Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1926-04-09 · Heft 15 (9.4.1926) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 15 (9.4.1926)
Date
1926-04-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2450388-2450403--73054-2530441
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

9. April 1926 25. Nissan 6686 Nr. 15 67» Jahrgang. Frankfurt a 7X1., den Ein Centralorgan Ifir das orthodoxe Judentum Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Januar 1924: Deutschland 1 Toldmark monatlich; Ausland: Mertel» jahrpretfe (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Ber« Schweiz 8 Fr.; Tschecho-Elowakei 88 Kronen: Ungarn8VVV0Krone»; Dänemark 8Kronen; Norwegen 8 Kronen; Schweden 8.8V Krone«. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Jsrailit erscheint!e>e» Donnerstag. Inserate 4V Goldpf. für die stebeugespaltene Nonvareikle-Zeile. Mboinrirten zahlenbeiSte" ' ' " “ Die 75 mm breite Reklamezeile: Ehiffregebühr in Löhe eines dopp Jnferataufträge« ' "" *L" Verlag des Isrc Sw. dvrch fämtl. ______....__ eschäftsanzeige«: 3nU Schmidt» Langestraße 7, ll. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. üaüliMSM <*« be« äUriaa (Hoftf JllÄlÄttlß R nksllll lMllilN Rr, iSM, — OU- «ofttoadaite Wien 8tr. 79006 — Poftsparkassenamt Budapest Nr. 18481 — Postscheckkonto Warschau 9tv iso757. - Zöttch StK VnOi»1 fflLHSffl ~ MLMM" Bukarest — Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. - Der Gerichtsstand für atfe aus AbdttttSMSIttS ODer ttU§ stch «jeBenbe« ZahkuuaLLLWstichtUlillell l|I MMisütk ffi Tr*' Ein neues Schiagworl. „Gegen Klerikalismus sind wir alle, und es läßt sich leider nicht leugnen, daß es einen starken jüdischen Klerikalismus gibt. Auch darin pflichten wir dem Autor bei, daß die Aguda unter dem Einfluh einer klerikalen Gruppe steht und von uns bekämpft werden muh, so lange dieser Einfluh andauert." Also sprach in der zionistischen Rundschau Nr. 20 ein Misrachist. Der Autor, dem er zustimmt, ist der tüchtige, gebildete Feind der Orthodoxie, Zionist Dr. Melzer-Lemberg (über dessen durchdachten Aufsatz der „Israelit" vom 11. März in der Wochenschau schon einige Zeilen schrieb). Auch die Redaktion des Zionistenblattes wendet sich in einer Nachbemerkung gegen die „Herrschaft eines jüdischen Klerikalismus oder von selbsternannten Sendboten Gottes auf allen Gebieten des jüdischen Lebens", die sie „ebenso scharf a b l e h n e wie Dr. Melzer" und wie übrigens auch der Misrachist. Der freien, selbständigen Thora-Gefolgschaft wird hier ganz neuerdings ein aus den Vismarckfchen Zeiten des Kulturkampfes stammendes Schlagwort entgegengerufen. Alt und abgegriffen, so zu Tode gehetzt ist das Wort, daß es ein geschmackvoller deutscher Schriftsteller in seiner Zeitung schon lange meidet. Immerhin war es einmal im Kampfe gegen die deutsche Zentrums- JJQftSi gngkräftiH. Unter Klerikalismus hat man dis Bereinigten Bestrebungen verständen. Ößn Kuf amb den Wirkungsbereich der katholischen Kirche und des Papstes zu mehren; als klerikal wurde die Partei bezeichnet, die sich dieser Aufgabe unterzieht. Wann immer in den letzten hundert Jahren den unerschrockenen Vorkämpfern für Gottesfurcht und Thoraliebe von ihren jüdischen Gegnern ein erniedrigendes, boshaftes Schlagwort angeheftet wurde, war es längst im nichtjüdischen Kampf verbraucht. Orthodox (rechtgläubig in Gänsefüßchen, im Gegensatz zu heterodox, ketzerisch) nannten die Eiferer der Neologie höhnend die Gesetzestreuen. S. R. Hirsch griff das Wort auf, machte aus dem Schimpfwort einen Ehrennamen für den treugebliebenen jüdischen Volkskern; und heute denkt kaum noch jemand bei dem Ausdruck an die ursprüngliche böse Schlagwort-Absicht. — Separatistisch ist eine weitere beliebte Bezeichnung gegen die Aguda geworden, besonders seitdem Herr Dorten sein Unwesen am Rheine trieb; und schon sind orthodoxe Schriftsteller mit Sinn für Humor im Begriff, auch diesem Vöswort dadurch die Spitze abzubrechen, daß sie es aus dem Wortschatz der Höhnenden in den eigenen Sprach-Schatz huldigender Ausdrücke für ihre, unsere Sache herübernehmen. Nun also hängt uns der Zionismus und sein misrachistischer Anhang den aus dem Altlager schartiger Waffen ausgegrabenen Klerikalismus an, um die Aguda damit moralisch zu ächten. Ueberträgt man den Wortsinn aus dem Katholischen ins Jüdische, so bedeutet jüdischer Klerikalismus die Summe von Bestrebungen, den Einfluß und das Ansehen der Thora und ihrer Forscher, der großen Rabbinen, im jüdischen Volke zu stärken und zu heben. Die Organisation, die sich dieser Ausgabe unterzieht, ist die Agudas Jisroel. „Leider", so klagt der Misrachist, gebe es einen starken Klerikalismus, dessen Früchte schon in Deutschland Giftfrüchte seien, noch gefährlichere freilich in gewissen östlichen Bezirken sein mögen. (Gemeint ist Munkacz, dessen Führer rechts von der Aguda steht und dieser noch nicht angehört.) Unter dem Einfluß einer klerikalen Gruppe stehe die Aguda. Darum müsse sie vom Zionismus- Misrachi („von uns", sagt der Misrachist) bekämpft werden, solange dieser Einfluß andauert. Ganz so würdelos, wie sich der Satz des Misrachisten liest, ist er sicherlich nicht gemeint. Die Redaktion der zionistischen Zeitung hat seine Schwäche wohl bemerkt und gibt den töricht klingßüükn WüNkN di? Deutung, die der Autor zweifellöä äuch geben würde; nicht „auf a i i? * Gebieten des jüdischen Lebens", fügt sie hinzu, dürfe jüdischer Klerikalismus die Vorherrschaft haben. Auf manchen Gebieten des jüdischen Lebens soll der Klerikalismus natürlich maßgebend fein dürfen. Die feierliche Tempelansprache zu dem dreizehnjährigen Jünger an seinem Ehrentage soll dem Rabbiner nicht genommen werden; auch nicht die kirchliche Trauung. Ueberhaupt in Sachen der Tradition ist der Klerikale zuständig. Freilich: „Eine gewisse Verknöcherung und Versteifung des jüdischen Traditionalismus braucht nicht abgeleugnet zu werden", sagt der Misrachist zu seiner aushorchenden zionistischen Gemeinde. „Immerhin, viele Zweige am Baum sind dürr geworden", sagt derselbe Herr, und salbungsvoll hofft er, daß der Baum, in palästinensische Erde verpflanzt, fruchtbare Triebe ansetzen werde. Aber selbst vorher lasse er, der Misrachist, sich weder den Freitag-Abend, noch den Jomkippur säkularisieren (übrigens auch in Erez Jisroel nicht). Und die Thora und das Jefaja-Buch sind uns mehr als Reste einer hebräischen Literatur oder Vergangenheit, sagt der Misrachist. Aber, aber — „gegen Klerikalismus sind wir alle"; versteht sich. Fragen wir über Klerikalismus die Thora, die dem Misrachisten ja mehr ist als Reste hebräischer Literatur der Vergangenheit. Lesen wir über Klerikalismus in der Thora, die für uns das Jesaja-Buch mitenthält, die für uns weit mehr noch umfaßt, die für uns die allumfassende Lehre ist, tauras Hascheem t e m i - m o h, die mit Bereschis beginnt, die mit dem letzten Wort des Acharaun Acharaun der Poskim noch nicht abgeschlossen ist, solange der diesem folgende Decisor als Voraussetzung und Grundlage seiner Forschung und Lehre das Wort der Gottesoffenbarung am Sinai geradlinig fortsetzt. Wie stellt sich die Thora zum Klerikalismus? Beschränkt sie seine Rechte und Pflichten auf Friedhofsrede und Synagogen-Predigt, auf Sachen des Rituals, des Glaubens, des Kultus, der Religion, der Theologie, des Zeremonials, oder wie sonst man derlei erbauliche Dinge in unjüdischer Sprache auszudrücken beliebt? Muß dem Misrachisten wirklich erst dargelegt werden, daß die Thora nicht das Gesetz für die jüdische „Religion", sondern das Gesetz für die jüdische Nation ist? Muß man ihn daran erinnern, daß dieses Gesetz die unabänderliche Richtschnur sein muß für das ganze Gesamtheits¬ und Einzelleben des jüdischen Volkes, für alle für am Zeilen.. für nllk Besitze, für die Weitunb L^bMsanschannng, für Das Verhalten zur Welt, für den Lebensverkehr mit den Menschen und Völkern; muß man daran erinnern, daß dieses göttliche Gesetz jeden Schritt überwacht, jeden Schritt im voraus vorschreibt, j.e d e jüdische Politik diktiert? Ist dem aber so, und der Misrachist kann es kaum bestreiten, ist dem so, dann ist das jüdische Volk von seinem göttlichen Schöpfer und Gründer zum „Klerikalismus" bestimmt, dann vergeht sich jeder Nicht-Klerikale an dem heiligsten Gute der Nation, und dann war es unvorsichtig von dem misrachistischen Herrn, auf Dr. Melzers Kriegscuf gegen den „Klerikalismus" hereinzufallen und treuherzig ein „leider" an die Tatsache zu knüpfen, daß es einen starken jüdischen „Klerikalismus" gibt. Ist Klerikalismus eine Bewegung für die Oberherrschaft der Thora in allen Anliegen, in allen Fragen, für alles Wollen und Handeln des Einzeljuden und der Volks-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.