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Der Israelit · 1926-04-15 · Heft 16 (15.4.1926) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 16 (15.4.1926)
Date
1926-04-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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I w&pp* feuillewn Bellas« Der Israelit ßU6 1926 Die Chuppa auf dem Friedhof. Von Hhajim Z>ow Löwi. Es war an einem schönen Vormittag im Sommer. Die Sonne brannte mit ihrer schrecklichen Glut auf das Städtchen — ein Städtchen Galiziens — herab. Ich und viele Jünglinge saßen im Beth-Hamidrasch um einen langen Tisch herum, über die Folianten des Talmuds gebeugt, und wir unterhielten uns. Das ganze Lehrhaus war in strahlende Sonne getaucht. Plötzlich stürzte eine ältere, runzelige Frau, in ein schwarzes Tuch gehüllt, mit einem wilden Geschrei in das Beth- Hamidrasch herein. Sie begab sich schnellen Schrittes zur heiligen Thoralade, schob deren Vorhang etwas zur Seite, öffnete das Türchen und weinte und flehte. „O Gott, Herr der Welt, nimm Dich des armen Kranken an, schicke ihm Heil, er ist eine Zierde, ein goldenes Gefäß." Immer heftiger strömten und quollen der alten Frau die Tränen aus den brennenden Augen, die den Ausdruck hatten, als habe sie die ganze Nacht schalflos in Unruhe verbracht. „5X weh, ein goldenes Gefäß", schrie sie unrollen geheftet waren. Es mochte kaum fünf Minuten gedauert haben, da folgte ihr ein junges Mädchen in unsäglicher Stimmung. Cs kam wie ein Sturmwind in das Lehrhaus gewirbelt, stellte sich ebenfalls vor die heilige Lade und weinte und schluchzte, indem es seine Augen auf die Thorarollen richtete. Dicke Tränen liefen über ihre Wangen, und ihr schönes, üppiges Haar löste sich und fiel über ihr Gesicht. Unser Gespräch wurde durch die Ankunft der Frau und des Mädchens unterbrochen und das Stillschweigen ließ das Weinen und den Jammer deutlich vernehmen. Mit Tränen in den Augen verließen sie das Beth- Hamidrasch, indem sie dreimal den heiligen Namen am Türpfosten küßten. Trotzdem wir an solche Ereignisse gewöhnt waren, überlief uns ein dumpfes Mißbehagen; es war uns ganz seltsam zu Mute. Ihre rasenden Stimmen erschütterten uns außerordentlich. Cs packte uns ein Schmerzgefühl, ein unbeschreibliches Mitleid. Bald teilte sich die ganze Gruppe; mit meinem Freunde verlieh ich das Lehrhaus. Als wir auf die Straße kamen, brannte die Sonne glühend und die Luft war schwer und drückend. Kleine Kinder spielten mit Bohnen, schwankend und taumelnd, indem sie wie kleine Tierchen herumsprangen. Wir waren noch nicht zrvanzig Schritts gegangen. da kam eine Frau «n uns uns UHÖ bat uns, dieselben im Beihaus anzugünden. Wir starrten die Frau mit ausdruckslosen Augen eine Weile an, während Tränenströme ihre Augen netzten. Und traurig, unaussprechlich traurig war der Ausdruck ihrer Gesichtszüge, als hätte sie sagen wollen: „Betet für das Heil meines Kindes." Die Frau lief bald hastigen Schrittes nach Hause, und wir, mein Freund und ich, begaben uns in dys Vethaus, um die Kerzen anzuzünden. Als der letzte Schimmer des Tages erloschen war und das Städtchen sich in Dunkelheit barg, hieß es, daß an diesem Tage drei Juden gestorben seien. Der nächste und übernächste Tag verlief in gleicher Weise, am Ende der Woche waren es zehn Tote. Die Menschen waren außerordentlich bestürzt über das, was sie erlebt hatten. In allen jüdischen Häusern regte, sich ein Gemurmel: „Denkt euch nur, zehn Tote in einer Woche!" Zehn Tote in einer Woche — das war noch nicht vorgekommen, solange dieses Städten bestand. Und alle starben an einer einzigen Krankheit, die sich auf die Lungen gelegt hatte. Die Erkrankungen griffen weiter um sich, und in der nächsten Woche erfuhr die Sterbezahl eine große Steigerung. Der Stadt bemächtigte sich eine rasende Erregung. Ein großer Schrecken packte die Herzen aller jüdischen Familien. Die Juden glaubten, sich versündigt zu haben. Der Rabbiner des Städtchens hielt eine fromme Ansprache, die zur Buhe ermahnte. Verschiedene Fasttage wurden ausgerufen. Den ganzen Tag über beteten und weinten sie im Bethause. Mit starren Blicken fixierte einer den anderen, als hätte er ihm sagen wollen: „Bekenne, bekenne deine Sünde!" Der Rabbiner des Städtchens hielt wieder eine scharfe Predigt. Einige hundert Männer standen um den weißhaarigen Redner herum. In tödlicher Angst lauschten sie seiner Rede, mit dem schrecklichen Bewußtsein, daß ihre Sünde alles verschuldet habe, sogen sie seine Worte in ihre Seelen. Mit müden und traurigen Gebärden erklärte er ihnen die schwere ernste Prüfungszeit und forderte sie zu gewaltiger, großzügiger Buße auf. Aber es half nicht, nein, es half alles nichts. Tag für Tag wurde die grauenvolle Krankheit gieriger und gieriger in ihrem Griff. Die schreckliche Pest wanderte von Haus zu Haus. Als stk kjlikk m $fff HttM gelangte UND Dort eine Frau mit ihrem Manne zum Opfer forderte, die ein« halbes Dutzend „Schwälblein" als Waisen hinterließen, wurde es rege und das ganze Städtchen stand in Flammen. Die Erregung schlug hohe Wogen. Alle gingen mit bekümmerten Mienen herum; sie atmeten nahendes Unheil und schienen auf etwas Furchtbares, Entsetzliches zu warten. Es schien, als sei der Todesengel in das Städtchen gekommen und habe bei ihnen Wohnung genommen. Eine stille, schwere Trauer irrte im Städtchen umher und die Gemüter aller Juden waren umdüstert, und sie bebten wie Blätter vor dem Winde. Die Menschen wurden noch trauriger, ihre Züge wurden ernst, und eine dumpfe Schwermut nahm von ihnen Besitz. Auf dem Friedhof des Städtchens steht der Grabstein eines großen, heiligen Zadik. Die jüdischen Frauen besuchten alle Tage' dieses Grab, warfen sich davor auf die Erde und weinten und flehten um Heil und Gnade. Eine Woche später wurde die Zahlung eines Lösegeldes verordnet. Jeder Vater mußte ein Lösegeld für alle Personen seiner Familie geben. Er sollte damit jedes Glied seiner Familie vom Tode erlöst haben. Das Geld war für die Armen des Städtchens bestimmt. Aber alles war vergebens; es besserte sich keineswegs. Die folgenden Tage waren noch schrecklicher; milder und gieriger wurde die Pest. Die Aerzte sich ferne Niths. 6te rarmien völli Morgen bis zum Abend durch die Straßen. Und doch tappten sie noch immer in der Dunkelheit. Die Totengräber sah man den ganzen Tag über in voller Tätigkeit. Die Beerdigung Vieler ging in großer Stille vor sich; weder Ort noch Zeit wurde bekannt gegeben. Trübe und düster waren die Gemüter aller jüdischen Familien, die den Todesschrecken in ihrem Herzen trugen. Was sollte man noch tun, was konnte mall noch tun? Sie taten schon alles, was sie nur konnten. Eine Tages versammelte sich eine Gruppe von Juden, um zu beraten, was noch zu tun wäre. „Hört zu," rief einer von den Versammelten, „ich habe mich soeben an etwas erinnert." „Bei Schlome Berich, dem Bäcker, arbeitet ein Mädchen. Wie mir meine Frau erzählt hat, soll sie schon seit zwei Jahren mit einem Schuster verlobt sein. Heute vor acht Tagen kam sie plötzlich zu meiner Frau gelaufen und sprach in tiefer Bestürzung: „Jossel hat mir gesagt, daß er mich nicht heiraten kann, weil ich nicht die nötige Mitgift habe." „Ich meine also," fuhr er mit leiser Stimme fort, „es wäre eine große Mizwoh, diesem Mädchen die Heirat zu ermöglichen." „Ja, Hachnusses-Kalle*)", fügten alle hinzu, „ist eine große Mizwöh und das müssen wir tun." „Das ist das Richtige", rief ein sehr frommer Chossid, der eben zur Versammlung gekommen war. „Das Städtchen ist jetzt düster und traurig," fügte er hinzu, „und die Freude einer Hochzeit wird es ermuntern und aufheitern." „Wir werden", rief ein anderer, der sich eben an eine ganz alte Erzählung erinnerte, „die Chuppa auf dem Friedhof stattfinden lassen, um zu zeigen, daß wir den Tod nicht mehr fürchten." Es wurde Geld gesammelt, und schon in nächster Woche wurde eine neue Verlobung zwischen dem Mädchen und dem Schuster geschlossen, und die Hochzeit in nahe Aussicht genommen. Es war der Tag der festgesetzten Hochzeit gekommen. Alle Vorbereitungen zu einem fröhlichen Fest waren vollendet. Die Braut und der Bräutigam wurden geschmückt. In feierlichem Zuge, unter den Klängen der Musik und in Begleitung von reichen, angesehenen Frauen und Männern, die brennende Kerzen trugen, wurden sie. dis Vrant und der Bräutigam. zur Chuppa «nf ^>?n Aü? f£v«wenr Männer, Greise, Kinder und Mädchen sangen und klatschten im Takt in die Hände. Ungeheuer lebhaft und lustig waren ihre Bewegungen, ihr Händeklatschen. Viele waren schon zum Friedhof vorausgegangen und warteten dort. Nun war das Brautpaar angelangt. Der Friedhof war voll von Menschen, die gedrückt und gedrängt standen. Viele blieben auf der Straße, weil sie im Friedhof keinen Platz mehr fanden. - Nun begann die Chuppa, der Trauungsakt. Der Ehevertrag wurde vom Rabbiner laut vorgelesen. Der Bräutigam legte der Braut einen Ring an, sagte den üblichen traditionellen Spruch und zerstampfte ein Glas mit dem Fuß. Und alle Anwesenden riefen „Maseltow, Maseltow". Nach der Chuppa wurde das Ehepaar mit Musik nach Hause begleitet. Eine kindliche Fröhlichkeit ergriff alle. In ihrem ganzen Wesen zeigte sich eine Veränderung. Ihre Augen strahlten. Der Todesschrecken und alles Böse war verschwunden. Jeder wurde heiter, jeder ließ seine traurige Stimmung fahren. Die Seelen aller waren befreit und lebten wieder auf. Aus meinem Tel-Aviver Skizzenbuch. Von Schlomah den Ascher. MMMlllW. Tel-Awiw hat noch manches Eigenartige, das dem Fremdling sofort auffällt. Von seiner großen Synagoge sind seit mehr als drei Jahren die rohen Wände errichtet, doch Fenster und Dach fehlen, — und dennoch betet inan darin. Das Unfertige, Häßliche und Unwürdige dieses Zustandes stört keinen der Beter. Seit kurzem hat man begonnen, an dem Bau weiterzuarbeiten. Ich denke, daß Baron Edmund Rothschild, als er am 7. Mai vergangenen Jahres hier war, viele Summen für den Vau gespendet hat.Möchte aber '«nicht nur sein Geld, möchten auch seine Worte, die er in dem Gotteshause sprach, den Betern zu Hilfe gekommen sein. , Der Achtzigjährige, der der Vater Palästinas genannt wird, denn seiner selbst in der verzweifeltsten Situation nicht erlahmte Opferfreudigkeit ist das jüdische Kolonisationswerk zu verdanken, verkündete der jüdischen Bevölkerung Palästinas als seinen letzten Wunsch, sie möge nicht vergessen, daß ihr Wohl von ihrem Verhundensein mit Thora und Ueberlieferung äbhänge; die Bundestafeln müssen dem jüdischen Volke voranschreiten, wenn Gott mit ihm sein solle. >'■ 'i '•M I ’*a:;r,r 'f' i -4 :r

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