sich so sorglos und sinnlos auf zwei ganz verschiedenen Zweigen schaukelte: Hie Gott — hie Baal; hie Wahrheit — hie Wahn; wo auf Karmels Gipfel das ernste Spiel für mich 1:850 stand, bis sich herausstellte, daß es nur 850X0 gewesen und man der siegreichen 1 mit tosendem Beifall zujubelte. Man kennt mich auch in der Stunde, wenn eine zarte Menschensprosse in den

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