Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1926)
- Date
- 1926-03-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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feuilleion Beilage Der Israelit ßr.12 1926 Der Rabbi vou Granada. historische Erzählung aus der letzten Zeit der TNaurenherrschaft in Spanien. Von Woritz Aukd. (Fortsetzung.) Sie haßten zwar auch die Juden, aber an; derartige Märchen glaubten sie nicht. Das Treiben auf dem Marktplatze wurde immer gefährlicher, tobender. — Plötzlich verstummte jedoch das Getöse! Der Ratsherr in seinen prächtigenU Amtskleidern, gefolgt von den Beisitzern, schrittI aus der Türe des gegenüberliegenden HaLhaus.es durch die Gasse, welche ihm die Piken der Städtknechte gebahnt, auf die Statue des „eisernen Rolands" zu. Hier, auf einem erhöhten VoHsMWg des Standbildes hielt er eine donnernde Philippika an die aufgeregte Volksmenge. Nach und nach legten sich völlig die Wogen der Aufregung; teils waren es die überzeugenden Worte des Stadtvaters, teils aber auch die drohend erhobenen Piken der Stadtknechte, welche diese Wirkung ausübten. Im sicheren Port, hinter den Fenstern seiner Schule hatte Magister Pobenbrook dieses nicht alltägliche interessante Intermezzo verfolgt. Seine Schüler waren schon längst im Getümmel da draußen verschwunden. Seine Äugen verschlangen gierig die Vorgänge. - Das mußte schriftlich der Nachwelt festgehalten werden in der „Historie" als „Chronika" durch die holde zersprang in tausend kleine Stücke; kleine Bächlein rannen über die Steinfliesen. Zornig stürmte sie in das Schulzimmer. Ein Regenwetter von Schsltroorton srgoß sich durch dis gsöffnete Schulgimmbriür über ben «ns Wfenb gefallenen, aus jeder poetischen Stimmung jäh herausgerissenen, wie ein begossener Pudel regungslos dahockenden Magister. — Hinter dem Rücken der Tanthippe hatte sich in rasender Geschwindigkeit — wie ßin Wiesel schnell — eine jugendliche Gestalt durch den Hausflur vorbeigeschlichen. Es war Joseph, dessen Ziel die Judengasse war, und der sich mit dem Menschenschwarm bis zu dem hart am Eingänge der Judengasse gelegenen Schulhause hatte mittreiben lassen und Hen passenden Augenblick benützend, an der dicken -Schulmeisterin vorbei, durch den Hausflur den jetzt Menschenleeren Schulhof gewann, und das früher vielfach erprobte Kunststück wiederholend, ffich über die Schulhofmauer schwang und in der Judengasse niederließ. Im Nu war er in seinem 'Vaterhause und berichtete dem Vater die Begebenheiten der Nacht. David besann sich nicht lange, steckte eine große Geldsumme zu sich und verließ mit Joseph auf einem geheimen Seitenwege die Stadt.. In einem an der Landstraße gelegenen Gasthause erhielt er gegen Hinterlegung von Wertsachen Pferd und Wagen geliehen, und in rasendem Tempo ging es durch die Nacht der Eldenburg zu. Er hoffte, die Geflüchteten in der Nähe,.bei Lengen, oder doch jenseits der Grenze in Dömitz zu treffen. . . . (Fortsetzung folgt.) Hi Mm i 'I , , . gafus^ in (ßoflim* ütib!m vollen l8etNü^lle!n seines MOterWen Simnene Mann er: Die andern wertzen reich und fett V:' Durch ihre Handelsweisen, Wenn unsre Milde Gleiches hätt' Wie könnte sie sich preisen. Doch ist die Fahrt gen Nord zu weit Für unsre War in dieser Zeit. Zu diesem neid'schen Schlächterwort Hat sich noch eins gefunden. Und dazu nehmen hier am Ort Die Juden uns die Kunden. Sie essen nur, was koscher ist, Das andre Fleisch erkauft der Christ. Den Juden ward gar bang zu Mut, Sie hörten's mit Entsetzen, Sie kannten Schlächterfäuste gut Und kannten Judenhetzen, Und nahmen nun ein Privileg Zum starken Rate ihren Weg. Der Rat hat ihnen das gegönnt Und gab der Schar die Rechte: Das ü b r i g b l e i b e n d Fleisch sie könnt Gebrauchen-wie sie möchte, Verkaufen auch an jedermann Und ging das keinen Schlächter an. Die Schlächter wollten reden noch, ..Pst"! sprach der Rat. ..nur stille! sind rühr ge Üeuir, das rorßl rhü däH, Es schützt sie unser Wille. Wir müssen allzeit Juden - Han, , - Daß Män in RWn lechen kachü^ Dröhriend, triumMierend hatMA'M hinausgeschleudert, sein netWes pyetiMes Erzeugnis,, daß; die ehrenwerte Frau Magister, , welche , die: Aermel' ihres Kleides hochaufgekreMpelt, in der Küche hantierte, vor Schrecken die Schüssel mit der dampfenden Brühe fällen ließ. Die Schüssel Lin Halberstädler Nachmittag. II, 3 ■tu gelange m tli . . . I fo gt6i . bte Siabf einen, roenn ftef ll>n einmal I_n!cf>i -fr» . laldjl: rote&er I>er_ ®er Jftacfjbi zug nach l^rartffuri geht erst kurz nach ett u h r. An einer Glastüre der langen, grauen Vahnhofsfront gespenstern km Zwielichte dir Worte: „1. u. 2. Klasse". Drinnen ist aber das Klässensystem aufgehoben. Die „erste" Klasse ist mir durchs zwei verschlissene Polster an der Wand mit je einem hausmütterlich buntgedeckten . Tischchen davor allegorisch angedeutet. Alles andere im Saale ist nackt und kahl, und weder die soliden Biergläser, noch die Menschen, die daraus trinken, noch die derben Sprsse, die diese Arbeit begleiten, muten „erstklassig" an. Der feierl'che, langgedeh-te Ä"sruf dos Beamten: „Merseburg! Magdeburg! Berlin!", bringt eine gewisse D'ssonanz in die lustige Stimmung. - Aber Dissonanz und Stimmung-sind mit-..diesem Zauberrufe wie in' den Boden gebannt, Biergläser, Bänke, Warteraum leeren sich. Die Frankfurter haben noch über eine Stunde zu warten. . Die „erste Klasse" ist beseht. Auf dem einen Polster hat sich ein Handwerksbursche ganz. häuslich niedergelassen und zur Ruhe ausgestreckt. Ich sitze aus dem anderen. Vor dem Ausschanks sitzt der Ober, die Beine übereinandergeschlaaen und 'bläst Rauchwölkchen aus einer Zigarre. Der Mann, der den ganzen Tag dienend Anderer Wünsche , abzuläuschen hat, ist um die Mitternacht Grandseigneur: Wie. ein Weltweiser, schaut er dem Rauche nach. und läßt die .Erlebnisse des Tages Revue passieren. : Vielleicht denkt er über Wellenlaiif und Menschenschicksal nach, über Menschen, die mit Bummelzug sich . die Straßedes Lebens . hinaüfarbeiten und mit dem D-Zuge nun hilünt^rbllen ... „Obe"kellener", die um die Mitternacht ihre Zigarre rauchen, sind Philosophen.... ' m ¥ » Vor einem schwarzen Kaffee, der in norddeutscher Harmlosigkeit nicht im entferntesten die Absicht hat, irgend' Jemand in seinem Schlafe zu stören, sitze ich in das .Polster gelehnt, eigenen Gedanken nachhängend. Es fötb 6nTX Satire b*T, V»a& ich s.'lstrt link Ottl Kfm 9JUU kich QaM Ui M fAH4 fciUuU1 mit den stärken Impulsen des brausenden jüdischen Gebens i,m Osten, - Kam über Berlin. Und hatte mW'MH'''rin...wenig' 'in -Thüringen, im Sächsischen, im Anhaltischen umg^sehen; .glaubte, an den sprudelnden Quellest^ .Mniessen,,' aus dex sich meine erste. Zugend genährh, das Judentum' Deutschlands verloren. Alles war öde und -leer, erstarrt-,> erloschen der letzte Funken. Wo ich einen Gottesdienst, eine religiöse Handlung, eine jüdische Betätigung sah, jammerte sie mich wie ein dürres, von der Wurzel losgelöstes, dem Welken preisgegebenes Pflanzenblatt. Da kam ich, direkt von Dessau, nach Halberstadt. Es war knapp vor Beginn des Schwuaus-Festes. In der jüdischen Pension in der Domstraße sah zch zum ersten'Mal tzuf deutschem Boden junge Leute, die mit bedecktem Haupte zu Tische gingen, das Mahl mit Kiddusch einleiteten und mit jüdischen Gesängen verschönten, Meine Augen. meine Ohren ateuiki M Muw zu Wrr ml zu Wrn. Xtnb xotr blieben nach Tisch beisammen, beim Lernen, die Nacht hindurch, bis zum grauen Morgen. Es war ja die Schewuos-Nacht. Diese Nacht hatte mir den Glauben an Deutschlands Judentum wiedergegeben. Ich hörte wohl oft als Kind, daß sich zu einer bestimmten Minute in dieser Nacht der Gesetzgebung der Himmel spalte und: ein großes Wunder geschehe. Ich habe als Kind stets nach dieser Minute gehascht, und es war mir doch nir gegönnt, ihrer wachend habhaft zu werden. Nun erlebte ich das Wunder, in der deutschen Stadt an der Scheide zwischen Nord und Süd, das Wunder der sich stets erneuernden jüdischen Kraft. ... Und tags darauf hörte ich ui der schönen Synagoge, die mir damals so alt ünd so echt wie die in Kowno und Wilna vorkam, eine Predigt des greisen Rabbiners,. Ich verstand, sie vielleicht nicht im Einzelnen, aber das Ganze war verständlich. Es hieß: Lebendiges Judentum! „Noch ein paar Jahre und auch das ist vorbei," sagte mir damals Jemand. Aber es sind seitdem dreißig Jahre, in die Lande gegangen. Und . Halberstadt nimmt mir heute nicht, was es mir in jener verllärten Schwuausnacht gegeben hat. Es hat sich wenig geändert, sicherlich nicht verschlechtert. In der Synagoge ist alles noch - genau wie damals, als wäre nichts, gar nichts dazwischen über die Welt, über die Menschen gegangen. Die gleiche vornehme Stille, das gleiche Halbdunkel, sonnenbeschimmert durch die vielen steilen bunten Fenster, die gleichen Wachskerzen in ihrer weißen ungebrochenen Unschuld ünd der gleiche Name sogar auf dem Rabbinerplatz. Und der Saal, m dem man glaubte, etwas von mir zu empfangen, war abends bis auf den letzten Platz gefüllt. ¥ ¥ ¥ Als das orthodore Judentum i» Deusichland in der Ausrei.ung der von Hirsch gestreuten 'Saaten mächtig zur Arbeit ausgriff, konnte es in Halberstädter Boden Anker werfen. Hier ist die kleine Residenz der deutschen Orthodoxie'mit aller trauten, stillen " "Hil A M PHtzSijtz G Hrsr ber bes ort^oboxen ©emeinöcBunbes, x>on Jjxer aus rotri> i>er 3Ba!|en|onl>5 ber 9fgu!>as ^jisroe! ge« letici. Und Namen, die im Leben und im Judentum eine Nolle spielen, geben, wie dazumal, der Gemeinde Glanz und Kraft. Dreißig Jahre. .Menschen altern, Gemeinschaften leben, wachsen, blühen . und verjüngen sich auch, von einem günstigen Lusthauch geküßt. Kalte Luft kommt durch die geöffnete Türe, von irgendwo rollt auf dem Geleise ein Zug . heran. Der Wärtesaal erwacht aus seinem Dornröschenschlaf. Auch der in einen Prinzen verwunschene Kellner erwacht, wirft Zigarre von sich und stellt sich in Positur. Dem Züglein sind einige Menschen entstiegen, die bis zur Ankunft des Frankfurter Zuges sich noch mit einem Bier oder Schnaps für die bevorstehende Nachtfahrt stärken wollen- . . .'„Einsteigen, Frankfurt am Main!" Auch die „erste Klasse" erwacht. Der HandMrksbürsche reckt sich auf. Im Warteraum werden die Lichter hinter uns /ausgedreht. - Und an der Fensterecke des. Zweitklaß-Wagens int, fast leerem Zuge nehme ich im Einnicken den abgebrochenen Gedankenfaden wieder auf.. Aber all das.. Denkenhackt sich jetzig auf. die einzige Formel fest:: „Es ist Nacht, und die Verbindung von Halberstadt : nach Frankfurt ist gut ..." Amderecke. Näöbt Mösö öett Maimott Mambarn). Von. Heinrich Reich V'st- (Fortsetzung). Proben aus Mischne Thora. Es ist verboten, irgend einen Menschen im Handel und Wandel zu betrügen oder zu übervorteilen. Wir mögen es mit einem Israeliten oder mit einem Götzendiener zu tun. haben,: so macht das hierin keinen Unterschied. I 1*1 i ii ’; ,- ‘ i'i .Vv >!t;; l;i i ii 1! p V ii Hl I ■;;; <4 fl;.]