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Der Israelit · 1926-03-25 · Heft 13 (25.3.1926) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 13 (25.3.1926)
Date
1926-03-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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KT' Der Israelit nr.iJ Der Rabbi von Granada. Historische Erzählung aus der letzten Zeit der TNaurenherrschaft in Spanien. Von Woritz Autd. (Fortsetzung.) 7. A k e d a. Der Rabbi und seine Tochter waren unter- ÜSWN svönsalls rasllos ELnösn MUMörbrochen gewandert, und als der Morgen £väuU, ragtStt die Türme der Eldenburg vor ihnen auf. Sie mußten an der Eldenburg vorbei. Es führte kein anderer Weg zu ihrem Ziele. Der Ritter der Eldenburg, Guitzow, hatte aber den schmalen Damm durch das Eldenbruch mit einem Schlagbaum versperren lassen und erhob von allen des Weges Ziehenden einen hohen Zoll. Wer nicht gutwillig zahlte, kam in den Turm, oder, wie er später genannt wurde, „die Judenklemme". Er mußte sich auf ein Hufeisen setzen, das in die Mauer eingelassen war und nur eben so groß war, daß der Gefolterte nur mit den Fußspitzen den Boden berührte. Der Leib wurde durch eine Doppelkette an die Wand gekettet, der Hals durch ein Halseisen gesteckt, die ausgestreckten Arme wurden durch Hand- und Armschellen an die Wand geschlossen. In dieser „Klemme" ließ der Guitzow insbesondere die Juden so lange schmachten, bis das Lösegeld zur Stelle war. Rabbi de Santo und seine Tochter näherten sich ahnungslos dem verhängnisvollen Orte. Als der Wächter den hohen Wegzoll von ihnen verlangte, verweigerte ihn de Santo mit dem Bemerken, sie seien doch zu Fuß gegangen und hätten auch nicht so viel Geld bei sich. Zu dem Wortwechsel kam der Burgherr selber hinzu. Er erkannte sofort de Santo und seine Tochter und frohlockte innerlich über den trefflichen Fang, den er weidlich auszunützen gedachte, um endlich seine Rache zu kühlen. Der Rabbi flehte den Guitzow an, ihn doch ziehen zu lassen: er sei kein Kaufmann, sondern ein armer Rabbi aus Stendal. Der Guitzow lachte höhnisch: „Ein Rabbi bist Du wohl, aber kein a r m e r Rabbi, and Du bist vielleicht jetzt der Rabbi von Stendal, Du — Du warst aber einst — Jude zittere — Du warst ein Verräter unseres Glaubens, ein Maranne, Günstling des ungläubigen, widerspenstigen Maurenkönigs von Granada! Antworte Jude, ist es so? ... Du antwortest nicht! Nun, dann will ich für dich reden. Ihr Juden hieltet es damals mit den ungläubigen Heiden. Und auch mich hat Seme Sipps etnft t)eim£ii<ftfcf) ZusaMMSNgehauen, nni? bann (jaft Sa, aller Aan£evsv, öüeH Deine Künste meinen geschundenen Leib zusammengeflickt, und zuletzt haben mich die schönen Äugen Deiner Tochter behext. Du und Deine Tochter, Ihr beide gehöret schon längst auf den Scheiterhaufen. Zweimal seid Ihr mir entschlüpft, düs drittemal sollt Ihr mir nicht entwischen. In Stendal' habe ich Euch bereits wieder erkannt. Der Ritter auf 'der Landstraße an Eurem Feste, der in Euch, Judenpack, hineingesaust, — ha, ha> — und dann mein Ritt in das Kloster von St. Jakob. Glaubst Du, ich parliere umsonst mit diesen frommen und gelehrten Leuten? Dann die plötzliche Anklage gegen Dich! Aber Du rochst wohl Lunte, Jude, und machtest Dich aus dem Staube; — nun, jetzt bist Du alter, schlauer Fuchs, dennoch zum zweitenmale ins Garn gegangen, ha, ha! Aber nun nicht ängstlich, mein Brüderchen, Du warst ja so gastfreundlich gegen mich, und ich will Dirs vergelten, sollst einige Tage Gast bei mir sein; meine Knechte werden Dir eine angenehme Herberge bereiten, zwar nicht auf so schwellenden orientalischen Polstern, wie in Deiner Sommerwohnung zu Granada, der alten Heidenstadt, sondern in meiner berühmten Judenklemme! . . ." Der Rabbi hatte nicht geantwortet! Tief sinnend schauten seine Augen geradeaus — über den Ritter hinweg, als wäre seine Person Luft für ihn, als hätte er nichts von der Hohnrede vernommen, — schauten hinaus in weite, weite Fernen. Kaleidoskopartigsprunghaft, reihten sich, wechselten die Bilder! Er sah sich als glückliches, heiteres Kind inmitten seiner Geschwister tummeln ,. . . sah die beengende, bedrückende Taufszene seiner Familie in Sevilla, — seine Flucht zu den Mauren —, seine Rückkehr zum alten l6c!lsrblcrul>en, &arm »Ielr »ist Glanz, Geld, Freude, Freundschaft, Liebe, Ehre an der Seite des geliebtesten Freundes und Herrschers — sah prangende Gäxten in Rosenfülle, sah goldschimmernde Burgzinnen, — da, da sein geliebtes Granada mit der Königin der Schlösser, Alhambra —, und dann auf einmal vor sich das düster drohende Gesicht des fremden Glaubensritters, — und dann die schreckliche Szene im Garten, — die Vision —, das fremde Land, die fremde Burg, — ha! Er schreckte auf, sah sich verwirrt um; da war sie ja vor ihm, grausam lebendige Wirklichkeit. Vergangenheit und Gegenwart schmolzen in eins. War es das Schicksal oder Fatum, was da vor ihm sich aufreckte und seine Hand drohend nach ihm ausstreckte? Und vor di e s e m bist du geflohen, de Santo, immer wieder geflohen? Er schlug sich an die Stirn. Was ist. denn Schicksal? Jst's Vollendung des Lebensweges? Ringend aufwärts zur Vollendung ging dein Weg, aber den letzten Tritt auf den Stufen, das letzte Tor, das scheutest du dich immer zu durchschreiten; die letzte Bindung deines „Jchs", die völlig restlose Hingabe an und für die höchste Idee, für Gott, die fehlte noch am vollkommenen, reinen heiligen Ganzopfer: Akeda!!! Das war's. Jetzt fiel's ihm wie Schuppen von den Augen. Die grinsende Menschenfratze vor ihm war nur eine der „Klifoths", die noch zu durchbrechen war, eine letzte Stufe, die erklommen, ein letztes Tor, das durchschritten werden mußte, und dann kam die Erlösung, kam der Tod, kam der Lohn, der Sieg, das Licht, die Seligkeit, die ewige Ruhe! — Ja das Sterben so vieler, vieler Glaubenstreuen in Israel, , „die schneller, wie der Adler und stärker wie der Löwe", wenn es galt, das höchste ethische Gesetz, den Willen ihres Vaters im Himmel zu erfüllen, die ihr Leben dahingaben für die Heiligung des göttlichen Namens, — der Männer und Frauen, welche die letzte Bindung ihres' „Seins" und „Jchs" vollzogen, die den letztem schwersten Schritt auf der Stufe der Vollendung getan: Akeda auf Morijahs Bergesböhen. über die lodernden Aiito-da-feS in Spanien fci* iUm WvtMtrrnr srinrv MMisHW Glaubensbrüder, mit deren Schicksal auch sein eigenes eng verknüpft war. Es war nicht umsonst gewesen. Es war nicht vergebens. Sie alle hatten gebaut mit der Hingabe ihres „Seins" und „Jchs", mit ihrem Leben und Sterben an der Zukunft des jüdischen Volkes und der Menschheit. Durch das Verdienst der Väter wird einst den Kindeskindern Rettung und Erlösung werden, — Frieden, Heil und Genesung der neu geeinten Menschheit! Er sah Israel als freies Volk, glücklich, heiter und zufrieden wohnen auf heiligem Boden. Sah die heilige, herrliche Gottesstadt Jerusalem im neuen Schmucke prangen, sah den Tempel des Ewigen erneut, schöner, herrlicher als je erstehen, sah Priester in prächtigen Gewändern Opfer darbringen, hörte ergreifenden Pfaltergesang der Levitenchöre, jauchzendes, glückliches Volk, geeinigte, friedliche, glückliche Menschheit..... er lächelte, süß, wehmütig, hingebend, verzeihend: Akeda! Der Ritter war betroffen, verwirrt von dem unnennbaren Ausdruck der Ehrfurcht und Erhabenheit, der sich über die Gestalt und Erscheinung des Rabbi gelegt hatte. Verdrossen, heiser schrie er die Knechte an: „Bringt ihn auf die Judenklemme." Die Knechten führten den Rabbi fort, Verzweifelt warf sich Cohaide an die Brust ihres Vaters. Man schlug mit Peitschen aus sie ein, bis sie den Vater losließ und jagte sie unter fortwährenden Schlägen vom Burghof. In körperlichem und seelischem Schmerze nahm sie instinktiv den Weg nach Perleberg.. Sie wanderte und wanderte. Nur langsam kam sie vorwärts. Die Striemen der Schläge schmerzten, die Füße waren wund von der ungewohnten Wanderung. Dazu Mülls Des flwiQQFi fis oatto [tiirtfMang nichts genossen, ohnrnächtkg sank sie <rm Wegrande ins tiefe, feuchte Gras^ So mochte sie stundenlang gelegen haben, da schreckte sie aus! Wieder zog der Abend herauf, der zweite Abend seit ihrer Flucht von Stendal. Sje stärkte sich an einem in ihrer Manteltasche noch Vorgefundenen Stück Brot und wanderte trübselig weiter. Das Herz wollte ihr brechen vor Jammer, wenn sie an den alten Vater dachte. (Fortsetzung folgt.) Baron Ginsburg undAlexanderw. Von Oskar Lehmann in Mainz. Die russische Tageszeitung „Posljednija Nowostä", die in Paris von dem bekannten russischen Staatsmann Milioukow, früher Kadett, jetzt Demokrat, redigiert wird, bringt in ihrer Ausgabe vom 16. Februar d. I. die folgende interessante Notiz: „Irgend ein junger Kommunist kaufte in einem Lädchen einen Hering. Der Verkäufer wollte den Einkauf in ein Blatt eines vollgeschriebenen Heftes einwickeln, doch der Kommunist interessierte sich für das Heft und nahm es mit. Dieses Heft war, wie es sich bald herausstellte, eine ziemlich umfangreiche Eingabe des bekannten jüdischen Philantropen Baron Horatius Ginsbürg an Alexander III., datiert vom 6. März 1890. Die genannte Zeitung bringt jetzt Auszüge aus dem Inhalt dieses Schreibens. Offenbar ist es von Alexander III. sehr genau durchgesehen worden, denn er hat es mit einer großen Reihe von Randglossen versehen.*) Bekanntlich erlitt dieser Kaiser in der Blüte seiner Jahre auf seinem Lustschloß Livadia in der Krim einen jähen Tod. Die Juden sagten damals: Aussee nifloaus Livadia. — Hameschalem gmul lechol aujwe ncfschenü. Es sind ihrer so viele, daß sich das Schriftstück fast wie ein Dialog zwischen dem Zaren und. dem Baron liest. Zu Beginn seiner Eingabe schildert der Freiherr die rechtlose und jammervolle Lage der Juden in Rußland. Die russische Regierung behaupte, die Juden nähmen starken Anteil an' Ginsbürg "energM bestritten uns er" beHagt sich darüber, daß der Eintritt in die höheren militärischen Stellungen ebenso wie der in best Staatsdienst den Juden verschlossen sei. „Und gebe Gott für immer" bemerkt hierzu Alexander HI. und unterstreicht die angeführten Worte. Weiterhin meint der Baron, die Juden Rußlands hätten wohl die gleichen Pflichten wie die übrigen Untertanen Sr. Majestät, nicht aber die gleichen Rechte. Randglosse des Zaren: „Das Beispiel Europas ist erschrecklich." Der Petent kommt nun auf die gräßlichen Folgen der Rechtlosigkeit der Juden zu sprechen, indem er darauf hinweist, wie gerade hieraus ihre Verbitterung, ihr bedrücktes Aussehen und die Feindschaft gegen sie entspringe. Darauf Alexander III.: „Das ist alles nicht so. Sie vergessen die schrecklichen Worte Ihrer Voreltern: Sein Blut komme aus uns und unsere *) Einige davon haben wir in einer der jüngsten Nummern im Kleinen Feuilleton gebracht. Die Red.

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