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Der Israelit · 1926-04-22 · Heft 17 (22.4.1926) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 17 (22.4.1926)
Date
1926-04-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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flr. 17 i-rr KT Der Israelit Die Perle von Ägypten. - vfi Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Izchaki. I. Koppel der Schneider wohnte in einem Häuschen, das schon mehr eine Hütte zu nennen war. Ueber die morschen, stark gesenkten Außenwände aus ungeschälten Baumstämmen hing ein windschiefes Dach, dessen Schindeln, dick bemoost, in gelben Farben schimmerten. Die eine und größere Hälfte des Hauses diente zu einem Bethause, der „Schneiderklaus". Der andere, kleinere Teil, ein durch eine dünne Wand von der Klaus getrennter, stets dunkler Raum, mit einem offenen Kamin hinter einem Verschlage und einigen Bettstellen hinter einem anderen Verschlage, bildete die Schneiderwerkstätte und zugleich den Wohnraum der Familie Koppel. Hier arbeitete Koppel mit seinem Gesellen Benze, hier wurden Kinder zur Welt gebracht, deren Wiege von den Gebetgesängen nebenan umrauscht war. Es war im Laufe der Zeit längst in Vergessenheit geraten — und keine Grundbucheintragung gab Auskunft darüber — ob Koppel im Bau der Schneiderklaus wohnte, oder umgekehrt, die Schneiderklaus im Haufe Koppels untergebracht war. Man stritt auch nicht darüber. Werkstätte und Bethaus vertrugen sich. Die Nähmaschine ratterte den ganzen Tag und einen Teil der Nacht und klang mit dem Gebete und den gelegentlichen Lerntönen im Nebenraume harmonisch zusammen. Ueberhaupt hatte diese Schneiderklaus ihre eigene Stellung im Leben des.Städtchens, es war nicht allein das Haus Gottes, sondern auch das Haus der Zünfte, wo die Handwerker, bevor sie noch die Worte „Proletariat" und Bourgeois" kannten, sich trafen, beim Beten, beim Thilimsagen, sich auch um den Maggid sammelten. Der Klassenunterschied fand einzig in den Vethäusern seinen Ausdruck, Die Geim die leute in der großen Schul,, die Vornehmen und Notabeln in zwei eigenen Klausen, die Privateigentum der zwei Gewirim (Magnaten) waren. Die Schneider, aber mit ihnen, auch andere Zünfte, hatten ihren Sammelpunkt in der Schneiderklaus. Vielleicht hieß sie nur die „Schneiderklaus" wegen ihres Mitbewohners Koppel, der mit seiner Nähmaschine, seinem Bügeleisen und seinen Gesängen, die die Näharbeit begleiteten, dem Hause den Charakter gaben. Die Schneider bildeten hier keineswegs das herrschende Element. Auch die Schuster, die bekanntermaßen im Städtchen stärker an Zahl als die Schneider sind, fintementalen jeder Mensch zwei Beine hat und im Winter nicht barfuß laufen kann, hatten hier ihren Platz. Der erste „Gabbe" der Klaus war P i n n e, ein Mützenmacher von Beruf, der, zumal wenn er aus irgend einem Anlaß — ein solcher bot sich fast täglich — etwas zuviel vom Preußischen (eingeschmuggeltem vollprozentigen Schnaps) zu sich genommen hatte, auch gesalzene Predigten an seine Gemeinde hielt. Der Schames dieser Gemeinde, Dovid Leb, der aber auch Gabberang sich anmaßte und darob zuweilen mit Pinne in bedenkliche Kollision geriet, war ein ausgedienter Nikolajewer Soldat, der bei Bekanntmachungen auf den Tisch schlug, daß die Frauen oben zusammenfuhren, und der seine Worte auch auf dem Almemor mit russischen Kasernenblüten saftig zu würzen wußte. Auch die Gilde der Fuhrleute und Droschkenkutscher war in diesem Bethause gut vertreten, die auch hier im Verkehre unter sich und mit anderen ihren täglichen Urngang nicht verleugneten. Zu ihnen tarn cmcfj bis ^unft i)er S^ilnielmai^er, ruhige, blutarme Menschen, die aber, da sie zudem fremd am Platze waren, weiter nichts zu sagen hatten. Im allgemeinen lag Kraft und urwüchsiges Leben in diesem Bethaus, und seine Verwaltung, vertreten von Pinne dem Kappenmacher und dem breitschultrigen, stiernackigen Dovid Leb, der nach zwanzigjähriger Soldatenzeit im Kaukasus oder in Sibirien hier als Schames den ruhigen Hafen gefunden hatte, konnte sich sehen lassen. Wenn man zur rechten Seite aus dem. Haus hinaus trat, stieß man auf die Holzbaracke Z e - wachs, eines mürrischen alten Juden, der in unmöglicher Satzstellung Psalmen betete und sich im übrigen von einer Kuh ernährte, deren Milchproduktion man allerdings aus dem nahen, in vielfacher Hinsicht segenbringenden Njemen nachhelfen mußte. Auf der linken Seite stiegen dicke Rauchwolken aus einem grauen Steinhause hervor, die sich am Freitag morgen zu undurchdringlichen Schwaden verdichteten. Dort war das Gemeindebad, das L u t k e, der treue Schabbosgoj, behütete und an jedem Freitag schon bei Tagesanbruch wie die Hölle einheizte. Er sah auch sehr darauf, daß im Vorraume — außer ihm — keiner von den Kleidern der Badenden etwas stehle. Zwischen dem Badehaus und den anliegenden Häusern führte ein schmaler Weg hinunter zu einem Sumpfe, in dem an Sommerabenden die Frösche kläglich quakten. Dem Sumpf schloß sich eine kleine Sandwüste, die „Sarde" genannt, an, die zum Njemen führte, dem schönen Fluß, der von weit oben kam und weithin bis tief ins Preußische hinunterströmte und sich durch nichts in seinem Laufe trüben ließ. Wenn die Rauchschwaden aus den Lutkeschen Holzscheiten im Badeofen nicht all zu dick unddicht den letzten Ausblick verstellten, konnte man im Sommer hinausschauen bis zum stolzen Stroms der hübsche kleinere Dampfer hinauf nach Kowno und hinunter nach Tilsit trug, auch manches'Monstrum von Segelboot, vollbeladen mit Korn oder russischem Weizen, "auf feinem Rücken bewegte. Auf riesigen Baumstämmen, die auf dem Flusse zu Flößen zusammengebunden maron, faßen in Sommerabenven JMarßeiter a«$ zoelien russische UH& sllNgM M den Klängen einer Ziehharmonika schwermütige wolhynische oder ukrainische Volksweisen, die mit dem Quaken der Frösche im-Sumpfe zum Städtchen hinaufkamen.. Im Hause Zemachs wohnte auch Zippe die A l m o n o , die sich von Weißzeugnähen ernährte. Mehrere junge Mädchen halfen ihr bei der Arbeit oder waren bei ihr in der Lehre- Im Sommer saßen die Mädchen auf einer langen brüchigen Holzbank an der Wand der Schneiderklaus und sangen beim Nähen Volkslieder von Zunser und Goldfaden. Auch dieser Gesang klang mit den Geräuschen ringsumher ganz harmonisch zusammen. Nur eine schmale schmutzige Gasse trennte den Platz vom ungepflasterten Markte, wo.an Bauernwagen Frauen sich heiser feilschten, uüd dicht daneben wohnten die beiden Schächter der' Gemeinde, vor deren Häusern, besonders am Donnerstag und Freitag, Hühner und Gänse im Chore schrieen und ihre letzten Seufzer aushauchten. Federn flogen in der Luft, blutbeschmutzt, und Mädchen und Frauen schalten und stritten um die Wette. All dieses ergab ein buntbewegtes Bild, das zuweilen etwas wie Leben vortäuschte. Daß in dieser armseligen Schneiderhütte eine so liebliche Blume heranblühen konnte, wie es Reifete, das einzige Töchterlein, unbestreitbar war, war eines der vielen Wunder der Schöpfung. Woher dieses stolze Köpfchen mit dem Profil wie aus einem Bilderbuche, den runden, nicht allzurunden und allzugeröteten Wangen, wie aus Milch und Vlut. als wären sie unter Rosen und Tulpen hmmtMMi mhM' btiU öunfef MGlMtM Augen, die, weit geöffnet, alle Liebe uttb äÜ6 Traurigkeit des Städtchens widerstrahlten? Woher diese gerade, geschmeidige Statur mit den sanften Linien, als wären sie unter Blumenalleen an blühenden Hängen mit den Weinranken emporgewachsen: das kleine Mündchen, das, geschlossen, wie ein heiliges tiefes Geheimnis bewahrte und, geöffnet, wie fließendes Gold in das graue Bild der Gaffe goß? Wie konnte solch edle Menschenpflanze aus diesem grauen Boden, in dieser stickigen Luft unter Rauch und Hühnergeschrei und Fröschequaken gedeihen? Es gehörte zu den Rätseln der göttlichen Natur, die aber zu enträtseln, im Städtchen keiner den Sinn hatte und die Zeit fand. Vielleicht stammte der weite Blick in den Augen Reiseles auch daher, daß sie, von all dem Häßlichen und Grauen abgewandt, immer durch den Spalt zwischen Badehaus und Hekdesch nach dem klaren schönen Strom gerichtet waren und nach den schönen Dampfern, die von oben, aus dem großen Kowno nach der von ihr geträumten schönen deutschen Stadt hinunterschwammen. Die junge Seele entriet dann der engen Hülle und der schmutzigen Gasse und fuhr mit dem Strome hinunter, hinunter, in die Welt, in die Welt. . . . Und ein Zug aus dieser schönen blühenden Welt blieb in ihrem Herzen, die Augen erhielten die Farbe des blauen Stromes und der sonnigen Gestade, die er verband. „Wie eine Madonna", sagte Quark, der Verwalter des Hofgutes, als ihm Koppel Maß nahm und Reisele mit dem Notizbuche vor ihm stand und die vom Vater gesprochenen Zahlen der Aermellänge und der Hosenweite des hohen Herrn mit dem lieblichen Klange ihrer Stimme wiederholte, als sagte sie ein Gedicht auf, und ins Büchlein einzeichnete. Aber weder Meister Koppel noch Reisele wußten, was das Wort bedeutete. Reisele hatte ein paar Klassen der russischen Schule absolviert und war des Lesens und Schreibens kundig. Und mit dieser Kunst stand sie nun dem Vater, der nur mit der Nadel, aber nicht mit der Feder umzugehen wußte, bei. Erst in den letzten Tagen kam Koppel darauf, daß es besser fßt insDefonDerg wenn unßemnnte junge Kunden Pameh, hj»SUS AM» MUttSI! ZU sOlllSU UUÖ die Einzeichnungen von Benze, dem Gesellen, machen zu lassen. Nach Gesang, und Blumen stand, das Herz Neiseles, und da horchte sie oft' in Sommernächten hinter dem Verschlage-irn Schneiderhaus lange nach den Flößerweisen und den Klängen der Ziehharmonika, die vom Strome heraufkamen. Bäume und Blumen gab es 'nur an beiden Enden des Städtchens, am Ausgange der Rosienerstraße, wo deutsche Familien in kleinen sauberen Häuschen mit Gärtchen und Blumen an den Fenstern wohnten, auch auf dem nebenan liegenden Friedhof, der die Stadt nach Osten abschloß. Dahin mochte sie aber nicht gern. Auf der Westseite lief die Straße auf die große katholische Klosterkirche zu, die umgeben war von einer dicken Steinmauer, innerhalb deren viele mächtige Aastanienbäume standen. Aber wer durfte dahin schauen? Ging man an dieser Kirche vorbei, so war man außerhalb des Städtchens, -.Hes Judenquartiers. In einzelnen verstreuten Häuschen wohnten Beamte und Soldaten. Und. dort lief ein Bergquell hinunter, der unten zueinem klaren Bächlein wurde. Dieses schlug etwas weiter wild über einen Felsenblock und trieb mit vielem Geräusch eine Mühle. Dahinter dehnte sich eine endlose grüne Wiese. Wo durfte aber eine jüdische Tochter sich über die Kirche hinaus in die nichtjüdische Stadt zum Fluß und zu der Wiese allein hinäuswagen? Wer wußte im Elternhaus und im Städtchen um das stille Sehnen, um den Hunger nach

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