Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1926)
- Date
- 1926-04-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450388-2450404--73080-2530468- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10 16 Der Israelit 16. April 1926 Das Unfertige der Bauten gehört in ganz Tel- Awiw zum guten Ton. — Man baut erst mal das erste Stockwerk und auch dieses nicht ganz fertig und setzt das zweite, manchmal erst nach Jahren, manchmal, wenn das Geld stets dazu fehlt und auch nicht durch Pump aufgebracht werden kann, garnicht darauf. Zn Palästina gibt es noch keinen Kapitalmarkt außer der zionistischen Hypothekenbank, die aber für ihre Pfandbriefe nur eine beschränkte Absatzmöglichkeit hat. Wer baut, mutz das Kapital dazu besitzen oder Privatkapital gegen hohe Zinsen leihen. Es kommt natürlich auch vor, daß ganz arme Teufel Häuser bauen oder Häuser kaufen, — aber das ist eine Wissenschaft, über die ich keine Doktorarbeit schreiben könnte. Während Jerusalem auf steinigem Felsen und mit Felsensteinen gebaut ist, ist Tel-Aryiw auf Sand und mit Sand gebaut. Der Jerusalemer Baumeister quält sich meist noch ab, aus dem Gestein einen Keller herauszuhauen, und rr ist froh, wenn er in einem Jahr mit dem Bauen eines Hauses fertig ist; der Tel-Äwiwer Baumeister dagegen denkt weder an Keller noch an Böden, und innerhalb drei bis vier Monaten kann er ein gefälliges Haus hinstellen. Die massiven, soliden Jerusalemer Häuser kennen nur selten die Errungenschaften der Neuzeit, während solch ein leichtsinniges Tel-Äwiwer Haus in der Kultur der Neuzeit schwelgt. Die Jerusalemer Häuser atmen die Traditionen von Jahrtausenden, die Tel-Awiwer sind tradiiionslos. Und so sind nun die Menschen dieser beiden Städte beschaffen. Nur muh man von den Juden Tel-Awiws sagen, datz, wenn ein Teil von ihnen auch noch so sehr gegen alles, was Tradition des Judentums heißt, gesinnt ist und am liebsten die jüdische Geschichte. mit den Makkabäern aufhören und erst wieder mit sich selber ansangen ließe, in diesen Kindern der Gegenwart ohne Vergangenheit doch noch sehr viel jüdische Tradition, also jüdische Vergangenheit, lebt. Auch Ghettotradition. So die mangelnde Distanz vieler Eltern zu den, Kindern, indem diese Eltern ihre Kinder in üb er quellend er Zärtlichkeit nicht zu erziehen wissen. Auch die Universalgenies sind Ghettoprodukt. Fragt man einen Handwerker nach seinem Beruf, so kann man nicht selten folgende Antwort bekommen: „Ich bin ein Tischler. Eigentlich bin ich aber ein Schlosser. Gelernt habe ich bei einem Schneider und rann aulS fieute ito4 cinett L-stkl-Lssigsn Anzug machen. Dll ÜIBTTI »£*{$£§1 t{§ ÖÖÖf auch ein Geschäft." Jedenfalls aber zeigt der Aufbau von Tel-Awiw, daß unser jüdisches Volk nicht nur viele Talente, sondern auch viel Talent hat. II. Haben Sie Flöhe? Wissen Sie, was ein Sißif — Streik ist? Haben Sie schon ein Auto gesehen, das statt zu tuten, Musik macht? Wozu braucht man ein Taschentuch? Hat man seine Kleidung, um den Körper schamhaft zu bedecken oder um ihn in Verachtung der reaktionären Schamhaftigkeit zu zeigen? Sie sehen mich erstaunt an und denken, ich habe unter der palästinensischen Sonne gelitten! Ich beteuere Ihnen, daß ich mich normal fühle; — doch diese Versicherung nützt nichts, — denn hat sich schon jemals ein Verrückter nicht für normal gehalten? Also muß ich Ihnen Satz für Satz die Berechtigung meiner Fragen beweisen. Vergessen Sie Ihr westeuropäisches Milieu, und denken Sie sich für kurze Zeit nach dem Orient! . Im Orient ist nach der Fliege der Floh das verbreiteste Haustier. Man mag noch so sauber sein, sich zweimal des Tages baden, jede Woche die Betten ausräuchern — und kann doch die Bekanntschaft dieser lieblichen Tierchen machen. Man bekommt zum Tee liebe Gäste, — und wenn sie wieder gegangen sind, dann haben sie einige Flöhe zurückgelassen. Man fährt mit dem Autoomnibus für einen halben Piaster von Tel-Awiw nach Jaffa oder umgekehrt, und da ist es durchaus nicht wunderbar, wenn sowohl der Nachbar rechts wie auch der links einige Flöhe abgeben, die sie sich selber vielleicht beinn Liegen im Sand geholt haben, denn der Floh lebt ursprünglich im Sand, und er heißt deshalb eigentlich Sandfloh. Also: „Haben Sir Flöhe?" ist im Orient wirklich keine genierliche Frage, — und sie darf in der Gesellschaft statt des langweiligen: „Ist es Ihnen nicht zu warm, gnädiges Fräulein?" ganz harmlos an eine Dame gerichtet m erben. ®n CW-Lterik kann aDtr im ganzen Lmnr nn? in i>er em-j'gen fübifchäN StfiM Nll Wölk, tll -litlsTIlDTlD j Vorkommen. Tel-Awiw ist auf Meeresfand und aus Meeressand gebaut. Die Steine zu seinen Häusern sind aus Zement und Meeressand geformt. Diese Herstellung ernährt viele Menschen. Der Meeressand nun heißt Sißif. Juden aus Tel-Awiw und Araber aus Jaffa bringen ihn auf Kamelen eine Anzahl Kilometer weit her, well die Nähe von Tel-Awiw längst ausgenuht ist. Rund 25,000 Pfund monatlich dürsten in der letzten Bausaison in Tel-Awiw für Sißif zum Bauen ausgegeben worden sein. Nun herrschte in dieser Bausaison auch einmal ein Sißif-Streik. Beduknenstämme waren nämlich angekommen und versuchten mit großer Preisunterbietung die Sißif-Beförderung an sich zu ziehen. Um das zu verhindern, waren Verhandlungen mit den Behörden nötig, bis zu deren Erledigung natürlich gestreikt wurde. Doch auch dieser Streik war nur ein Kapitel im Streiken. Irgend ein Streik steht in normalen Zeilen gewöhnlich aus der Tagesordnung, denn das Streiken gehört hier zum Begriff der Freiheit. Heute freilich streiken seit Wochen mehrere tausend Arbeiter unfreiwillig, weil es an Arbeit fehlt. Auch das mit dem musikalischen Auto ist keine Hundstag-Ausgeburt. Ich sah einige Male ein elegantes arabisches Privatauto, das seine Signale in Musik gibt. Die letzten beiden Fragen sind aber gewiß ganz verrückt! Kennt nicht jedes Kind die Bedeutung des Taschentuches? In Westeuropa wohl, aber nicht hier. Viele Araber wie auch viele Juden aus Osteuropa benutzen ihre Finger als Taschentuch, indem sie sich schnäuzen, und wenn sie diese unästhetische und unhygienische Prozedur vollführt haben, dann greifen sie in die Tasche, holen ihr Taschentuch heraus und streichen es einmal sachte und vorsichtig über ihre Nase, damit das Taschentuch nur nicht unsauber werde. Wozu dient also hier das Taschentuch? Diese Frage ist so berechtigt, wie die letzte nach den Zweck der Kleidung. In den Straßen Tel-Awrws begegnen einem nämlich im Sommerhalbjahr immer wieder meist öetituskopfte junge manchmal auch nur jung sein wollende Damen, deren bis zur äußersten Grenze kurze, ärmellose Kleider sich den Formen des Körpers anschmiegen. Sie bilden den geraden Gegensatz zu den vermummten Mohamedanerinnen in faltigen schwarzen Gewändern und zu der Sittsamkeit des weiblichen Geschlechtes, für das dre Tradition des Judentums maßgebend ist. . Nicht, daß diese Dämlichkeiten aus sittlicher Leichtfertigkeit handelten; bestimmend ist nur der Wille, anders zu sein, als die Mütter und Großmütter waren, frei zu sein, modern zu sein, — und um das zu dokumentieren, trägt man eine unter den Strahlen der Sonne geradezu sinnlose Kleidung und achtet nicht auf die Gebote der weiblichen Sittsamkeit. Zum Schluß: Ich bin schon häufig mit dem Autoomnibus gefahren, — und es hat sich noch nie ein Floh zu mir verirrt. Es gibt hier auch Menschen, die nicht in das Zimmer spucken, und es gibt auch recht viele junge Damen, die nach den Geboten der Weiblichkeit gekleidet gehen. Doch der Schriftsteller darf nicht das Gewöhnliche schildern, seine Feder muß vielmehr das Charakteristische festhalten. Ich habe den Eindruck, daß die jüdische Presse Palästinas sich zu sehr auf Politik und Nachrichten beschränkt und bewußte Kulturarbeit vernachlässigt. Auch Well amtzc moraips die die MM EinflW MMNü TOD vllZ Shsrs «**«»«*- derungslandes allmählich lichten. In der Masse te&t unbewußt sehr viel beste jüdische Tradition, doch bewußt Protest gegen diese Tradition, weil sie die inviduelle Freiheit zu hemmen scheint und der Vergangenheit angehört, —• während man als Theoretiker des Ghetto, der man geblieben ist, alles von der Zukunft erhofft. Auch mengen sich Unkultur und Kultur. Die Un- Kultur Osteuropas unter der Gewalt der Unfreiheit und des Druckes mengt sich mit dem Gefühl der Freiheit und dem heißen Sehnen nach.der modernsten Kultur, die freilich nicht immer Kultur ist, in dem nunmehrigen Zustande, das erklärt die Sinnwidriqkeiten und Lächerlichkeiten, die das hiesige Leben vielfach zeigt. lll. Eine jüdische Zeitung des Auslandes behauptet, „in Erez Israel seien noch heute unbesirittenermaßen mindestens 80<>/f> der Einwohner in Gesinnung und Tat orthodoxe Juden alten Schlages". Ein anderes Mal lese ich. daß die Mehrheit „in Gesinnung und Tat antiorthodoxe Juden neuen Schlages" sind. Was ist nun die Wahrheit? Selbst von dem antiorthodox genannten Tel-Awiw läßt sich nicht sagen, daß sich nicht die Mehrheit auf der Plattform des thoratreuen Judentums vereinigen lasse. Anderseits ist die Ziffer von 80o/o für orthodoxe Juden sicherlich erheblich zu hoch gegriffen. Borläufjq herrscht im jüdischen Leben Palästinas noch viel Chaos. Die östlichen wie auch die orientalischen Juden kennen als Organisationsform traditionellen Judentums nur die landsmannschaftliche Snnaqoge und setzen damit leider das Galuth in Erez Israel fort. Die Zukunft des thoratreuen Judentums im Lande der Thora hängt von der Kunst der Organisierung ab. Nur die richtige Organisierungsmethode, die allen thoratreuen Juden des Landes das ihnen Gemeinsame zum Bewußtsein zu bringen versteht, wird die Einteilung des Galuth nach sephardischen und aschkenasischen Juden und innerhalb dieser nach Landsmannschaften ßllmä jfum Schrvinden Bringen. Manche klugen Leute des Auslandes machen sich Sorgen über die Möglichkeit des „Sabbatgoj" m emem jüdischen Gemeinwesen, wie es Tel-Awiw ist. Man kennt hier, wo man seinen Stolz aus die eigene Kraft setzt, diese Sorge trotz der Sabbatruhe nicht. Wie bei allen für eine Stadt von 40 000 Einwohnern — und das ist Tel-Awiw — erforderlichen Behörden der Apparat glatt funktioniert, so geht es auch sehr gut bei allen, die nicht ihr eigener Sabbatgoj sind, ohne die Hille des Sabbatgoj. Das elektrische Licht geht zur gewünschten Zeit automatisch aus. Den Sabbatoten gibt es auch. Oder man holt den „Schalent" vom Bäcker, denn Tel-Awiw hat natürlich eineen Eruw. In die Gefahr, selber einen Brief zu öffnen, kommen in Tel- Awiw selbst die Verächter des Thoragesetzes nicht, denn am Sabbat wird keine Post ausgetragen, da das Postamt geschlossen ist. Eine recht oberflächliche Anschauung, die man häufig im Galuth vernimmt, ist die, in Palästina könne man überall essen. In Wirklichkeit darf man bei den Familien des neuen Jifchuw — den Intellektuellen, den Arbeitern, den zionistischen Beamten — in der Regel nicht essen. Diese Familien kaufen häufig schon deshalb vom arabischen Metzger ihr Fleisch, weil er bis zur Hälfte billiger fein kann als der jüdische Metzger. Der arabische Metzger hat aber auch keinerlei Verlust an seinem Vieh; er schachtet auch kranke Tiere; er kann es sogar fertig bekommen, ein schon verendetes Tier noch nachträglich zu schachten, und so dem religiösen Gebot Genüge geleistet zu haben. Diejenigen der Familien des neuen Jifchuw, die von einem jüdischen Metzger ihr Fleisch nehmen, wässern und salzen es häufig nicht. Also, selbst ganz abgesehen davon, daß als „koscher" nur gilt, war von einem jüdischen Manne, der die gesetzlichen Bestimmungen über das Schächten und über die nachfolgende Fleischbeschau genau kennt und durch sein Leben die Gewähr für ihre genaueste Beachtung gibt, geschlachtet ist, genügen schon die eben geschilderten Tatsachen, um die meisten Haushaltungen des neuen Jifchuw als „trefa" zu erklären. (Schluß folgt.) Vermischtes. Hannover, 12. April. Für das Kinder-Erholungsheim auf Norderney werden für Mai und Juni noch Anmell düngen entgegen genommen. Ferner sind noch einige Plätze im „Ottohaus" der dem Haus angegliederten Ausbildungsabteilung für junge Mädchen im Alter von 16—18 Jahren frei. Anfragen unter Beifügung von Rückporto sind zu richten an die Verwaltung des Kinderheimes der Zion-Loge, Hannover, Rathenauplatz 141. Es ist ausschließlich Sache der Leser, die im Inseraten, keil enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstige Angaben religionsgefehlichen Charakters auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen. Eil Birobrol Hj unter Verwendung biochein,_AufDausalze» j das Volksbrot der Zukunft j Man beachte den vorzüglichen Geschmack. . clätifÜR / FRIEDRICH GÜNTHER 12 - Hansa 3862 U. 795. BROTFABRIK Hermesweg 8 Es Iftlhre eigene Schuld menn Sie sich mit unrichtigen und schlechtsifyenden Augengläsern herumquälen! erhalten Sie bei Schlesicky - Ströhlein Tel. Hansa 2208 0. m. b. H. Kaiserplatz 17 optisch & feefaÄjffNv ommerieAuffengläsehs Lieferant sämtlicher Kranken* kassen | Spessart 1382 u.1383 Boyenstraße 8-14 Aausfiatoings-IDSscfie f nach Gewicht [r naß, getrocknet und gemangelt Damen- und Herren-Bügelwäsche Abholung kostenlos Hansa Gross Wäscherei i vorm. Gebr. Vogel < U »MEDRUVA« mech. Druckluft -T eppich - Reinigungs- Gesellschaft m. b. H. früher: MEDER’S TEPPICH-REIMNGS-WEIffi TEL. HANSA 4642 BERGERSTR. 149 Entstaubung - Chem. Reinigung - Kunststopferei - Lagerung - Entmoftüng mittels Zyklon-Gasverfahren Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das .Feuilleton <5. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i.B.: h?. Schach« nowitz, ebenda. — Verlag .Israelit", G.m.b.H., Frankfurt u.9t. Druck Sermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.