Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 14 (29.3.1926)
- Date
- 1926-03-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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KT Der Israelit 1fr. 14 1926 Der Rabbi von Granada. Historische Erzählung aus der letzten Zeit der TNaurenherrfchaft in Spanien. Von Woritz Aukd. Plötzlich vernahm sie Wagengerasiel. Es kam näher! Sie stand still. Sie rief, einmal, zweimal. Man antwortete, und sie erkannte die Stimme ihres Mannes. Der Wagen hielt; David sprang vom Wagen; er fing die Erschöpfte in seinen Arme auf und trug sie behutsam an den Wagen. In abgerissenen Sätzen berichtete Cohaide über das grausame Schicksal, das sie betroffen, und die Gefahr, in welcher der geliebte Vater schwebte. David feuerte die Pferde zu rasender Eile an, aber zu spät. Die Burgtore waren geschlossen und alles Schreien und Rütteln daran war vergebens. Eine lange, lange Nacht verbrachten sie im Schutze des nahen Waldes vor den Toren der Burg. Niemand schlief. Hin und wieder vermeinten sie ein Aechzen und Stöhnen zu vernehmen. Oder war es ein Nachtvogel, der Schrei eines Käuzchens, oder Aechzen und Wimmern der vom Sturme hin- und hergetrievenen, geschaukelten Waldbäume? Es war eine entsetzlich lange, bange Nacht! Cohaidens prachtvolle schwarze Haare stellenweise grau geworden, . . . Joseph zum ernsten Manne gereift! . . . Das grausame Schicksal schritt in nächster Nähe. Der Tod lauerte! Sie wußten: der gebrechliche alte Mann würde schwerlich die Marter der Judenklemme überstehen! Und es war so. Es war in der Tat eine Todesnacht! . . . Am Abend dieses schicksalsschweren Tages war der Quitzow zu dem Rabbi gegangen und fragte ihn höhnend, wie es ihm auf seiner Burg gefalle, und ob er jetzt das Lösegeld zahlen wollte? Statt aller Antwort stimmte der Rabbi ein Trauerlied an! Die ehrwürdige Erscheinung des Juden hatte aber doch auf Quitzow Eindruck gemacht, und der Klagegesang kam ihm die ganze Nacht nicht aus dem Sinne. Bei Anbruch des nächsten Tages befahl er deshalb seinen Knechten, den Juden auf einen Wagen zu setzen und nach Dömitz über die Grenze zu schaffen. Als der Ritter eben sehen wollte, ob und wie sein Befehl ausgeführt wurde, fand er auf dem soeben geöffneten Burghofe eine Anzahl Juden vor, die das Lösegeld brachten. Es waren David, Cohaide, Joseph und andere aus den nahen Plätzen, insbesondere aus Lenzen herheigeeilte Glaubensgenossen, welche von der Gefangennahme des berühmten frommen und gelehrten Rabbis von Stendal gehört hatten, und nun jedes QpsöV wollten, um Len TI m Israel ausgulösen. Aergerlich wies Quitzow das Lösegetd zurück mit den Worten: „Behaltet euer Geld und macht, daß ihr fortkommt!" Man eilt zum Turm und kommt eben zurecht, den Greis sterben zu sehen. Noch ruft er seinem Mörder zu: „Es steht geschrieben: Ich bin der Herr, dein Gott, bin ein eifriger Gott; suche heim die Sünden der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Geschlecht", und mit brechenden Blicken, segnend, liebevoll zu doen Seinen, zu Cohaide, David und Joseph gewandt: „Der aber Gnade erzeigt bis ins tausendste Geschlecht denen, die mich lieben und meine Gebote halten!" Dann haucht er seine reine fromme Seele aus! Wehklagend tragen ihn die Juden auf den Wagen und führen ihn davon. Das Lösegeld wirft Cohaide dem Ritter mit einem Fluche vor die Füße. Der Ritter hat keinen Juden mehr in den Turm gesetzt. Immer hat ihm der sterbende Rabbi vor Augen gestanden. Er ist ein stiller Mann geworden und hat sich zum Guten gewendet. An seinen Söhnen aber ward seine Sünde heimgesucht! . . . Der „Judenklemmer" Quitzow war längst gestorben und seine Söhne Hans und Kurt Dietrich, der Jüngere, war leichtsinnig und verschwendete seines Vaters Geld. Hans, der Aeltere, machte ihm öfters über sein verschwenderisches Leben Vorwürfe. Das verdroß Kurt Dietrich! Er wollte Alleinherrscher auf der Eldenburg sein und lockte deshalb seinen Bruder Hans in den Judenturm. Dort veranlaßte er ihn im scherzhaften Spiel sich aus dieJudenklemme zu setzen, und sich durch Kette, Arm- und Handschellen, sowie Halseisen an die Wand schließen zu lassen! Als dies gelungen, schlug er höhnisch lachend die Türe zum Turm zu und ließ den Bruder jämmerlich unter Hunger und Qualen umkommen. Das Rufen und Schreien des Unglücklichen drang nicht durch die dicken Mauern des Turms. Den Einwohnern der Burg erzählte Kurt Dietrich, sein Bruder müßte wohl auf der Jagd verunglückt sein. Nach mehreren Tagen, als sein Bruder längst den Qualen erlegen, stieg er in den Turm, schaffte nachts die Leiche heimlich fort und vergrub sie im nahen Eldengrund. Der Brudermörder nahm, wenn auch erst spät, das verdiente, schreckliche Ende: Er ward auf der Jagd von einem milden Sfcer gerfleiscksj Mrll »Mer entsetz r lichcn Qualen . . . Das SHMM Dar Umm imfc Kindeskinder des Rabbis von Granada gestaltete sich desto freundlicher. Der Segen ihres Vaters und Großvaters ruhte sichtlich auf ihnen, umschwebte sie. Noch rechtzeitig hatten sie vor dem katastrophalen Ausgang des Hostienschändungsprozesses, jenes großen Justizmordes, der mit der Verurteilung und Verbrennung von 36 brandenburgischen Juden — darunter vieler ihnen nahebefreundeter Glaubensbrüder — und endlich mit der Vertreibung sämtlicher Juden aus der Mark endigte, noch einen großen Teil ihrer Habe retten und sich in Hamburg eine neue Existenz gründen können. Joseph hatte insonderheit die bedeutsame Büchersammlung seines ehrwürdigen Großvaters fast restlos in Sicherheit gebracht. Er, das Enkelkind des großen Rabbi, war — so behauptete wenigstens sein liebes Mütterchen Cohaide, — ein getreues leibliches Ebenbild des unvergeßlichen Großvaters. Joseph erfüllte die Erwartungen, die man in ihn gesetzt watte. Auch er wurde ein Großer, ein Lehrer in Israel! Und wenn er den begeistert lauschenden Schülern das Ideal eines vollendeten Menschen in Lehre und Leben, in Lieben und Leiden schilderte, dann schwebte ihm tets leibhaft deutlich die Gestalt seines ehrwürdigen Großvaters vor Augen, — und wenn er die schwierigen Kommentare zum zweiten Gebot und die damit verbundenen in tief ursächlichstem Zusammenhang stehenden Begriffe von „Schicksal" und „Fatum", vom Sinn menschlichen Erlebens und Erleidens unter dem Gesichtswinkel der Lehren des Judentums und seiner Weltanschauung zum klarsten, lichtvollsten Verständnis bringen wollte, dann erzählte er den ergriffenen zuhörenden Jünglingen die Geschichte feines Großvaters: des Rabbis von Granada! Rinderecke. Rabbi Mose ben Maimon (Rambam). Von Heinrich Reutz (Schluß.) Seine angestrengte Lebensweise schilderte er in einem Briefe mit folgenden Worten: „Der Sultan wohnt in Kahira und ich in Fostat. Beide Städte sind zwei Sabbatwege (2,5 km) voneinander entfernt. Jeden Morgen muß ich am Hofe erscheinen und oft, wenn er oder eine seiner Frauen oder eines seiner Kinder leidend ist, den ganzen Tag dort bleiben. Wenn aber auch nichts Besonderes vorfällt, so komme ich erst nachmittags zurück. Dort finde ich, wenn ich müde und hungrig anlange, die Vorzimmer voll von Menschen, von Juden und Moslemen, von Vornehmen und Geringen in bunter Mischung, die auf meinen ärztlichen Beistand warten. Kaum bleibt mir Zeit, vom Zelter zu steigen, mich zu waschen und etwas m gmiötzön. Es gcht u ölL In die Nncht hinein, nutz ich muß baöei vor Schwäche auf dem Ruhebett liegen. Nur am Sabbat bleibt mir Zeit, mich mit der Gemeinde und der Lehre zu beschäftigen. Ich pflege an diesem Tage die Gemeindeangelegenheiten für die laufende Woche zu erledigen und einen Vortrag zu halten. So fließen mir die Tage hin." Nach einem Leben voll Arbeit, in Gottesfurcht, Reinheit und Heiligkeit, hauchte Maimonides am 20. Tebet des Jahres 1204 seine Seele aus. Er hatte das siebenzigste Lebensjahr nicht vollendet. Groß war die Trauer in Fostat, wo Juden und Mohammedaner drei Tage um ihn trauerten. Die jüdische Gemeinde in Jerusalem hielt eine Totenfeier mit allgemeinem Fasten. Aus der Thora las man das Kapitel von der Strafandrohung (5. M. c. 26) und aus Josua das erste Kapitel vor, das mit den Worten beginnt: Mein Knecht Mose ist tot. Seine sterbliche Hülle wurde in Liberias beigesetzt. So groß die Bewegung der Geister war, die des Maimonides Schriften bei seinen Lebzeiten hervorgerufen hatte, noch viel größer und heftiger war sie nach seinem Tode. Die Freunde des eifrigen Talmudstudiums, die zugleich Feinde einer philosophischen Bildung waren, befürchteten von einem hemmungslosen Studium des „More Nebuchim" und der philosophischen Teile bev „Mist^ne-T^orcr" eine tav Mischen Nrliglvn. tne Machen ven Bann über diejenigen aus, die die philosophischen I Schriften des Mose ben Maimon lasen. Die j Freunde der Philosophie sprachen ihrerseits wieder den Bann über ihre Gegner aus. Dieser Streit der Meinungen für und gegen den „More Nebuchim", für und gegen Maimonides spaltete das damalige Judentum in zwei feindliche Lager. Der Eifer und die Leidenschaft für das bedrohte Talmudstudium führten dazu, daß die Gegner ein christliches Ketzergericht zu Hilfe riesen, das die philosophischen Schriften unseres Maimonides öffentlich verbrennen ließ. Doch damit war der Streit noch nicht beendet. An einem Sabbat, am 26. Juli 1309, wurde in der Synagoge zu Barcelona eine Entscheidung des Rabbi Salomo ben Adereth verlesen, derzufolge der Bann über denjenigen verhängt war, der vor Vollendung seines fünfundzwanzigsten Lebensjahres sich mit Philosophie oder anderen weltlichen Wissenschaften außer der Arzneikunde beschäftigte. Dieses Urteil sollte für fünfzig Jahre Gültigkeit besitzen. Es war ein Kampf der Geister, der im Religions- und Geistesleben immer von großem Nutzen ist. Gefehlt wurde wohl auf beiden Seiten. Heute gibt es wohl keine Partei und keine Stimme gegen Maimonides und gegen seine Werke. Man verehrt in ihm allgemein den Erleuchter des jüdischen Volkes, den Gesetzeslehrer. Sin kikfkn Denier unO Den vorbMliSjM Ctzs- TÜltßT. Ülld Wtödäß, .wie bet fernem Tobe spricht man: Von Mose dem Propheten bis Mose ben Maimon trat keiner auf, der diesem gleiche.